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Krankenhausaufenthalt im hohen Alter

Eine Überlegung über Möglichkeiten, dieser problembehafteten Lebenssituation zu begegnen

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warum ist ein Klinikaufenthalt fürältere Menschen oft problematisch?
– Mögliche Faktoren

3. Was brauchen KlientInnen an sozialpädagogischer Unterstützung?
– Eine methodische Überlegung

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Belegarbeit wählte ich aufgrund derzeitig persönlicher Erfahrungen. Ein enges Familienmitglied muss seit Sommer letzten Jahres immer wieder in unterschiedlichen Abständen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Grund war anfangs eine Herzschwäche, später kam ein Schlaganfall hinzu und nun erschwert Wasser im Körper regelmäßig die Atmung. Eine Situation, die ich keineswegs neutral betrachten kann und möchte. Stattdessen stellte sich mir aber die Frage, was ein Klinikaufenthalt im hohen Alter mit Menschen macht und wie man dem möglicherweise entgegenwirken kann.

Mir kam in diesem Zusammenhang zunächst der Sozialdienst einer Klinik in den Sinn, wel- cher sozialpädagogisch mit den PatientInnen arbeitet. Schnell wurde klar, dass die Arbeit sehr selten so stattzufinden scheint, wie ich es mir als optimal vorstelle. Sicherlich spielen hier noch ganz andere Faktoren mit, die die Arbeitsweise beeinflussen und mitbestimmen, seien es die Finanzierung oder rechtliche Grundlagen. Darum soll es hierbei auch gar nicht gehen.

Die vorliegende Arbeit greift verschiedene Gedanken auf, die mir während der Recherche und Bearbeitung gekommen sind. Es soll keine Handlungsempfehlung herausgegeben werden und auch kein Katalog möglicher gesundheitlicher oder sozialer Folgen für Menschen hohen Al- ters in Krankenhäusern. Diese Belegarbeit soll zum Nachdenken anregen und Methoden in den Blick rücken, die für eine Verbesserung des Wohlbefindens vieler Menschen sorgen oder eine Verschlechterung des körperlichen wie seelischen Zustandes verhindern könnten.

Während ich verschiedene Artikel zu dieser Thematik las, fand ich auf einmal Parallelen, die ganz genauso auf unser Familienmitglied zutreffen. Verwirrtheit, körperlicher Abbau, geriat- rische Behandlung und Weiteres. Das machte die Bearbeitung einerseits schwer, weil das Thema doch sehr persönlich ist, auf der anderen Seite war es aber ein Ansporn, Probleme nachvollziehen zu können und sich Gedanken zu hilfreichen Methoden zu machen.

2. Warum ist ein Klinikaufenthalt fürältere Menschen oft problematisch?

- Mögliche Faktoren

Alte PatientInnen sind viel vulnerabler als jüngere. Schon die kleinsten Unbekanntheiten bringen ihr alltägliches System, in dem sie leben, ins Wanken (vgl. Hibbeler 2013).

Ältere Menschen sind mit Notfallsituationen allein oftmals schonüberfordert. Werden bei der Einweisung womöglich dann noch Brille oder Hörgerät vergessen (vgl. ebd.), mag man sich nicht vorstellen, wie großder Stressfaktor sein muss.

Der Klinikaufenthaltälterer PatientInnen wird nicht selten auch als ‚der Anfang vom Ende‘ bezeichnet. Grund ist, dassältere Menschen in Krankenhäusern häufig drastisch körperlich abbauen. In der ungewohnten Umgebung fühlen sie sich oft nicht wohl, was nicht nur an dem Unbekannten an sich, sondern weiterhin an der Ausstattung der Zimmer, ungemütlichem Licht und der klinischen Reinheit liegt. Das Ungewohnte bedeutet für nahezu jeden Menschen Stress. Allein der Blick beim Aufwachen ist gewöhnungsbedürftig oder der Gang zum Bade- zimmer, der Geschmack des Essens und vieles Weiteres. All jenes vermittelt das Gefühl von fehlendem Halt und fehlenden Alltagsstrukturen, was nicht selten beängstigend wirkt. Hinzu kommt der sinkende Anreiz einer gesunderhaltenden Lebensweise, wenn gewohnte Aufgaben und Routinen verloren gehen (vgl. Berndt 2010).

Eine viel schwerwiegendere Konsequenz der Lebenslage kann ein vorübergehendes oder anhaltendes Delirium sein, welches hochaltrige Menschen im Krankenhaus oft entwickeln. Die Umgebung ist als Hochrisiko für ein Delirium einzustufen, der Aufenthalt sollte deshalb möglichst vermieden werden (vgl. ebd.).

