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Inwieweit kann Rousseaus Gesellschaftsvertrag als Vorläufer des Totalitarismus gesehen werden?

Hausarbeit 2018 13 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Totalitarismus
2.1 Totalitari smus nach Hannah Arendt

3. Totalitäre Aspekte in Rousseaus Gesellschaftsvertrag
3.1 Demokratische Aspekte in Rousseaus Gesellschaftsvertrag

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jean-Jacques Rousseaus Abhandlung ״ Vom Gesellschaftsvertrag'־' stellt einen Entwurf einer Staatsphilosophischen Theorie dar, in der Rousseau versucht ״rechtmäßige und sichere Regel [n] für das Regieren“ zu finden.[1] Nach Rousseau haben die Menschen durch den Erwerb von Eigentum und dem in Besitz nehmen von Land ihren Naturzustand und ihre natürliche Freiheit verloren. Ziel von Rousseaus Gesellschaftsvertrag, der kein Vertrag im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine Theorie darstellt, ist es, den Menschen durch einen Gesellschaftsvertrag, den die Menschen nach einem jeder mit jedem Prinzip untereinander eingehen, eine bürgerliche Freiheit zu geben. Diese bürgerliche Freiheit dient dazu die natürliche Freiheit zu ersetzen, die den Menschen verloren ging. Der Gesellschaftsvertrag gilt als politisch-theoretisches Hauptwerk Rousseaus. Nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1762 wurde es unter anderem in den Niederlanden und in Frankreich verboten. Rousseaus Werk gilt als Wegbegleiter der modernen Demokratie und hat unter anderem die Französische Revolution stark beeinflusst. Obwohl die Grundauslegung des Gesellschaftsvertrags meist demokratisch verstanden wird, gibt es auch totalitaristische Interpretationen des Gesellschaftsvertrags, die in Rousseaus Werk den Wegbereiter der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und der Sowjetunion sehen.

Diese Hausarbeit soll im Folgenden die Frage klären, inwieweit Rousseaus Gesellschaftsvertrag als Vorläufer des Totalitarismus gesehen werden kann. Dazu wird zunächst eine kurze Definition des Begriffs vorgestellt und anschließend der Totalitarismus auf Grundlage von Hannah Arendts Werk ״Elemente and Ursprünge totaler Herrschaft“ erläutert. Im Anschluss werden einzelne Elemente aus Rousseaus Gesellschaftsvertrag mit Blick auf den Totalitarismus kritisch betrachtet.

Anschließend soll die Ausgangsfragestellung, ob Rousseaus Gesellschaftsvertrag als Vorläufer des Totalitarismus gesehen werden kann, aufgegriffen und nach Möglichkeit beantwortet werden.

2. Totalitarismus

Der Begriff des Totalitarismus wurde erstmals 1923 vom italienischen Journalisten Giovanni Amendola geprägt. Er beschrieb mit den Worten ״sistema totalitario“ den Faschismus unter Mussolini, welcher die ״absolute und unkontrollierte Herrschaft“ anstrebe.[2]

Klaus Schubert und Martina Klein definieren Totalitarismus wie folgt:

"Totalitarismus bezeichnet eine politische Herrschaft, die die uneingeschränkte Verfügungüber die Beherrschten und ihre völlige Unterwerfung unter ein [...] politisches Ziel verlangt. Totalitäre Herrschaft, erzwungene Gleichschaltung und unerbittliche Härte werden oft mit existenzbedrohenden (inneren oderäußeren) Gefahren begründet, wie sie zunächst vom Faschismus und vom Nationalsozialismus, nicht zuletzt auch im Sowjetkommunismus Stalins von den Herrschenden behauptet wurden. Insofern stellt der Totalitarismus das krasse Gegenteil des modemen freiheitlichen Verfassungsstaates und des Prinzips einer offenen, pluralen Gesellschaft dar" .[3]

2.1 Totalitarismus nach Hannah Arendt

Wie Schubert und Klein bezieht sich auch Hannah Arendt in ihrem 1951 erschienenen und zu ihren Hauptwerken zählenden Werk ״Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ auf die totalitären Diktaturen des dritten Reichs und der Sowjetunion. Der Begriff der Diktatur ist zurückzuführen auf das lateinische Wort dictator. Im alten Rom bezeichnete ein Diktator zunächst eine Person, die in Ausnahmezuständen für einen begrenzten Zeitraum die komplette Regierungsgewalt erhielt. In der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Diktatur erkennt Ernst Nolte das Problem, dass der Begriff der Diktatur nach unserem heutigen Verständnis falsch verwendet wird. Denn:

