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Franziska zu Reventlows "Herrn Dames Aufzeichnungen". Frauenbilder der kosmischen Runde

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Herrn Dames Aufzeichnungen: Weiblichkeitsideale

2. Das Frauenbild der Kosmiker: Bachofen und das „Mutterrecht“

3. Hetärismus und Mutterrecht: Herr Dame, Maria und Susanna in Herrn
Dames Aufzeichnungen
3.1. Herr Dame - Nomen est omen
3.2. Maria und Susanna
3.3. Maria
3.4. Susanna
3.5. Zwischenfazit zu Maria und Susanna

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Herrn Dames Aufzeichnungen: Weiblichkeitsideale

„So geht mir doch mit der Behauptung, die Frau sei monogam! - Weil Ihr sie dazu zwingt, ja! Weil Ihr sie Pflicht und Entsagung lehrt, wo Ihr sie Freude und Verlangen lehren solltet.“1

Aus diesem Essay Auszug von Franziska zu Reventlows Was Frauen ziemt! Viragines oder Het ä ren? wird deutlich, dass die Autorin die gesellschaftlichen Konventionen und ihre Kritik an diesen bereits 1899 literarisch formulierte. Reventlow selbst war ab 1897 Mutter ihres unehelichen Sohnes Rolf,2 dessen Vater, zumindest für die Öffentlichkeit, bis heute unbekannt ist. In ihren Anfangsjahren in München, in denen auch der obengenannte Essay verfasst wurde, finanzierte sie sich durch Gelegenheitsjobs - wie beispielsweise als Prostituierte.3 4 Es ist also nicht gerade verwunderlich, dass sie im Kosmiker Kreis mit Karl Wolfskehl, Ludwig Klages, Alfred Schuler und weiteren bekannten Autoren im engen Kontakt stand: Die „Enormen“, wie die Teilnehmer der kosmischen Runde auch in Herrn Dames Aufzeichnungen bezeichnet werden, würdigten ihren offenen Umgang mit ihrer Sexualität und ihren Willen, ihr uneheliches Kind ohne den Vater aufzuziehen.5 Sie genoss innerhalb des Kreises eine große Beliebtheit6 und wurde mitunter als „heidnische Madonna“7 bezeichnet. Nach dem Zusammenbruch jenes Kreises, veröffentlichte sie im Jahr 1913 den Roman Herrn Dames Aufzeichnung: Begebenheiten aus einem merkw ü rdigen Stadtteil. In diesem charakterisiert und berichtet sie, in überspitzter und ironischer Weise, die Vorgänge und Eigenheiten innerhalb der „Kosmiker“. Hierbei thematisiert sie mitunter die Weiblichkeitsideale und Überzeugungen zu Frauenbildern, die innerhalb dieser Gruppierung der Künstler in Schwabing geäußert wurden. So würde der Hetärismus als das Höchste gelten, und Wahnmoching, also Schwabing, sich diesem anschließen.8

Das von Reventlow selbst als „Schlüsselroman“ bezeichnete Werk, wird in der heutigen Forschung durch den Wahrheitsgehalt fast gänzlich als historisches Zeugnis betrachtet. Somit beschäftigt sich die Forschungsliteratur hauptsächlich mit den die Geschichte der Münchner Moderne betreffenden Aspekten, jedoch nur selten, wie beispielsweise bei Johannes Székely, wird der Roman auf sprachliche und den Charakter der Figuren betreffenden Elemente untersucht. Dass dies eine Lücke aufweist, wird daran deutlich, dass die Personen Susanna und Maria zwar ebenfalls an eine im Kosmiker Kreise verkehrende Person orientiert sind, und zwar an Reventlow selbst,9 jedoch gleichzeitig auch eine fiktive Rolle einnehmen. Diese beiden Figuren werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf ihre Darstellung im Kosmiker Kreis näher untersucht: Wie werden sie von den weiteren Mitgliedern bewertet? Welche Charaktereigenschaften zeichnen sie aus? Wie definierte sich das Frauenbild des Hetärismus innerhalb der Kosmiker in Herrn Dames Aufzeichnungen und welche weiteren Theorien zum Weiblichkeitsideal verfolgen die Figuren im Roman? Vorerst werden die Ideen zu Weiblichkeitsbildern im Roman aufgezeigt, um anschließend die weiblichen Figuren in diese Konzeptionen einordnen zu können. Um ein vollumfängliches Fazit ziehen zu können, wird in dieser Arbeit an manchen Stellen der Vorteil eines Schlüsselromans genutzt und Ergänzungen mit Wahrheitsgehalt hinzugefügt, wobei der Fokus vor allem auf den fiktiven Elementen liegen wird.

