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Die Kunst des hautnahen Erlebnisses. Eine exemplarische Analyse der Erzähltechnik des Tacitus in Buch IV der Annalen

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Mittel- und Neulatein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Leser mitten im Geschehen
2.1 Tac. Ann. IV, 50, 3f.
2.2 Tac. Ann. IV, 51, 1

3.Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1 Textausgaben und Kommentare
4.2 Grammatiken und Lexika
4.3. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Publius Cornelius Tacitus, über dessen Leben aufgrund mangelhafter Quellenlage nicht viel bekannt ist, bildet mit seinen Annalen den Endpunkt einer dreihundertjährigen Tradition römischer Geschichtsschreibung. Er beschreibt darin die Geschichte des julisch-claudischen Geschlechts von Tiberius an. Von den ursprünglich vermuteten 16 Büchern sind mit Lücken nur die Bücher 1-6 und 11-16 erhalten.

Der Stil des Tacitus ist im Laufe der Zeit bereits vielfach betrachtet, analysiert, kommentiert und Bewertungen unterzogen worden; und das zu Recht: Er galt als einer der bedeutendsten Redner seiner Zeit. Und auch heute werden seine Werke noch gewürdigt. Manfred Fuhrmann bezeichnet die taciteische Geschichtsschreibung als „erhabene Kunstprosa par excellence“[1], die durch die sprachliche Nähe zu Sallust, Prägnanz, antithetische Strukturen, Inkonzinnität, scharfe Präzision, epigrammatische Zuspitzung und Direktheit charakterisiert ist.

Insgesamt gilt die Sprache des Tacitus oft aber als schwer verständlich, was jedoch der faszinierenden Wirkung seiner Historiographie keinen Abbruch tut.

Sprache scheint bei Tacitus nicht bloßes Medium für die Darstellung von Geschichte zu sein, denn schon bevor eine Episode, also der Inhalt, zu Ende erzählt ist, wird der Leser bereits von der Form gefesselt. Jean Baptiste Racine, einer der wichtigsten Autoren der französischen Klassik, vermochte es, den Reiz der taciteischen Sprache gut auf den Punkt zu bringen, indem er ihn als „le plus grand peintre de l'antiquité“ bezeichnete.

Obwohl Tacitus’ Geschichtsschreibung auf den ersten Blick sehr sachlich nüchtern und in vielen Passagen schmucklos wirkt, was gerade durch die Kürze und Präzision seiner Sprache erzeugt wird, gelingt es ihm dennoch, an bestimmten Stellen mit einer derartig bildlichen Darstellung zu fesseln, dass das vom Autor erschaffene Bild geradezu lebendig wird und den Leser mitten ins Geschehen hinein zieht.[2]

F. R. D. Goodyear bezeichnet Tacitus in diesem Zusammenhang sogar als „prose poet“ und benennt seinen Stil als „pictorial-dramatic presentation“.[3] Und N. P. Miller würdigt in diesem Zusammenhang die Vielseitigkeit des taciteischen Stils: „ […] a style which, in its structure and vocabulary, ranges from the reflective to the dramatic, from narrative to character presentation.“[4]

Tacitus lässt Bilder wie auf einer Leinwand entstehen, in die man aufgrund ihrer Lebendigkeit entweder völlig eintauchen kann oder sich davor stellen und langsam jedes einzelne Detail bewundern kann. Es existiert hierbei eine Balance zwischen stillem Betrachten einer wie eingefrorenen Szene und dem Miterleben eines bewegten und wie in filmischer Sequenz abgebildeten Geschehnisses. In beiden Fällen fühlt es sich an wie ein hautnahes Erleben von Geschichte, egal wie groß der zeitliche Abstand zum Gegenstand der Darstellung auch sein mag.

Im Folgenden soll anhand eines kleinen Auszuges des vierten Buches der Annalen, das die Jahre 23-28 n. Chr. beschreibt und Thema des Proseminars war, untersucht werden, wie Tacitus diese Wirkung durch Verwendung von Vokabular, Stilmittel und Grammatik erzielt. Dazu werden die Übergänge von Kapitel 50 und 51 näher betrachtet werden. An passenden Stellen werden andere Historiographen, in dessen Tradition Tacitus unzweifelhaft steht, als Vergleichspunkte herangezogen werden.

