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Das Leben zwischen zwei Kulturen der muslimischen Migrantinnen und Migranten in Deutschland

Hausarbeit 2014 10 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung – Muslime in Deutschland?

2. Hybride Identität und ihre Geschichte

3. Das Dilemma der Desintegration
3.1. Sozial-strukturelle Ebene
3.2. Institutionellen Ebene
3.3. Personelle Ebene
3.4. Folgen der Desintegration

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis
5.1. Literaturverzeichnis
5.2. Internetquellenverzeichnis

1. Einleitung – Muslime in Deutschland?

Der Islam ist heute mit circa über 3,2 Millionen Muslimen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland (Vgl. Stupler-Stegeman, 2002, S.2). Seit zwei, drei Generationen gehören die Muslime sichtbar zur deutschen Gesellschaft und bilden eine vielfältige Gruppierung, „die sich untereinander in kulturellen, ethnischen und auch religiösen Aspekten unterscheidet“ (Buczek, 2009, S.3). Fest steht jedoch, dass der Islam viele, extrem unterschiedliche Gesichter hat, teils auch durch große kulturelle Einflüsse geprägt sind. Dieser Diversität und Unterschiedlichkeit liegen hauptsächlich zwei Hauptursachen zugrunde: Erstens kann der Islam insgesamt nicht als eine Einheit betrachtet werden, weil er sich in viele Richtungen, Strömungen und Schulen spaltet. Und zweitens sind Muslime aus unterschiedlichen Ländern nach Deutschland gekommen, vor allem als Gastarbeiter seit den 1960er Jahren (Vgl. ebd.).

Vielmehr ist es erstaunlicher, dass die Arbeitermigration seit den 1960er Jahren in Deutschland stattfindet, jedoch man sich die Frage der Integration des Islams in die deutsche Gesellschaft erst relativ spät, vermehrt seit der Mitte der 1990er Jahre, stellte. Auch wird in den letzten Jahren immer wieder heftig diskutiert, ob der Islam überhaupt in die Werte und Normen der westlichen Welt passe. Mit seinem provokanten Titel „Deutschland schafft sich ab“ hat Thilo Sarrazin öffentlich die Migranten und somit auch den Islam kritisiert und meinte: „Wirtschaftlich brauchen wir die muslimische Migration in Europa nicht“ (Sarrazin, 2010, S. 67). Doch sind diese kritischen Beschuldigungen gerechtfertigt? Wie schaut es eigentlich mit den Muslimen in Deutschland aus? Wie sieht ihre Gefühlswelt aus? Fühlen die Muslime sich in Deutschland akzeptiert und heimisch?

Mit diesen Fragen wird sich die folgende Arbeit beschäftigen. Im Prozess der Entfremdung in der Gesellschaft, können Menschen, die sich für mehrere kulturelle Räume zugehörig fühlen, stärker als Vermittler agieren. Es geht um hybride Identitäten, sowie das Dilemma und die Probleme der Muslime in Deutschland und Europa.

2. Hybride Identität und ihre Geschichte

Der Begriff „Hybridität“ hat eine vielfältige Bedeutung. Es gibt Hybridmotoren, hybride Computersysteme, hybride Ästhetik, hybride Organisationen, hybride Kulturen und natürlich auch hybride Identitäten. Doch was ist überhaupt Hybridität? Der Begriff Hybridität ist „ein offensichtlich transdisziplinärer Begriff“ (Hein, 2009, S. 29), der in unterschiedlichen Gebieten benutzt wird: Es gibt Hybridität im Bereich der Botanik, der Chemie, der Medizin, in den Medien und in den Literaturwissenschaften. Der Ursprung des Begriffs der Hybridität ist auf die Gebiete der Biologie und der Botanik zurückzuführen. Es bezeichnet die „Kreuzungen unterschiedlicher Pflanzen- bzw. Tierarten“ (Foroutan u. Schäfer, 2009, S. 2). Innerhalb der Sozialwissenschaft wird Hybridität vorwiegend im postmodernen, poststrukturalistischen und postkolonialen Hintergrund diskutiert, wobei diese Begrifflichkeiten mit etwas negativem verbunden sind. Im englischsprachigen Raum ist der Begriff „hybrid identities“ in der Wissenschaft eher positiv bewertet. Hybride Identität bedeutet, dass ein Mensch sich für mindestens zwei oder mehreren kulturellen Räumen zugehörig fühlt. Es handelt um Menschen, die zwischen den Kulturen stehen oder einen Seilakt zwischen den verschiedenen Kulturen vollbringen. Sie sind kulturelle Jongleure, Bastelexistenzen und gelten als „Menschen zwischen zwei Stühlen“. Sie sind Menschen mit Migrationshintergrund oder aber andere Deutsche.

