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Rassismus und Geschlecht in deutschen Fußballstadien

Seminararbeit 2002 24 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausdrucksformen von Rassismus im Fußballstadion

3. Fantypenkategorien

4. Bekämpfungsformen des Rassismus

5. Der Bezug zwischen Rassismus und Geschlecht

6. Schlussbetrachtung

Literatur

1. Einleitung

„Fußball ist ein Sport für alle!“ Dieser Satz unterstreicht den integrativen Charakter, den Sport im allgemeinen und Fußball im besonderen haben sollte. Dennoch wird der Rassismus auf verschiedenste Weise, mit wechselnden Motivationen und durch unterschiedliche Gruppierungen immer wieder in die Stadien getragen.

Fans benutzen ihn nach eigenen Angaben, um gezielt Mitglieder der gegnerische Mannschaft zu demoralisieren (und streiten somit jeden politischen Hintergrund ab).

Vereine bagatellisieren und leugnen zum Teil sogar immer noch die Existenz von Rassismus im Fußball, obwohl sie durch ihre Sportpolitik erheblichen Beitrag zu einem rassistischen Klima in den Stadien leisten.

Welche Formen von Rassismus es dabei gibt, wer die Menschen sind, die sich seiner bedienen, mögliche Bekämpfungsstrategien und deren Effektivität, sowie eine Überlegung zum Zusammenhang zwischen Rassismus und Geschlecht soll Gegenstand dieser Hausarbeit zum gleichnamigen Referat vom 12. Dezember 2001 sein.

Meine Ausarbeitung wird insgesamt sechs Kapitel umfassen, in denen vier Bereiche analysiert und beschrieben werden:

1. Einleitung
2. Ausdrucksformen von Rassismus im Stadion,
3. Fantypenkategorien nach Heitmeyer (1988) und Kritik,
4. Bekämpfungsformen des Rassismus und den
5. Bezug zwischen Rassismus und Geschlecht, was eine Auseinandersetzung mit der Frage „Ist rassistische Gewalt in Fußballstadien ein reines Männerproblem?“ bedeutet.
6. Schlussbetrachtung

Zu Beginn werde ich die möglichen Ausdrucksformen „offen“ und „verhalten“ durch Zuschauer, aber auch den strukturierten Rassismus durch Fußballverbände bzw. -vereine selber unterscheiden und den Begriff „Rassismus“ den ich benutze, definieren.

Nicht nur einige „Fans“ in den Stadien sind rechtsradikal, auch die Vereine und der Deutsche Fußballbund (DFB) machen sich der latenten Ausländerfeindlichkeit schuldig. In dem sie die Fans zwar nicht offen unterstützen, aber auch nicht effektiv genug gegen den Rassismus auf den Rängen vorgehen schaffen sie ein Klima, in dem Rassismus in den Stadien nahezu unbehelligt bleibt. Als Alibi wird oftmals auf das allgemeine gesellschaftliche Problem „Rassismus“ verwiesen, womit sich der DFB und die Vereine aus der Verantwortung zu ziehen suchen.

Nachdem ich die beiden unterschiedlichen Rassismusformen in den Stadien und um den Fußball herum beschrieben habe, möchte ich einen näheren Blick auf die Verursacher des „offenen“ Rassismus auf den Rängen werfen. Dabei werde ich drei Fan- Kategorien (nach Heitmeyer 1988, s. Literaturliste) ausdifferenzieren und die unterschiedlichen Bedeutungen, die solch ein Fußballspiel für die Fans haben kann, unter Bezugnahme des spezifischen sozialen Backgrounds beleuchten. Denn die rassistischen Äußerungen kommen nicht nur aus den so genannten „Fanblocks“ von den Stehplätzen, auch die Sitzplatzinhaber, häufig Synonym für finanzstärkere und gebildetere Fußballfans, benutzen sie.