Zuletzt ist zu sagen, dass dieser Arbeit die Textausgabe von Stephan Borzsák und Kenneth Wellesley zugrunde liegt. Bei allen weiteren erwähnten Stellen folge ich aber den Ausgaben, die in der Library of Latin Texts und im Lexicon Taciteum Verwendung gefunden haben, da meine Recherchen über die Verwendung und Häufigkeit von Tacitus’ Vokabular auf diesen beruhen.

2. Der Leser mitten im Geschehen

Tacitus gelingt es auf vielfältige Art und Weise, den Leser direkt mit an den Ort des von ihm beschriebenen Geschehens zu nehmen und die Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern neu zum Leben zu erwecken. Ronald Mellor nennt Tacitus’ Können “mastery of literary narrative”[5] und bemerkt: […] His aim, as with all great historians, is not merely to record the past but to recreate it for the reader.”[6]

Im Folgenden werden verschiedene Ebenen seiner Erzähltechnik differenziert dargestellt und an einem konkreten Beispiel aus Buch IV der Annalen erläutert. Die Erläuterungen beziehen sich hauptsächlich auf die Kapitel 50 und 51 des vierten Buches, in denen es um die Kämpfe gegen thrakische Bergvölker im Jahr 26 n. Chr. geht. Der Textauszug zählt also zu den im Verhältnis zu anderen Geschichtswerken wenigen Kriegsdarstellungen in den Annalen.[7]

Eine allumfassende Analyse der Sprache des Tacitus ist aufgrund des Rahmens einer Proseminararbeit nicht vorgesehen und würde in Anbetracht der Größe des Textkorpus an dieser Stelle zu weit führen.[8] Außerdem ist der Stil des Tacitus nicht überall der gleiche, sondern kann auch innerhalb eines Kapitels im einen oder anderen Satz durchbrochen werden[9], weshalb auch in den untersuchten Stellen keine generellen Gesetzmäßigkeiten manifestiert werden sollen. Es gilt vielmehr, die auffälligsten und häufigsten Charakteristika herauszustellen, und somit zu einem tieferen und keinem allgemein- oder gar endgültigen Verständnis der Erzählkunst und der Sprache des Tacitus zu gelangen.

2.1 Tac. Ann. IV, 50, 3f.

Die kriegerische Auseinandersetzung mit den thrakischen Bergvölkern beginnt schon in Kapitel 46 des vierten Buches der Annalen. Der Übergang der Erzählweise von Kapitel 50 auf Kapitel 51 ist jedoch signifikant und charakterisiert das stilistische Können des Tacitus am Besten. Deshalb beginnt die Analyse auch genau hier:

At iuventus Tarsam inter et Turesim distrahebatur. Utrique destinatum cum libertate occidere, sed Tarsa properum finem, abrumpendas pariter spes ac metus clamitans dedit exemplum demisso in pectus ferro, nec defuere, qui eodem modo oppeterent. Turesis sua cum manu noctem opperitur, haud nescio duce nostro: igitur firmatae stationes densioribus globis. Et ingruebat nox nimbo atrox, hostisque clamore turbido, modo per vastum silentium, incertos obsessores effecerat, cum Sabinus circumire, hortari: ne ad ambigua sonitus aut simulationem quietis casum insidiantibus aperirent, sed sua quisque munia servarent immoti telisque non in falsum iactis.[10]

Aber die wehrfähigen Männer wurden zwischen Tarsa und Turesis geteilt. Beide waren entschlossen, mit Freiheit unterzugehen, aber Tarsa rief, das Ende sei eilend und man müsse sich zugleich von Hoffnung und Furcht losreißen und statuierte ein Exempel, indem er sich das Schwert tief in die Brust stieß, und es mangelte nicht derer, die auf die selbe Art starben. Turesis wartete mit seiner Truppe auf die Nacht, was durch unseren Anführer kaum unbemerkt blieb: Deshalb wurden die Wachen mit verstärkter Schar dichter aufgestellt. Und die Nacht brach herein mit heftigem Regen, durch ihr heftiges Geschrei, bald durch tiefe Stille, hatten die Feinde bewirkt, dass die Belagerer unsicher wurden, als Sabinus umherging und sie ermahnte, damit sie denen, die den Hinterhalt stellten, keine Gelegenheit zu zweideutigen Geräuschen oder zur Vortäuschung von Stille eröffneten, sondern jeder seinen Posten wahrte und unbeweglich seine Geschosse nicht fälschlich werfe.

