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Die Rolle Angela Merkels bei der Wahl der Union bei der Bundestagswahl 2013

Eine empirische Analyse anhand Daten der GLES

Hausarbeit 2014 38 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlage
2.1 Das Ann-Arbor-Modell als Erklärungsgrundlage für individuelles Wahlverhalten
2.2 Bedeutungszuwachs der Kandidatenorientierung für das Wahlverhalten

3 Die Wahrnehmung Angela Merkels in der Bevölkerung vor der Bundestagswahl 2013

4 Hypothesen

5 Empirische Analyse
5.1 Daten
5.2 Operationalisierung
5.3 Methode
5.4 Ergebnisse

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

„Mutti machts“. So titelte die Berliner Tageszeit am Wahlabend der Bundestagswahl 2013. Als am 22. September 2013 der 18. Deutsche Bundestags gewählt wurde, konnten CDU/CSU 41, 5% der Zweitstimmen für sich gewinnen. Mit diesem Wahlerfolg erzielte die Union ihr bestes Ergebnis seit 1990. Die Medien waren sich einig, dass dieser Sieg vor allem der Kanzlerkandidaten der Union, Angela Merkel, zuzuschreiben sei. Angela Merkel, seit 2005 deutsche Bundeskanzlerin, ist bei den Deutschen so beliebt wie kein anderer Politiker und kaum eine politische Affäre kann scheinbar diese Beliebtheit trüben, was ihr laut Wikileaks-Unterlagen von amerikanischen Diplomaten den Spitznamen „Teflon-Merkel“ einbrachte. Doch in welchem Maße war Frau Merkel wirklich für den Wahlerfolg der Union verantwortlich? Der Einfluss der Kandidatenbewertung auf die Wahlentscheidung ist in der Politikwissenschaft umstritten (vgl. Ohr 2000; Brettschneider 2002; Pappi/Shikano 2001). Das Ann-Arbor-Modell als Erklärungsansatz für individuelles Wahlverhalten zählt die Einstellung zu Kandidaten – im Modell als Kandidatenorientierung bezeichnet – neben der Identifikation mit einer Partei und der Themenorientierung[1] als eine zentrale Erklärungsvariable von Wahlverhalten (vgl. Campbell et al. 1960; 1971). Nichtsdestotrotz fristete die Kandidatenbewertung in der Wahlforschung lange „ein Schattendasein“ (Gabriel/Vetter 1998: 506). Die Wahlentscheidung wurde maßgeblich von der Parteiidentifikation beeinflusst, sodass kandidatenorientiertes Wählen auf Individualebene empirisch nicht nachgewiesen werden konnte. Im Zuge der Abnahme der Parteibindung in den westlichen Demokratien (vgl. Dalton 2000) und der Personalisierung der Wahlkämpfe und medialen Berichterstattung (vgl. Schulz et al. 2000; McAllistair 2007) erfährt allerdings die Kandidatenorientierung in der letzten Zeit vermehrt Beachtung in der Wahlforschung, da durch diese beiden Phänomene ein Bedeutungsgewinn der Kandidaten für die Wahlentscheidung vermutet wird. Trotz vermehrter Analysen herrscht in der Forschung bisher noch kein Konsens hinsichtlich des Einflusses der Kandidatenorientierung. Daher geht die vorliegende Arbeit der Frage nach, welche Rolle die Bewertung Angela Merkels für die Wahl der Union bei der Bundestagswahl 2013 gespielt hat. Den theoretischen Rahmen der Arbeit bildet das 2. Kapitel, in dem zuerst das Ann-Arbor-Modell mit seinen drei zentralen Erklärungsfaktoren – Parteiidentifikation, Issue-und Kandidatenorientierung - vorgestellt wird, um anschließend die Kandidatenorientierung genauer zu beleuchten und ihren vermeintlichen Bedeutungszuwachs zu erläutern. Im 3. Kapitel wird die Wahrnehmung von Angela Merkel durch die Bürger im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 skizziert, um die Analyse in einen Kontext zu betten. Auf Grundlage der theoretischen Überlegungen und der dargestellten Wahrnehmung Merkels in der Öffentlichkeit werden im 4. Kapitel Hypothesen über das Wahlverhalten der Deutschen abgeleitet. Darauf folgt die empirische Analyse, zu deren Beginn zuerst die verwendeten Daten und darauf die Operationalisierung der in die empirische Analyse einfließenden Variablen vorgestellt werden. Im Anschluss werden die empirischen Ergebnisse dargestellt und interpretiert, um eine Antwort auf die Frage zu geben, inwiefern die Wahrnehmung von Persönlichkeitseigenschaft der Kanzlerkandidaten Angela Merkel eine Rolle bei der Bundestagswahl 2013 gespielt hat. Abschließend wird im letzten Kapitel ein Fazit gezogen.