2. Das Frauenbild der Kosmiker: Bachofen und das „Mutterrecht“

Das Frauenbild der Kosmiker in Herrn Dames Aufzeichnungen lässt sich vor allem durch die Abkehr von kulturellen Sitten und Regeln verstehen.10 Nach dem Philosophen Sendt (in Wirklichkeit Dr. Paul Stern), welcher dem Neuankömmling und naivem Herrn Dame die Werte und Vorstellungen der Kosmiker erklärt, sei Wahnmoching eine „geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult [...].“11 Durch diese Darstellung wird deutlich, dass die Mitglieder dieser Runde den Anspruch auf Zukunftsorientierung und somit die Abkehr von vorherrschenden Konventionen verfolgen. Diese Art von Modernisierung soll durch eine paradoxe Methode erreicht werden: durch die Rückbesinnung zu uralten Kulten, denn so sollen aus diesen „wieder neue religiöse Möglichkeiten [...]“12 gewonnen werden. Die Kosmiker gehen an dieser Stelle sogar noch weiter und behaupten, dass es verschiedene Seelensubstanzen gäbe, die man sich wie Gesteinsschichten vorstellen könne, die sich im Laufe der Völkerwanderung jedoch verschoben hätten.13 Die Substanzen seien nun „durcheinandergemischt und dadurch verdorben[...]“14. So seien verschiedene Elemente bei den Menschen überlagert worden, und es würde nichts Gutes dabei herauskommen.15 Einige „Auserlesene[.]“16 hätten jedoch weiterhin eine dominierende Substanz und würden sich beispielsweise römisch fühlen.17 Diese Ursubstanzen zeigen sie auf den Wahnmochinger Festen, in denen die Kosmiker sich, auch abseits des für Kostüme bekannten Faschingsfestes, verkleiden. Somit können die Teilnehmer in aufwendigen Kostümen deutlich machen, welche Seelensubstanz in ihnen überwiegt oder überwiegen soll:

Das Fest begann mit einem feierlichen Umzug: voran schritt eine Bacchantin, die ein ehernes Becken schlug, dann kam Dionysos mit seinem goldenen Stab, ihm folgten der Cäsar - er trug eine Art kugelförmigen, durchbrochenen Krug, in dem ein Licht brannte - und die in Schwarz gehüllte Matrone, daneben und dazwischen bekränzte Knaben mit Weinbechern. Wer in antikem Gewande war, folgte, die übrigen blieben zur Seite stehen. Denn viele waren auch anders kostümiert - Renaissance, alte Germanen oder orientalisch.18

Durch diese Darstellung des Festes wird deutlich, mit welcher Gründlichkeit und Zielstrebigkeit man die Theorie der Seelensubstanzen verfolgt. Die urzeitlichen Substanzen sollen durch Kostümfeste erneut heraufbeschwört werden, was von Székely als „hilflos-lächerlich[..]“19 charakterisiert wird. Interessanterweise wird hier nicht auf die zentralen weiblichen Figuren und deren Verkleidung eingegangen: Susanna und Maria, die zwar aktiv mit Herrn Dame die Geschehnisse beobachten, werden an keiner Stelle mit einem Kostüm beschrieben, worauf ich in Punkt 3.3. eingehen werde.

