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Gewaltfreie Kommunikation als Grundlage eines lebensbereichernden Umgangs mit Konflikten

Hausarbeit 2005 35 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung in die Thematik

2. Die Anatomie einer Nachricht
2.1 Das Nachrichten-Quadrat
2.1.1 Erste Seite einer Nachricht: der Sachinhalt
2.1.2 Zweite Seite einer Nachricht: die Selbstoffenbarung
2.1.3 Dritte Seite einer Nachricht: die Beziehung
2.1.4 Vierte Seite einer Nachricht: der Apell
2.2 Nonverbale Nachrichten
2.3 Die Auslegung / die Deutung einer Nachricht

3. Einführung in das Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation
3.1 Lebensentfremdende Kommunikation
3.2 Gewaltfreie Kommunikation
3.2.1 Die vier Komponenten des GFK-Modells
3.2.2 Verknüpfung der vier Komponenten
3.3 Reaktionsmöglichkeiten auf negative Äußerungen
3.4 Geben von Empathie
3.4.1 Paraphrasieren
3.4.2 Schwierigkeiten in Bezug auf empathisches Aufnehmen
3.5 Wut und Äreger aus Sicht der GFK
3.5.1 Verständnis von Ärger
3.5.2 Umgang mit Wut

4. Fazit und Abschlussreflexion

5. Literaturliste

1. Einführung in die Thematik

Die Untersuchung zwischenmenschlicher Kommunikation und des individuellen, menschlichen Kommunikationsverhaltens nimmt bei der Betrachtung zwischenmenschlicher Konflikte eine zentrale Stellung ein.

Unter Kommunikation ist in diesem Sinnzusammenhang ein wechselseitiger und intentionaler Prozess des Sendens und Empfangens von Informationen, Nachrichten und Botschaften zu verstehen, der zwischen Personen oder Personengruppen stattfindet.

(vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikation_(Psychologie)).

Die Begriffe Interaktion und Kommunikation sind eng miteinander verknüpft und werden in dieser Arbeit synonym verwendet (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Interaktion). Sprachliche Kommunikation geschieht, indem der Sender durch auditive Signale (Sprechen, Schreien, Flüstern, etc.) Informationen an den Empfänger sendet.

Nonverbale Kommunikation vollzieht sich durch das Versenden von Informationen durch die Körpersprache (Gestik, Mimik) (vgl. Brockhaus 1996-99). Dem sind noch subtilere Aus- drucksformen hinzuzufügen, wie beabsichtigtes Schweigen, Ignorieren des Interaktionspart- ners oder bestimmter Sachverhalte sowie gezielter Kontaktvermeidung. Hieraus leitet sich auch der Grundsatz ab: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick 1972:53).

Der Begriff Konflikt ist aus dem Lateinischen Wort ‚confligere’ abgeleitet, was soviel bedeu- tet wie (etwas) laut auf- oder gegeneinander schlagen (vgl. Beck/Schwarz 1995:21). Somit im- pliziert das Wort in seiner Wurzel den Zündstoff und die Explosivität, die einem Konflikt in- newohnen. Diese sind, je nach Art des Konfliktes, von unterschiedlicher Intensität und können durchaus im Verborgenen bleiben (sowohl für Außenstehende als auch für die Konfliktpartei- en).

Im Kontext dieser Darstellung sind in erster Linie Konflikte von Relevanz, die zwischen mindestens zwei Personen stattfinden und als soziale bzw. interpersonale Konflikte bezeich- net werden können. Das Gegenstück hierzu bilden intrapersonale oder persönliche Konflikte. Sie spielen sich in der Innenwelt eines Menschen ab (vgl. a.a.O.:34). Im Rahmen dieser Arbeit sind sie nur in Rückkopplung, Wechselwirkung und Überschneidung mit interpersona- len Konflikten von Bedeutung. Es soll hier aber kein besonderes Augenmerk auf sie gelegt werden.

