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Die "Emanzipation des Kindes" in Janusz Korczaks Pädagogik. Wie können wir die Selbsttätigkeit der Kinder in der gegenwärtigen Pädagogik und in unserem aktuellen Schulsystem unterstützen?

Hausarbeit 2018 17 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wer war Janusz Korczak?

3. Korczaks Bild vom Kind

4. Pädagogische Ansätze seiner Erziehung

5. Praktische Elmsetzung am Beispiel ?Dom Sierot“
5.1 Grundsätze seiner Waisenhauserziehung
5.2 Die Institutionen und ihre Funktionen im ?Dom Sierot“

6. Wieäußert sich Korczak konkret zum Schulsystem?

7. Fazit: Wie können wir die Selbsttätigkeit der Kinder in unserem aktuellen Schulsystem unterstützen? 3

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

?Es geht beim pädagogischen Denken und Handeln nicht darum sich Gedanken zu machen, was und wie man etwas von einem Kind verlangt, es geht auch nicht darum, was man befiehlt oder verbietet, sondern darum, was dem Kind fehlt und wovon es zu viel hat, was es verlangt, und was es von sich aus geben kann“1

Das angeführte Zitat spiegelt für mich die grundlegende Einstellung Janusz Korczaks wieder, die auch Thema dieser Hausarbeit sein soll. Es zeigt zudem die Aktualität von Korczaks Pädagogik, da diese Erkenntnis maßgebend für eine Reform unseres heutigen Schulsystems sein könnte, das durch den festgelegten Lehrplan sehr stark auf bestimmte Ziele fokussiert ist. Wenn wir uns allerdings an Korczaks Grundsatz orientieren, bei dem Kind anzufangen und dessen Bedürfnisse genauer zu erforschen, indem wir in einen Diskurs mit ihnen gehen, wäre es eventuell möglich eine Schule zu entwickeln, die auch wirklich kindgerecht ist.

Nach einer kurzen biographischen Vorstellung, werde ich mich daher zunächst mit Korczaks Bild vom Kind auseinandersetzen, da es elementar notwendig ist, dass Kind zu verstehen, um sich mit ihm auseinanderzusetzten. Anschließend sollen Korczaks pädagogische Leitsätze, die er aus den Beobachtungen des Kindes in seiner natürlichen Umgebung ableitet, dargestellt werden, um im Folgenden zu untersuchen, inwiefern diese in seiner Einrichtung, dem ?Dom Sierot“ umgesetzt werden. Anschließend werde ich versuchen, diese Leitsätze auch auf unser heutiges Schulsystem zuübertragen und Überlegungen anstellen, wie man die Reformpädagogik Korczaks anwenden könnte.

2. Wer war Janusz Korczak?

Henryk Goldszmit lebte vom 22?. Juli 1878 oder 1879 [bis] Anfang August 1942“2. In dieser Zeit verfasste er unzählige Werke, die in ?zwanzig Sprachenübersetzt“3 wurden. Sein Lebenswerk ist also nicht nur umfangreich, sondern auch gleichzeitig von großem Interesse für die Erziehungswissenschaft.

1898 tritt er der Universität bei und verfasst seitdem Texte unter dem Pseudonym Janusz Korczak. Er studiert Medizin mit dem Ziel, die ?menschliche Seele nicht nur zu kennen, sondern sie auch zu heilen“4. Daraus lässt sich Korczaks wesentliche Grundeinstellung ableiten, den Mensch als Ganzes zu betrachten. Neben der Medizin ist er an pädagogischen Fragen interessiert und beginnt aus diesem Interesse heraus 1912 in Waisenhäusern zu arbeiten und wird unter anderem Direktor des Dom Sierot.5

Korczak ist also sowohl ?Arzt [und] Schriftsteller [als auch] Erzieher“6. Auf diese Weise hatte er einen umfangreichen Blick auf den Menschen und hat aus seiner reflexiven Beobachtung heraus eine Pädagogik erarbeitet, die vor allem die ?Achtung vor der Menschenwürde“7 in ihr Zentrum setzt.

3. Korczaks Bild vom Kind

Korczak entwickelt sein Bild vom Kind mit Hilfe der ?empirischen Erziehungswissenschaft“8. Er erschließt sich seine Annahmenüber die Beobachtung der Kinder in ihrer Umgebung. Er orientiert sich dabei also nicht an Theorien, sondern an ?Realitätsfeststellungen“9. Dazu ist es notwendig, ?genau zu beobachten, was ist“10. Dabei beobachtet er sich selbst, die Kinder, aber auch die Umwelt, in denen sie agieren11.

