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Digital Divide. Von der Wissenskluft zur digitalen Kluft. Herausforderungen und Chancen einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft

Seminararbeit 2016 27 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissensklufthypothese
2.1 Definition
2.2 Theoretischer Hintergrund

3. Digital Divide im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung
3.1 Digitalisierung und Globalisierung
3.2 Digital Divide
3.3 Second Level Digital Divide

4. Methodik der quantitativen Datenerhebung
4.1 Aufgabenstellung
4.2 Methodik
4.3 Erhebung

5. Ergebnisse
5.1 Mediennutzung und Informationsgewinnung
5.2 Ausgewählte Herausforderungen der Digitalisierung für die Gesellschaft
5.3 Ausgewählte Chancen der Digitalisierung für die Gesellschaft

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

Diese Arbeit untersucht das Themenfeld der Wissensklufthypothese und des Digital Divide, der digitalen Kluft, im Kontext von Globalisierung und Digitalisierung der Gesellschaft. Ziel ist, den Be­griff der Wissenskluft und des Digital Divide zu definieren und zu klären, warum diese Begriffe heu­te in unserer zunehmend digitalisierten Welt aktueller sind denn je. In diesem Kontext wird zu­nächst auf das Thema der Wissensklufthypothese eingegangen. Abschnitt zwei widmet sich der Definition und dem theoretischen Hintergrund dieser These. Das Thema der Wissenskluft ist be­wusst an den Anfang dieser Arbeit gestellt, weil dieses zum Verständnis der thematisch folgenden digitalen Kluft beiträgt und als Vorstufe bzw. als Ergänzung zur digitalen Kluft gesehen werden kann.

Abschnitt drei geht auf das Themenfeld des sehr weitläufigen Begriffs der Digital Divide im Zuge von Digitalisierung und Globalisierung ein. In einem zweiten und dritten Teil dieses Abschnitts soll auf das Thema Digital Divide selbst eingegangen werden, bei dem das Spezifikum des Mediums Internet im Mittelpunkt steht. Zu diesem Zweck liegt der Fokus hier in der Betrachtung des Prob­lems der Digital Divide, dem Problem der Ungleichverteilung von Wissen und Informationen aus der Nutzung digitaler Medien.

Im Anschluss dieses Themenblocks werde ich auf die Methodik der quantitativen Datenerhebung eingehen. Kapitel vier behandelt eine Beschreibung der Aufgabenstellung, der verwendeten Methodik und des Fragebogens. Die Fragestellungen dieser schriftlichen und empirischen Um­frage liegen verstärkt im Bereich der Informationsgewinnung aus der Mediennutzung und den Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung für die Gesellschaft. In Kapitel fünf werden die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser Umfrage strukturiert und ausgewertet. Das sechste und letzte Kapitel behandelt die Zusammenfassung der vorliegenden Arbeit.

2. Wissensklufthypothese

2.1 Definition der Wissensklufthypothese

1970 veröffentlichten die Wissenschaftler der University of Minnesota Phillip J. Tichenor, George A. Donohue und Clarice N. Olien in einer amerikanischen Fachzeitschrift einen Aufsatz mit dem Titel “Mass Media Flow and Differential Growth in Knowledge”. In dieser Fachzeitschrift stellten sie folgende These auf: [Wirth 1997, s. 15].

“As the infusion of mass media information into a social system increases, segments oft the population with higher socioeconomic status tend to acquire this infomation at a faster rate than the lower status segments, so that the gap in knowledge between these segments tend to increase rather than decrease.” [Tichenor, Donohue & Olien 1970, s. 159].

Wenn der Informationsfluss in einem Sozialsystem anwächst, tendieren die Bevölkerungsteile mit höherem sozioökonomischen Status bzw. höherer formaler Bildung zu einer rascheren Aneignung dieser Information als die bildungsniedrigeren Segmente, so dass die Wissenskluft zwischen die­sen Segmenten eher zu- statt abnimmt.

Bonfadelli, ein bekannter Wissenschaftler der Medienwirkungsforschung, äussert sich zu dem Thema der Wissenskluft wie folgt:

“Die Autoren spezifizieren dazu, dass die Hypothese nicht behaupte, dass die statusniedri­gen Segmente komplett unwissend blieben oder dass der Wissensstand der Informations­armen in einem absoluten Sinn sogar zurückgehe, wie teilweise in der populären Rezeption der Wissenskluft-Hypothese fälschlicherweise angenommen und tradiert wird. Die Hypo­these behauptet vielmehr einen relativen Zusammenhang, insofern der Wissenszuwachs bei den statushöheren Segmenten relativ grösser ist, weil sie das themenbezogene Infor­mationsangebot der Medien schneller bzw. effektiver aufzunehmen vermögen.” [Bonfadelli 1994, s. 62].