2 Theoretische Grundlage

Um den Einfluss von Kandidatenbewertungen auf das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2013 wissenschaftlich untersuchen zu können, muss für die empirische Analyse vorab ein theoretischer Rahmen geschaffen werden. Dazu wird im Folgenden zuerst das Ann-Arbor-Modell aus dem sozialpsychologischen Ansatz mit seinen drei zentralen Einflussfaktoren – Parteiidentifikation, Issue- und Kandidatenorientierung - vorgestellt. Anschließend wird aus dem Modell die Kandidatenorientierung herausgegriffen und dargelegt, inwiefern die Einstellung zu Kandidaten an Bedeutung für das Wahlverhalten gewonnen hat.

2.1 Das Ann-Arbor-Modell als Erklärungsgrundlage für individuelles Wahlverhalten

Das Ann-Arbor–Modell (oder auch Michigan- bzw. sozialpsychologisches Modell genannt) wurde in den 60er Jahren von den Sozialwissenschaftlern Angus Campbell, Philip E. Converse, Warren E. Miller und Donald E. Stokes an der University of Michigan in Ann Arbor entwickelt[2]. Es zielt darauf ab, das Verhalten von Personen bei Wahlen vorauszusagen und zu erklären und das Modell ist bis heute der vorherrschende Erklärungsansatz in der empirischen Wahlforschung (vgl. Falter/Schumann/Winkler 1990: 4). Die Grundlage des Modells bildet der sozialpsychologische Ansatz, der aus Campbells et. al Studien „The Voter decides“ (1954) und „The American Voter“ (1960) generiert wurde. Campbell et al. erklären Wahlverhalten vor allem durch psychologische, individuelle Variablen, indem sie versuchen, die Wahlentscheidung einer Person auf deren politische Einstellung und Wahrnehmung zurückzuführen[3]. Im Ann-Arbor-Modell wird davon ausgegangen, dass die Stimmabgabe einer Person bei der Wahl nicht nur von einem einzelnen vorherrschenden Motivationsfaktor bestimmt wird, sondern durch mehreren individuellen Einstellungen. Wahlverhalten kann daher nur multikausal erklärt werden (vgl. Schoen/Weins 2005: 189). Das Zusammenwirken der einzelnen Einflussfaktoren verdeutlichen die Autoren durch das Bild eines Kausalitätstrichters, dem funnel of causality,[4]

Abbildung 1: Kausalitätstrichter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Dalton 2006: 178

Das Bild des Trichters unterstreicht zum einen den multikausalen Charakter des Wahlverhaltens und zum anderen wird deutlich, dass zwischen denen im Trichter enthaltenen Faktoren von links nach rechts eine zeitliche und kausale Abfolge besteht (vgl. Campbell et al. 1960: 24). Demnach werden im funnel of causality auch nur diejenigen Faktoren berücksichtigt, die relevant sind für die individuelle Wahlentscheidung. Den Kern des Modells bilden die drei politischen Einstellungen, welche sich unmittelbar vor der Trichtermündung befinden und somit die Wahlentscheidung maßgeblich beeinflussen: Die Identifikation mit einer Partei[5] (Parteiidentifikation), die Beurteilung der zu Wahl stehenden Kandidaten (Kandidatenorientierung) und die Bewertung der Position der Parteien und Kandidaten zu bestimmten politischen Sachthemen (Issue-bzw. Themenorientierung) (vgl. Campbell et al. 1971: 86). Diese wirken sowohl direkt als auch indirekt auf die Stimmabgabe und werden wiederrum durch – teilweise in der Vergangenheit liegende - Umwelteinflüsse beeinflusst[6] (vgl. Gabriel/Keil 2012: 56).

