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Klassengesellschaft und Bildungssystem. Habitus, sozialer Raum, funktionale Ungleichheit

Seminararbeit 2017 13 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhalt

Klassengesellschaft und Bildungssystem

Habitus und Sozialer Raum
Der Habitus
Der soziale Raum

Funktionale Ungleichheit
Was ist soziale Ungleichheit?
Funktionale Ungleichheit - Ein fehlerhaftes Postulat?

Die konservative Schule
Begabung und formale Gleichheit
Bildungsexpansion - Lösung oder ein noch größeres Problem?
Studentische Milieus und Sozioanalyse

Literaturverzeichnis

Klassengesellschaft und Bildungssystem

„Die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“[1]

Obschon Karl Marx in diesem Zitat auf eine bestimmte Klasse anspielt, beschreibt er adäquat und bündig, welche Begriffe in der Soziologie von höchster Bedeutung sind: Klasse und Gesellschaft. Alles, was kausal daraus resultiert, sprich alle gesellschaftlichen Prozesse und Disziplinen, gehen zurück auf die schiere Tatsache, dass sich im Gefüge, das wir Gesellschaft nennen, Klassen etabliert haben. Prozesse wie Ungleichheit und die Disziplin der Bildung sind eng miteinander verknüpft und bilden gemeinsam einen Komplex, der verflochtene Fragen aufwirft. Anhand von einleitend erwähnten soziologischen Grundbegriffen, wird im Folgenden auf die Klassengesellschaft und das Bildungssystem eingegangen.

Habitus und Sozialer Raum

Jedes Individuum befindet sich in einem sozialen Raum, jedes Subjekt hat einen Habitus. So die Kernaussage des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Doch was ist der Habitus und wie definiert man einen sozialen Raum?

Der Habitus

Der Habitus, angelehnt an das lateinische Wort habere (zu dt.: haben), erklärt salopp das Gehabe eines Individuums. Bourdieu selbst beschreibt in seinem Buch Die feinen Unterschiede den Habitus „[a]ls Vermittlungsglied zwischen der Position oder der Stellung innerhalb des sozialen Raumes und spezifischen Praktiken, Vorlieben, usw. (.,.)“[2] und spricht die wesentlichen Merkmale direkt an. Der Habitus ist eine gewisse dispositive Grundhaltung[3], ein Gehabe, gegenüber dem, was allgemeinhin als Welt bezeichnet wird. Das wiederum beinhaltet, dass jeder, je nach Ausprägung in kulturellem und/ oder ökonomischem Kapital, eine Grundhaltung hat, die sich auf die Position innerhalb des sozialen Raumes bezieht, hierzu später mehr. Es kann bezüglich des Habitus das Axiom angeführt werden, dass dem Individuum objektiv der Habitus zugewiesen, er jedoch subjektiv verändert wird. Es handelt sich demzufolge um eine psychosoziale Entwicklung des Menschen, also ein wechselseitiges Formen und geformt werden; Der Habitus wird so zur strukturierenden Struktur. Anzumerken ist jedoch, dass der Habitus nicht grenzenlos veränderbar ist und sein kann, denn er ist, laut Bourdieu, ein System der Grenzen. So gibt es Dinge, die den Verstand, den Horizont oder das Vorstellungsvermögen eines Individuums einer bestimmten Klasse, eines bestimmten Milieus, übersteigen und es somit an seine klassendistinktiven Grenzen stößt.[4] Es entwickeln sich dementsprechend habituelle Strukturen innerhalb des Gesellschaftsgefüges. Die habituellen Eigenschaften sind breit gefächert, so werden sowohl der Musikgeschmack, wie auch das Verhalten zu Politik hierzu gezählt. Eine signifikante Frage, die bezüglich der habituellen Eigenschaften in der Literatur auftaucht, ist die Rolle der Sprache; Ist Sprache ein Teil des Habitus bzw., wird sie durch den Habitus zu dem, was sie ist, im Sinne des Umfelds und der Erziehung? Nicht zuletzt Noam Chomskys generative Transformationsgrammatik befasst sich mit dieser Fragestellung, deren Beantwortung sich als durchaus schwierig erweist. Deutlicheren Kennzeichen folgen wiederum die Homologien, anhand derer sich Individuen als Teil einer Klasse erkennen. Um den Begriff der Homologien genauer erklären zu können, bedarf es jedoch zunächst einer Erläuterung des sozialen Raumes.