Folgendes Paradigma verdeutlicht in visualisierter Form die Hypothese der wachsenden Wis­senskluft:

Die X-Achse zeigt den Faktor Zeit, die Y-Achse steht für den Faktor Wissensstand. Es ist erkenn­bar, dass Bevölkerungssegmente mit einem höheren Bildungsniveau im Zeitablauf Informationen aus der Mediennutzung schneller aneignen als Personen bildungsniedrigerer Schichten. Die an­fänglich geringere Bildungsniveau-Differenz in t1 steigt im Zeitablauf bis t4. Dies führt zu einer steigenden Wissenskluft zwischen diesen Bevölkerungsschichten innerhalb einer Gesellschaft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wissenskluft & Digital Divide

Quelle: slideshare

Bonfadelli fügt weiterhin an:

“Entgegen der gängigen Überzeugung führt die Ausweitung des Informationsangebotes nach der Wissenskluft-Hypothese also nicht zu einer allgemeinen Verbesserung der Infor­miertheit der einzelnen Bürger, sondern zu verstärkten Unterschieden zwischen den Gut- und den Schlecht-Informierten. Der Informationsfluss verläuft in den verschiedenen Seg­menten der Gesellschaft sehr ungleichmässig: Die Massenkommunikation scheint weniger ausgleichend zu wirken als angenommen; sie scheint vielmehr bestehende sozialstrukturel­le Unterschiede auch im Kommunikationsbereich zu reproduzieren und gar zu verstärken. Dysfunktionale Folgen der Massenkommunikation sind demnach dahingehend zu erwarten, als diese gesamtgesellschaftlich nicht homogenisierend wirken, sondern dass sie die Dis­tanz zwischen den sozialen Gruppen oder die Heterogenität, d.h. was ihren Wissensstand bezüglich bestimmter Themen anbelangt, tendenziell verstärken.” [Bonfadelli 1994, s. 57].

Das Lexikon der Psychologie bekräftigt mit der folgenden Definition den Zusammenhang zwischen Wissenserwerb aus der Mediennutzung und sozialer Schicht:

“Wissenskluft-Hypothese, von Titchener et al. (1970) formulierte Hyopthese [sic!], die pos- túliért, daß Wissenserwerb von der sozialen Schicht abhängig ist. Bei höheren Sozial­schichten geht der Wissenserwerb aus Medien schneller vonstatten als bei unteren sozia­len Gruppen. Somit vergrößert der Medieneinsatz das Bildungs- und Informationsdefizit, anstatt es zu verringern.” [0. A. 2000, 0. s. ].

2.2 Theoretischer Hintergrund

Die Hypothese der Wissenskluft ist eine im Bereich der Kommunikationswissenschaft angesiedelte Theorie. Sie zeichnet sich durch eine Vielzahl von verschiedenen Forschungsfeldern aus und besitzt wirtschaftliche, soziologische, psychologische und politiktheoretische Komponenten. Die Vielzahl der beteiligten Wissenschaften blicken jeweils aus ihrer eigenen Perspektive auf das For­schungsgebiet und erschweren somit einheitliche Zugänge zu diesem Themenfeld. Wirth behaup­tet, dass die These der Wissenskluft vier theoretische Konzepte bezüglich einer Prognose über die Wissensverteilung in der Gesellschaft verbindet:

“Wenn der Informationsfluss in ein Sozialsystem wächst, profitieren davon Personen mit ganz bestimmten sozio-ökonomischen Prädispositionen stärker als andere, d.h. sie eignen sich schneller Wissen an. Aber wissen wir überhaupt was Wissen ist? Was heißt steigender Informationsfluss? Und welche sozio-ökonomischen Prädispositionen sind gemeint? Eine Beurteilung des Forschungsstandes muß sich auch und vor allem an der Konzeptualisie- rung und Operationalisierung dieser zentralen Konstrukte orientieren. Bereits aber hier lie­gen die Probleme der Wissenskluftforschung. Unterschiedliche Konzeptualisierungen und Operationalisierungen sowie allzu häufig auch unzureichende theoretische Fundierung sorgten für uneinheitliche, bruchstückhafte und widersprüchliche Ergebnisse. Zudem wer­den Aspekte der differentiellen Wahrnehmung, Nutzung und Rezeption des Informations­angebotes vermengt. Das ist folgenschwer, verhindert es doch, die sich gegenseitig ver­stärkenden, aber auch aufhebenden Effekte zu identifizieren und ihren eigentlichen Beitrag zur Entstehung bzw. Vermeidung von Wissensklüften zu erkennen.” [Wirth 1997, s. 12].