Von den drei politischen Einstellungen wird der Parteiidentifikation im Ann-Arbor-Modell die größte Bedeutung für das Wahlverhalten zugesprochen. Als langfristige und relativ stabile Variable ist sie den beiden kurzfristen Einstellungen – Kandidaten- und Sachfragenorientierung – kausal vorgelagert. Campbell et al. entwickelten das Konzept der Parteiidentifikation aus der Bezugsgruppentheorie[7]. Die Partei wird demnach als eine soziale Großgruppe angesehen, der sich eine Person zugehörig fühlen bzw. mit der sie sich identifizieren kann. Parteiidentifikation ist damit nicht mit einer formalen Parteimitgliedschaft gleichzusetzen, sondern ist als ein emotionales Zugehörigkeitsgefühl zu einer Partei –„a form of psychological membership“ (Campbell et al. 1960: 295) – zu verstehen. So können auch Nicht-Parteimitglieder sich mit einer bestimmten Partei identifizieren (vgl. Schoen/Weins 2005: 190). In die Parteiidentifikation fließen alle für das Individuum persönlich und politisch relevanten vorgelagerten Faktoren ein. Sie ist damit „als Destillat aller Ereignisse im Leben einer Person, die ihr Verhältnis zu einer politischen Partei beeinflusst haben“ (Schoen/Weins 2005: 195) anzusehen. Gebildet wird die Identifikation mit einer Partei in den meisten Fällen schon in der Jungend; stark beeinflusst durch die politischen Ansichten des Elternhauses und durch das soziale Milieu. Campbell et al. gehen zudem davon aus, dass sich eine Person immer nur mit jeweils einer Partei identifiziert (vgl. Dalton 2006: 180ff). Lange Zeit wurde die Parteiidentifikation in der Wahlforschung als ein „unmoved mover“ behandelt. Jedoch ist die Bindung an eine Partei keinesfalls von Umwelteinflüssen isoliert. Erfahrungen oder Wahrnehmungen, die mit der eigenen Parteiidentifikation konfligieren, können sich negativ auf die Stärke bzw. das Vorhandensein der Parteineigung auswirken (vgl. Fiorina 2002:99). Nichtdestotrotz konnte empirisch gezeigt werden, dass die Parteiidentifikation wesentlich stabiler als die beiden kurzfristigen Einstellungen ist und nur sehr selten vollkommen verschwindet (vgl. Falter et al. 2000: 265; Dalton 2006: 184f).

Die beiden kurzfristigen Variablen hingegen können sich je nach situativer Gegebenheit von Wahl zu Wahl verändern (vgl. Thaidigsmann 2012: 247). Die uns interessierende Variable, die Kandidatenorientierung, ist als Einstellung der Bürger zu den zur Wahl stehenden Kandidaten konzipiert[8]. Dabei fließen in die Bewertung sowohl persönliche Merkmale wie Attraktivität oder Sympathie als auch politische Eigenschaften wie Führungsqualität und Durchsetzungskraft der Kandidaten mit ein (vgl. Gabriel/Keil 2012: 63). Die Issue-Orientierung umfasst die Beurteilung des inhaltlichen Angebotes einer Partei und ihrer Kandidaten und wird hauptsächlich mittels der Bewertung der Parteien bzgl. Positions- und Performanzsachfragen durch die Wähler determiniert. Vorrausetzend für die Bildung einer Themen-Orientierung ist die Relevanz der politischen Sachfrage für den Bürger (vgl. Schoen/Weins 2005: 228). Positionsbasierte Sachfragen sind Fragen bzw. Probleme, bei denen die Antwort innerhalb der Gesellschaft umstritten ist, wie z.B. der Atomausstieg. Performanzsachfragen hingegen sind Themen, bei denen Einigkeit über das Ziel besteht (z.B. Vollbeschäftigung), jedoch fraglich ist, wie das Ziel erreicht werden soll bzw. welche Partei die größte Lösungskompetenz besitzt (Gabriel/Keil 2012: 59f)[9] [10].