״[...] dass dasjenige, das weltgeschichtlich weit eher die Regel als die Ausnahme ist, mit einem Terminus bezeichnet wird, der seit seinen römischen Anfängen die Bedeutung des Ausnahmezustandes [...]nie völlig [abgelehnt hat].‘"[4]

Arendt umgeht diese begriffliche Schwierigkeit, in dem sie nicht einfach von totalitären Diktaturen spricht, sondern den Totalitarismus selber als neue für sich selbst stehende Staatsform darstellt. In ihrem Werk ״Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ beschreibt sie, welche Besonderheiten der Totalitarismus als neue Staatsform ausmachen und was diesen von anderen, bereits bekannten, Staatsformen unterscheidet.[5] Ausschlaggebende Elemente totalitärer Herrschaft sind dabei für Arendt ״Ideologie und Terror“.[6] Besonders der Terror ist ausschlaggebend für die Entstehung der totalitären politischen Struktur. Er drängt die Menschen dazu ihre Individualität aufzugeben und sie ״so zu organisieren, als gäbe es sie gar nicht im Plural, sondern nur im Singular, als gäbe es nur einen gigantischen Menschen auf der Erde, [...].“[7] Der Totalitarismus fällt für Arendt weniger in einen operationalisierbaren politikwissenschaftlichen Bereich, als vielmehr in einen Bereich der existentialistischen Grenzbegriffe, denn durch den Terror zerstört er ״denöffentlichen Raum politischer Freiheit“.[8]

Anders als der Terror versucht die Ideologie die Denkweise der Menschen, ihre Weltanschauung, im Sinne der totalitären Regime zu verändern. Die Ideologie ist - wie der Name nahelegt - eine Art Idee, eine Weltanschauung, die der politischen Struktur zu Grunde liegt.[9] Paradebeispiel dafür ist das nationalsozialistische totalitäre Regime, das seine Handlungen größtenteils mit Hilfe der Ideologie des Rassismus begründet und die Menschen mit Hilfe von Propaganda ideologisch und politisch mit den Ideen des Rassismus indoktriniert. Alle Ideologien beinhalten im Grunde drei totalitäre Elemente.

Zudem erklären Ideologien nie das ״was ist, sondern nur das, was wird, was entsteht und vergeht [...].“[10] Dadurch, dass sie ihren Blick stark auf das Kommende fixieren, schreibt man ihnen das Element der Bewegung zu. Diese Bewegung wird durch die stetige Definition neuer Feindbilder durch das totalitäre Regime aufrechterhalten und vorangetrieben.

Das zweite Element ist das Element der Emanzipation. Das ideologische Denken ״emanzipiert sich [...] von der Wirklichkeit, [...], und besteht ihr gegenüber auf einer eigentlicheren Realität, die sich hinter diesem Gegebenen verberge, es aus dem Verborgenen beherrsche und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benötigen“.[11] Totalitäre Regime beruhen auf Massenbewegungen. Damit diese Massen den totalitären Regimen folgen und ihre Ideologien teilen, ist besonders die Indoktrinierung mit dieser ״eigentlicheren Realität"[12] von Bedeutung. Diese Indoktrinierung hat zur Folge, dass die Massen ihren eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen misstrauen. Die Massen sehen nicht mehr die Hintergründe, sondern nur noch ״die Konsequenz und Stimmigkeit“[13] der Ideologie.

Das dritte Element ist das Element der Beweisführung. Da Ideologien die Wirklichkeit - innerhalb der sie ihre eigene Realität erschaffen - nicht gänzlich verändern können, verlassen sie sich auf ihre Beweisführung. Ideologien ziehen ihre Schlüsse aus dem was in der Wirklichkeit geschieht, ״aus einer als sicher angenommenen Prämisse [...] mit absoluter Folgerichtigkeit - und das heißt natürlich mit einer Stimmigkeit, wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist“.[14] Faktische Beweisführung ist daher für totalitäre Systeme nicht mehr nötig. Die weiter oben genannten neu definierten Feindbilder der totalitären Regime werden mithilfe dieser, einzig auf die Ideologie bezogenen, Beweisführung als Feindbild klassifiziert. Dabei Stehen zum Beispiel beim Nationalsozialistischen Regime verschiedene fiktive Rassen im Fokus, die vom Regime erdacht wurden und die mithilfe der Ideologie des Rassismus und ihrer eigenen Beweisführung ״logisch und [...] konsequent“[15] bekämpft werden.

