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Veränderte Lebens- und Bewegungswelten erfordern Veränderungen des Schulsports

Hausarbeit 2002 16 Seiten

Sport - Sportpädagogik, Didaktik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kindheit in den 50er Jahren

3. Die Lebenswelt der Kinder heute
3.1. Veränderungen der familiären Lebenswelt in Fakten
3.2. Medienbesitz und Mediennutzung
3.3. Kinder als Zielgruppe
3.4. Einstellung zu Marken und Konsum
3.5. Lebens- und Werteeinstellung der Kinder

4. Verkümmerung der Bewegungs- und Sinneswelt in der heutigen Gesellschaft

5. Die Bedeutung von Bewegung und sinnlicher Wahrnehmung für Kinder in der Grundschule

6. Körpergeschick und Körperwahrnehmung im Sportunterricht

7. Bedeutung und Aufgabe des Schulsports heute

8. Literatur

9. Anhang

Tabelle: Wie Kinder sich die Schule vorstellen

1. Einleitung

Den Kindern und Jugendlichen wirft man heutzutage immer wieder vor, dass sie sich zu wenig bewegen. Und da unser Körper im engen Zusammenhang mit Geist und Seele steht, soll dies auch auf eine Verschlechterung im kognitiven Bereich Rückschluss geben. Oft verweist man dann auch auf die „gute alte Zeit“, als den Kindern nichts anderes übrig blieb, als draußen sich auszutoben und zu spielen. Doch ist dies nicht etwas zu einfach ? Man vergisst dabei die negativen Seiten dieser Kindheit.

Insgesamt kann man die Kindheit in den 50er und die in den 90er Jahren nicht mit gleichem Maß messen, da beide Kindheiten von unterschiedlichem Umfeld beeinflusst sind. Daher soll im Folgenden zunächst der stattgefundene Wandel von Kindheit verdeutlicht werden, der wiederum zu veränderten Lebens- und Bewegungswelten führte. Das Kinder sich nach wie vor bewegen wollen, ist ein weiterer Aspekt, der hier aufgegriffen werden soll. Und schließlich die daraus resultierenden Anforderungen, die an den Sportunterricht gestellt sind, um den gewünschten Bewegungsbedürfnissen der Schüler gerecht zu werden, und in ihnen Interesse und Motivation zu sportlichen Freizeitaktivitäten zu fördern.

2. Kindheit in den 50er Jahren

Die Kindheit der 50er und 60er Jahre waren durch eine Straßensozialisation geprägt. Da beide Elternteile meist eine 48-Stunden-Woche hatten, waren die Kinder nach der Schule sich selbst überlassen. Hinzu kamen noch die räumliche Enge und der Mangel an Spielzeug in den damaligen Wohnräumen, so dass die Kinder gezwungener Maßen ihren Lebensraum nach draußen auf den Bürgersteig, die Straßen oder auf Trümmergrundstücke verlegten. Dort konnten sie ohne die Kontrolle von Erwachsenen mit Ihresgleichen in Beziehung treten und ihre Freizeit verbringen.

Diese Straßensozialisation ermöglichte den Kindern wichtige Erfahrungen zu sammeln, da sie nur durch Selbstorganisation, wie z.B. von regelgeleiteten Gruppenspielen und Gruppennormen, bestand hatte. Die Kinder lernten dadurch also grundlegende, soziale und kommunikative Erfahrungen.

„Helga, Jahrgang 1950, schildert einen Spielnachmittag wie folgt:

Anfangs waren auf dem Hof nur einige Jugendliche, und einige Kinder liefen drum herum. Plötzlich kam jemand auf die Idee, Zelte aufzubauen, und bald waren alle in den Häusern verschwunden, um Material zu holen. Die Ausrüstung bestand aus Wolldecken, Wäscheklammern und Steinen. Die Wolldecken, die wurden mit Wäscheklammern am Zaun befestigt, und auf die Enden der Decke hat man die Steine gelegt. So entstanden dann die Zelte, und im Laufe des Tages, es kamen ja immer mehr Kinder nach draußen, da war auch schon ein ganzes Zeltdorf entstanden, ja, wir hatten dort eine Post, einen Krämerladen, eine Arztpraxis.“[1]

Die typischen Großstadtkinder hatten auf der Straße vor ihrem Haus ihren Spielraum, den jedes Kind, auch mit geschlossenen Augen, genau kannte und deren Grenzen durch Flüsse, Straßen, Bahnlinien u.ä. festgelegt waren. Des weiteren besaß jedes Kind einen Streifraum, also ein Gebiet, durch das sie schon einmal gegangen waren, welches sie aber nicht genau kannten. Dieser Streifraum war bei den Jungen doppelt so groß als bei den Mädchen.

„Nach PFEIL (1965) erobert sich das Großstadtkind seinen Lebensraum in Abhängigkeit vom Alter schichtförmig in folgenden konzentrischen Kreisen:

Der Intimbezirk: Familie und Etagenwohnung.

Der erste Ring: Nachbarschaft und Miethaus.

Der zweite Ring: Einkaufskreis der Mutter, nahe Geschäftsumwelt.