Die Parteiidentifikation nimmt im Ann-Arbor-Modell eine zentrale Rolle ein, da sie in zweifacher Weise Einfluss auf das Wahlverhalten nimmt. Zum einen wirkt sie direkt auf die Stimmabgabe am Wahltag, indem sie als „standing decision“ (Key/Munger 1959: 286) für eine Partei das politische Verhalten des Bürgers beeinflusst. Eine Person, die sich mit einer bestimmten Partei identifiziert, wird diese im Normalfall auch wählen, außer die Kandidaten oder Themenpositionen „seiner“ Partei sagen dieser Person überhaupt nicht zu. Campbell et al. gehen weiterhin davon aus, dass Anhänger einer Partei überhaupt öfter zur Wahl gehen als Personen ohne eine Parteiidentifikation (vgl. Falter et al. 2000: 238). Zum anderen beeinflusst die Parteiidentifikation das Wahlverhalten vermittelt über die kurzfristigen politischen Einstellungen. Die Bindung an eine Partei wirkt als Wahrnehmungsfilter, welcher die Sicht des Bürgers auf das politische Gesehen beeinflusst. Die politische Realität wird dadurch subjektiv erfasst und die kurzfristigen Faktoren gemäß der Parteiidentifikation „eingefärbt“, so dass sich eine Einstellungskonsistenz ergibt. Dieser Kolorierungseffekt führt dazu, dass Anhänger einer bestimmten Partei die Kandidaten sowie die Standpunkte und Lösungsvorschläge zu Sachfragen ihrer Partei -im Gegensatz zu denen der Gegnerpartei- bevorzugen[11]. Dieser Effekt wird mit zunehmender Intensität der Identifikation stärker (vgl. Butler/Stokes 1969: 58; Falter et al. 2000: 264). Die Kandidaten- und Issue-Orientierung werden demnach maßgeblich von der Parteiidentifikation determiniert, auch wenn weitere Quellen wie z.B. die inhaltlichen Schwerpunkte im Wahlkampf, die kurzfristigen Variablen beeinflussen (vgl. Brettschneider 2002: 51; Dalton 2006: 201). Für den Effekt der Kandidatenorientierung, welcher für die vorliegende Arbeit von primären Interesse ist, ergeben sich dadurch folgende Konsequenzen: Indem die Bewertung der Kandidaten durch die Parteibindung beeinflusst wird, entfaltet die Einstellung zu den Kandidaten keine starke eigenständige Wirkung auf das Wahlverhalten, da ihr Effekt auf die Stimmabgabe zum größten Teil auf die Parteibindung zurückzuführen ist. Statistisch ausgedrückt: Kontrolliert man für die Parteiidentifikation, sollten sich – gerade bei Personen mit einer sehr starken Identifikation - keine bzw. nur sehr schwache Effekte für die Kandidatenorientierung ergeben[12] (vgl. Brettschneider 2002: 57). Wenn die Einstellungen zu den Spitzenkandidaten auf der Individualebene unter Kontrolle der Parteiidentifikation und der Themenorientierung einen eigenständigen Effekt auf die Wahlentscheidung ausüben, wird in der Wahlforschung von „Candidate Voting“ gesprochen. Voraussetzung dafür ist, dass die Bürger den Kandidaten kennen, ihn bewerten und ihn besser halten als seinen Gegenkandidaten (vgl. Brettschneider 2002: 57). Aufgrund des Kolorierungseffektes der Parteiidentifikation sollte Candidate Voting vor allem bei Personen auftreten, die keine langfristige Parteibindung aufweisen, während der eigenständige Effekt der Kandidatenorientierung bei Parteisympathisanten mit zunehmender Stärke der Identifikation abnehmen bzw. verschwinden sollte (vgl. Thaidigsmann 2012: 247). Zudem sollte sich der wahrgenommene Unterschied zwischen den Kandidaten positiv auf die Effektstärke der Kandidatenbewertung ausüben (vgl. Brettschneider 2002: 58).

Wenn zwischen den drei politischen Einstellungen Kongruenz herrscht, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Stimmabgabe im Sinne der Parteiidentifikation hoch. Stehen sie im Widerspruch lässt sich die Wahlentscheidung nicht eindeutig voraussagen. Je stärker aber die Parteibindung ist, desto wahrscheinlicher ist die Wahl der „eigenen“ Partei (vgl. Gabriel/Keil 2012: 57).

Es kann demnach festgestellt werden, dass die Identifikation mit einer Partei innerhalb des Modells die zentrale Rolle einnimmt. Zwar beeinflussen die beiden kurzfristigen Faktoren die Stimmabgabe auch, aber aufgrund des Kolorierungseffekts üben sie jeweils kaum einen eigenständigen Effekt auf das Wahlverhalten (von parteigebundenen Wählern) aus. Im Umkehrschluss ergibt sich, dass die Kandidatenorientierung – laut dem Modell - einen eigenständigen Einfluss auf das Wahlverhalten bei Personen ohne Parteibindung ausüben sollte, sodass bei diesen Wählern Candidate Voting zu beobachten sein sollte.

