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Das Schicksal von Onegin und Tatjana. Die Rolle der Gesellschaft

Puškins Roman "Eugen Onegin"

Seminararbeit 2012 13 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Geschehen

3 Das Bild der Gesellschaft
3.1 Langeweile und Einsamkeit als Charakteristik der Hauptfiguren
3.2 Eine Frage der Ehre
3.3 Moral – damals und heute
3.4 Die Anforderungen der Gesellschaft

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ich liebe Sie, warum es verhehlen;

Doch ich bin einem anderen gegeben worden.

Ich werde ihm mein Leben lang treu sein.“(Pushkin 1988:198)

Wer den Roman von Aleksandr Sergeevič Puškin „Eugen Onegin“ gelesen hat, der wird sich an eine der Schlüsselaussagen von Tatjana im achten Kapitel erinnern. Nun fragt man sich wie es sein kann, dass zwei Menschen sich so sehr lieben und doch nicht zusammen sein können. Wer ist daran schuld und warum lässt sich nichts mehr an solch einer Situation ändern? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden und vor allem soll ein Vergleich der heutigen Gesellschaft, ihrer Moral und ihren Wertvorstellungen, mit denen jener Gesellschaft von damals, zur Zeit des Werkes von Puškin- Eugen Onegin gezogen werden.

Der Roman "Eugen Onegin" zählt zu einem der wichtigsten und berühmtesten Werken Puškins und hat somit die gesamte klassische Literatur in Russland beeinflusst.

Puschkin gilt für die meisten seiner Landsleute als der russische Nationaldichter (Ritter o.D.). An seinem Werk „Eugen Onegin“ hat Pushkin ungefähr acht Jahre lang gearbeitet- dies waren Jahre seines poetischen Hochpunktes. Er beendete seinen Roman im Jahre 1831, welcher dann zwei Jahre später veröffentlicht wurde.

Er beschreibt dort Geschehnisse von 1819 bis 1825, eine Zeit in der die russische Gesellschaft unter dem Zaren Alexander I geprägt wurde. In diesem Roman sind also reale Geschehnisse mit der Liebesgeschichte von Eugen Onegin und Tatjana verbunden (Tchernodarov 2012).

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Liebesintrigen. Die Protogonisten und Liebespaare Eugen Onegin und Tatjana Larina, sowie Vladimir Lenskij und Olga fühlen sich zwischen ihren Gefühlen und Pflichten hin und her gerissen, jedoch wird ihr Glück ihnen auf Grund ihrer eigenen Fehler letztlich nicht gewährt.

Tatjana verliebt sich in Eugen Onegin gleich bei ihrem ersten Zusammentreffen, wobei Onegin sie zunächst zurückweist und sich viel Zeit nimmt, bis er Tatjana seine Liebe gestehen kann. Ebenso am Ende, als sich beide gegenüberstehen und für einander starke Gefühle empfinden, können sie nicht zusammen sein.

Wer ist daran schuld? Kann man diesen tragischen Schicksalsschlag nicht verhindern oder etwas an dieser hoffnungslosen Situation ändern? Diese Fragen kommen dem Leser in den Sinn und Alexander Puškin lässt den Leser darüber nachsinnen, was letztendlich der Grund für ihr tragisches Schicksal ist. Ist es die Gesellschaft, welche das Ende dieser zwei sich liebenden so negativ bestimmt hat, oder ist es ihre Unwissenheit und ihr Stolz, welche sie nicht überwinden können?

Welchen Ausgang hätten ihre Schicksale genommen, wenn sie heute in unserer Zeit gelebt hätten? Es ist wohl sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass Tatjana keine arrangierte Ehe eingehen würde oder dass sie auch, wenn sie einen anderen geheiratet hätte, Onegin trotzdem nicht zurückgewiesen hätte. In unserer heutigen Gesellschaft, welche uns wie jede Gesellschaft zu ihrer Zeit stark prägt und bestimmte Traditionen, Werte und Normen übermittelt, wären viele Dinge möglich, die zu der Zeit Onegins nicht gestattet waren. So hätte auch Lenskij, welcher der zu dieser Zeit bestehenden Tradition des Duells zum Opfer fiel, nicht sterben müssen, hätte sich diese Geschichte in unserer Zeit zugetragen.

Doch war wirklich die Gesellschaft daran schuld, dass die Geschichte solch einen Lauf nimmt?