Korczak nutzt das metaphorische Bild des Pergaments, um die Besonderheit des Kindes zu beschreiben: ?dicht beschreiben mit winzigen Hieroglyphen, von denen du nur einen Teil zu entziffern vermagst; einige kannst du löschen oder durchstreichen und mit eigenem Inhalt füllen“12. Was er damit aussagen will ist, dass der Erzieher zwar auf das Kind einwirken und dieses in gewisser Hinsicht beeinflussen kann, dieser Einfluss aber eingeschränkt ist. Trotzdem besteht die Möglichkeit, eine positive Entwicklung des Kindes beeinflussen, indem man eine Umgebung schafft, die sich nach den ?Entwicklungsbedürfnissen“13 des Kindes richtet. Diese sind ?lachen, rennen [und]übermütig [zu] sein“14. Die Bedürfnisse der Kinder lernt man nach Korczak vor allem in der Auseinandersetzung mit ihnen. Sie sind in der Lage ihre Wünsche zu

4. Pädagogische Ansätze seiner Erziehung

Bei Korczaks Erziehung handelt es sich um eine lebensnahe Pädagogik, die von dem Prinzip geleitet wird, dass man bei den Kindern ansetzen muss, wenn man deren Erziehung erforschen will.

Korczak stellt sich nichtüber die Kinder, sondern steht zu diesen in einer wechselseitigen Beziehung. Er vertritt nicht Einstellung, dass der Erzieher lediglich Wissen vermittelt und das Kind nach seinen Vorstellungen formt. Stattdessen ?lehren [beide Parteien] einander gegenseitig“15. Aus diesem Grund nennt er die Kinder auch ?seine Lehrmeister“16. Er kehrt also den ?Informationsfluss“17 um. Er lernt dabei nicht nur im schulischen Umfeld von seinen Kindern, sondern auch in Situationen, die auf den ersten Blick keinen lehrhaften Charakter besitzen. Korczak zieht seine Lehrenüber das Kind aus der Beobachtung dessen Verhalten in seiner natürlichen Umgebung18. Er hält diese Beobachtungen in seinen Büchern fest und geht auch diesbezüglich in einen Diskurs mit den Kindern19. Korczak schreibt der Meinung der Kinder also eine große Bedeutung zu und nimmt deren Kritik sehr ernst, da sie seine Arbeit unmittelbar beurteilen können.

Korczak lässt sich der Reformpädagogik zuordnen. Damit ist eine Erziehung gemeint, die sich gegen die ?Angst generierende ,alte‘ Erziehung“20 wendet und eine neueäußern und wenn man ihnen zuhört, erfährt man nach Korczak die ?meisten Geheimnisse der Kinderseele“21.

Korczakäußert sich ebenfalls zu dem Zusammenhang von Anlage und Umwelt. Ähnlich wie bei der Pergament-Metapher weißt er auch diesbezüglich daraufhin, dass ein Kind von Grund auf ein bestimmtes Wesen besitzt, dass der Erzieher nicht maßgeblich verändern kann. Er wählt ein weiteres sprachliches Bild, um seine Anschauung zu veranschaulichen. ?Die Birke bleibt eine Birke, die Eiche eine Eiche- und die Klette eine Klette“22. Der Erzieher darf also nicht der Täuschung unterliegen, er könne das Kind nach seinen Idealvorstellungen formen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es auch schlecht geborene Menschen gibt. Die Erziehung mache nach Korczak aus dem Menschen ein ?schmutziges oder ein strahlendes Wesen“23. Es bestimmen also sowohl Anlage, als auch Umwelt die Entwicklung eines Kindes24.