2.2 Bedeutungszuwachs der Kandidatenorientierung für das Wahlverhalten

Nachdem das Ann-Arbor-Modell und die Beziehungen zwischen den drei zentralen politischen Einstellungen innerhalb des Modells skizziert wurden, soll nun die Kandidatenorientierung näher beleuchtet werden. Die Einstellungen zu den Kandidaten und ihre Bedeutung für die Wahlentscheidung fristeten lange Zeit in der empirischen Wahlforschung „ein Schattendasein“ (Gabriel/Vetter 1998: 506). Der Fokus der deutschen Wahlforschung lag auf der Parteiidentifikation, aufgrund ihres starken Effektes auf das Wahlverhalten, und auf der Einstellung zu Sachfragen, da die Orientierung der Wahlentscheidung an politischen Themen der normativen Vorstellung des aufgeklärten Wählers entspricht (vgl. Brettschneider 2002: 56/57). Die Kandidatenorientierung wurde nichtdestotrotz als relevanter Faktor im Rahmen des Ann-Arbor-Modells bei Analysen zur Erklärung von Wahlverhalten im Kontext von Bundestagswahlen berücksichtigt (u.a. Falter/Rattinger 1983; Gabriel/Vetter 1998; Brettschneider 2001). Denn unabhängig von der Stärke des Effekts, ist es in der Wahlforschung – im Einklang mit den Annahmen des Ann-Arbor-Modells - unumstritten, dass die Beurteilung der Kandidaten einen Effekt auf die Wahlentscheidung von Individuen hat (vgl. Ohr et al. 2013: 208). Die Bedeutung der Kandidatenorientierung für den Bürger lässt sich vor allem funktional begründen. Spitzenkandidaten sind Anwärter für ein Amt, in dem meist für die Bürger wichtige Entscheidungen getroffen werden. Die Güte politischer Entscheidungen und der daraus für die Bürger resultierende Nutzen sind zwar nicht vollkommen, aber im hohen Maße, von den Qualitäten und Fähigkeiten des politischen Führungspersonals abhängig. Der politisch rationale Wähler (vgl. Downs 1957) lässt die Qualität der Kandidaten daher aus rein funktionale n Gründen mit in sein Wahlkalkül einfließen (vgl. Ohr et al. 2013: 208). „Voters may focus on the personal qualities of a candidate to gain important information about characteristics relevant to assessing how the individual will perform in office” (Dalton 2006: 215). Kandidatenorientierungen werden dementsprechend in der Wahlforschung nicht mehr ausschließlich als oberflächlich, emotional und irrational betrachtet, sondern ihnen wird auch einen funktionale und rationale Bedeutung für das Wahlverhalten zugesprochen (vgl. Dalton/Wattenberg 1993: 208; Schoen/Weins 2005: 234).

Während über den grundlegenden Einfluss der Beurteilung der Kandidaten Konsens herrscht, wird hingegen über die Stärke dieses Einflusses in der deutschen Wahlforschung heftig diskutiert (vgl. Ohr 2000; Brettschneider 2002; Pappi/Shikano 2001). Da in Deutschland die Bewerber für das Amt des Bundeskanzlers im Gegensatz zu den USA nicht direkt gewählt werden, wurde lange Zeit angezweifelt, ob sich aufgrund der institutionellen Unterschiede das Konzept der Kandidatenorientierung auf Deutschland übertragen lasse und man im Kontext von deutschen Wahlen eigenständige Kandidateneffekte finden könne (vgl. Gabriel/Keil 2012: 63). Jedoch wird der Kandidatenorientierung in der deutschen Wahlforschung seit den letzten Jahren vermehrt Beachtung geschenkt, da angenommen wird, dass die Beurteilung der Kandidaten an Bedeutung für die Wahlentscheidung gewonnen hat. Die Annahme des Bedeutungszuwachses lässt sich vor allem auf zwei Entwicklungen in den westlichen Demokratien zurückführen. Zum einen ist seit den 1980er Jahren ein Abschmelzen der Parteibindungen (Dealignment) in den westlichen Demokratien zu beobachten (vgl. Dalton 2000; Arzheimer 2012). Auch wenn sich in Deutschland immer noch die Mehrheit der Bürger mit einer Partei identifizieren, so sollten sich doch der kontinuierliche Rückgang der Parteiidentifikation und die Abnahme der Identifikationsstärke auf das Wahlverhalten auswirken (vgl. Arzheimer 2012: 243). Denn folgt man der Logik des sozialpsychologischen Ansatzes, sollte die Abnahme der Parteiidentifikation einen Bedeutungszuwachs der kurzfristigen Variablen zu Folge haben und damit auch der Bewertung der Kandidaten für die individuelle Wahlentscheidung an Einfluss gewinnen[13] (vgl. Gabriel/Vetter 1998: 509/Dalton 2006: 192/Arzheimer 2012: 243). Zum anderen kann seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Medialisierung der Politik festgestellt werden (vgl. Schluz et al. 2000: 414). Die politische Kommunikation hat sich dahingehend verändert, dass die Spitzenkandidaten immer mehr in das Zentrum von Wahlkämpfen und der allgemeinen Medienberichterstattungen gerückt werden (vgl. Ohr et al. 2013: 208). Auch wenn die Wahlkämpfe und die Berichterstattung keineswegs in dem Maße personalisiert sind, wie es in den USA der Fall ist, so zeigen sich auch in der deutschen Wahlkampfführung Tendenzen der Präsidentialisierung bzw. Personalisierung (vgl. Schulz et al. 2000; McAllistair 2007). So kann angenommen werden, dass die Bedeutung des Kanzlerkandidaten für die Wahlentscheidung in Deutschland sich der Bedeutung des Präsidentschaftskandidaten im US-amerikanischen Kontext annähert (vgl. Gabriel et al. 2009: 267). Die Personalisierung des Wahlkampfes und der Berichterstattung deutet also darauf hin, dass die Bewertung von Kandidaten einen zunehmenden Einfluss bzw. eigenständigen Effekt auf das individuelle Wahlverhalten ausübt. Ob und in welchem Maße die Personalisierung des Wahlkampfs zu einer Personalisierung des Wahlverhaltens führt, wird in der deutschen Wahlforschung strittig diskutiert (vgl. Ohr 2000; Pappi/Shikano 2001; Gabriel et al 2009). Nimmt man jedoch den Rückgang der Parteiidentifikation hinzu, so lässt sich begründet annehmen, dass die Einstellungen zu Kandidaten für die individuelle Wahlentscheidung an Bedeutung gewonnen haben und somit sich auch ein eigenständiger Effekt für die Kandidatenorientierung auf die Wahlabsicht zeigen sollte.