In Kapitel 50 von Buch IV der Annalen werden die Ereignisse kurz vor den Kampfhandlungen beschrieben. Unter den Thrakern herrscht Uneinigkeit bezüglich des weiteren Vorgehens gegen die römischen Gegner.

Der gewählte Ausschnitt beginnt mit einer abbildenden Wortstellung: Tarsam inter et Turesim. Die Präposition inter steht nach dem ersten Objekt und wird gleichzeitig von beiden Objekten umschlossen, sodass auch durch die Satzstellung die Trennung der zwei Gruppen deutlich wird. Die Trennung ist also schon vollzogen, bevor überhaupt das Prädikat distrahebatur folgt, das die eigentliche Verbalhandlung enthält und auf die Spaltung in zwei Lager verweist.[11] Sogar schon allein das Präfix des Verbs distrahere schafft eine Form der Abgrenzung. Somit ist in diesem Satz nicht nur das Verb allein bedeutungstragend, sondern die Satzstellung und die Wortverwendung sind ebenso konstitutive Elemente für die bildliche Darstellung der Zersplitterung in zwei Lager. Durch die Verwendung des Imperfekts wird ein statisches Bild erzeugt, das einen sachlichen Charakter und Dauer ausstrahlt.

Im folgenden Indefinitpronomen utrique wird diese Zweiteilung scheinbar zunächst wieder aufgelöst und wieder eine gemeinsame Basis zwischen beiden Gruppen geschaffen, nur um gleich darauf mit der Konjunktion sed erneut eine Differenzierung hervorzurufen. Dieses Hin und Her spiegelt die in der Situation herrschende Unruhe und Hektik wieder, die durch die gehäufte Verwendung von Partizipien zur Verkürzung des Berichts wie z.B. destinatum und clamitans verstärkt wird. Das Verb clamitare unterstützt diesen Effekt noch, da es an sich schon eine Verstärkung vom bloßen clamare darstellt und bei Tacitus regen Gebrauch (allein die Form clamitans bei Tacitus achtmal, bei Livius sogar dreizehnmal) findet.[12]

Die zeugmatische Setzung angefangen bei properum finem, sowie die Verkürzung in qui eodem modo oppeterent, bei der man eigentlich die zusätzliche Setzung eines Akkusativobjektes wie mortem erwarten würde, unterstützen dies ebenfalls. Die intransitive Verwendung von oppetere scheint vor Tacitus nahezu ausschließlich poetisch gewesen zu sein. Es ist an dieser Stelle umstritten, ob properum finem als oratio obliqua oder als direkte Rede zu verstehen ist.[13] Ich habe mich in meiner Übersetzung für oratio obliqua entschieden, da somit ein stimmiger Übergang zum gleich darauf folgenden abrumpendas geschaffen wird.

Die folgenden Ereignisse werden in kurzen Sätzen wiedergegeben, bis erneut einzelne schnell aufeinander aufbauende Sequenzen geschildert werden. Die Beschreibung von Unwettern und Stürmen erfolgt wie so häufig auch hier mithilfe des Adjektivs atrox, die prosaische Verwendung vom vorrangig dichterischen nimbus anstatt imber ist dagegen eher selten.

Eine Verkürzung wird hier bei modo per vastum silentium deutlich, da die Adverbiale modo nur im zweiten Glied und nicht schon vor dem ersten gesetzt wird. Ein zweites modo würde gewissermaßen auch als verbindendes Glied dienen, was aber die antithetische Struktur, die bei clamor und silentium vorliegt, nicht abbilden würde. Jedes der Elemente für sich bekommt mehr Gewicht und es wird durch die Auslassung nichts genannt, was sie miteinander verbinden könnte. Ohnehin sind die beiden Glieder von der Bedeutung zwar ähnlich, grammatikalisch liegt aber bei clamore turbido ein Ablativ vor, während die zweite Komponente mit per und Akkusativ konstruiert wird. Per verstärkt in diesem Zusammenhang die Vorstellung der räumlichen Ausdehnung der Stille, zumal vastus häufig zur Beschreibung von Territorien gebraucht wird.

