Lade Inhalt...

Romani auf dem Balkan. Indoarisch resistent oder Teil des Balkansprachbundes?

Hausarbeit 2018 22 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das Romani im Allgemeinen

3. Balkanismen
3.1 Das analytische Futur
3.2 Der Infinitivverlust
3.3 Die Objektverdopplung
3.4 Weitere Kriterien
3.5 Überblick

4. Fazit

5. Karten

6. Quellen
6.1 Internetquellen
6.2 Literaturverzeichnis

1. Einführung

Als konstant größte Mehrheit Europas weisen die Roma eine, in ihrer Form, einzigartige Sprache auf, die nicht nur als einziger Vertreter des indoarischen Sprachzweigs in Europa fungiert, sondern viel mehr durch die jahrhundertelange Reisetradition ihrer Sprecher einen reichen und unvergleichbaren Reise- bzw. Erbwortschatz aufweist und nicht minder durch eine enorme dialektale Bandbreite heraussticht. Analog zur Sprecherzahl ist jene dialektale Vielfalt ebendort gegeben, wo die Roma am stärksten vertreten sind: auf dem Balkan.

Im Sinne des Balkans als „Waisenhaus für Sprachen" (Zitat des niederländischen Linguisten Gaston Dorren) beherbergt diese Region eine Vielzahl „herrenloser" Sprachen, etwa das Albanische als einziger Vertreter seines Sprachzweigs, das griechische als Synthese und gewissermaßen Lösung lang ausgestorbener Kleinsprachen, oder letztlich das Romani als ebendort schließlich sesshaft gewordene indoarische Sprache. Obgleich diese „Waisen" folglich nicht (näher) miteinander verwandt sind, verbinden sie, also das Griechische, Albanische, Serbische (Torlakische), Rumänische, Bulgarische, Makedonische und Türkische, zweigübergreifende Phänomene, die teilweise lediglich in manchen, teilweise in sämtlichen oder gar allen dieser Idiome in verschieden starker Häufigkeit und Intension vorherrschen; die bekanntesten bzw. offensichtlichsten sind hierbei beispielsweise der Infinitivverlust, die Objektduplikation und der postponierte Artikel. Um diese Tatsache der unmöglich durch Zufall entstandenen Gemeinsamkeiten zu konkretisieren und zu theorisieren entwickelten Linguisten nach dem Vorbild des von Trubeckoj erstmals entworfenen Konzepts des „Sprachbundes" die Theorie des sogenannten „Balkansprachbunds" - einem Bund nicht näher verwandter Sprachen innerhalb eines „begrenzten" bzw. definierten geografischen Raumes, die durch jahrhundertelangen (und/oder ebenso immer noch) andauernden Kontakt sprachliche Phänomene ausgetauscht, übernommen oder gar gemeinsam entwickelt haben. Werden üblicherweise lediglich die oben genannten Sprachen zum Balkansprachbund gezählt, stellt sich nun die Frage, ob das Romani, bzw. jene Romanidialekte, die in ebenjenem Raume mit mehreren Millionen (!) Sprechern vertreten werden, als am wenigsten erforschte jener Sprachen, „Romani has generally been ignored" (Friedman 1986: 41), ebenfalls als Teilnehmer des Balkansprachbunds bezeichnet werden kann oder nicht. Weist das Romani die für den Bund ausschlaggebenden Phänomene auf?

Diese und weitere Problemstellungen und Denkansätze möchte ich im Folgenden erläutern.

2. Das Romani im Allgemeinen

„Romani is in a special position, having migrated from the South Asian Sprachbund to the Balkan one" (Friedman 2000: 2).