3 Die Wahrnehmung Angela Merkels in der Bevölkerung vor der Bundestagswahl 2013

In dem vorherigen Kapitel wurde die theoretische Grundlage vorgestellt und erläutert, inwiefern die Beurteilung der Kandidaten in den letzten Jahren an Bedeutung für die individuelle Wahlentscheidung gewonnen haben könnte. Nun soll die Wahrnehmung Angela Merkels in der Öffentlichkeit vor der Bundestagswahl 2013 skizziert werden, um Hinweise darauf zu finden, inwiefern sich die aus der Forschung ergebenden Annahmen über den Effekt der Kandidatenorientierung auch bei der Wahlentscheidung für die Union bei der Bundestagswahl 2013 zeigen könnte. Wie in Kapitel 2.1 erläutert wurde, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein, damit Candidate Voting auf Individualebene stattfinden kann: Die Wähler müssen den Kandidaten kennen, ihn evaluieren und ihn besser als seinen Gegenkandidaten bewerten (vgl. Schoen/Weins 2005: 238).

Angela Merkel ist seit 2005 deutsche Bundeskanzlerin und steht damit schon seit 8 Jahren im Fokus der Öffentlichkeit. Da sie bisher dreimal als Kanzlerkandidatin der Union zur Wahl angetreten ist (2005, 2009, 2013), hat Frau Merkel in den Wahlkampfzeiten zudem die vermehrte Aufmerksamkeit der Medien erfahren. Es scheint also gerechtfertigt, wenn angenommen wird, dass nahezu allen Deutschen Frau Merkel bekannt ist. Zudem war Angela Merkel vor der Bundestagswahl 2013 bei den deutschen Bürger außerordentlich beliebt. Die Forschungsgruppe Wahlen misst im Politbarometer[14] in regelmäßigen Abständen die Beliebtheit von deutschen Spitzenpolitikern, indem die Befragten (wahlberechtigte Personen ab 18 Jahren) die Politiker auf einer Skala von -5 bis + 5 bewerten sollen[15] (vgl. http://www.forschungsgruppe.de/Umfragen/Politbarometer/Archiv/Politbarometer_2013/).[16] Abbildung 2 zeigt die Skalenwerte bzw. „Noten“ für Angela Merkel und ihren Gegenkandidaten, den Kanzler-bzw. Spitzenkandidaten der SPD, Peer Steinbrück[17], während des Wahlkampfes zwischen Januar und September 2013.

Abbildung 2: Bewertung von Angela Merkel und Peer Steinbrück

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Politbarometer, Januar – September 2013; eigene Darstellung