Aus Korzcaks Ausführungenüber das Kind erfahren wir noch weitere grundlegende Annahmen. So zum Beispiel, dass das Kind Verstand besitzt und im Laufe seiner Entwicklung nicht nur sich selbst, sondern auch seine Eltern kritisiert und sie, wenn es die ?schwachen Seiten [ihres] Charakters“25 erkennt, austestet, um die Grenzen zu erfahren. Eräußert sich auch zur Selbstsüchtigkeit des Kindes, die ihm ?von Natur aus“26 eigen ist. Es ist also die Aufgabe des Erziehers, dem Kind ?Nächstenliebe“27 vorzuleben. Dieser Vorbildfunktion sollte man sich schon von Beginn an bewusst sein, da das Kind seit seiner Geburt wahmimmt und diese Wahrnehmung schließlich auch bewertet. Sollte das Kind Fragen zu Beobachtungen haben, ist es wichtig seinen Entwicklungsstand zu beachten. Falls der Erzieher glaubt, dass das Kind die Antwort noch nicht nachvollziehen kann, ist es besser die Antwort auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben28. Dies liegt darin begründet, dass ein Kind etwas wirklich nachvollziehen muss, um etwas zu lernen und in Folge dessen auch den Willen zu entwickeln, etwas ?zu bewegen“29. Korczak sagt zwar, dass Kindern eine ?imponierende Willenskraft“30 angeboren sein kann, sie muss in den meisten Fällen allerdings erst ausgebildet werden. Die ?geistige Erziehung“31 sollte also darauf ausgerichtet sein, den ?Willen und [das] moralische [...] W011en“32 zu stärken. Eine weitere Eigenschaft, die dem Kind eigen ist, ist die Vorstellungskraft, die laut Korczak nicht nur positive Seiten hat, sondern auch der Ursprung von negativen Verhaltensweisen sein kann. Die Vorstellungskraft des Kindes muss also beobachtet werden und je nach Ausrichtung angeregt oder aber ?in Ausnahmefällen“33 gedämpft werden.

Betrachtet man diese Grundannahmen als Ganzes, lässt sich daraus eine entscheidende Forderung ableiten, nämlich das Kind ?frei aufwachsen“34 zu lassen, damit es seine angelegten ?Charaktereigenschaften“35 entwickeln kann ohne vorher vom Erzieher beeinflusst zu werden.

Erziehung verbreiten will. Korczak verfolgt dabei keine festgelegte Strategie oder einen konkreten Plan36, aber er entwickelt mit der Zeit Leitsätze, an denen man sich orientieren kann. Betrachtet man diese Leitsätze und die praktische Umsetzung in seinen pädagogischen Einrichtungen, lässt sich eine ?Bewegung in Richtung der Emanzipation des Kindes“37 erkennen. Das Ziel ist es also das Kind dabei zu unterstützen, eine aktive Rolle in der Gesellschaft zuübernehmen. Das Individuum steht hierbei im Vordergrund und muss dementsprechend behandelt werden. Seine Erziehung soll nicht ?zum Kollektiv“38 hinführen. Der Mensch soll zwar lernen, in einer Gemeinschaft zu leben und sich in diese einzubringen, trotzdem hat das Individuum immer den Vorrang. Auf Grund dieser Ansicht sollen auch seine Einrichtungen den ?Einzelnen vor dem Druck der Gruppe schützen“39. Das Ziel von Korczaks Erziehung ist es, dem Kind die Fähigkeit zu lehren, sich in der Gruppe auszudrücken und mit anderen in eine Interaktion zu treten.

Im Folgenden sollen nun die Leitsätze erläutert werden, mit Hilfe derer Korczak die ?Emanzipation des Kindes“40 des Kindes unterstützend begleitet, um aus ihnen selbstständige Mitglieder der Gesellschaft zu machen.

Er baut seine Pädagogik auf den ?Prinzipien der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit, der gleichen Rechte und Pflichten“41 auf. Anhand dieser Grundsätze lässt sich eigentlich die gesamte Philosophie Korczaks erklären.

Die wichtigste Forderung ist wahrscheinlich die nach der lebensnahen Pädagogik. Nach Korczak muss die Kindheitsforschung direkt beim Kind ansetzten. Die Problematik in der Erziehungswissenschaft liegt oftmals darin, dass Erwachsene Theorienüber Kinder formulieren, ohne in einen direkten Austausch mit dem Kind zu gehen. Von dieser Annahme distanziert sich Korczak. Stattdessen fordert er eine beidseitige Interaktion zwischen Kind und Erzieher. Er setzt dieses um, in denen er den Kindern beispielsweise seine Bücher vorliest und sie anschließend um Kritik bittet. Er ?reflektiert [seine Arbeit] aus der Perspektive des Kindes“42.