Die Antonymie zwischen clamor und silentium verleiht der Darstellung durch ihren stark oppositionellen Charakter Lebendigkeit und greift gleichzeitig die Gegensätzlichkeit der vorher beschriebenen Lager von Tarsa und Turesis erneut auf, sodass die Bewegung innerhalb des Satzes durch die Entgegensetzung kurz unterbrochen wird.[14] Als Leser schweift der Blick dadurch noch einmal über die Gesamtheit des Geschehens, das imaginäre Bild der Szenerie wird wieder greifbarer.

Am Ende des Satzes wird der Blick auf die Gegenseite zu Sabinus gelenkt. Besonders ist hier die Verwendung eines historischen Infinitivs nach einem cum-Inversum.

Die Aufforderung des Sabinus beginnt mit einem verneinten Begehrsatz mit ne, wird dann aber statt mit einem erwarteten ut im Finalsatz durch ein bloßes sed weitergeführt.

Die Verwendung der absoluten Tempora geht im letzten Satz des Kapitels langsam in die Verwendung historischer Infinitive über, wodurch auf die folgende lebhafte Kampfdarstellung hingewiesen wird.

Dieses Phänomen findet sich zuerst bei Sallust und auch bei Livius und mag aus dem Streben nach Variatio entstanden sein.[15]

[...]


[1] Manfred Fuhrmann: Geschichte der römischen Literatur, Stuttgart 1999, S. 459.

[2] Vgl. F. R. D. Goodyear: Tacitus, in: Greece & Rome. New surveys in the Classics No. 4, London 1970, S. 22: […] Tacitus has supreme skill in presenting scenes visually, in catching and highlighting details of gesture and movement, not least so with crowd scenes […].”

[3] Ibidem, S. 22f.

[4] N. P. Miller: Tacitus’ Narrative Technique, in: Greece & Rome, Vol. 24, No. 1 (April 1977, S. 16.

[5] Vgl. Ronald Mellor: Tacitus, New York 1993, S. 117.

[6] Ibidem, S. 116.

[7] Der Fokus liegt meist mehr auf dem Innenpolitischen und auf der Darstellung der Akteure auf der politischen Bühne der damaligen Zeit, vgl. dazu die Rechtfertigung des Tacitus: Tac. Ann. IV, 32.

[8] Weiterführend zum generellen Stil des Tacitus s. z.B. Einar Löffstedt: Über den Stil bei Tacitus, in: Tacitus, hrsg. von Viktor Pöschl, Darmstadt 1969, S. 89-103.

[9] Vgl. dazu auch z.B. Rudolf Enghofer: Der Ablativus Absolutus bei Tacitus, Würzburg 1961, S. 8ff. und auch S. P. Oakley: Style and language, in: The Cambridge Companion to Tacitus, hrsg. von A. J. Woodman, Cambridge 2009, S. 195-211 oder Clarence W. Mendell: Tacitus. The man and his work, London 1957, S. 71ff.

[10] Cornelii Taciti Libri qui Supersunt, hrsg. von Stephan Borzsák und Kenneth Wellesley, Tomus I: Ab excessu divi Augusti libri I-VI, Stuttgart und Leipzig 1992.

[11] Vgl. P. G. W. Glare (Hrsg.): Oxford Latin Dictionary, Second Edition, Vol. I, Oxford 2012: distraho – to separate into parties or camps, divide; to estrange from each other.

[12] A. Gerber, A. Greef (Hrsg.): Lexicon Taciteum, Leipzig 1903, S. 175.

[13] Vgl. Tacitus: Annals, Book IV (Cambridge Greek and Latin Classics), hrsg. von R. H. Martin und A. J. Woodman, Cambridge 1989, S. 212.

[14] Vgl. Bernd-Reiner Voss: Der pointierte Stil des Tacitus, Münster 1963, S. 24.

[15] Vgl. Ronald Syme: Tacitus, Vol. 1, Oxford 1958, S. 342.

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668708686
ISBN (Buch)
9783668708693
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426574
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
kunst erlebnisses eine analyse erzähltechnik tacitus buch annalen

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