Soziale oder interpersonale Konflikte sind definiert als Spannungssituationen zwischen mindestens zwei Parteien, die miteinander in Beziehung treten. Die Spannung beruht auf scheinbaren oder realen Unvereinbarkeiten im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Wollen und/oder Handeln. Im Konfliktfall empfindet wenigstens eine Seite die andere als Beeinträchtigung ihrer eigenen Interessen (vgl. a.a.O.:22f).

Konfliktmanagement befasst sich mit Maßnahmen zur Verhinderung aufkommender sowie mit der Be- und Aufarbeitung bestehender Konflikte. Es beabsichtigt, eine weitere Ausbreitung oder Eskalation eines oder mehrerer Konflikte zu verhindern.

(vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Konfliktmanagement; Stand: 25.05.05, siehe Anhang).

2. Die Anatomie einer Nachricht

2.1 Das Nachrichten-Quadrat

Zunächst ist es sinnvoll, das „Sender-Empfänger-Modell“ (Fittkau/Müller-Wolf/Schulz von Thun 1977:16) nach Schulz von Thun, auch „Nachrichten-Quadrat“ (Schulz von Thun 2001:44) genannt, in Augenschein zu nehmen. Dieses liefert einen guten Ausgangspunkt zur Verdeutlichung der Vielschichtigkeit zwischenmenschlicher Interaktion und der damit verknüpften Probleme und Schwierigkeiten:

Bei Kommunikationsabläufen schickt ein Sender sein Anliegen an einen Empfänger. Dieses Anliegen wird dabei in erkennbare Zeichen (z.B. Worte) verschlüsselt bzw. kodiert und als Nachricht bezeichnet. Eine Nachricht ist ein Gebilde aus mehreren Botschaften. Diese Bot- schaften sind vier unterschiedlichen Bereichen zuzuordnen. Am einfachsten und anschaulichs- ten lässt sich dies anhand eines Beispiels erläutern. Hierzu soll eine Gesprächssituation dienen, wie sie sich im alltäglichen Geschäftsbetrieb von Organisationen ereignen kann:

Der Leiter einer Abteilung sagt zu einem ihm unterstellten Mitarbeiter: „Herr Müller, in vierzehn Tagen ist der Termin für die Präsentation Ihrer Projektergebnisse vor unseren Investoren.“

Die gesendete Nachricht des Vorgesetzten lässt sich in vier Bereiche aufspalten und in diesen jeweils untersuchen (vgl. im Folgenden Schulz von Thun 2001:25ff).

2.1.1 Erste Seite einer Nachricht: der Sachinhalt

Die Nachricht enthält zunächst Informationen auf einer sachlichen Ebene. Herr Müller wird darüber informiert, dass eine Präsentation geplant ist / demnächst ansteht. Desweitern bekommt er mitgeteilt, wann diese stattfinden (in vierzehn Tagen) und für wen (für die Investoren) sie durchgeführt werden soll. Auch erfährt er, was die Präsentation beinhalten soll, nämlich die Ergebnisse seines Projektes.

2.1.2 Zweite Seite einer Nachricht: die Selbstoffenbarung

Der Abteilungsleiter gibt durch das Versenden der Nachricht auch Informationen kund, die ihn als Person betreffen. Schon allein dadurch, dass er die anstehende Präsentation erwähnt, wird deutlich, dass sein Bewusstsein im Moment auf diese gerichtet ist und er sie daher vermutlich als wichtig erachtet. Sein Hinweis auf den (baldigen) Vorstellungstermin der Arbeitsergebnisse impliziert womöglich seine Besorgnis um deren termingerechte Fertigstel- lung. „Ich bin besorgt!“ könnte also die Botschaft auf der Selbstoffenbarungsseite lauten. Dar- über hinaus lässt sich mutmaßen, wie er zu den Investoren stehen mag, z.B.: „das sind wichtige Leute. Vor denen muss ich / müssen wir unbedingt einen guten Eindruck erwecken.“