Um sich auf einen Diskurs mit Kindern einzulassen, muss der Erzieher sich immer wieder selbst reflektieren. Für Korczak ist es eine Tatsache, dass man sich selbst verstehen muss, bevor man versucht Kinder zu verstehen. Er formuliert den provokativ anmutenden Gedanken, dass man selbst immer ein Kind bleibt, dass man ?kennenlernen, erziehen und form en“43 muss. Aus diesem Grund sieht er die Pädagogik auch als ?Wissenschaft [des] Menschen“44 an. Mit der Selbstreflexion geht allerdings gleichzeitig einher, dass man sich seiner Unwissenheit bewusst sein muss. Nach Korczak ist jede pädagogische Handlung ein ?Experiment“45, sodass er eine Haltung einnimmt, die er selbst als ?schöpferische[s] »Ich weißnicht»“46 bezeichnet. Der Erzieher ist also permanent auf der Suche nach Erkenntnissen und sammelt dabei Erfahrungen, die nicht unbedingt positiver Natur sein müssen47. Dieses Scheitern ist aber durch die Komplexität des pädagogischen Handelns vorprogrammiert und kann, wenn man sich dessen bewusst ist, konstruktiv genutzt werden.

Man muss also offen gegenüber neuen Situationen sein, und sich darauf einlassen, auf jede Situation individuell zu reagieren. Daher ist es auch nicht möglich festgelegte Strategien zu entwickeln, die auf jede pädagogische Situation anwendbar sind. Um die geforderte Offenheit zu entwickeln, sind neue und aktuelle Erfahrungen notwendig, damit der Erzieher der Routine entgegenwirken kann.48 Diese Offenheit muss auch auf schwierige Situationen angewendet werden, wie zum Beispiel bei Fehlverhalten von Kindern. Grundsätzlich vertritt Korczak die Annahme, dass ?jedem in jedem Fall völlig zu verzeihen“49 ist. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass keine pädagogische Reaktion gefordert ist. Das Verzeihen selbst steht am Ende des Erziehungsprozesses. Bevor dies geschieht ist eine pädagogische Auseinandersetzung notwendig. Sollte die Situation allerdings emotional zu aufgeladen sein, kann es besser sein, das ?erzieherische [...] Wort auf den morgigen Tag“50 zu verschieben. Man kann diesen Vorgang auch als Aspekt der Verlangsamung bezeichnen, durch den es dem Erzieher möglich ist, eine komplizierte Situation zu entlasten.

Eine pädagogische Reaktion zeichnet sich somit vor allem durch Verständnis aus. Man muss die Ursachen des Verhaltens erforschen, denn nur so kann man in dem Kind den Willen erzeugen, sich zu verbessern.

[...]


1 Korczak 2004, S.321

2 Tarnowski 1981, S.7

3 Ebd., S.27

4 Hebenstreit 2017, S.70

5 vgl. Ebd., S.69ff.

6 Skiera 2010, S.436

7 Hebenstreit 2017, S.16

8 Ebd., S.167

9 Ebd., S.167

10 Ebd., S.167

11 vgl. Ebd., S.167

12 Ebd., S.170

13 Ebd., S.173

14 Ebd., S.173

15 Korczak 1999, S.179

16 Ebd., S.194

17 Korczak 2004, S.71

18 vgl. Korczak 1999, S.64

19 Korczak 2004, S.16

20 Ebd., S.19

21 Ebd., S.19

22 vgl. Ebd., S.21

23 Ebd., S.24

24 Ebd., S.24

25 Ebd., S.24

26 Ebd., S.24

27 Ebd., S.26

28 Ebd., S.27

29 Ebd., S.27

30 Tarnowski 1981, S.56

31 Ebd., S.30

32 Ebd., S.56

33 vgl. Ebd., S.30

34 vgl. Ebd., S.30

35 Skiera 2010, S.1

36 vgl. Ebd., S.436

37 Kirchner 2016, S.66

38 Skiera 2010, S.437

39 Skiera 2010, S.437

40 Kirchner 2016, S.66

41 Korczak 2004, S.207

42 Hebenstreit 2017, S.254

43 Korczak 1999, S.147

44 Korczak 1999, S.147

45 Korczak 2004, S.521

46 Korczak 1999, S.10

47 vgl. Korczak 2004, S.240

48 vgl. Ebd., S.239

49 Ebd., S.239

50 Ebd., S.257

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668730984
ISBN (Buch)
9783668730991
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428760
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
emanzipation kindes janusz korczaks pädagogik selbsttätigkeit kinder schulsystem

Autor

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