Ein weiterer theoretischer Hintergrund der Wissenskluftforschung fokussiert auf den Nutzen des Medienkonsums für eine Gesellschaft. Das Forschungsgebiet der Wissenskluft (engl. Knowledge gap) beschäftigt sich somit mit der Mediennutzung einer Gesellschaft. Der Mediennutzung wird nachgesagt, dass diese eine unterstützende und integrative Funktion für eine Gesellschaft haben kann. Wersig stellt jedoch zutreffend fest, dass dies nicht unbedingt so sein muss und sich eine Wissenskluft bilden könne:

“Die Funktionszuschreibung der Medien für Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, Agenda be­tonen deren integrative Funktion, d.h. für die Integration von Gesellschaft. Es ist daher na­türlich, dass es auch Befürchtungen hinsichtlich einer möglichen desintegrativen Funktion der Medien gibt - schließlich hat alles zwei Seiten.” [Wersig 2009, s. 157].

Den Annahmen von Wersig anschliessend folgert Bonfadelli:

“Der Informationsstand in verschiedenen sozialen Segmenten und seine zeitlich zu- oder abnehmende Heterogenität wird nach der Wissenskluft-Perspektive durch Bezug auf die Sozialstruktur der Gesellschaft erklärt: Die bestehende soziale Schichtung der Gesellschaft hat, in Interaktion mit dem Informationsangebot der Medien, zur Folge, dass auch das Wis­sen in der Gesellschaft ungleich verteilt wird und das sich diese Disparitäten in der Verte¡- lung des gesellschaftlichen Wissens bei Zunahme der Information nicht ausgleichen, son­dern sogar verstärken.” [Bonfadelli 2004, s. 254].

Bonfadelli erklärt seine Annahmen einer sich vergrößernden Wissenskluft in der Gesellschaft fol­gendermaßen:

“Erklärt wird das Entstehen solcher Wissensunterschiede zwischen den verschiedenen so­zialen Segmenten der Gesellschaft dadurch, dass jene, die bildungsmäßig und sozial privi­legiert sind, die Medien vorteilhafter nutzen und so auch besser informiert sind und ihren Wissensvorsprung demnach sogar noch auszuweiten vermögen.” [Bonfadelli 2004, s. 254].

3. Digital Divide im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung

3.1 Digitalisierung und Globalisierung

Die Prozesse der Globalisierung und Digitalisierung haben dazu geführt, dass unter anderem In­formations- und Kommunikationstechnologien eine immer wichtigere Hilfestellung in unserem Le­ben einnehmen. Der berufliche und private Alltag scheint beispielsweise ohne Computer, Smart­phone, Tablet und vor allem dem Internet ausgeschlossen. Das Thema Industrie 4.0 ist der nächs­te Schritt hin zu der kompletten digitalen Vernetzung der Produktionsketten. Redlin sagt folgerich­tig:

“Der digitale Wandel prägt unsere gesellschaftlichen Strukturen und verändert Ökonom¡- sehe Abläufe entlang der Wertschöpfungskette. Er beeinflusst unseren Alltag und unsere Kommunikation untereinander, unsere Arbeitswelt und die Unternehmen, in denen wir ar­beiten. Der Veränderungsprozess selbst ist freilich schleichend - wir erleben diesen als Selbstverständlichkeit. Smartphones, Tablets, WLAN, LTE, Flatrates, überall und jederzeit online sein - wir befinden uns mitten in der digitalen Revolution.” [Rüdlin 2014, s. 2].

