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Welche Rolle spielen die Eltern bei Anorexia nervosa?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 13 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Erscheinungsbild von Anorexia nervosa
2.1 Geschlechtsspezifische Aspekte
2.2 Symptome
2.3 Auswirkungen und Folgen

3. Psychodynamik
3.1 Familien-Beziehung
3.2 Mutter-Kind Beziehung
3.3 Vater-Kind Beziehung

4. Therapie

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Immer mehr Jugendliche leiden heutzutage an Essstörungen, besonders junge Frauen und Mädchen. Anorexia nervosa kann durch verschiedene Ursachen entstehen, meistens wird sie durch Autonomie- und Anpassungsanforderungen an der Betroffenen bewirkt.[1] Besonders interessant erscheint das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Kind, wo­bei sich die Frage stellen kann ob sie als Ursache der Erkrankung betrachten werden können. Die sich daraus entwickelnden Fragen, sind überaus wichtig bei einem anorek- tischen Mädchen, in dessen Leben die Familie und besonders die Eltern eine sehr wich­tige Rolle spielen und ihre elterliche Beziehung zum Kind sich als elementar für eine psychische Stabilität erweist. Im Verlaufe dieser Arbeit konzentrieren wir uns auf die Essstörung Anorexia nervosa, um herauszufinden, ob und wie sehr die Eltern die Be­troffene beeinflussen und versuchen ihre Störung unter Kontrolle zu bringen. Helfen die Eltern den anorektischen Kindern, oder sind diese der eigentlichen Ursprung der Stö­rung. So kommen wir zur Hauptfrage: „Welche Rolle haben die Eltern bei Anorexia nervosa?“

2. Erscheinungsbild von Anorexia nervosa

Anorexia nervosa tritt in verschiedenen Phasen der Pubertät auf, sowohl bei Mädchen, als auch bei Jungen, kann sie in ihrer Dauer unterschiedlich sein. Die weitaus verbrei­tetste Form von Anorexia nervosa findet in der Präpubertät, Pubertät oder Adoleszenz statt.[2] Das dazugehörige Erscheinungsbild der Magersucht ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Man geht von einem Zusammenspiel biologischer, sozialer und kultureller Faktoren aus, so­wie von unspezifischen psychologischen Mechanismen und der Verletzlichkeit der Per- sönlichkeit.[3] Anorexia nervosa kennzeichnet sich durch Auffälligkeiten im Essverhalten und ist nicht zu verwechseln mit der Futter- und Essstörung im frühen Kindesalter. In dieser Störung zeigen sich die Auffälligkeiten im Ablauf oder im Gegenstand der Nah­rungsaufnahme und nicht wie bei Anorexia nervosa in der Menge der Nahrung, bezie­hungsweise in der Nahrungsverweigerung.[4] Die Symptomatik wird als Ausdruck einer pubertären Krise angesehen, die von kurzer Dauer ist und deren Auslöser einfach zu be­stimmen sind.[5] Gleichzeitig ist die hohe Angst an Gewichtszunahme, die mit einem Schlankheitsdrang, einem verzerrten Körperbild oder dysfunktionale Einstellungen zum Körper, als Ersterkrankung vor der Pubertät mit einem hohen Entwicklungsrisiko ver­bunden.[6] Abnehmen bedeutet für die anorektischen Mädchen, dass sie durch ihren redu­zierten Körper einen Schutzwall aufbauen können und sich gleichzeitig in ihrem diszi­plinierten Diätverhalten sozial bestätigt sehen, um sich ebenfalls durch ihre Maximal­leistung den anderen Mädchen überlegen zu fühlen. Vor allem sehen sie sich auch als nicht sexuell verfügbare weibliche Personen, die keine entsprechende körperliche Aus­stattung verfügen um als sexuell anregend gesehen zu werden. An Gewicht zunehmen dahingegen bedeutet für viele Magersüchtige „widerliches Sich-Gehen-Lassen“ und somit sexuelle Vulgarität, häßliche Distanzlosigkeit und abstoßendes Anbiedern mit „wabbelndem Weiberfleisch“ darzustellen. Zusammenfassend kann man festhalten, dass Anorexia nervosa eine zur sozialen Isolation führende, bleibende Fehlentwicklung der Pubertät auf dem Weg in das Erwachsenenalter ist, die eine ausgeprägte selbstdestrukti­ve Komponente mit sich führt, welche trotzt einer Besserung des Zustandes, eine hart­näckige Gewichtsphobie bei der Gestörten Person erhalten bleibt.[7] Die Störung kann sich auch zu einer chronischen Anorexie oder Spätanorexie entwickeln, die schon in der Kindheit beginnt und in der Familie für anhaltende Differenzen über die Ernährung füh­ren kann.