Um diese Frage zu lösen wird zuerst ein Blick auf das Geschehen im Werk geworfen. Danach wird das Bild der Gesellschaft betrachtet, welches zunächst die Langweile und Einsamkeit der Hauptfiguren und danach den Begriff der Ehre behandelt. Darauf folgt die Rolle der Moral, welche Einfluss auf die Handlung der Charaktere hat und zuletzt werden die Anforderungen der Gesellschaft genauer betrachtet. Abschließend folgt das Fazit.

2 Zum Geschehen

Tatjana, die zur Melancholie und Schwärmerei neigende Tochter einer Gutsbesitzerin, lebt in einer Traumwelt aus Büchern und will sich nicht mit der allgemeinen Genügsamkeit ihrer ländlichen Umgebung abfinden. Als sie Eugen Onegin, einen jungen Petersburger Intellektuellen, kennenlernt, glaubt sie eine Möglichkeit zum Ausbruch gefunden zu haben. Doch der vom Leben enttäuschte Zyniker wehrt ihre leidenschaftliche und spontane Liebe kühl ab. Als Tatjanas Schwester Olga auf einem Ball ihren Verlobten Lenskij mehrmals zugunsten Onegins abweist, kommt es zum Eklat, der in einem Duell gipfelt. Lenskij stirbt und Onegin begibt sich, belastet von der Schuld am Tod des Freundes, auf eine Auslandsreise. Als er Tatjana nach Jahren in St. Petersburg wieder trifft, ist sie als Fürstin zu einer angesehenen Dame der Gesellschaft aufgestiegen. Doch obwohl sie Onegin noch immer liebt, zieht sie sich resigniert in die Sicherheit ihrer „Vernunftsehe“ zurück.

Was ist also der Sinn beziehungsweise das Ziel dieses Romans? Wollte Aleksandr Sergeevič Puškin durch sein Werk lediglich ein Bild der Gesellschaft zeichnen, eine „Enzyklopädie des russischen Lebens“, wie es häufig den Untertitel trägt? Oder wollte er eine Wertung gesellschaftlicher Zustände und Traditionen durch sein Werk zum Ausdruck bringen und zeigen, wie die Gesellschaft das Verständnis von Beziehungen und Liebe prägt und damit auch entscheidend für den Lebensweg und das Glück der Menschen verantwortlich ist?

3 Das Bild der Gesellschaft

3.1 Langeweile und Einsamkeit als Charakteristik der Hauptfiguren

„Onegin, Lenskij und Tatjana sind alle drei durch das charakteristische Nebeneinander von Langeweile, Verschlossenheit und ästhetischer Existenz gekennzeichnet“(Trojansky 1990:127).

Schon am Anfang des Romans wird die Stimmung von Langeweile wiedergegeben, so dass man einen Einblick in das graue, triste und eitle Leben der Protagonisten bekommt. Die ersten Zeilen des Romans berichten bereits von einem Onkel, der „ernsthaft krank wurde“ und letztendlich verstarb (Pushkin 1988:1). Diese Stimmung bereitet den Leser auf die Gemütsverfassung der Gesellschaft und besonders der Protagonisten Onegin und Tatjana vor und deutet bereits das tragische Ende an.

Eugen Onegin versucht zuerst, sich mit Frauen und danach mit Büchern zu unterhalten. Keines der beiden gelingt ihm und er findet darin kein dauerhaftes Glück. „Er führt zuerst eine Existenz der sozialen Unverbindlichkeit, die sich schließlich bis zur völligen Verschlossenheit steigert“(Trojansky 1990:127). Er fühlt sich ungeliebt und einsam.

„Der Mensch ist also – wenn er eine eigentliche Existenz und keine Existenz wie die unverständige langweilende Masse führt – in Puschkin Idealvorstellung einsam und in sich verschlossen“(Trojansky 1990:128). Dieses Bild der Einsamkeit und Langeweile hat Aleksandr Sergeevič Puškin in der Person von Eugen Onegin verkörpert, der sich ständig ungeliebt und verlassen fühlt, obwohl die Gesellschaft an ihm interessiert ist und Tatjana ihn aufrichtig liebt. Trotz seiner Einsamkeit weist er ihre Liebe sehr kalt zurück, weil er an ihre Authentizität nicht glauben kann.

Onegin gehört zu jenen Leuten, die wir täglich auf den großen Straßen treffen können (Van Sambeek-Weideli 1990:224). Er repräsentiert also eine ganze Generation von jungen Menschen, die sich mit Langenweile und Eitelkeit des Lebens gequält hatten. Dieses Bild wollte Alexander Pushkin gezielt zum Ausdruck in seinem Roman bringen.