Auf jeden Fall sind sie Teil der Gesellschaft. Sie gehören dazu. Jeder in der Gesellschaft kennt diese Bevölkerungsgruppe. Träger hybrider Identitäten sind deutsche Staatsangehörige, die häufig andere Namen, Gesichter, Haut- und Haarfarben haben, die sie für Andere erkennbar machen. Der größte Teil hat zusätzlich andere Erfahrungswelten. Auch wenn „ sie keineswegs als unvereinbar mit ihrer deutschen Lebenswelt“ (Foroutan u. Schäfer, 2009, S. 12) sind, so wird ihnen doch bewusst, dass sie „anders“ sind als die Mehrheitsgesellschaft. Jedoch muss dieses Anderssein nicht immer mit einem negativen Aspekt des Ausgrenzungsgefühls verbunden werden. Sie können als Vermittler der Kulturen, für die Überschreitung von Grenzen, für Kommunikation und Interaktion zwischen den Kulturen, agieren. Diese sozialstrukturelle Gruppe hat einen großen Vorteil gegenüber den Personen der Mehrheitsgesellschaft: Sie sind zwischen zwei Kulturen großgeworden, können größtenteils zwei Sprachen und sie können die Situation zwischen zwei Kulturen besser urteilen. Es steht für sie, vor allem im Hinblick auf die Migrationspolitik, ein großes Potential zugeschrieben.

3. Das Dilemma der Desintegration

Integration bedeutet „die Einfügung bzw. Eingliederung in ein Ganzes, aber auch Anpassung oder Angleichung“ (Kushutani, 2010, S. 2). Die ständige Frage „Bist du Deutscher?“ oder auch „aus welchen Land kommst du?“, die sicherlich bei den Fragenden auf reines Interesse beruht und keine negativen Aspekte hervorrufen soll, führt bei den Personen mit Migrationshintergrund zu dem Bewusstsein, dass sie anders sind. Vor allem im Bereich des Kindes- und Jugendalters kann diese Abgrenzungserfahrung zu einem sozialen Dilemma zu führen. Das Dilemma der meisten Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland will ich hier mal kurz darstellen: In Deutschland werden diese Personen, obwohl sie in Deutschland großgeworden sind und die deutsche Schule besucht haben, als „Deutsche mit Migrationshintergrund“, „Türken“, „Marokkaner“ oder gar als „Ausländer“ bezeichnet. Dasselbe Problem der Ausgrenzung oder des Andersseins haben sie in ihrer Heimat auch. So merken die Einheimischen relativ schnell, zum Beispiel in einem Dialog, dass diese Personen nicht aus dem Land stammen. Die Einheimischen merken dies relativ schnell an der Aussprache, an den Klamotten oder gar an dem Aussehen. Man bezeichnet sie so z.B. in der Türkei als „Almanci“, was so viel heißt wie „Deutschländer“. In diesen Punkt erfahren sie erneut eine Ausgrenzung. Man wird sowohl in der Heimat auch im Aufenthaltsland als anders angesehen. Man lebt, wie man das so schön sagt, zwischen den Kulturen.

Diese Erfahrung der Abgrenzung kann zu Desintegration in Mehrheitsgesellschaft führen. Gesellschaftliche Desintegration von Teilen der deutschen wie der zugewanderten Bevölkerung hat vielfältige Ursachen. Nach Forouta und. Schäfer (2009, S.12) findet die Desintegration auf drei Ebenen statt: auf der sozial-strukturellen, institutionellen und personalen Ebene.

3.1. Sozial-strukturelle Ebene

Auf der sozial-strukturellen Ebene sticht die ungleichverteilte Bildungs- und Arbeitschancen der Personen mit Migrationshintergrund ins Auge. Ein wichtiger Punkt „für die Integration in die Gesellschaft ist eine Existenz sichernde Beschäftigung“ (Belwe, 2009, S.2). Erstere Grundbedingungen, diese zu finden, sind eine solide Bildung und Ausbildung. Doch wie schaut es aus? Haben die Personen mit muslimischen Migrationshintergrund dieselbe Bildungschance wie die der Mehrheitsgesellschaft? Menschen mit Migrationshintergrund sind im Grunde genommen stärker von der Erwerbslosigkeit betroffen. Darüber hinaus haben PISA und andere Studien gezeigt, dass „in Deutschland die soziale Herkunft stärker als in den meisten anderen OECD-Staaten über Bildungschancen entscheidet“ (Foroutan u. Schäfer, 2009, S. 13). Eine interessante Statistik über die Nachteile am Arbeitsmarkt für Bewerber mit türkischen Namen hat eine Konstanzer Studie belegt. Forscher einer Studiengruppe der Universität Konstanz hatten in einem Feldversuch über 1000 Bewerbungen auf Praktikumsstellen für Wirtschaftsstudenten verschickt. Dazu verwendeten sie fiktive deutsche sowohl türkische Namen mit jedoch inhaltlich gleichwertigen Bewerbungsunterlagen. Dazu hatten diese fiktiven Bewerber nicht nur vergleichbare Qualifikationen und Fähigkeiten, sondern waren dazu ausnahmslos deutsche Staatsbürger. Das Ergebnis: Bewerber mit türkischen Namen erhielten insgesamt 14 Prozent weniger positive Antworten. Im Vergleich dazu, war die Ungleichbehandlung in kleineren Unternehmen sogar noch ausgeprägter. Hier hatten die fiktiven türkischen Bewerber trotz gleicher Voraussetzung wie ihre deutschen Mitbewerber eine um 24 Prozent geringere Chance auf ein Vorstellungsgespräch (Vgl. Universität Konstanz 2009). Überproportional häufig sieht man auf Hauptschulen dass diese von Schülerinnen und Schüler mit muslimischen Migrationshintergrund belegt werden. Seit Jahren sind Jugendliche mit Migrationshintergrund „von der angespannten Situation am Ausbildungsmarkt besonders stark betroffen“ (Foroutan u. Schäfer, 2009, S. 14). So absolvieren nur 25 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine duale Ausbildung gegenüber 59 Prozent ihrer deutschen Altersgenossen (Vgl. Bundesagentur für Arbeit). Gering Qualifizierte, sowohl Einheimische wie Zugewanderte laufen der Gefahr nach, an den unteren Schicht bzw. an den äußeren Rand der Gesellschaft zu rutschen. Eine auf mehr Chancengleichheit gerichtete Bildungspolitik könnte diese Problematik der Ungleichverteilung lösen. Des Weiteren ist es schwierig ohne ein reguläres Arbeitsverhältnis eine Wohnung zu finden. Nicht nur Migranten, auch einheimische gering Qualifizierte sind auf einem preiswerten Wohnraum angewiesen. Dieser Wohnraum „konzentriert sich in immer weniger Stadtvierteln, in denen es in der Folge zu einer hohen Konzentration von Haushalten mit sozialen Problemlagen kommt“ (Belwe, 2009, S.2).