Aus der Abbildung wird ersichtlich, dass Frau Merkel vor der Bundestagswahl 2013 von den deutschen Wählern sehr positiv bewertet worden ist, da ihre Werte über den ganzen Wahlkampf mit nur leichten Schwankungen im mittleren positiven Bereich liegen. Zudem besteht eine große Differenz zu ihrem Gegenkandidaten Peer Steinbrück. Während Angela Merkel – außer im Juni 2013 - immer einen Wert vorweisen kann, der größer als 2 ist, kommt der SPD-Spitzenkandidat bis zum Wahlkampfende im September nicht über den Wert von 0,5 hinaus. Zwar kann er kurz vor der Wahl bei den Wählern noch an Sympathie gewinnen (0,8), jedoch besteht zu diesem Zeitpunkt zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück immer noch eine Differenz von 1,4 Skalenpunkten. Es lässt sich also zusammenfassend feststellen, dass Angela Merkel vor der Bundestagswahl 2013 bei den deutschen Wählern im Vergleich zu ihrem direkten Gegenkandidaten sehr beliebt war und ihr „Sympathie-Vorsprung“ gegenüber Peer Steinbrück über den ganzen Wahlkampf hinweg konstant geblieben ist. Damit sollten bei Angela Merkel im Kontext der Bundestagswahl 2013 die Voraussetzungen für kandidatenorientiertes Wählen, d.h. für Candidate-Voting, gegeben sein: Es kann angenommen werden, dass die Wähler Angela Merkel kennen, sie bewertet haben und ihr Urteil – im Durchschnitt - über sie besser ausfällt als über ihren direkten Gegenkandidaten Peer Steinbrück.

4 Hypothesen

Nachdem die theoretische Grundlage und die kontextuelle Situation vor der Bundestagswahl 2013 erläutert wurden, sollen nun aus den gewonnenen Erkenntnissen Hypothesen über das Wahlverhalten der Bürger zugunsten der Union bei der Bundestagswahl 2013 abgeleitet werden.

Wie in Kapitel 2.1 dargestellt, üben laut dem Ann-Arbor-Modell neben der Bewertung der Kandidaten auch die Parteiidentifikation sowie die Issue-Orientierung einen Einfluss auf das individuelle Wahlverhalten aus. Die vorliegende Arbeit hat sich bisher vor allem mit der Kandidatenorientierung und ihrem vermeintlichen Bedeutungszuwachs für die Wahlentscheidung auseinandergesetzt. Trotz dieses angenommenen Bedeutungszuwachses sollen die anderen beiden Determinanten – Parteiidentifikation und Issue-Orientierung – nicht außer Acht gelassen werden. In der Wahlforschung ist es unumstritten, dass die Bindung an eine Partei sowie die Issue-Orientierung einen maßgeblichen Effekt auf die individuelle Wahlentscheidung ausüben und jüngere Studien haben diese Effekte für die letzte Bundestagswahl (2009) erneut belegt (vgl. Blumenstiel/Rattinger 2011; Fürnberg/Steinbrecher 2013; Ohr et al. 2013). Daher wird vermutet, dass auch bei der Bundestagswahl 2013 die Parteiidentifikation mit der Union sowie die Issue-Orientierung die Wahlabsicht zugunsten der Union beeinflusst habe. Hypothese 1 wird dementsprechend folgendermaßen formuliert:

[...]


[1] Im Folgenden werden Themen- und Issue-Orientierung synonym verwendet.

[2] Da das Modell in den USA entwickelt wurde, wurde es auch speziell auf den US-amerikanischen Kontext konzipiert. Jedoch konnte hinreichend gezeigt werden, dass das Ann-Arbor-Modell sich auch in Deutschland anwenden lässt (vgl. Bürklin/Klein 1998: 57).

[3] Indem das Wahlverhalten auf individuelle Einstellung zurückgeführt wird, grenzt sich der sozialpsychologische deutlich von dem, damals die Wahlforschung dominierenden, mikrosoziologischen Ansatz von Lazarsfeld et al (1968) ab, welcher soziodemographische Merkmale als Erklärungsfaktoren heranzieht (vgl. Lazarsfeld et al. 1968: 27). Demnach stellt der sozialpsychologische Ansatz eine „Verlagerung der Erklärung der Wahlentscheidung von gruppenbezogen-soziologischen Faktoren zu individualpsychologischen Variablen“ (Bürklin/Klein 1998: 57) dar. Für eine detaillierte Darstellung des mikrosoziologischen Ansatzes siehe Schoen 2005: 137-145.

[4] Mit dem Kausalitätstrichter modifizierten die Autoren ihr ursprüngliches Modell, nachdem ihnen ein psychologischer Reduktionismus vorgeworfen wurde. Da sie Wahlverhalten in „The Voter decides“ mit politischen Einstellungen erklären, die sehr nahe an dem zu erklärenden Phänomen, der Stimmabgabe, liegen, würde es sich bei der festgestellten Kausalität eher um eine Trivialität handeln (vgl. Schoen/Weins 2005: 193)

[5] Im Folgenden werden Parteiidentifikation, Parteibindung und Parteisympathie synonym im Sinne des Parteiidentifikations-Konzeptes von Campbell et al. verwendet.