2.1.3 Dritte Seite einer Nachricht: die Beziehung

Auf der Beziehungsseite einer Nachricht stellt sich die Frage, wie der Sender zum Empfänger steht. Im vorliegenden Fall könnte die Aussage des Vorgesetzten, auf mangelndes Vertrauen in die Zuverlässigkeit seines Mitarbeiters zurückzuführen sein. Der Zweifel an der Zuverlässigkeit des Angestellten mag sich auf dessen Verantwortungsbewusstsein („Ich muss Sie kontrollieren und unter Druck setzen, weil Sie aus eigenem Antrieb nicht ausreichend arbeiten würden.“) oder dessen Fähigkeiten beziehen („Sie sind auf meine Unterstützung angewiesen. Ich muss Ihnen helfen weil Sie zu langsam, zu verträumt oder einfach unfähig sind.“). Andererseits ist es auch möglich, dass durch die Aussage Sympathie für den Mitarbeiter ausgedrückt wird: „Sie haben sich viel Mühe für Ihr Projekt gegeben. Bald wird man Ihnen endlich die wohlverdiente Anerkennung entgegenbringen.“

2.1.4 Vierte Seite einer Nachricht: der Appell

Durch die Nachricht versucht der Sender in den meisten Fällen, auch das Fühlen, Denken und Handeln seines Gegenübers zu beeinflussen. So könnte der Appell in dem obigen Beispiel lauten: „Kommen Sie endlich zu konkreten, präsentierbaren Ergebnissen!“ Oder: „Geben Sie sich bei der Präsentation gefälligst viel Mühe! Diese wird schließlich für unsere Investoren veranstaltet.“

2.2 Nonverbale Nachrichten

Gestik, Mimik und Gefühlsregungen wie Lachen, Grinsen, Weinen, Schweigen, etc. zählen zum Bereich nonverbaler Nachrichten. Auch sie können in das Vier-Seiten-Modell eingeord- net werden. Die Sachebene erfüllt hierbei allerdings untergeordnete Funktion. Schulz von Thun lässt sie in seiner Darstellung unberücksichtigt (vgl.a.a.O.:34). Die Sachinformation stellt in diesem Fall einfach eine Beschreibung der äußeren sichtbaren Erscheinungen und der sichtbaren Handlungen einer Person dar. Es geht dabei um das, was objektiv, sprich ohne In- terpretationen und Bedeutungszuschreibungen durch ein Individuum, wahrnehmbar ist:

- Beispiel für eine Sachinformation: „Einer Person fließen Tränen aus den Augen. Ihre Augen und ihr Gesicht sind gerötet“
- Beispiel für eine Bedeutungszuschreibung/Interpretation: „Diese Person ist traurig, wütend, frustriert, etc.“

Die restlichen drei Seiten einer nonverbalen Nachricht können wichtige Botschaften enthalten. Eine weinende Person bringt auf der Selbstoffenbarungsseite möglicherweise Botschaften zum Ausdruck wie: „Ich bin / Ich fühle mich traurig, frustriert, überfordert, verzweifelt, ein- sam, etc.“

Auf der Beziehungsseite könnten anklagende Aussagen stehen wie: Da siehst du, wie sehr ich unter dir zu leiden habe / was du mir angetan hast, du Schuft!“ Andererseits kann durch Weinen auch Wertschätzung ausgedrückt werden: „Du stehst mir so nahe, dass ich bereit bin meine Gefühle offen vor dir zu zeigen.“

Auf der Appellseite könnte die Botschaft „kümmere dich um mich, tröste mich“ oder auch deren Gegensatz „lass mich in Ruhe, schone mich“ stehen (vgl. a.a.O.:33ff).