Wie im Obigen mehrmals erwähnt, handelt es sich beim Romani um eine indoarische Sprache, der einzige Vertreter dieses Zweiges auf europäischem Boden. Aufgrund der Tatsache, dass die Volksgruppe der Roma ab einer bestimmten Zeit allesamt ihre indische Heimat verließen und über Jahrhunderte hinweg in Richtung Europa wanderten, entlehnten sie aus den jeweiligen Sprachen der durchquerten Gebiete zahlreiche grammatikalische sowie lexikalische Phänomene. Zum Zeitpunkt der Spaltung der Volksgruppe und somit auch der Zersplitterung in einzelne Dialekte, hatte das Romani einen einheitlichen, gemeinen „Erbwortschatz" gesammelt, dessen Lexik zum größten Teil aus indischen und indoarischen Wurzeln bestand, dazu aber durch mehrere Tausende neu aufgegriffener Wurzeln aus dem Persischen, dem Türkischen, und nun, durch den letzten „gemeinsamen Aufenthaltsort" geprägt, zu beachtlichem Anteil aus dem Griechischen verfeinert wurde. Durch ebendiese Spaltung in schier unzählige, über ganz Europa verteilte Dialekte entstanden und entwickelten sich immer mehr Entlehnungen und Übernahmen, sei es lexikalisch, morphologisch oder gar phonetisch, sodass jeder heutige Dialekt sein eigenes identifizierbares Vokabular besitzt und sich in Feinheiten der Grammatik nicht nur von anderen Dialekten differenzieren, sondern auch der sprachlichen Region zuordnen lassen kann. In diesem Sinne lassen sich Auffälligkeiten erklären, wie etwa das Vorherrschen eines Pararomanis in Großbritannien (Angloromani) und Spanien (Calò) aufgrund der starken Dominanz der jeweiligen Landessprache, oder einen, frei nach dem, in der deutschen Umgangssprache dominierenden, Motto „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", periphrastischen Genitiv („fon u balo" - „von dem Schwein" anstatt „des Schweins", Boretzky, Igla

1999: 716); oder letztlich, auf dem Balkan, die Komparation anhand von entlehnten Präfixen, etwa „po" aus dem Bulg./Mak., „maj" aus dem Rum. oder „daha" und „en/m" aus dem Türk., anstatt der ursprünglich synthetischen Komparation („barò" ^ „baréder"), welche in allen Dialekten außerhalb des Balkans noch aufzufinden ist (Boretzky, Igla 1999: 717).

Es stellt sich nun also die Frage, ob die analytische Komparation, die bekanntlich in allen

Balkansprachen existiert und somit zu einem der ausschlaggebenden Balkanismen gehört, nun als ein Beweisstück zur Teilnahme des Romani am Balkansprachbund erläutert werden kann, oder ob jenes Phänomen eine simple Entlehnung vorherrschender morphologischer Prozesse ist, deren Begründung eines Bundes fern liegt. Im Folgenden werde ich ergo die bekanntesten und relevantesten Balkanismen angesichts ihres Bestehens oder Fehlens im Romani erörtern.

3. Balkansimen

31. Das analytische Futur

So wie der analytische Komparativ in allen Roma-Dialekten außerhalb des Balkans inexistent ist, und er des Weiteren analytisch identisch zum Komparativ der Kontaktsprachen ist, da die Präfixe allesamt unverändert übernommen wurden, ist ebenfalls das analytische Futur ein im Balkanromani vorherrschendes Phänomen und somit ein gleichermaßen wahrzunehmendes Argument für die Teilnahme am Balkansprachbund.

„Praktisch alle Dialekte haben ein Futur nach balkanischem Vorbild ausgebildet, indem sie aus Wörtern der Bedeutung 'lieben, verlangen, wollen' und teilweise auch 'haben' Futurmarker entwickelt haben", schreiben Boretzky und Igla (1999: 718), „Dies deckt sich voll mit den Verhältnissen in den Balkansprachen, weshalb Interferenz außer Frage steht". Da, außerdem, im vorbalkanischen Gemeinromani ein Futur in keinster Weise aufzufinden ist, „sei es auch nur in Resten" (Boretzky, Igla 1999: 729), ist das analytische Futur ein eindeutiges Merkmal dafür, dass das Balkanromani unter Einfluss des Balkansprachbundes steht und, zumindest was diesen ersten Gesichtspunkt anbelangt, Teil dessen ist. Diese Form der Entlehnung bzw. „Teilnahme" reicht so weit, dass das Romani ausschließlich zur Bildung des Futurs das sonst inexistente Verb „haben" eingeführt bzw. „indirekt nachgeahmt" (Boretzky, Igla 1999: 718) hat; etwa im, durch das Albanische beeinflusste, Prizren-Dialekt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Beispiel stammt ebenfalls aus Boretzky, Igla 1999: 719. „Hi ma" ist in diesem Falle jene Konstruktion, die benutzt wird, um das Albanische „haben" nachzuahmen, bedeutet wörtlich jedoch „ist mich", „ist dich" etc.