Kann es also sein, dass die Gesellschaft in der Zeit Onegins mit ihrer pessimistischen Darstellung vom Leben und Liebe, die Hoffnung auf das Lebensglück und wahre Liebe raubt und die Protogonisten, wegen ihres Unglaubens an diese, ihre Chance auf ein glückliches Leben verpassen?

3.2 Eine Frage der Ehre

Um ihre Ehre zu wahren, haben schon einige Menschen auf ihr Glück verzichtet. Wo man heute noch kaum die Bedeutung dieses Wortes kennt, war man damals sogar bereit, der Ehre wegen zu sterben.

Der Begriff „Ehre“ wird als „Bewusstsein, das man von seiner eigenen Würde und von seinem Wert innerhalb der Gesellschaft hat“ (thefreedictionary.com/Ehre) definiert. Das heißt also, dass die Ehre sehr eng mit der Würde eines Menschen verbunden ist.

In dem Roman versucht Eugen Onegin, die Frau seines Freundes zum Ehebruch zu verleiten, da er mit ihr absichtlich flirtet. Daraufhin fordert sein Freund ihn zum Duell auf und Onegin tötet ihn. Was ist daran so ehrenhaft? Ist es nicht töricht, sein Leben aufs Spiel zu setzten, nur um seinen Ruf zu wahren? Heute ist es für uns fast unvorstellbar, doch zu der Zeit Puškins, war die Frage der Ehre wertvoller als das Leben selbst, was auch der Tod vieler junger Männer jener Zeit beweist. Pushkin selbst starb in Folge eines Duells. Er heiratete eine schöne Frau namens Natalja und war soweit glücklich verheiratet bis der Ehemann Nataljas Schwester, Katharina Natalja Puschkina, in auffallender und provozierender Weise den Hof machte. Durch seine aufdringlich zur Schau gestellte Verehrung für Puschkins Frau entstanden Gerüchte, die deren eheliche Treue in Zweifel zogen. Somit starb auch er in einem Duell um der Ehre willen (Spröer 2012).

„Das Duell ist ein nach bestimmten Regeln ausgetragener Zweikampf, der die Wiederherstellung der Ehre des Beleidigten und die Auslöschung des diesem, durch die Beleidigung zugefügten Makels, zum Ziel hat.“ (Lotman 174)

Das Duell ist also ein Weg zur Wiederherstellung des Friedens und der Ehre. Für alles muss man früher oder später zahlen und leider war es in diesem Fall so, dass zuerst der am Konflikt Unschuldige sterben musste. So müsste Onegin eigentlich für sein Verhalten zahlen, jedoch ist es Lenskij, der in dem Duell stirbt. Hier beeinflusst das damalige Verständnis von Ehre, wenn auch ungerechterweise, das Schicksal der Protagonisten. Eine weitere Leidtragende durch Onegins unbedachtes Verhalten ist Tatjana. Ihre Träume werden nicht erfüllt, weil Onegin seine Liebe zu ihr viel zu spät erkennt oder einfach auch nur diese viel zu spät sowohl sich selbst, als auch Tatjana gesteht. Onegin selbst leidet, weil er diese Lektion in seinem Leben erst lernt wenn er die Folgen seiner Taten zu spüren bekommt.

3.3 Moral – damals und heute

Die Moral war damals, so könnte man meinen, besser als heute. Man sagt, dass die moralischen Werte von Generation zu Generation immer mehr abnehmen. Was gestern noch unmoralisch war, ist heute schon alltäglich. Es war damals beispielsweise unerhört mit einem Partner zusammen zu leben, ohne verheiratet zu sein. In unserer Zeit wird man jedoch nicht selten für veraltete Moralvorstellung belächelt.

„Oh weh, auf verschiedensten Vergnügungen

habe ich viel Zeit meines Lebens vergeudet!

Doch litte die Moral nicht darunter,

so würde ich die Bälle noch heute lieben.“ (Pushkin 1988:18)

Obwohl Eugen Onegin nicht nach seinen moralischen Maßstäben lebt, sind ihm diese jedoch nicht gleichgültig. Er sieht es sogar ein, dass er nicht nur seine Zeit damit vergeudet hat, sondern dass seine Moral darunter gelitten hat. Sein Handeln und Denken wird also auch hier durch die moralischen Maßstäbe seiner Zeit beeinflusst.