Der vierte Teil meiner Ausarbeitung wird sich auf die Rassismusbekämpfung durch Fanorganisationen (zum Beispiel B.A.F.F. = Bündnis aktiver Fußballfans) auf der einen, und Vereinen und Institutionen wie z. B. dem DFB auf der anderen Seite innerhalb und außerhalb der Stadien beziehen und ihre Effektivität diskutieren. Denn die „politische Aufklärungsarbeit“ einer Lichterkette dürfte als äußerst zweifelhaft angesehen werden, wirklich rechtsradikale „Fußballfans“ lassen sich dadurch wohl kaum beeindrucken.

Als letzten Punkt möchte ich noch kurz auf die Beziehungen zwischen Geschlecht und Rassismus in den Stadien eingehen. Dabei soll die Frage im Mittelpunkt stehen, ob Rassismus und Aggression gegen Ausländer wirklich ein vorwiegend männliches Problem, vielleicht sogar „biologisch veranlagt“ ist, oder ob vorherrschende Gesellschaftsformen es zu einem Männerproblem werden lassen, durch Faktoren, die in unserem auf patriarchale Hegemonie ausgerichteten Gesellschaftskodex begründet liegen. Bevor ich nun mit dem ersten Punkt meiner Ausarbeitung beginne, möchte ich noch kurz erläutern, welcher Rassismusbegriff diesem Text zu Grunde liegt:

Meine Begriffsbenutzung bezieht sich auf eine Mischform aus „altem“ und „neuen“ Rassismus.

Der erste Begriff geht davon aus, das ein physiologisches Merkmal (häufig die Hautfarbe) einen Minderwert im Gegensatz zu der vorherrschenden Ethnie darstellt und somit als Legitimation der rassistischen Ausschließung herangezogen werden kann.

Der zweite Begriff stellt heraus, das es unterschiedliche Kulturen gibt, von denen eine die vorherrschende und edle Kultur darstellt. Diese Kulturunterschiede werden als unveränderlich und unverrückbar betrachtet. Ist ein Mensch in die eine Kultur hinein geboren worden, so ist es ihm unmöglich, jemals zu einer anderen zu gehören. Der Mensch wäre also durch Geburt an seine Kultur gebunden. (Dieser naturalistische Aspekt zeigt enge Parallelen zur bigeschlechtlichen Gesellschaftskonstruktion auf, die ebenfalls von einem naturalistischen Prinzip der Geschlechtszuteilung „Penis = männlich“/ „Ohne- Penis = weiblich“ ausgeht!)

Des weiteren werde ich im Verlauf dieser Ausarbeitung das Wort „Fan“ zum Teil in Anführungsstriche setzen. Damit möchte ich eine Unterscheidung zwischen wirklichen Fußballanhängern, denen es nur auf das Können eines Spielers ankommt, und solchen Fans erreichen, welche die Leistungsfähigkeit eines Fußballspielers in erster Linie von der Farbe seiner Haut oder seiner kulturellen Zugehörigkeit abhängig machen.

2. Die Ausdrucksformen von Rassismus im Fußballstadion

Der in der Einleitung beschriebene Rassismusbegriff lässt sich im Bezug auf die Ausprägung in Fußballstadien durch die Überschrift „offen“ und „verhalten“ ergänzen und wird schwerpunktmäßig von zwei unterschiedlichen Gruppen, Zuschauern oder Vereinen und anderen Organisationen, ausgeübt.

Die Zuschauer in den Stadien bedienen sich in der Regel des „offenen Rassismus“.

Beispiele hierfür sind das Imitieren von Affengeräuschen bei Ballkontakt eines farbigen Spielers oder das Werfen von Bananen vor oder während eines Spiels. Zumeist sind diese Aktionen gekoppelt mit typischen Sprechchören aus den Zuschauerrängen, häufig aus dem Stehplatzbereich, wo sich die „wahren Fußballfans“ (eigene Aussage) aufhalten: „Husch, husch, husch, Neger in den Busch!“. Farbige Kicker werden häufig als „Bimbo“ bezeichnet, Unparteiische als „Judensau“ diffamiert.