2.3 Die Auslegung / die Deutung einer Nachricht

Dem Empfänger einer Nachricht kommt nun die Aufgabe zu, diese zu entschlüsseln, sie zu dekodieren. Dazu muss er in der Lage sein, die einzelnen Bestandteile der Nachricht, sprich die Botschaften, den vier verschiedenen Seiten zuzuordnen. Es kommt oft vor, dass der Sinn bzw. die Intention der Nachricht vom Empfänger anders gedeutet und eingeordnet wird, als dies ursprünglich vom Sender beabsichtigt war. So kann es sein, dass der Abteilungsleiter in dem obigen Beispiel durchaus Wertschätzung für seinen Mitarbeiter empfindet und durch sei- ne Nachricht ausdrücken möchte: „Bald werden Sie endlich die Anerkennung für Ihre beein- druckende Arbeit ernten können!“ Der Mitarbeiter hört die Sympathie jedoch nicht heraus und fühlt sich stattdessen kritisiert. „Haben sie etwa Zweifel daran, dass ich rechtzeitig fertig werde?“, könnte dann seine Reaktion lauten.

Darüber hinaus hat der Empfänger auch den Auftrag, festzustellen wo der Schwerpunkt der Nachricht angesiedelt ist, also was die Hauptbotschaft bzw. die Kernaussage darstellen soll. Trifft der Sender in erster Linie eine Aussage auf der Sach-, Selbstoffenbarungs-, Beziehungs- oder Appellebene? Es liegt auf der Hand, dass hieraus leicht Missverständnisse resultieren können. Missverständnisse sind hier als Diskrepanz zwischen gesendeter und empfangener Nachricht zu verstehen.

Angenommen der Abteilungsleiter wollte seinem Mitarbeiter in dem obigen Beispiel lediglich wichtige Informationen zukommen lassen, ihn also auf der Sachebene von etwas (wichtigem) in Kenntnis setzen, kann es durchaus sein, dass dieser stattdessen den Hauptgehalt der Aus- sage auf einer anderen Ebene vermutet. Durch die Reaktion des Empfängers wird meist deut- lich, welche Seite der Nachricht, er als die schwerpunktmäßig angesprochene auffasst. Vermutet er den Schwerpunkt auf der Beziehungsebene, antwortet er z.B.: „Sie trauen mir wohl gar nichts zu? Sie müssen mich nicht ständig an wichtige Termine erinnern! Ich werde schon selber daran denken!“

Reagiert der Mitarbeiter dagegen auf die Appellseite, könnte seine Antwort so aussehen: „Ich verspreche Ihnen, dass ich mich gut auf die Präsentation vorbereiten werde. Ich werde sogar Überstunden machen (vgl. a.a.O.:44ff).“

Die empfangene und dekodierte Nachricht ist demnach, als ein Machwerk des Empfängers zu verstehen. Empfangsfehlern können viele verschiedene Ursachen zugrunde liegen. Die Herkunft der Interaktionspartner aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Sprach- milieus liefert eine Erklärungsmöglichkeit. Wenn die Gesprächspartner einander gut kennen oder ähnliche Einstellungen bezüglich ihres Gesprächsgegenstandes / Themas vertreten, fällt ihnen die (annähernd) richtige Deutung der gegenseitig gesendeten Nachrichten vermutlich wesentlich leichter. Interaktionspartnern, die sich nur flüchtig kennen oder kontroverse An- sichten vertreten, dürfte dieser Entschlüsselungsprozess dagegen sehr viel schwerer fallen (vgl. a.a.O.:63ff).

3. Einführung in das Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation (abgekürzt auch GFK) ist ein Konzept, welches Menschen die Anwendung und Aneignung eines besonderen Kommunikationsstiles ermöglichen soll. Dieser Stil beruht auf einer zwischenmenschlichen Umgangsform, die sich für alle Beteiligten sowohl befriedigend als auch friedensstiftend sowie gewaltvermindernd und -verhindernd auswirken soll. Ziel ist es also Personen, die miteinander in Interaktion treten, zu einem friedfertigen und persönlich befriedigenden Umgang miteinander zu befähigen.