Naher Spielraum: Wohnstraße und angrenzende Spielflächen.

Der Streifraum: Erkundung erweiterter Räume durch Übernahme von Tätigkeiten und Gruppenaktivitäten (vornehmlich Jungen).

Ähnlich wie MUCHOW interpretiert PFEIL die individuelle, allmähliche und kontinuierliche Ausdehnung des Lebensraumes als entscheidende Entwicklungsvoraussetzung zur Aktivierung kognitiver Schemata, zur Umweltaneignung und deren Deutung.“[2]

In ihrer Freizeit beschäftigten sich die Kinder mit vielen Bewegungsspielen, wie Tobe- und Versteckspiele, Ballspiele, Kleinfeldgeschicklichkeitsspiele u.ä.

Ein vielfältiges Bewegen wurde in den 50er Jahren auch durch den Turnverein ermöglicht. Die Kinder traten im Alter zwischen 6 und 8 Jahren in einen Turnverein ein. Der Zugang zu einem Sportfachverband erfolgte erst im Alter von 11 bis 12 Jahren. Hier wurden wenige Sportarten angeboten, wobei aber eine geschlechtsspezifische Trennung vorlag. Fußball war die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Jungen.

In den 50er Jahren war man dem Verein und seiner Sportart jahrelang treu.

3. Die Lebenswelt der Kinder heute

3.1.Veränderungen der familiären Lebenswelt in Fakten

- „12,4 Millionen Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren lebten 1989 in Gesamtdeutschland, dies entspricht ca. 16 % der Gesamtbevölkerung.
- Geburtenrate ist rückläufig.
- Es gibt immer weniger Kinder in einer Familie und immer vielfältigere Familienformen.
- 38 % aller Kinder sind Einzelkinder
- 1/3 aller heranwachsenden Kinder haben andersgeschlechtliches Geschwisterkind.
- Eheschließungen nehmen ab, die Scheidungsraten steigen.
- Jedes 9. Kind lebt bei alleinerziehendem Elternteil.
- Die Müttererwerbstätigkeit steigt, und somit auch die Betreuungsquote in

öffentlichen Einrichtungen. In den neuen Bundesländern beträgt die tägliche

Verweildauer eines Kindes in einer Kinderkrippe 8,3 Std., im Westen nur 4,5 Std.

(1991).“[3]

In den letzten vierzig Jahren hat sich die Lebenswelt der Kinder drastisch verändert. Der gesellschaftliche Rahmen ist geprägt von der Zunahme der multikulturellen Gesellschaft, der Massenarbeitslosigkeit und der Zunahme von sozialen Ungleichheiten. In der familiären Lebenswelt gibt es immer weniger Kinder innerhalb einer Familie und immer vielfältigere Familienformen. Durch den kindzentrierten und liberalen Erziehungsstil der 90er Jahre entsteht eine enge emotionale Eltern-Kind-Beziehung, die durch Kommunikation und gegenseitiges Aushandeln geprägt ist. Jedes Kind wächst also ganz unterschiedlich auf und jede Kindheit weist Individualisierungstendenzen auf.

Ein weiterer Punkt stellt die Terminkultur unserer Kinder dar, die den individuellen Freizeitplan der Kinder gestaltet. Einen großen Teil ihrer Zeit verbringen sie in Betreuungseinrichtungen wie Kindergarten und Schule. Danach folgen die vielfältigen Kinderkulturangebote, die besonders von 11-13jährigen angenommen werden und von denen die Vereine am meisten profitieren.

Heute treten die Kinder schon früher, im Alter zwischen 5 und 6 Jahren, in den Sportverein ein. Jedoch verlassen sehr viele Kinder diesen auch schon wieder frühzeitig, um kommerziellen sportlichen Aktivitäten nachzugehen. Diese Nutzung von Kinderkulturangeboten ist wiederum besonders vom Geschlecht und von der sozialen Herkunft der Kinder beeinflusst.

Dabei ist auch zu bedenken, dass die Kinder in dieser Kinderterminkultur immer unter Aufsicht sind, und somit sich kaum frei und unbeobachtet entfalten können.

Der Lebensraum unserer Kinder hat sich also vergrößert, es müssen immer weitere Wege in der Freizeit zurückgelegt werden. Man spricht von einer „Verinselung“ des kindlichen Lebensraumes. „Kinder müssen größere Entfernungen überbrücken, geplant Verabredungen treffen, um mit den wenigen Gleichaltrigen in Kontakt treten zu können.“[4] Hierbei haben sie „aber auch die Chance, sich gezielt um Spielpartner und Freunde zu bemühen.“[5]

[...]


[1] Schmidt,W.: Sportpädagogik des Kindesalters. Hamburg 1998, S.78-79.

[2] Ebd. S.81.

[3] Vgl. Schmidt,W.: Sportpädagogik des Kindesalters. Hamburg 1998, S.67/68.

[4] Schmidt, W.: Sportpädagogik des Kindesalters. Hamburg 1998. S.88.

[5] Ebd. S.89.

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638405225
ISBN (Buch)
9783638750127
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42506
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Schlagworte
Veränderte Lebens- Bewegungswelten Veränderungen Schulsports

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