Der soziale Raum

Der soziale Raum ist ein Konzept, das zur Analyse sozialer Strukturen dienen kann. Er setzt sich aus dem Raum der Lebensstile und der Position der Individuen, die durch den Habitus plakativ ,dargestellt‘ werden, zusammen. Bourdieu beschreibt mit dem Konzept die räumliche Verteilung von Gesellschaftsgruppen bzw. Klassen. Wo ein Individuum eingeordnet wird „drückt sich nun in der Art der Lebensstile aus, (...) [n]ur sind die

Menschen aber auch in diesem Raum, ausgehend von ihrer Stellung in ihm, in einen fortwährenden Kampf untereinander verwickelt - um die Veränderung des Raums.“[5] Dementsprechend ist die Gesellschaft kein starres Gerüst, welches keinen Auf- oder Abstieg im inter-classe-Sinne zulässt. Bewiesen ist damit auch die Annahme, dass auch der Habitus, der unser Auftreten und unser Bewusstsein formt, ebenso flexibel ist - wenigstens zu einem gewissen Grad. Der soziale Raum sei so konstruiert, „daß die Verteilung der Akteure oder Gruppen in ihm der Position entspricht, die sich aus ihrer statistischen Verteilung nach zwei Unterscheidungsprinzipien ergibt, (...) nämlich das ökonomische Kapital und das kulturelle Kapital“[6] und demzufolge wiesen die Akteure, wie Bourdieu sie nennt, mehr Gemeinsamkeiten auf, je näher sie einander den Dimensionen nach seien.[7] So lassen sich schließlich auch die bereits erwähnten Homologien erklären. Verschiedene Personen, wie zum Beispiel die Landwirte, erkennen sich an der Zusammenstellung bestimmter Tätigkeiten als Teile einer gemeinsamen Gruppe. Laut des Koordinatensystems, welches von Bourdieu entwickelt wurde, wären diese Gemeinsamkeiten innerhalb der Gruppe der Landarbeiter zum Beispiel, dass sie Fußball schauen und Landwein tränken.[8] Jeder Position entspricht folglich eine Habitusklasse.

An dieser Stelle muss eingeworfen werden, dass Bourdieu, im von ihm konstruierten Raum von theoretischen Klassen spricht, deren Distanzen und Annäherungen zueinander dargestellt werden sollen.[9] Es geht schlussendlich um die „Komparatistik des Wesentlichen“[10] zwischen den nicht real existierenden sozialen Klassen und den, sich in ihnen befindlichen Individuen.

Funktionale Ungleichheit

Was ist soziale Ungleichheit?

Wie anhand der oben genannten Ausführungen deutlich wird, ist die Gesellschaft ein Gefüge, in welchem Individuen Positionen einnehmen, diese aber auch verändern oder verlassen können. Die Gesellschaft wird durch eine solche Aufteilung, wenn man nach Davis und Moore begründet, durch das Einnehmen von bestimmten Positionen stratifiziert Davis und Moore sehen in der Schichtung eine funktionale Ungleichheit. Um definieren zu können, was genau das ist, muss man zunächst treffend formulieren, was soziale Ungleichheit an und für sich ist. Solga, Berger und Powell legen folgende Definition vor:

„Wir sprechen dann von sozialer Ungleichheit, wenn Menschen (...) einen ungleichen Zugang zu sozialen Positionen haben und diese Positionen systematisch mit vorteilhaften oder nachteiligen Handlungs- und Lebensbedingungen verbunden sind.“[11]

Davis und Moore hingegen nennen bezüglich der sozialen Ungleichheit, die vertikale Stratifikation der Gesellschaft und die daraus resultierende Ungleichheit und betiteln sie als funktional, d.h. dass sie einem Zweck dient. Sie geben an, alle Mitglieder der Gesellschaft müssten auf die vorhandenen sozialen Positionen verteilt werden. Jedes Mitglied müsse die mit der jeweiligen Position verbundenen Pflichten erfüllen.[12] Solga et al. beschreiben in ihrer Definition ferner ein wesentliches Merkmal von sozialer Ungleichheit und nennen zugleich einen wichtigen Pfeiler in der Argumentation von Davis und Moore: die vorteilhaften oder nachteiligen Handlungs- und Lebensbedingungen, sprich Belohnungen. Dieses System funktioniert durch Belohnungen. So ist das Prestige, das mit dem Beruf des Arztes einhergeht, Teil der Belohnung für die schwere Ausbildung. Es ist also an der Gesellschaft, die sich in ihr befindlichen Individuen für eine Position zu motivieren, wie Davis und Moore es nennen, und sie, wie bereits erwähnt, zur Pflichterfüllung zu bringen. Wenn dieses

System greifen soll, als ein System der Vor- und Nachteile für bestimmte Positionen, muss die Gesellschaft ungleich und die Ungleichheit funktional sein. Schließlich könne nur die soziale Ungleichheit die Gesellschaft funktional steuern.[13]

Funktionale Ungleichheit - Ein fehlerhaftes Postulat?