Entwickelt wurde das Konzept der GFK von dem Amerikaner Dr. Marshall B. Rosenberg, der als Konfliktmediator und Gründer des internationalen 'Center for Nonviolent Communication'1 weltweit bekannt ist. Rosenberg unterscheidet zwischen zwei Arten der Kommunikation. Auf der einen Seite gibt es die „lebensentfremdende“ und auf der anderen Seite die „Gewaltfreie Kommunikation“.

3.1 Lebensentfremdende Kommunikation

Einfühlungsvermögen, anderen Menschen aber auch sich selbst gegenüber, kann durch Spra- che auf vielfältige Weise blockiert werden. Rosenberg spricht in diesem Kontext von „lebens- entfremdender Kommunikation“ (Rosenberg 2001:31) bzw. von der „Wolfssprache“ (Rosen- berg 2004:9). Hierunter lassen sich alle Kommunikationsstile zusammenfassen, die die Ent- stehung von Gewalt (sowohl in autoaggressiver Hinsicht als auch im Sinne von Streitigkeiten zwischen unterschiedlichen Parteien) fördern. Die „Wolfssprache“ hat zahlreiche Ausprä- gungsformen. Sie impliziert nicht lediglich Formulierungen, deren gewaltfördernder Bestand- teil auf Anhieb identifizierbar ist, wie dies bei sog. Beleidigungen und Kriegserklärungen der Fall sein dürfte. „Lebensentfremdende“ Äußerungen können auf sehr subtile Weise vorge- tragen werden und dabei die Illusion erwecken, der Sender wolle dem Empfänger nur sachliche Informationen zukommen lassen, oder er 'meine es nur gut' mit ihm und handle somit sogar aus fürsorglicher Motivation heraus.

Zunächst zur vermeintlichen Sachinformation: Wörter wie richtig, falsch, gut, schlecht, normal, unnormal, kompetent und inkompetent sind Indikatoren für den Gebrauch einer statischen Sprachform (Rosenberg 2004:21). Äußerungen, die in statischer Sprache getroffen werden, beanspruchen absolute Gültigkeit. Sie suggerieren unumstößliche Richtigkeit oder Unfehlbarkeit. Darunter fallen Aussagen wie:

- Es ist schlecht, die Natur zu zerstören;
- Wer Gewalt benutzt handelt falsch;
- Im Geschäftsleben Emotionen zu zeigen, ist unprofessionell;
- Sich so zu benehmen, ist normal;
- Dieses Ergebnis ist richtig.

Kreyenberg bezeichnet derartige Formulierungen als „Killerphrasen“ (Kreyenberg 2004:18) und versteht darunter verallgemeinernde Aussagen, die - vor allem in Konfliktsituationen - kreatives Denken blockieren und der Entwicklung alternativer Strategien und Lösungsansätze entgegenwirken. Ferner zählt sie hierzu auch abwertende Du-Botschaften (vgl. a.a.O.), auf die hier jedoch erst an späterer Stelle noch mal kurz eingegangen wird (siehe 3.2.1 b und 3.4.1). Die dargestellten Beispielaussagen leugnen den Bezugspunkt, die individuelle Weltsicht des Empfängers (seine Interpretation), aus der heraus die Nachricht entstanden ist. Nach Rosen- berg stelle es eine Verzerrung der Tatsachen dar zu behaupten, Gesetze müssten befolgt werden. Denn egal welche Vorschrift man sich auch vor Augen führen möge, hätten Men- schen stets die Möglichkeit sich zu entschließen, diese nicht zu befolgen (was natürlich Konsequenzen für die betreffende Person nach sich ziehen kann) (vgl. Rosenberg 2004:111). Vielmehr entspreche es der Realität zu sagen: „Menschen, die das Gesetz erlassen haben möchten, dass es befolgt wird.“ (a.a.O.)