2.1. Geschlechtsspezifische Aspekte

Die Essstörung Anorexie nervosa kann bei beiden Geschlechtern auftreten, jedoch be­trifft sie hauptsächlich Mädchen und jungen Frauen zwischen 12 und 20 Jahren.[8] In der Allgemeinbevölkerung kommt das Vollbild der Anorexia nervosa eher selten vor, die Inzidenz bei Frauen liegt bei acht Neuerkrankten pro Jahr auf 100.000 Personen. Jungen und Männer haben eine Inzidenzrate von zwei Neuerkrankten auf 100.000 Personen.[9] Die psychischen Zeichen sind in männlichen Fällen ähnlich wie bei weiblichen Er­krankten.[10] Ein wichtiges Kriterium, welches bei beiden Geschlechtern vorliegt ist die Gewichts-Phobie, die eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme zeigt. Zwei weitere wichtige Merkmale die beide Geschlechter betreffen sind ein niedriges Körpergewicht und eine Körperschemastörung. Bei Frauen können mindestens drei aufeinanderfolgen­de Menstruationszyklen ausbleiben. Ähnlich wie bei Männern kann eine 3-monatiger Libidoverlust sexueller Funktionseinschränkungen oder eine Abnahme der Plasma-Tes­tosteron-Werte um mindestens eine Standardabweichung auftreten.[11] Bei männlichen Erkrankten „Fallen die Häufigkeit und der Suizidgedanken und -versuche auf, sowie Identitätskrisen, Bulimieattacken, Erbrechen und Zwanghaftigkeit bezüglich des Essens.“[12] Da hauptsächlich junge Mädchen von der Störung betroffen sind, wird aus­schließlich die weibliche Form verwendet.

2.2 Symptome

Anorektische Mädchen und junge Frauen weisen im Verlauf ihrer Störung mehrere Symptome auf, die zu einer Erkennung der Erkrankung führen. Durch diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa kann man diese nach dem ICD-10 und DSM-V definie­ren. Die beiden Klassifikationsmodelle sind weitestgehend miteinander vergleichbar, dennoch unterscheiden sie sich in der Definition der Kriterien.[13] Nach ICD-10 sind fol­gende Symptome Anzeichen für Anorexia nervosa: erstens liegt das Körpergewicht des Betroffenen bei mindestens 15% unter dem zu erwartenden Gewicht oder einen BMI von 17,5 oder weniger in der Vorpubertät, dabei können Gewichtszunahmen in der Wachstumsperiode ausbleiben. Zweitens wird der Gewichtsverlust selbst herbeigeführt durch Vermeidung von hochkalorischen Speisen und/oder selbstinduziertes Erbrechen, Abführen, exzessive körperliche Aktivitäten und Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika. Außerdem kann eine Körperschemastörung auftreten, die sich durch Angst dick zu werden zeigt und eine tiefverwurzelte Idee man sei „zu fett“ aufweist, wodurch die Betroffenen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst festlegen. Ein wei­teres Symptom ist eine endorkine Störung auf der Hypothalamus-Hypophysen-Gona- den-Achse die bei Frauen zu Amenorrhoe und bei Männern zu Libido-und Potenzverlust führt. Ein weiteres Symptom wäre bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät eine Ab­folge verzögerter oder gehemmter pubertärer Entwicklungsschritte, darüberhinaus wird nach einer Remission, die Pubertät häufig normal abgeschlossen, wobei die Menarche verspätet eintritt.[14] Nach Görlitz (2011) sind typische Symptome eine eingeschränkte Nahrungsauswahl, exzessive Sportbetätigung, induziertes Erbrechen und Abführung, welche sich mit den Kriterien von ICD-10 gleichen.[15] Nach Habermas (1989) ist ein weiteres psychisches Symptom die Angst vor einem normalen Körpergewicht und damit das eingehende Verlangen durch Fasten und exzessive Aktivitäten abzunehmen. Beim Symptom des Untergewichts besteht keine Krankheitseinsicht, die Betroffenen versu­chen mit immenser Selbstbeherrschung sich das Essen zu verbieten.[16] Die Symptome eines Essgestörten beziehen sich immer auf das Essen und deren Gewicht, dabei ver­heimlichen sie der Außenwelt wie viel sie tatsächlich essen und wiegen. Es treten eine Reihe körperlicher sowie psychischer Veränderungen auf, die unregelmäßige Nahrungs­aufnahme und Untergewicht hervorrufen. Auch sexuelle Beziehungen werden bei ano- rektischen Mädchen vermieden. Wenn die Störung ein immenses Ausmaß annimmt, kann diese im schlimmsten Fall zum Tode führen.[17]