Die heutige medizinische Technik macht es möglich, dass viele Behandlungen mittlerweile auch in privater Umgebung möglich sind. Das Problem hierbei ist nur, dassältere PatientIn- nen eine viel intensivere Nachbetreuung, etwa eine Schmerztherapie, benötigen. Und diese Therapie ist vor allem wichtig, weil ein Delirium häufig erst unter Schmerzen entsteht. Auch andere Erkrankungen als Folge von Krankheiten oder Bettlägerigkeit müssen möglichst früh erkannt werden, wie eine sich anbahnende Lungenentzündung, die häufig Folge langer Auf- enthalte vonälteren Menschen ist. Die vollständige Vermeidung von Krankenhäusern ist also in bestimmten Fällen nicht möglich. Aus diesem Grund ist es für die PatientInnen in erster Linie wichtig, dass sie nach körperlicher Möglichkeit nicht an ein Bett gefesselt werden, mo- bil bleiben, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Weiterhin gilt es aber, ihnen ihre altbe- kannten Strukturen zurückzugeben, Routinen aus dem Alltag zu ermöglichen. Dies beginnt beim regelmäßigen Besuch von bekannten Gesichtern, die Kontakte aufrechterhalten und ge- gen Isolation wirken,über Speisen, die den PatientInnen vertraut sind und ihnen ein gewohn- tes Gefühl geben, bis hin zu Gegenständen, die ihr normales Wohnumfeld gestalten oder ihren Alltag beeinflussen (vgl. Berndt 2010), wie Zeitschriften, Uhren, Bilder, ein Radio oder auch bestimmte Fernseherprogramme.

Ein Klinikaufenthalt muss so gut wie möglich an die normalen Verhältnisse der Betroffenen angepasst werden, weil vertraute Strukturen im hohen Alter enorm wichtig sind (vgl. ebd.) und die kognitiven Leistungen unterstützen.

Ein Delir wird recht selten tatsächlich diagnostiziert. Hochbetagte haben häufig ein hypoaktives Delir, was bedeutet, dass dieses nicht weiter auffällt. Und da meist nichtüberprüft wird, wie die kognitive Leistung vor der Einweisung war, kann kein Vergleich stattfinden (vgl. Hibbeler 2013).

Eine weitere Verschlechterung wird in einem anderen Artikel benannt. „Sieben Tage Klinik, zehn Jahreälter - das ist häufig der Fall“ (Brendler 2016) heißt es in jenem Artikel. Weitere Nebenwirkungen durch neue Medikamente und körperliche Schwächung nach Operationen rauben den PatientInnen meist die letzten Kraftreserven. Die geistige Leistung wird am häu- figsten beeinträchtigt. Eine Stoffwechselstörung des Gehirns führt zu dem bereits erwähnten Delirium, welches oft nur als vorübergehende Phase abgetan wird. Und offenbar begegnen viele Mediziner dieser ‚Phase‘ noch heute mit ruhigstellenden Medikamenten oder sogar Fi- xierung. Dabei sollte bereits längst bekannt sein, dass ein Delir keine vorübergehende Phase ist, sondern immer etwas davon zurückbleibt, jeälter und kranker die PatientInnen, desto mehr, meint Psychiater Hüll. Jeder fünfte der stationär aufgenommenen RentnerInnen, so wird es prognostiziert, erleidet ein Delir. Das Risiko dieser PatientInnen, den Klinikaufenthalt nicht lebend zu beenden, ist doppelt so hoch, wie bei PatientInnen ohne ein auftretendes Delir (vgl. Brendler 2016).

Ein Delirium sei laut Experten aber zu verhindern. Selbstältere Menschen mit leichten kogni- tiven Einschränkungen könnten sich in ihrem privaten Umfeld noch ganz selbstständig bewe- gen und versorgen. In einer Klinik fällt der Rahmen dann aber zusammen, die Strukturenän- dern sich komplett, Bezugspersonenändern sich ständig, man wird mehrmals verlegt und die Krankenhausflure bieten keinerlei Möglichkeiten der Orientierung. All diese Faktoren und noch viele Weitere erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Deliriums, bzw. verlängern die Dauer dieses Zustandes (vgl. ebd.).

Die Ärztin Simone Gurlit hat ein Modellprojekt gestartet, um diesem vermeidbaren oder verminderbaren Problem zu begegnen. Ein Geriatrie-Team untersucht die kognitiven Fähigkeiten der PatientInnen, begleitet sie zu Untersuchungen, ist beratend und betreuend tätig und stellt den Kontakt zu Angehörigen sicher (vgl. Brendler 2016). Eine relativ konstante Beziehung zu einer Bezugsperson nimmt den alten Menschen etwas von dem Stress (vgl. Hibbeler 2013) und das ist enorm wichtig.

Die intensivere Betreuung und Versorgung Delir-gefährdeter PatientInnen scheint sehr erfolg- reich, wie auch ein anderes Krankenhaus berichtet. Leider ist die Umsetzung in Deutschlands Krankenhäusern noch eine Rarität und das, obwohl sie nicht einmal einen finanziellen Mehr- aufwand bedeuten würde (vgl. Brendler 2016). PatientInnen können schneller entlassen wer- den, weil postoperative Verläufe viel unproblematischer sind (vgl. Hibbeler 2013).