Dies mag den Eindruck von Haarspalterei erwecken. Hinter dieser differenzierten Betrach- tungsweise steckt jedoch ein tieferer Sinn. Der Psychologe O.J. Harvey hat bei seinen Unter- suchungen und Vergleichen zwischen verschiedenen Gesellschaftsformen festgestellt, dass eine sehr hohe Korrelation zwischen der Gewaltrate (Selbstmord, häusliche Gewalt, Gewalt gegen Kinder und Frauen) und der Verwendung statischer Ausdrucksformen besteht. Die Ge- waltrate ist umso höher, je häufiger statische Sprache in einer Gesellschaft zum Einsatz kommt (vgl. a.a.O.:21).

Im übrigen ist auch diese Hausarbeit in gewisser Hinsicht in „lebensentfremdender Kommunikation“ geschrieben. Die Vermeidung von Ich-Aussagen durch den Verfasser, die bei wissenschaftlichen Arbeiten von vielen Akademikern als sinnvoll erachtet wird und daher als eine Art Standard gilt, führt bei ihrer Beachtung zwangsläufig zur Verwendung einer statischen Sprachform. Verdinglichte Passivkonstruktionen und andere Formen unpersönlicher Formulierungen, die ebenfalls als Zerrbilder der Realität bezeichnet werden können, sind die Folge. Anstatt zu sagen „als nächstes möchte ich mich gerne folgender Fragestellung widmen“, heißt es dann „es stellt sich die Frage ob [...]“. Dass Fragen selber handeln können, als ob sie Lebewesen wären, darf zu Recht bezweifelt werden. Mit der Formulierung „diesbezüglich ist zu untermauern, dass [...]“ will eigentlich ausgedrückt werden „mir ist äußerst wichtig zu betonen [...], weil ich gerne möchte, dass [...]“.

Somit besteht in dieser Ausarbeitung eine gewisse Spannung und ein Widerspruch zwischen ihrer schriftlichen Form und ihrer inhaltlichen Botschaft. „Dies - und das soll hier meine einzige Ich-Aussage abbilden - nehme ich jedoch bewusst in Kauf, weil ich möchte, dass meine Arbeit auch bei Menschen Anerkennung findet, die diesen Standard als sinnvoll erach- ten. Somit behaupte ich nicht, ich müsse mich diesem Prinzip unterwerfen, sondern ent- schließe mich dazu, diesen Standard aus gewissen Gründen (dem Bedürfnis nach Akzeptanz und Anerkennung) weitestgehend einzuhalten (vgl. dazu weiter unten den Teilbereich: Leugnen von Verantwortung).“

Nun zu den Aussagen, die auf scheinbarer Fürsorglichkeit des Senders beruhen. Hierzu können folgende Beispiele angeführt werden:

- „Zieh dir eine Jacke an, damit du nicht krank wirst.“
- „Dieser Job wird dir gut gefallen.“
- „Wenn du es auf diese Weise machst, wirst du Erfolg haben.“
- „Du brauchst viel Schlaf.“

Diese Aussagen sind der „lebensentfremdenden Kommunikation“ aus zweierlei Gründen zu- zuordnen.

[...]


1 Das Center for Nonviolent Communication ist eine internationale, gemeinnützige Organisation, die Trainingsmaterialien und Ausbildungen in der GFK anbietet. Sie wurde 1984 gegründet. Sitz des Centers for Nonviolent Communication: 2428 Foothill Blvd., Suite E La Crescenta, CA 91214, USA Tel.: USA 818-957-9393 Fax: USA 818-957-1424 Email: cnvc@compuserve.com Internet: www.cnvc.org

Details

Seiten
35
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638406581
ISBN (Buch)
9783638656795
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42667
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1.0
Schlagworte
Gewaltfreie Kommunikation Grundlage Umgangs Konflikten Erfolgreiches Führungs- Organisationsmanagement

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