3.2 Der Infinitivverlust

Gleichermaßen „konstruktiv" zeigt sich das Romani angesichts der Syntax, genauer gesagt beim Verlust des Infinitivs und dessen Ablösen durch Einsatz ingeniöser Ersatzkonstruktionen. Der Verlust des Infinitivs ist ein weiterer Balkanismus, der in allen Sprachen des Bundes, wenn auch auf ziemlich unterschiedliche Weise, präsent ist, und als eines der größten Merkmale und Forschungsthemen der Balkanlinguistik fungiert. Dieser präsentiert sich in den jeweiligen Sprachen beispielhaft wie folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Beispiele entstammen teils Meyer 2008:11 und 12, teils Friedman 1986: 39.

Offensichtlich ist der Infinitvverlust nicht nur in allen Sprachen, die den Balkansprachbund ausmachen, vorhanden (,das Serbische und Makedonische wurden mangels äquivalenter Beispiele oben nicht aufgeführt), sondern leuchtet ebenfalls durch seine auffällig gleiche Konstruktion auf, genauer gesagt durch den Einsatz einer Partikel zwischen den beiden Verbformen. Jene Partikel ist in der Gesamtheit der Sprachen stets einsilbig, beginnt mit einem dentalen oder alveolaren Konsonanten und endet sobald mit einem kurzen Vokal; Victor Friedman bezeichnet sie daher als „DMS" - Dental Modal Subordinator (alle Angaben aus Friedman 1986: 39). Dieses DMS herrscht im Romani zwar in äquivalenter Form, „te", vor, ist jedoch, im Vergleich zu den Sprachen des Bundes in einer einzigartigen Position vorzufinden:

Während es im Albanischen und Rumänischen in den wenigsten Fällen möglich ist das DMS wegzulassen, etwa bei der, unmittelbar mit dem Phänomen des Infinitivverlusts verknüpften, Bildung des Futurs;

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

So gibt es im Griechischen, Bulgarischen und Makedonischen kaum Formen, die ein DMS zwingend benötigen; eine Ausnahme stellt etwa die Bildung des Perfektiven dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Übersetzung: ich küsse (als abgeschlossene also perfektive Handlung) alle obigen Beispiele entstammen Friedman 1986: 42

Dennoch ist als zwingende Partikel ebenfalls der, im Beispiel als erstes aufgeführte, invariable Futurmarker verwendbar, was die zwingende Nutzung von DMS in diesen drei Sprachen quasi ausschließt. Im weitesten Sinne ist das Verwenden von DMS, sowie die meisten Balkanismen, eine verstärkt dialektal und umgangssprachliche Erscheinung (So wie auch dahergehend nicht das Standardserbische, sondern lediglich das Südserbische bzw. der torlakische Dialekt Teil des Balkansprachbunds ist, obgleich er die gemeinserbische Umgangssprache beeinflusst).

Trägt man nun diese innerbalkanischen Frequenzunterschiede in der Verwendung des DMS zusammen, präsentiert sich folgendes Bild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein, dem griechischen sehr ähnlichen, Sonderfall der Verwendung des DMS ist schließlich im Romani vorzufinden; dessen Benutzung für einen synthetischen Konjunktiv. So etwa:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus Boretzky, Igla 1999: 720

Ein weiteres durch DMS realisiertes Phänomen ist jenes der Sätze nach dem Muster des „X does Y without Z" (Friedman 1986: 45):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus Friedman 1986: 45 sowie Kazazis 1968: 827

Offensichtlich benutzen alle Sprachen des Bundes (außer das nicht aufgeführte Albanische) das DMS, welches unmittelbar nach dem Wort „ohne" steht.

Eng mit den DMS verknüpft sind desweiteren die von Friedman sogenannten „limited forms" (Friedman 1986: 40), „i. e. The Albanian and Romanian subjunctive, the Bulgarian, Greek, and Macedonian perfective nonpast, and the Romani short present". Letzteres ist bei Verben des Romani geläufig und mit dem Englischen present und present continuous vergleichbar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus Friedman 1986: 44

Hierbei ist die „limited form" (LF) adäquaterweise die Kürzere der Beiden.

Versucht man nun all diese Informationen über DMS und deren Verwendung und Vorkommnisse in den jeweiligen Sprachen vergleichend zu illustrieren, so entstehen eine Vielzahl aussagekräftiger und inhaltsstarker Grafiken, von denen ich eine im Folgenden übernommen und vervollständigt habe:

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668712607
ISBN (Buch)
9783668712614
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426896
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Institut für Slavistik
Note
1,3
Schlagworte
Romani Linguistik Balkan Balkansprachbund Sprachbund Balkanismus Kontaktlinguistik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Romani auf dem Balkan. Indoarisch resistent oder Teil des Balkansprachbundes?