3.2. Institutionellen Ebene

Die institutionelle Ebene beschäftigt sich mit den staatbürgerschaftlichen Status der zweiten und dritten Einwanderergeneration. Es ist in Deutschland erschwert, vor allem als Angehöriger einer Migrantenfamilie, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten. Es werden lästige diplomatische Wege eingeleitet, welche „den Zugang zur kollektiven Identität in Deutschland“ (Foroutan u. Schäfer, 2009, S. 12) erschweren. Die Anerkennung auf dem Papier und die langen lästigen Behördengänge bringt das Gefühl hervor, ein „Fremder“ oder ein „Ausländer“ zu sein, welche zu Desintegrationserfahrungen führen kann. Des Weiteren ist es auch ein finanzieller Akt, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten, da man für die ganzen diplomatischen Papiere und Gänge sowohl Geld an die deutschen auch an die Behörden aus dem Heimat zahlen muss.

3.3. Personelle Ebene

Auf der personellen Ebene stehen die Kulturkonflikte innerhalb der sozialen Lebenswelt der muslimischen Migranten im Vordergrund. Es wird die Hypothese gestellt, dass sie zwischen zwei Kulturen leben und mit dieser Unentschiedenheit gesellschaftlich defizitäre Merkmale von niedrigem Bildungsniveau bis hin zur Kriminalität erklärt werden sollen. Dem ist entgegenzusetzen, „dass der gefühlte Zwang zur einseitigen kulturellen Verortung insbesondere für muslimische Jugendliche problematisch ist, empfinden sich diese doch selbst als hybrid“ (Foroutan u. Schäfer, 2009, S. 12). Sie stehen unter doppeltem Entscheidungsdruck. Die daraus entstandenen Probleme für die hiergeborene Generation besteht „ zum einen in der Entfremdung von der Herkunftskultur und im Sinnverlust bzw. Sinnloswerden traditioneller heimatlicher Werte und Normen (Hämmig, 2000, S. 34). Zum anderen geraten sie in die Rolle des Außenseiters, indem sie Erfahrungen des Ausgeschlossenseins und der Randständigkeit machen. Rund etwa 25% „der befragten Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland fühlten sich isoliert und ausgegrenzt – insbesondere Angehörige der unterschichtigen Milieus“ (Wippermann u. Blog, 2009, S. 10). Insbesondere unter muslimischen Migrantinnen und Migranten in Deutschland ist ein gewisses Identifikationsdilemma durch die Nichtanerkennung ihres hybriden Identitätsstatus zu beobachten. Die Problematik liegt auf der einen Seite, dass sie einem äußeren Assimilationsdruck durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt sind. Diesen nachzugehen und z.B. das Kopftuch wegzulassen, garantiert jedoch nicht, dass ihre Identität als „deutsch“ anerkannt wird. Auf der anderen Seite fordert die Mehrheitsgesellschaft bzw. die Assimilation von ihnen, dass sie sich von den elterlichen Werten loslösen und damit gehen die traditionellen Werte, familiäre Bindungen und sichere Identitäten verloren (Vgl. Foroutan u. Schäfer, 2009, S. 12).

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Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668715493
ISBN (Buch)
9783668715509
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427284
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Schlagworte
leben kulturen migrantinnen migranten deutschland

Autor

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Titel: Das Leben zwischen zwei Kulturen der muslimischen Migrantinnen und Migranten in Deutschland