Die dynamisch voranschreitende Digitalisierung und Durchdringung der Informations- und Korn- munikationstechnologien prägen Wirtschaft und Gesellschaft. Die zunehmende Digitalisierung zeigt sich unter anderem auch anhand folgender Entwicklungen:

“IT- Nutzung ist eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe an Bildung, Kultur und politischen Entscheidungsprozessen sowie den Zugang zu Arbeitsmarkt und öffentlicher Verwaltung. So sind Bewerbungen heute kaum mehr ohne IT möglich, immer mehr Verwaltungsvorgän­ge (Stichwort: ״Elster“, die elektronische Steuererklärung, die mittlerweile für Gewerbetrei­bende verpflichtend ist) werden ins Internet verlagert. Politische Willensbildung findet zu ei­nem immer stärkeren Maße im Internet statt; vor allem Bürgerbeteiligung baut auf das In­ternet. Verträge (Handy, Gasbelieferung, Versicherungen) lassen sich online mit Preisvor­teilen abschließen und zahlreiche Bildungsangebote implizieren auch EDV-gestütztes Selbstlernen.” [Telecenter 2013, s. 2].

Der Weg in eine globalisierte digitale Gesellschaft ist als ein langwieriger Prozess zu verstehen. Dieser Prozess kann als Teil einer digitalen Revolution gesehen werden und beinhaltet unter an­derem folgende Entwicklungen:

“In der modernen Informationsgesellschaft steht die Gewinnung, Verbreitung und Verarbei­tung von Informationen im Mittelpunkt gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse. Ihre Entstehung ist verknüpft mit einer rasanten, sich zunehmend beschleunigenden Entwick­lung moderner Informations-und Kommunikationstechnologien (IKT) in den letzten 50 Jah­ren ” [Skript 2012, s. 138].

Die digitalisierte Gesellschaft hat sich im Zuge der Globalisierungsprozesses noch stärker ver­netzt. Wichtig sollte in diesem Zusammenhang hervorzuheben sein, dass die moderne Informati­onsgesellschaft, in der wir uns heute bewegen, ohne den Globalisierungsprozess nicht entstanden wäre. Der Prozess der Globalisierung hat vor allem auf technischem Gebiet dazu geführt, dass Informations- und Kommunikationstechnologien rasant entwickelt wurden und somit die weltweite Kommunikation auf internetbasierter Plattform erleichterte:

“Die digitale Revolution basiert auf wachsender elektronischer Rechenleistung, der Entste­hung elektronischer Netzwerke, der Entwicklung mobiler Nutzungsmöglichkeiten und der Konvergenz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Immer komplexere und zugleich nutzerfreundlichere Software, die Verfügung über Information und persönliche Nutzerdaten sowie Netzwerkeffekte bestimmen zunehmend die wirtschaftlichen Potentiale. Die weltweite Globalisierung- namentlich der Finanzmärkte- ist von der digitalen Revolution entscheidend mitgeprägt worden. Die digitale Revolution hat wirtschaftliche Prozesse enorm beschleunigt und massiv verändert. Dadurch sind auch neue (systemische) Risiken entstanden.” [Skript 2012, s. 151].

Das Themenfeld der Globalisierung spielt im Zusammenhang mit der Entwicklung des Internets eine bedeutsame Rolle und ist mit der Entwicklung der Digitalisierung stark vermischt:

“Mit dem Begriff der Globalisierung lässt sich die weltweite Vernetzung aller wirtschaftli­Chen, sozialen und kulturellen Phänomene beschreiben. In den vergangenen Jahrzehnten hat die wechselseitige Verflechtung von Allem und Jedem eine früher nicht vorstellbare, zusätzliche Dynamik bekommen. Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Kommunikation im Internet. Das Internet ist Ausdruck der Globalisierung, aber gleichzeitig auch der wich­tigste Antriebsmotor für die immer schnellere und umfassendere Vernetzung weltweiter Entwicklungen.” [Globalisierung Fakten O. J., s. 1].

Telekommunikationsunternehmen investieren enorm viel Kapital in den Ausbau ihrer Netze und die Netzwerkinfrastruktur, Mobilfunk- und Breitbandkunden nehmen stetig zu. Weltweit operieren­de Telekommunikationsunternehmen konkurrieren untereinander und verbessern dadurch nicht nur den Service, die Empfangbarkeit und Bandbreite, sondern bieten ihren Kunden auch immer bessere preisliche Konditionen:

“Transport- und Kommunikationsmittel sind deutlich leistungsfähiger geworden, sodass auch die Kosten pro Transport einer Waren- beziehungsweise Kommunikationseinheit drastisch gesunken sind. Technik lässt die Hindernisse des Raumes überwinden: Die zum Überqueren nationaler Grenzen benötigte Zeit nimmt deutlich ab. Die dramatischen Fort­schritte in der Computer- und Informationstechnik erlauben weltweit verflochtene Produkt¡- onstechnik und Logistik, sekundenschnelle weltweite Finanztransaktionen und sofortige Preisvergleiche.” [Greven, Scherrer 2005, s. 35].