[6] Wie aus Abb. 1 zu entnehmen ist, berücksichtigen Campbell et al. neben den politischen Einstellungen auch den Einfluss von sozialstrukturellen Merkmalen. Diese wirken jedoch nicht unmittelbar auf das Wahlverhalten, sondern nur vermittelt über die politischen Einstellungen. Die politischen Einstellungen sind demnach als Produkt der Auseinandersetzung des Individuums mit den sozialen Strukturen anzusehen (vgl. Gabriel/Keil 2012: 55). Daher müssen den Autoren auch die sozialstrukturellen Merkmal bei der Erklärung von individuellem Wahlverhalten nicht zwingend berücksichtigt werden, da sie schon in den in der politischen Einstellungen enthalten sind und diese alle relevanten Einflüsse vorgelagerter Faktoren enthalten (vgl. Campbell et al. 1960: 117-119).

[7] Für eine detaillierte Darstellung der Bezugsgruppentheorie siehe Merton 1957.

[8] Wenn im Folgen von Beurteilung, Bewertung, Evaluation der und Einstellungen zu den Kandidaten die Rede ist, ist immer die Kandidatenorientierung gemeint.

[9] Campbell et al. zählen zu den kurzfristigen Einstellungen zudem noch die Beurteilung der Regierungsfähigkeit der Parteien und die Orientierung der Parteien gegenüber sozialen Gruppen. Diese „parteibezogenen Einstellungen“ bilden strenggenommen eine weitere kurzfristige Determinante. In der Literatur jedoch wird das Ann-Arbor Modell beschränkt auf die Einstellungen gegenüber Kandidaten und politischen Sachfragen dargestellt (vgl. Schoen/Weins 2005: 197).

[10] Neben den drei zentralen politischen Einstellungen berücksichtigen Campbell et al. noch weitere Faktoren, wie z.B. die wirtschaftliche Lage oder das Institutionengefüge, die Einfluss nehmen auf das Wahlverhalten (vgl. Arzheimer 2007: 69).

[11] Jedoch konnten auch Effekte der kurzfristigen Faktoren auf die Parteibindung empirische nachgewiesen werden, wobei sie sich vor allem auf die Stärke und nicht auf die Richtung der langfristigen Parteineigung ausüben. In Panel-Studien wurde allerdings gezeigt, dass die Parteiidentifikation stabiler als die Themen –und Kandidatenorientierung ist, sodass dieser Punkt im Folgend vernachlässigt wird (vgl. Brettschneider 2002: 51ff).

[12] Für den Effekt der Issue-Orientierung ergeben sich analogen Folgen. Für ein detaillierte Darstellung siehe Schoen/Weins 2005: 228f.

[13] Als Alternative wäre auch denkbar, dass sich aufgrund des Dealignment der sozialpsychologische Ansatz nicht mehr eignet, um Wahlverhalten befriedigen erklären zu können (vgl. Gabriel/Vetter 1998: 509)

[14] Die genaue Beschreibung der verwendeten Politbarometerdaten findet sich im Anhang.

[15] Die genaue Frageformulierung lautet: „ Bitte sagen Sie mir wieder mit dem Thermometer von plus 5 bis minus 5, was Sie von einigen führenden Politikern und Politikerinnen halten. "Plus 5" bedeutet, dass Sie sehr viel von dem Politiker halten. "Minus 5" bedeutet, dass Sie überhaupt nichts von ihm halten“

[16] Das Politbarometer führ in manchen Monaten zwei Befragungen durch, in machen Monaten nur eine. Falls zwei Befragungen durchgeführt wurden, wurden nur die Werte aus der ersten Befragung im jeweiligen Monat berücksichtigt.

[17] Es wird hier nur auf Peer Steinbrück als Kontrahent eingegangen, da dieser als Spitzenkandidat der SPD als einziger von Merkels Gegenkandidaten mit ihr im direkten Wettbewerb um das Amt des Kanzlers stand und angenommen wird, dass daher die Wähler vor allem diese beiden Personen bei der Bildung einer Kandidatenorientierung miteinander verglichen haben.

Details

Seiten
38
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668706354
ISBN (Buch)
9783668706361
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426009
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Candidate Voting Wahlverhalten Wahlen Wähler Voting Behaviour Voting Bundestagswahl Bundestagswahl 2013 Angela Merkel Personenwahl Personalisiertes Wahlverhalten

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Titel: Die Rolle Angela Merkels bei der Wahl der Union bei der Bundestagswahl 2013