„Früh waren in ihm die Gefühle erkaltet;

langweilig wurde ihn das Treiben der großen Welt;

die Schönen blieben nicht lange

Gegenstand seiner gewohnten Gedanken;

die Treuebrüche ermüdeten ihn schließlich“(Pushkin 1988:22)

Er war noch jung und dennoch müde von dieser großen Welt, die jeglichen Reiz für ihn verloren hat. Die außerehelichen Liebesbeziehungen, die uns in diesen Zeilen gezeigt werden, tragen mehr einen pessimistischen als einen romantischen Charakter, obwohl man Liebe normalerweise mit positiven Gefühlen verbindet. Für Onegin wurde jedoch sogar die Liebe „langweilig“. Man könnte sich natürlich fragen, ob er davor eine Frau wirklich geliebt hat oder ob er davor mit Frauen nur gespielt hat, ohne Gefühle zugelassen zu haben. Viel wahrscheinlicher ist es, dass er keine wahre Liebe kannte und auch keine Hoffnung hatte, jemals eine Frau zu finden, die ihn wirklich lieben würde. So wie alle anderen Frauen die er kannte, hatte Onegin womöglich auch Tatjana eingestuft und konnte keine besondere Tugend in ihr erkennen. Doch als er zuletzt ihren Wert und seine Liebe zu ihr realisiert, ist es zu spät, da sie bereits mit einem anderen Mann verheiratet ist. Oder liegt gerade darin ihr Charme, dass Tatjana für Onegin nun unerreichbar ist?

Tatjanas Liebe wiederrum scheint bis zum Schluss sehr aufrichtig, und trotz der starken Liebe, die so lange überdauert, ist für sie die Treue von höherem Gut. Tatjanas Aussage weist einerseits viel Schmerz auf, andererseits aber auch eine gewisse Stärke.

„Ich liebe Sie, warum es verhehlen;

Doch ich bin einem anderen gegeben worden.

Ich werde ihm mein Leben lang treu sein.“(Pushkin 1988:198)

Tatjanas Moral wird auch durch christliche Werte, die zu jener Zeit noch viel bedeutender im Alltag gefestigt waren, beeinflusst; als sie ihren Mann heiratete, war es für sie klar, dass sie ihm ihr Leben lang treu sein wird, auch wenn sie einen anderen Mann liebte.

„Die Fürstin sitzt vor ihm, allein,

bleich und in einfacher Kleidung;

sie liest einen Brief

und vergießt, die Wange in die Hand gestützt,

stumm eine Flut von Tränen.“

(Pushkin 1988:194)

Die Tränen von Tatjana sagen mehr als Worte. Sie ist zutiefst gerührt und vergießt viele Tränen, weil sie schon von vornherein weiß: dieser Brief kommt einige Jahre zu spät. Zwar liebt sie Onegin immer noch, doch sein Liebesgeständnis erweckt wieder ihre Gefühle und macht es ihr nur noch schwerer. Schließlich „von wahnsinniger Reue gepackt, fällt er ihr zu Füßen“ und Onegin bereut bitterlich, dass er sie nicht schon früher als seine Liebe erkannte(Pushkin 1988:195).

„Onegin, erinnern Sie sich an jene Stunde,

als uns im Garten, in der Allee,

das Schicksal zusammenführte und ich so demütig

Ihre Zurechtweisung anhörte?

Heute ist die Reihe an mir.“ (Pushkin 1988:195)

Tatjana hat keine andere Wahl, als nun Onegin zurechtzuweisen. Sie ist verheiratet und kann sich nicht erlauben, sich unangemessen zu verhalten. Andererseits rächt sie sich an Onegin für den Schmerz, den er ihr in der Vergangenheit zugefügt hatte, als sie ihm ihr Herz so sehr öffnete und er sie kalt zurückwies.

Die Liebe bezeichnet Tatjana nun als ein „niedriges Gefühl“(Pushkin 1988:197). Somit zeigt sie, dass sie nicht mehr an eine Liebe glaubt, die stark genug sein kann, um alle Hindernisse zu überwinden. Sie scheint nun dieselbe Vorstellung vom Leben und der Liebe zu haben, wie Onegin damals. Ihre Rollen scheinen sich zuletzt getauscht zu haben.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668704688
ISBN (Buch)
9783668704695
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v425612
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,4
Schlagworte
schicksal onegin tatjana rolle gesellschaft

Autor

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Titel: Das Schicksal von Onegin und Tatjana. Die Rolle der Gesellschaft