Digitale Technologien sind einem stetigen Wandel unterworfen und bringen bei technischem Ver­stand und effizienter Nutzung gesellschaftliche Teilhabe und neue Chancen mit sich. Hinderlich ist jedoch beispielsweise, dass vor allem Ältere und technisch Unbegabte sich mit der Nutzung und Beherrschung dieser Technologien schwer tun. Die Fortschritte dieser Technologien sind rasant und stellen Staat und Gesellschaft somit vor ein Problem:

“Digitale Medien bringen zum einen neue Chancen mit sich, zum Beispiel Zugang zu diver­sen Wissensressourcen, vielfältige Möglichkeiten der sozialen Vernetzung und eine große Bandbreite an digitalen Werkzeugen, die das Lernen unterstützen können. Auch Minderhei­ten, Randgruppen oder von Chancenungleichheit betroffene Gruppen, zum Beispiel Mig “rantinnen und Migranten, Frauen, Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Behinderung, können durch die Nutzung digitaler Medien einen besseren Zugang zu Informationen und Anbindung an die Gesellschaft finden. Gleichzeitig entstehen jedoch in der Gesellschaft zahlreiche Spaltungen, zum Beispiel Exklusion durch Cybermobbing oder die zunehmende Kluft zwischen den Nutzenden und den Nicht-Nutzenden von lernförderlichen, medialen Angeboten.” [Büchern 2013, s. 2].

Die von Büchern beschriebenen Spaltungen innerhalb der Gesellschaft können als digitale Spal­tungen bezeichnet werden und deuten auf ein Problem hin: Dieses Problem wird als “Digital Divi­de” (digitale Kluft oder auch digitale Spaltung) bezeichnet und beschreibt die Ungleichverteilung von Wissen und Informationen aus der Nutzung digitaler Medien. Das Themenfeld der Digital Divi­de steht in diesem Zusammenhang für eine Ergänzung der Wissensklufthypothese. Der Umgang mit digitalen Medien wie zum Beispiel dem Internet setzt u.a intellektuelle und soziale Fähigkeiten voraus. Effiziente Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten dieses Mediums in Deutschland werden somit zu einem zentralen Faktor der Wettbewerbsfähigkeit, nicht nur im gesellschaftlichen und po- !¡tischen, sondern vor allem auch im wirtschaftlichen Kontext:

“Die Diskussion um das digital divide wird seit Mitte der neunziger Jahre auch in Europa geführt. Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff als digitale Spaltung oder digitale Kluft übersetzt und steht auch hier für die These, dass die Möglichkeit der Internetnutzung ledig­lieh bestimmten Gruppen zu Gute kommt. Aus dieser Diagnose wird in der Regel ein Be­drohungsszenario für die ausgeschlossenen Gruppen konstruiert, das sich vom Verlust in­dividueller Chancen bis hin zur gesellschaftlichen Ausgrenzung ganzer Gruppen vom ge­sellschaftlichen Wohlstand erstreckt.“ [Krings, Riebm 0. J., s. 1].

Der fehlende Zugang zum Internet oder aber auch die informationsineffiziente Nutzung des Inter­nets kann zu einer digitalen Kluft innerhalb der Gesellschaft in der BRD führen. Die innerdeutsche digitale Kluft zwischen den Nutzern und Nichtnutzern von digitalen Medien wie dem Internet, ist in den letzten Jahren deutlich verringert worden und dennoch weiterhin vorhanden. Noch wichtiger aber ist die Fokussierung auf die Nutzer des Internets und dem Wissen einer effizienten und ge­sellschaftlich vorteilhaften Nutzung dieses digitalen Mediums. Eine zunehmende digitale Kluft zwi- sehen Onlinern und Offlinern und zwischen verschiedenen Bildungsschichten muss befürchtet werden. Diese Kluft führt zu weiteren gesellschaftlichen Ausgrenzungen.

3.2 Definition der Digital Divide

Haselbeck, Venhaus, und Wintermann definieren den Begriff “Digital Divide” folgendermaßen:

“Ökonomische Ungleichheit zwischen Personen, die sich durch den unterschiedlichen Zu­griff oder die unterschiedliche Vertrautheit mit digitaler Technologie ergibt. Dabei gibt es sowohl eine globale digitale Kluft zwischen dem hochentwickelten Nordwesten (Amerika, Europa, plus Japan und Australien) und dem eher begrenzt entwickelten Südosten (Afrika, Asien, plus Südamerika) wie auch nationale digitale Kluften zwischen Menschen, die mit den modernen Informations- und Kommunikationstechnologien aufgewachsen sind, und solchen, die sich mit deren Nutzung schwertun.“ [Haselbeck, Venhaus, und Winter- mann2013, s. 3].