Nach Székely sei das Denken der Kosmiker basierend auf einer romantischen Sehnsucht: die Sehnsucht nach einem einfachen, reinen Leben.20 David Claude schreibt, dass sie in diesen mythischen Zeiten erkennen wollen, „wo der Mensch im Rhythmus der Erde lebte, ohne Verfälschung, ohne die von einer Zivilisation geschaffenen unnützen Hindernisse“21. In dieser Beschreibung verdeutlicht sich die Abkehr der Kosmiker von den als irreal beziehungsweise verfälscht empfundenen gesellschaftlichen Konventionen. Für das Weiblichkeitsideal bedeutet diese Rückbesinnung und das Heranziehen von alten Kulten konkret die Verehrung des Hetärismus, also der Akzeptanz des offenen Umgangs mit der polygamen Sexualität der Frau. Dieser gelte, in dem vom Philosophen Sendt und weiteren Kosmikern angestrebtem Heidentum, als das Höchste.22 Hierbei bezieht er sich auf Bachofen, den Herr Dame kennen und sein Werk gelesen haben müsse, wenn er sich dauerhaft in diesem Stadtteil niederlassen wolle.23 Diese Verehrung ist wenig erstaunlich, genauso wie die Tatsache, dass sich die Kosmiker im Roman mit dem Werk des Philosophen Das Mutterrecht: eine Untersuchung ü ber die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religi ö sen und rechtlichen Natur beschäftigen: An diesem fasziniert sie die gegen die philologisch-historischen und somit rationalen Methoden gerichtete intuitive Deutung antiker Mythen, ebenso wie die These einer zyklischen Wiederkehr der Geschichte.24 Bachofen erklärt seine Theorie wie folgt: "Das Mutterrecht ist das Recht des stofflichen Lebens, das Recht der Erde, aus welcher jenes seinen Ursprung herleitet".25 Der Mensch sei Teil des „Kosmos“ - dem Urzustand des Universums. So wäre das urzeitliche Matriarchat durch das höhere, geistige Lichtprinzip Apollos ersetzt und gleichzeitig der Dionysoskult verdrängt worden: Dionysos brachte, so Bachofen, dem weiblichen Geschlecht Liebe und Erlösung. Somit wird auch die Verehrung des Dionysos im oben erwähnten Fest nachvollziehbar, da dessen Kult nach den Kosmikern überlappt und somit verunreinigt wurde. Da die Frau außerdem innerhalb des urzeitlichen Matriarchats als Abbild der Urmutter Erde gelte, müsse diese zum Mittelpunkt des Mysteriums erhoben werden.26 Diese Rolle könne die Frau am besten als Hetäre des Altertums erfüllen.27 In der Praxis würde dies nach Bachofen folgendes bedeuten:

Erstens in dem Status der Kinder; die Kinder folgen der Mutter, nicht dem Vater. Zweitens in der Vererbung des Vermögens; nicht die Söhne, sondern die Töchter beerben die Eltern. Drittens in der Familiengewalt; die Mutter herrscht, nicht der Vater, und dieses Recht gilt in folgerichtiger Erweiterung auch in dem Staate.28

Durch diese Veranschaulichung wird deutlich, warum Bachofens Werk von dem Philosophen Sendt als unverzichtbar dargestellt wird: Die Kosmiker verfolgen eine ähnliche Theorie, indem sie die nach dem Dionysoskult und dem Hetärismus folgenden Einflüsse als Überlappung definieren und sich zu dem Urzustand hingezogen fühlen. Nach Friedrich Wolters haben die Kosmiker in Bachofens Werk die Bestätigung ihres eigenen Denkens gefunden.29

[...]


1 Zu Reventlow, Franziska: Viragines oder Hetären? In: Müller, Baal (Hrsg.): Sämtliche Werke in sechs Bänden: Franziska zu Reventlow: Werke 6 - Verstreutes: Erzählungen, Gedichte, Novellen, Aufsätze. Band 2. Hamburg, 2010. S. 193 - 202. Hier S. 201.

2 Vgl. Krause, Christiane: „Hetärismus“ und „Freie Liebe“ gegen „Bürgerliche Verbesserung: Franziska zu Reventlow in den „Züricher Diskußionen“. In: Roebling, Irmgrad (Hrsg.): Lulu, Lilith, Mona Lisa...: Frauenbilder der Jahrhundertwende. Band 14. Pfaffenweiler, 1989. S. 77 - 98. Hier S. 78.