Nun bietet Renate Mayntz einen kritischen Einwurf bezüglich der Theorie von Davis und Moore, wenn sie zu Beginn die Frage aufwirft, wonach die vertikale Schichtung ihre selektive Funktion nur ausüben könne, wenn alle Positionen zum offenen Wettbewerb stünden. Zusätzlich kritisiert sie Davis und Moore dahingehend, dass der Begriff der Schichtung auch dann verwendet würde, wenn lediglich die vertikale Differenzierung gemeint sei.[14] Eine vertikale Differenzierung unterscheidet sich von der vertikalen Schichtung dahingehend, dass die Differenzierung mit einer hierarchischen Bewertung verbunden ist, es also um Machtstrukturen geht. Übergeordnet stellt Mayntz dar, dass die Theorie Davis‘ und Moores wesentliche Postulate impliziere, nämlich die der angeborenen Begabung und die angeborene Grundhaltung gegenüber den verfügbaren Positionen. Weiterhin kritisiert Mayntz die Tatsache, dass Davis und Moore die Gültigkeit ihrer Aussagen als nachgewiesen formulieren und in diesen behaupten, die höchsten Positionen innerhalb der Gesellschaft böten die größten Belohnungen, die niedrigeren, die mehr Motivation zur Pflichterfüllung bräuchten, hielten dagegen geringere Belohnungen bereit.[15] Sie unterstellt den Ausführungen Davis‘ und Moores „Denkfehler, die mit einer solchen Annahme“[16] gemacht würden.

Die Kritik, die Mayntz anführt, ist durchaus tragend, nicht zuletzt, weil die Ausführungen Davis‘ und Moores, wie sie schreibt, Postulate seien. Zudem ist das Argument, die Gesellschaft müsse ihre Mitglieder auf Positionen verteilen, beinahe vollends haltlos, wenn man einwirft, dass die so genannte unsichtbare Hand des Marktes für eine automatische Verteilung der Positionen sorgt. Der Mensch hat grundsätzlich Ambitionen, sich die Dinge, die er braucht, zu beschaffen.

[...]


[1] https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=2548_Karl+Marx (letzter Aufruf am 29.08.2017, 22:46 Uhr)

[2] Pierre Bourdieu, „Die feinen Unterschiede“, in: Ders., Die verborgenen Mechanismen der Macht, Schriften zu Politik und Kultur 1, Hamburg 2005, S. 31

[3] Vgl. ders., S. 31f

[4] Vgl. Pierre Bourdieu, „Die feinen Unterschiede“, in: Ders., Die verborgenen Mechanismen der Macht, Schriften zu Politik und Kultur 1, Hamburg 2005, S. 33

[5] Ders. S. 36f

[6] Pierre Bourdieu, „Sozialer Raum, symbolischer Raum“, in: Ders., Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt am Main, 1998, S. 18

[7] Vgl. ebd., S. 18

[8] Vgl. ebd., S. 19

[9] Vgl. ebd., S. 24

[10] Ebd., S. 27

[11] Heike Solga/Justin Powell/Peter A. Berger, “Soziale Ungleichheit. Kein Schnee von gestern - eine Einführung“, in: Dies., Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse, Frankfurt am Main/ New York, 2009, S. 15

[12] Vgl. Kingsley Davis/Wilbert E. Moore, Einige Prinzipien der sozial en Schichtung“, in: Solga/Powell/Berger, Soziale Ungleichheit, a.a.O., S. 49

[13] Vgl. ebd. S. 51

[14] Vgl. Renate Mayntz, „Kritische Bemerkungen zur funktionalistischen Schichtungstheorie“, in: ebd., S. 58

[15] Vgl. ebd. S. 60/61

[16] Dies. S. 60

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668712669
ISBN (Buch)
9783668712676
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426901
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Institut für Gesellschaftswissenschaften und Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Klassengesellschaft Bildungssystem Bourdieu Luhmann Riger-Ladich Soziologie Bildungssoziologie

Autor

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Titel: Klassengesellschaft und Bildungssystem. Habitus, sozialer Raum, funktionale Ungleichheit