2.3. Auswirkungen und Folgen

Anorexia nervosa wirkt sich mit ihren psychischen und physische Symptomen haupt­sächlich negativ auf die Erkrankten aus. Die daraus entstehenden Folgen sind besonders schwerwiegend, je ausgeprägter die Erkrankung, desto rapider der Gewichtsverlust und umso mehr leidet der Körper. Außerdem ist das Alter der Erkrankten im Besonderen wichtig, je früher Anorexia nervosa auftritt, desto schwerwiegender werden die Folgen bei einer dauerhaften Erkrankung. Durch den dauerhaften Mangel an Nahrung, sowie exzessive sportliche Betätigungen und Abgrenzung zur sozialen Umgebung variieren die Folgen sowie Auswirkungen je nach Intensität der Symptome. Mögliche körperliche Folgen von Untergewicht können, Schäden an den Zähnen, trockene, schuppige und behaarte Haut sein, sowie Haarausfall und verschiedene Stoffwechselstörungen sein, außerdem können Osteoporose und Amenorrhoe auftreten. Bei vorpubertären anorekti- schen Mädchen, kann das Wachstum beeinträchtigt werden, sowie Hyperthermie auftre- ten.[18] Die Auswirkungen von Anorexia nervosa üben sich nicht nur auf den Körper aus, sie beeinflussen ebenfalls die mentale Gesundheit, die sich durch Depression und Angs- störungen manifestiert. Das Selbstbewusstsein wird verringert, eine Körperschemastö­rung und die Wahrnehmung gegenüber dem eigenen Körper kann sich verzerren, dabei sieht die Betroffene sich als zu dick, trotz extremer Abmagerung. Sie können darüber- hinaus auch bestimmte Zwangsstörungen entwickeln, welche das Alltagsleben zusätz­lich erschweren.[19] Ein weiterer wichtiger Faktor ist die sexuelle Komponente, die durch starke Destabilisierung, mit Schuld und Schamgefühlen nach Boothe (1991) mit einbe­zogen wird und verursacht die Abwehr von Beziehungs- und Sexualphantasien, die be­sonders überwältigend, sadistisch und entwertende Kontaktformen und Sexualvollzüge thematisieren.[20]

3. Psychodynamik

Die Blütezeit des psychodynamischen Verstehens war zwischen 1960 und 1980, als sich die Grundlage für Behandlungsstrategien formten. Der Mittelpunkt liegt in der Psycho- dynamik von Anorexia nervosa; in der Unfähigkeit der Patienten die reifungsbiologi­sche Gesetzmäßigkeit anstehende Rolle und Position einzunehmen. Das spielen mit dem Tode, welches durch die magersüchtige Symptomatik hervorgerufen wird, dient im Grunde der Aufrechterhaltung psychischen Stabilität. Es wird verzweifelt versucht das Gefühl von der eigenen Identität, der Selbstwertverfügbarkeit und -beherrschung wie­derherzustellen.

[...]


[1] vgl. Görlitz 2011, S. 194

[2] vgl. Hartwich/Northoff 2016, S. 325

[3] vgl. Görlitz 2011, S.194

[4] vgl. Tuschen-Caffier/Bender 2013, S.569

[5] vgl. Boothe 1991, S.251

[6] vgl. Tuscher-Caffier/Bender 2013, S.569

[7] vgl. Boothe 1991, S.251 f

[8] vgl. Görlitz 2011, S.194

[9] vgl. Tuschen-Caffier/Bender 2013, S.577

[10] vgl. Steinhausen 2005, S. 5

[11] vgl. Nimis, S.15 f

[12] Hartwich/Northoff 2016, S. 325

[13] vgl. Tuschen-Caffier/Bender 2013, S.571

[14] vgl. Tuschen-Caffier/Bender 2013, S.572 f

[15] vgl. Görlitz 2011, S.195

[16] vgl. Habermas 1998, S.1069 f

[17] vgl. Görlitz 2011, S.194

[18] vgl. Görlitz 2011, S.201

[19] vgl. ebd., S.202

[20] vgl. Boothe 1991, S.253

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668720619
ISBN (Buch)
9783668720626
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427751
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
Magersucht Anorexie nervosa Essstörung Eltern Sonderpädagogik Psychoanalystisch

Autor

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Titel: Welche Rolle spielen die Eltern bei Anorexia nervosa?