Zu dem werden rassistische Äußerungen im Bezug zur Leistung eines Spielers gesetzt, zum Beispiel bei vielen lateinamerikanische Sportlern (zumeist Brasilianer oder Argentinier), die als „Schönwetterstürmer“ abgewertet werden. Sie seien dem „harten“ Fußballklima in Deutschland nicht gewachsen und würden bei zu starker Beanspruchung versagen. Oder, anders herum, „herablassend - positiv“ durch ein Simile als „Gazelle“ (Verknüpfung zur Tierhaftigkeit der Sportler) oder „schwarze Perle“ bei besonders guten Leistungen.

Die Wahrscheinlichkeit für einen Spieler, Opfer einer solchen rassistischen Attacke zu werden, steigt proportional zu der Auffälligkeit seiner Hautfarbe. Je dunkler diese ist, desto stärker mehren sich die fremdenfeindlichen Angriffe. Ein Däne ist kaum rassistischen Äußerungen ausgesetzt. Türken, Polen oder Slawen dagegen schon eher. Am stärksten sind Spieler mit dunkler Hautfarbe, zumeist afrikanischer oder süd-amerikanischer Herkunft, betroffen. Das legt die These nah, das ein biologisches Merkmal, in diesem Fall die Farbe der Haut, als Indikator für vermutete kulturelle Andersartigkeit dient, es „legitimiert“ die Ausgrenzung, da eine Inkompatibilität mit der in Deutschland vorherrschenden Kultur angenommen wird!

„Naturalistisch-wissenschaftliche“ Feststellungen dieser Art begründen sich auf eine Mixtur von unterschiedlichen Rassismusformen. Zum einen wird die Hautfarbe als Symbol der kulturellen Andersartigkeit herangezogen, zum anderen wird daraus dann die Unmöglichkeit einer Akklimatisierung von Zugehörigen anderer Ethnien abgeleitet. (Vertreter dieser Ansichten bezeichnen sich selbst als „Fans“ des Vereins und würden sich nicht durch diese Äußerungen als rechtsradikal einstufen.)

Neben der Begründung durch kulturelle Andersartigkeit gibt es unter „Fußballanhängern“ auch die xenophobe Auffassung, ausländische Spieler, die, wie bereits erwähnt sehr häufig gleichbedeutend mit farbigen Spielern sind, nähmen dem deutschen (weißen) Fußballnachwuchs die Plätze in den Vereinen weg.

Diese Ansicht folgt nicht selten einer Übertragung der momentan problematischen Situation auf dem Arbeitsmarkt in die Stadien. So wird das eigene private Schicksal mit der Allgemeinheit des deutschen Fußballnachwuchses verknüpft.

In Äußerungen dieser Art schwingen also Ängste um den eigenen Existenzraum mit, die Anwesenheit farbiger Spieler wird als Bedrohung empfunden (mehr zu diesem Punkt in den Kapiteln zwei und vier ).

Es ist aber auch ein Klischee zu glauben, der Rassismus würde aus den gerade kurz angeführten Gründen nur von den Massen der unteren sozialen Schichten in die Stadien getragen. Viele rassistische Beleidigungen von den Rängen kommen auch aus dem Sitzplatzbereich, von wo aus die „besser Betuchten“ die Spiele verfolgen. Rassismus ist also nicht, wie häufig dargestellt, ein Problem der „unteren“ Schichten.