Ein weiteres Merkmal des Totalitarismus ist die Idee des bürgerlichen Nationalstaats. Da dieser im Gegensatz zu seiner ״Verpflichtung gegenüber allen Menschen auf seinem Territorium ,im Namen des Volkes‘ [gewährt er] zunehmend nur noch denjenigen ,volle Bürgerrechte [...], die durch das Recht der Herkunft und das Faktum der Geburt zur nationalen Gemeinschaft gehörten‘.“[16]

3. Totalitäre Aspekte in Rousseaus Gesellschaftsvertrag

In Rousseaus 1762 erschienenem Werk ״Vom Gesellschaftsvertrag“ finden sich nach genauerer Betrachtung einige Aspekte, die dem Totalitarismus zugeordnet werden können. Im Folgenden sollen genau diese Aspekte, die Indizien dafür sein können, dass Rousseaus Gesellschaftsvertrag als Vorläufer des Totalitarismus angesehen werden kann, näher betrachtet und erläutert werden.

Der erste kritisch zu betrachtende Punkt ist Rousseaus Vorstellung von Freiheit.

Kant definiert Freiheit wie folgt:

״Niemand kann mich zwingen auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondem ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer, einemähnlichen Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, (d.i. diesem Rechte des Andem) nicht Abbmch thut.“[17]

Rousseaus Vorstellung von Freiheit unterscheidet sich stark von der von Kant. In Rousseaus Theorie des Gesellschaftsvertrags ist die Freiheit nicht länger individuell, sondern richtet sich stark nach dem Gemeinwillen. Nach Rousseau hat der Mensch durch das Erlangen von Eigentum und dem in Besitz nehmen von Land, seine natürliche Freiheit und damit seinen Naturzustand verloren. Grundlegendes Ziel von Rousseaus Theorie ist es, den Menschen mithilfe eines Gesellschaftsvertrags, also einer gesellschaftlichen Ordnung, die bürgerliche Freiheit zu geben. Diese soll anstelle der natürlichen Freiheit stehen und den Menschen eine Freiheit geben, die die verlorene natürliche Freiheit ersetzen soll. Um dieses Ziel zu erreichen stellt Rousseau den Gemeinwillen als höchste Instanz an oberste Stelle.[18] Die bürgerliche Freiheit kommt durch diese starke

[...]


[1] Rousseau, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag, Stuttgart 2011, S.5

[2] Petersen, Jens: Die Geschichte des Totalitarismusbegriffs in Italien. In: Maier, Hans (Hrsg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Paderborn 1996, S.20

[3] Schubert, Klaus / Klein, Martina: Zu den ideengeschichtlichen Wurzeln des Totalitarismuskonzepts. In: Das Politiklexikon, Bonn 2006, S.289.

[4] Nolte, Emst: Diktatur. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 1, Stuttgart 1972, S.924.

[5] Vgl. Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 2009, s.944-975.

[6] Kallscheuer, Otto: Denken ohne Geländer. Hannah Arendts Wahr-Nehmung des Totalitarismus als Durchbmch zum politischen Denken, In: Gmnenberg, Antonia (Hrsg.), Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie. Fünfzig Jahre The Origins of Totalitarism, Frankfurt a.M. 2003, s.22.

[7] Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S.958

[8] Kallscheuer, Otto: Denken ohne Geländer. Hannah Arendts Wahr-Nehmung des Totalitarismus als Durchbmch zum politischen Denken, S.25

[9] Vgl. Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S.962

[10] Ebd., S.964

[11] Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S.964

[12] Ebd., S.964

[13] Ebd., S.745

[14] Ebd., S.965

[15] Kallscheuer, Otto: Denken ohne Geländer. Hannah Arendts Wahr-Nehmung des Totalitarismus als Durchbruch zum politischen Denken, S.24

[16] Wagner, Otto: Die westliche Demokratie und die Möglichkeit des Totalitarismus,über die Motive der Gründung und der Zerstörung in ״The Origins ofTotaiotarisnŕ. In: Grunenberg, Antonia (Hrsg.), Totalitäre Herrschaft und republikanische Demokratie. Fünfzig Jahre The Origins of Totalitarism, Frankfurt a.M. 2003, S. 135.

[17] Kant, Immanuel: Kant’s gesammelte Schriften (Hrsg.) Preußische Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900 ff, AA VIII, 290

[18] Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, S.5-27

Details

Seiten
13
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668730601
ISBN (Buch)
9783668730618
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428690
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Schlagworte
inwieweit rousseaus gesellschaftsvertrag vorläufer totalitarismus

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