Ein anderes Problem, dass die Vermeidung oder Verkürzung von Krankenhausaufenthalten erschwert und ein finanzieller Faktor ist, ist, dassältere PatientInnen immer länger in Kran- kenhäusern, bzw. geriatrischen Abteilungen behandelt werden. Zu diesem Ergebnis kam die BARMER- Krankenkasse in ihrem Krankenhausreport 2017 (vgl. Thelen 2017). Geriatrie ist die Medizin des Alters. Die Zielgruppe ist mehrheitlichüber 80 Jahre alt und weist einen hohen Grad an Gebrechlichkeit und Multimorbidität auf. Die Geriatrie nimmt den Menschen ganzheitlich in den Blick, um Probleme, Krankheiten und Schädigungen frühzeitig erkennen und darauf reagieren zu können, um die Lebensqualität und Autonomie zu wahren oder wiederherzustellen (vgl. DGG)

Immer mehr Menschenüber 70 Jahren werden in geriatrischen Abteilungen behandelt. Mit dem demografischen Wandel allein sei diese Entwicklung allerdings nicht zu erklären. Straub sieht eine Ursache mitunter in finanziellen Anreizen, die den tatsächlichen Bedarf unbeachtet lassen. Die Vergütung für Behandlungen folgt der Behandlungsdauer. So werden Behandlun- gen von einer Dauer von 14 Tagen höher vergütet, was zu einer Anpassung an diese Behand- lungsdauer führte und zu einer Senkung der Behandlungsdauer von 7 und 21 Tagen, unab- hängig der Vorerkrankungen. Straub betont, dass diese Praxis medizinisch fraglich ist. Fehl- anreize sorgen dafür, dass mehr PatientInnen länger oder kürzer als nötig behandelt werden (vgl. Straub 2017, S. 2f.) Und das, obwohl in §112 Abs. 2 Nr. 2 SGB V festgehalten ist, dass die Notwendigkeit und Dauer der Behandlung geprüft werden soll und ein Katalog von Leis- tungen, die teilstationär erbracht werden können, erstellt werden soll (vgl. §112 Abs. 2 Nr. 2 SGB V).

Mit dem Bericht konnte auch der Erfolg der Maßnahmen bewertet werden. Das Ergebnis zeigt, dass geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlungen (kurz: GFKB) im Vergleich zu herkömmlichen Reha-Maßnahmen eine geringere Erfolgswahrscheinlichkeit aufweisen. Wenn PatientInnen keine stationäre medizinische Behandlung mehr benötigen, sollte deshalb, je nach Gesundheitszustand, auf Reha-Einrichtungen zurückgegriffen werden. Ein Basis- Assessment würde die Feststellung des tatsächlichen Bedarfes ermöglichen (vgl. Straub 2017, S. 3).

Für den Erfolg einer GFKB ist zudem der Grad der multidisziplinären Ausrichtung der Klinik bedeutend. Krankenhäuser mit mindestens fünf verschiedenen Fachabteilungen sind tendenziell erfolgreicher mit GFKB, weil der ganzheitliche Blick auf die PatientInnen möglich wird. Einher geht auch die etwas geringere Wahrscheinlichkeit, anschließend auf ein Pflegeheim angewiesen zu sein (vgl. ebd., S. 3f.).

Feststeht, die Behandlung sowie die Behandlungsdauer sollten sich unbedingt nach den Be- darfen der PatientInnen richten und damit einhergehend die Vergütung durch die Krankenkassen an der Behandlung und nicht der Dauer gemessen erfolgen (vgl. Thelen 2017).

3. Was brauchen KlientInnen an sozialpädagogischer Unterstützung?

- Eine methodische Überlegung

Der Sozialdienst einer Klinik befasst sich in erster Linie mit Fragen der nachstationären Versorgung, Rehabilitationsmaßnahmen, Inanspruchnahme von Sozialleistungen (vgl. DIAKOMED) und anderen Aspekten, die nach einem Klinikaufenthalt auftreten können (vgl. DRK Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein). Gemäߧ112 Abs. 2 Nr. 4 SGB V sind sie zuständig für die soziale Betreuung und Beratung im Krankenhaus, bzw. laut sächsischem Krankenhausgesetz hat der Sozialdienst nach §23 Abs. 5f. SächsKHG „die Aufgabe, dieärztliche und pflegerische Versorgung des Patienten im Krankenhaus zu ergänzen, ihn in psy- chologischen Fragen zu beraten, bei der Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen zu unterstützen und Hilfen, die sich an die Entlassung aus dem Krankenhaus anschließen, zu vermitteln. In der Regel soll für jeweils 400 Patienten wenigstens ein hauptamtlicher Mitarbeiter vorgesehen werden.“ (§23 Abs. 5f. SächsKHG).

Derüberwiegende Fokus auf die nachstationäre Zeit sowie der Personalschlüssel vernachläs- sigen allerdings das hier behandelte Problem, nämlich, dass der Krankenhausaufenthalt fürältere PatientInnen schwerwiegende Folgen haben kann, die teilweise vermieden werden kön- nen, dass kognitive Folgen entstehen können und dass Behandlungen nicht den tatsächlichen Bedarfen hochbetagter Menschen entsprechen.

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Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668732872
ISBN (Buch)
9783668732889
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428761
Institution / Hochschule
Hochschule Mittweida (FH) – Fakultät Soziale Arbeit
Note
1,3
Schlagworte
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Titel: Krankenhausaufenthalt im hohen Alter