Zusätzlich zu den Sprechchören dienen auch weitere Materialien, zum Beispiel das (in vielen Bundesländern, z. B. NRW, Niedersachsen, Sachsen- Anhalt, Hessen, etc. seit 1993 untersagte) Hissen der Reichskriegsflagge vor den Absperrungsgittern zur politischen Meinungsäußerung. Oftmals sieht man auch Spruchbänder mit den Namen von neonazistischen Vereinigungen (z. B. „Deutsche Eiche“), den Namen der eigenen Fangruppierung („Borussenfront“) oder den Namen der Stadt, aus welcher der Verein stammt in altdeutscher Druckschrift („Gelsenkirchen“/ „Hamburg“). Banner mit dieser Schrift weisen oft auf eine „Fangemeinschaft“ mit rassistischem Gedankengut hin, da die Benutzung dieser Schriftart in Neonazi–Kreisen für Plakate und Transparente benutzt wird. Meiner Auffassung nach soll sie die symbolische Verbundenheit mit der „Guten, alten Zeit“ herstellen, in der Traditionsbewusstsein und konservative Werte, wozu auch eine strikte Abtrennung von allen kulturellen Andersartigkeiten gehört, hochgehalten wurden.

Die zweite Variante ist der „verhaltene“ Rassismus. Da er eher bei Vereinen oder Organisationen vorkommt, kann man ihn auch als „strukturellen Rassismus“ bezeichnen. Er äussert sich zum Beispiel durch eine Bemerkung des DFB-Präsidenten Neuberger, die in einer Linie mit dem Ideal der Vormachtstellung der heimischen Kultur steht: „ Es ist eine Identitätsfrage des Fußballsports, daß er überwiegend von Angehörigen der eigenen Nation ausgeübt und präsentiert wird. Das gilt mit Selbstverständnis für die Nationalmannschaft, gilt jedoch auch für den Fußballsport in der Spitzenklasse. Er erhält sein Eigenart und damit seine Akzeptanz gerade durch das ausschließlich oder überwiegende nationale Element.“ [zit. n. Die Werkstatt. Fußball und Rassismus. S.32. Hervorhebung durch mich.] Es ist müßig, fest zustellen, das es im Fußball kein „nationales Element“ gibt, da Fußball mit Taktik und körperlichen Fähigkeiten zusammenhängt, beide Komponenten sind trainierbar und nicht kulturell oder dispositiv. Man schaue sich zur Verdeutlichung dieses Faktes nur mal den Unterschied zwischen den WM-Finals von 1950 und von 1990 (beide mit deutscher Beteiligung) an.

Besonders die Rolle des DFB im Zusammenhang mit derlei Äußerungen zeigt die konservativen Tendenzen im Profifußball, denn der DFB als Zentralorgan ist neben seiner Aufsichtsfunktion zugleich auch Repräsentant des deutschen Fußballs. Sein Verhalten gegenüber ausländischen Spielern setzt den Maßstab für das Verhalten der Vereine.

Wie sich das Verhalten der Verantwortlichen im Fußball auf die Vereine und Fans auswirken kann, zeigt der (internationale) Fall eines italienischen Fußballvereins („Hellas Verona“), der die Nichtbeschäftigung eines farbigen Spielers mit mangelnder Akzeptanz seitens der „Fans“ begründete. (Auch in Deutschland gab es 1996 einen solchen Fall bei Hertha BSC Berlin. Damals wurde Sebastian Barnes, ein Südafrikaner, nicht verpflichtet, weil die „Fanproteste“ zu stark waren.) In Italien fallen besonders die „Fans“ von Lazio Rom und AS Rom immer wieder mit besonders rechtsradikalen, antisemitischen und gewaltverherrlichenden Parolen im Stadion auf. Auf einem Transparent im Stadion bei einem Revierderby am 29. November 1998 war in der Lazio- „Fankurve“ ein Spruchband zu lesen: „Auschwitz la vostra patria- i forni le vostre case!“ („Auschwitz- eure Heimat, die Öfen- eure Häuser!“) Rassismus im Stadion ist also kein deutsches Problem. Dies sollte aber die Fußballfunktionäre in der BRD nicht aus der historischen Pflicht nehmen, ein Exempel gegen den Rassismus in deutschen Fußballstadien zu setzen.

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Details

Seiten
24
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638126380
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4257
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Erziehungswissenschaft
Note
gut (-)
Schlagworte
Rassismus Geschlecht Fußballstadien Seminar Alltagsrassismus

Autor

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Titel: Rassismus und Geschlecht in deutschen Fußballstadien