3 Vgl. von Hammerstein, Katharina: Politisch ihrer selbst zum Trotz: Franziska zu Reventlow. In: Tebben, Karin (Hrsg.): Deutschsprachige Schriftstellerinnen des Fin de Siècle. Darmstadt, 1999. S. 290 - 312. Hier S. 302.

4 Vgl. Kanz, Christine: Zwischen sexueller Befreiung und misogyner Mutteridealisierung. Psychoanalyserezeption und Geschlechterkonzeption in der literarischen Moderne (Lou Andreas-Salomé, Franziska zu Reventlow, Erich Mühsam, Otto Gross). In: Schriften der Erich-Mühsamm-Gesellschaft: Anarchismus und Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Kreis um Erich Mühsam und Otto Gross. S. 101 - 134. Hier S. 105.

5 Kanz, Christine: Zurück zu den Müttern? Zu den kulturtheoretischen und literarischen Diskussionen über Familie Anfang des 20. Jahrhunderts. In: Cyprian, Gurdun; Heimbach-Steins, Marianne (Hrsg.): Familienbilder: Interdisziplinäre Sondierungen. Opladen, 2003. S. 87 - 101. Hier S. 93.

6 Seemann, Annette: Franziska Gräfin zu Reventlow - ein Leben für Wahrheit und Freiheit. In: Kaminski, Katharina (Hrsg.): Die Frau als Kulturschöpferin: Zehn biographische Essays. Würzburg, 2000. S. 175 - 186. Hier S. 182.

7 Vgl. Kanz, Christine: Zurück zu den Müttern? S. 93.

8 Vgl. zu Reventlow, Franziska: Herrn Dames Aufzeichnungen. In: Reventlow, Else (Hrsg.): Franziska Gräfin zu Reventlow. Romane: Von Paul zu Pedro, Herrn Dames Aufzeichnungen, Der Geldkomplex, Der Selbstmordverein. München/Wien, 1976. S. 99 - 250. Hier S. 159.

9 Vgl. Eden, Wiebke: „Das Leben ist ein Narrentanz“: Weiblicher Narzißmus und literarische Form im Werk Franziska zu Reventlows. Band 11. Pfaffenweiler, 1998. S. 109.

10 Vgl. Egbringhoff, Ulla: Franziska zu Reventlow. Reinbek bei Hamburg, 2000. S. 77.

11 Zu Reventlow, Franziska: Dames Aufzeichnungen, S. 128f.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd., S.127f.

14 Ebd., S. 128.

15 Vgl. ebd.

16 Ebd.

17 Vgl. ebd.

18 Zu Reventlow, Franziska: Dames Aufzeichnungen, S. 195.

19 Székely, Johannes: Franziska Gräfin zu Reventlow: Leben und Werk. Mit einer Bibliographie. Bonn, 1979. S. 94.

20 Vgl. ebd., S. 90.

21 David, Claude: Stefan George: Sein dichterisches Werk. (Übers. von Alexa Remmen und Karl Thiemer). München, 1967. S. 223.

22 Vgl. zu Reventlow, Franziska: Dames Aufzeichnungen, S. 159.

23 Vgl. ebd., S. 158.

24 Vgl. Székely, Johannes: Franziska Gräfin zu Reventlow, S. 92.

25 Bachofen, Johann: Das Mutterrecht: eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Stuttgart, 1861. S. 54.

26 Vgl. Székely, Johannes: Franziska Gräfin zu Reventlow, S. 92.

27 Vgl. ebd.

28 Bachofen, Johann: Das Mutterrecht: eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Zweite Auflage. Basel, 1897. S. 28.

29 Vgl. Wolters, Friedrich: Stefan George und die Blätter für die Kunst. Berlin, 1930. S. 243.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668705470
ISBN (Buch)
9783668705487
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v425655
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Herr Dame Herrn Dames Aufzeichnungen Reventlow Franziska Stefan George Kosmiker Kosmische Runde Münchner Moderne München Hellwig Susanna Maria Schwabing Wahnmoching Frauenbild
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