“Der Digital Divide, die Digitale Spaltung oder Digitale Kluft, bedeutet in der Alltagssprache die Ungleichheit der Chancen beim physischen, technischen wie sozialen Zugang zu Neu­en Medien - vor allem zum Internet. Als Begriff wissenschaftlicher Bearbeitung taucht er in den 1990er-Jahren, aufbauend auf der Theorie der Wissenskluft auf und beschreibt informationelle Ungleichheit durch ökonomische, politische und soziokulturelle Zugangsbeschränkungen zum Internet.” [Wollner 2008, s. 4].

Das Informationsportal e-teaching.org, das sich vorderrangig auf wissenschaftlich fundierte Infor­mationen zum Thema E-Learning fokussiert, definiert wie folgt:

“(Auch: digital Gap, digitales Gefälle, digitaler Graben o.ä.); der Begriff bezieht sich auf die soziologische Hypothese bzw. Befürchtung, es könnten Chancenungleichheiten dadurch entstehen, dass nicht jede Bevölkerungsgruppe die gleichen Möglichkeiten hat, an Informa­tionen zu gelangen (Zugang) und/oder diese zu nutzen (Verwertung). Vor diesem Hinter­grund wird untersucht, wo, wie und weshalb Menschen ungleiche Zugangsmöglichkeiten zu Informations- und Kommunikationstechnologien (allen voran Internet-Technologien) haben und warum die Kompetenzen zur Recherche und Verwertung von Informationen ungleich verteilt sind. Ziel ist es, eine digitale Spaltung zu vermeiden bzw. zu überwinden. Unterschieden wird zwischen "Digital Divide" in Bezug auf unterschiedliche (z.B. bildungs­nahe und bildungsferne) Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Landes und "Global Digital Divide" in Bezug auf Unterschiede zwischen verschiedenen Nationen, Z.B. im Nord-Süd­Gefälle.“ [Scheule 2005, s. 1].

Auffallend an den vorangestellten Definitionen ist, dass die Digitale Kluft in erster Linie auf fehlen­dem Zugang zur digitalen Kommunikationsinfrastruktur, also dem fehlenden Zugang zu Computer und dem Internet, zurückzuführen sei. Eine Digitale Kluft kann sich aber auch und vorallem zwi- sehen den Nutzern des Internets bilden. Die Digitale Kluft ist ein Resultat dafür, dass bildungsferne Gruppen benachteiligt sind, weil diese durch ineffiziente Nutzung des Internets weniger Informati­onen aufnehmen als bildungshöhere Gruppen:

“Mittlerweile rücken jedoch immer mehr Fragen der Nutzung des Mediums durch ver­schiedene Zielgruppen in den Blick, da die Verfügbarkeit von Computer und Internetzugang nicht zwingend auch eine kompetente Nutzung zur Folge hat. Bisher vorliegende Studien weisen deutlich auf, dass Kriterien wie der eigene Bildungsstand bzw. das Bildungsniveau der Herkunftsfamilie, Gender- (d.h. das Geschlecht der Nutzerinnen) und Altershintergrund sowie regionale Aspekte gravierende Bedeutung für die Entwicklung von Nutzungskompe­tenzen haben.”[Kutscher 2004, s. 1].

Der falsche Umgang resultiert somit aus fehlendem Wissen der “richtigen” und “effektiven” Nut­zung des Mediums Internet zur Informationsgewinnung. Effektiv bedeutet im Kontext von Wirt­schaft und Gesellschaft einen Wissenszuwachs durch die Internetnutzung zu erhalten.

3.3 Second Level Digital Divide

Der physische Zugang zum Medium Internet ist in Deutschland keineswegs mehr als Hauptprob- lern der digitalen Kluft anzusehen, sondern die fehlende bzw. geringe Nutzungskompetenz.

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Details

Seiten
27
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668723436
ISBN (Buch)
9783668723443
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428785
Institution / Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
1,7
Schlagworte
Digital Divide Wissensklufthypothese Digitalisierung Globalisierung

Autor

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Titel: Digital Divide. Von der Wissenskluft zur digitalen Kluft. Herausforderungen und Chancen einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft