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Magersucht. Früherkennungsmaßnahmen und Präventionsmöglichkeiten der Krankheit Anorexie (anorexia nervosa)

Hausarbeit 2014 32 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problematik der Terminologie

3 Krankheitsbild

4 Früherkennungsmaßnahmen

5 Präventionsmaßnahmen: Elternhaus und Schule

6 Therapie
6.1 Tagklinische Behandlungskonzepte
6.2 Das Vier-Phasen-Modell
6.2.1 Die einzelnen Phasen des Modells
6.3 Stationäre Psychotherapie

7 Fazit

8 Bibliographie

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll Aufklärung über Früherkennungsmaßnahmen und präventive Handlungsschritte zum Krankheitsbild anorexia nervosa, im Volksmund besser bekannt unter dem Namen 'Magersucht', bieten. Diese Ausarbeitung folgt der Absicht, nicht bloß eine medizinische Darstellung des Krankheitsbildes zu liefern. Von dem eigenen Interesse an der Magersucht geleitet, beschäftigen wir uns hiermit ausführlich mit der Früherkennung und beleuchten Handlungsmittel zur Prävention, sowie mögliche Therapiemaßnahmen. Die folgende Arbeit thematisiert größtenteils die sogenannte Pubertätsmagersucht, welche eine bestimmte Form der anorexia nervosa ist. Diesen Fokus haben wir bewusst gesetzt, da wir uns gut in die Lage einer Jugendlichen und eines Jugendlichen hineinversetzen können, um uns ein näheres Bild der Symptome zu verschaffen.

2 Problematik der Terminologie

Betrachtet man die lateinische Bezeichnung der Krankheit, so muss man sagen, dass dieser Begriff im Grunde nicht korrekt ist, da 'Anorexie' Appetitlosigkeit bedeutet. Aus den Aufzeichnungen der Literatur wissen wir jedoch, dass nicht wenige Patientinnen und Patienten großes Hungergefühl verspüren, dies selbst aber verweigern (vgl. Franke 1994, 16). Es sei zudem darauf hingewiesen, dass „[…] auch der Begriff 'Magersucht' […] seine Tücken [hat FK]. Sein Vorteil liegt darin, daß er sich weniger auf das Essen [wie es bei dem Terminus der anorexia nervosa der Fall ist FK] und stärker auf den Körper bezieht“ (ebed.). Wichtig zu nennen wäre außerdem die Problematik des Begriffes der und des (Mager-)Süchtigen, auf welchen Alexa Franke in ihrem Buch sinnvollerweise hinweist. Teilweise werden in der Literatur im Zusammenhang mit der Krankheit der Mager sucht auch andere Süchte angesprochen. Wie im nächsten Abschnitt dargestellt wird, gehört die Magersucht jedoch nicht in die Klasse der Sucht-Krankheiten. Es handelt sich vielmehr um eine Körperschemastörung, welche „in den gebräuchlichsten psychologischen und psychiatrische Klassifikationsmodellen […] den Eßstörungen zugerechnet wird“ (Franke 1994, 17).

3 Krankheitsbild

Wie sich im Verlauf zeigen wird, ist die Magersucht ein sehr komplexes Gebilde, bestehend aus vielen verschiedenen Störungen und Syndromen.

Magersucht bezeichnet in der Medizin einen Fettschwund mit Untergewicht (vgl. Pschyrembel 1982). Darüber hinaus werden bei der anorexia nervosa „[…] exogene (Unterernährung, Resorptionsstörungen, Appetitlosigkeit = Anorexie) […] von den endogenen Faktoren abgegrenzt; hier kommen neben konstitutionellen und neuropathischen Faktoren besonders die endokrinen Faktoren in Betracht“ (Pschyrembel 1982, 715).

Unter Magersucht versteht man also ein relativ komplexes Krankheitsbild, welches „[…] jede[n] extreme[n], stark[en], die Lebenskraft einschränkende[n] Gewichtsverlust“ (Mayers großes Taschenlexikon 1990, 306), meint. Anders ausgedrückt spricht man bei dieser Erkrankung auch von einer Verhaltens- und/oder Essstörung. Jedoch soll darauf hingewiesen werden, dass die Krankheit von der der Bulimie abzugrenzen ist, da es sich dabei um eine Ess-Brechsucht handelt. „Die Magersucht beruht […] auf unzureichender Aufnahme verfügbarer Nahrung, auf Appetitlosigkeit, Hungerlosigkeit und Nahrungsverweigerung“ (Glatzel 1976, 114).

Die Grundkrankheit dient als Voraussetzung für die klinischen Erscheinungsformen. Nicht selten handelt es sich bei der grundlegenden Erkrankung um die anorexia mentalis (franz. auch anorexie mentale), die Pubertätsmagersucht. Diesem Namen zufolge lässt sich erkennen, dass sich der Krankheitsgipfel zwischen dem 12. und dem 25. Lebensjahr befindet. Mädchen und junge Frauen sind häufiger als junge Männer betroffen. Hierbei liegt die Verteilung bei 10:1. Um dies mit den Worten Glatzels zu unterstützen, „[…] trifft [die Krankheit FK] fast nur Mädchen im Pubertätsalter und kurz danach. […] Scheinbar unmotiviert hören sie eines Tages auf, regelmäßig und ausreichend zu essen“ (1976, 115).

Menschen, die unter anorexia nervosa leiden, haben ein, um mindestens 15% gegenüber dem normalen Bodymassindex (BMI), reduziertes Körpergewicht. Wir sprechen hier von einem BMI, der kleiner als 17.5/m² ist. Häufig wird der Gewichtsverlust durch restriktives Essverhalten hervorgerufen, denn die Betroffenen fühlen sich selbst zu dick. Besonders auffällig ist hierbei, dass die Patienten ausgesprochen viel Sport treiben, um das eigene Gewicht noch schneller loszuwerden. Oft sind es LeistungssportlerInnen, die unter der Krankheit leiden. Um die Frage nach dem „Warum?“ zu beantworten, muss man sagen, dass gerade im Leistungssport ein großes Augenmerk auf einen makellosen Körper mit idealem Gewicht gelegt wird. Gewichtszunahmen wirken sich auf die Leistungsfähigkeit aus, und so sind die SportlerInnen stets dazu angehalten, ihr niedriges Gewicht zu halten.

Verbunden mit dem Verlust von Gewicht sind außerdem selbst herbeigeführtes Erbrechen und der Missbrauch von Abführmitteln (Laxantien), welcher zu einem schnelleren „Leeregefühls“ führen soll. „Leitsymptome sind in allen Systhemen der markante Gewichtsverlust, herbeigeführt durch Essensverweigerung und/oder selbstinduziertes Erbrechen oder Abführen [Laxantienabusus FK] […]“ (Franke 1994, 23).

Die Erkrankten leiden unter einer Körperschemastörung, fühlen sich zu fett und ihren Mitmenschen gegenüber äußerst unattraktiv. Daher bestimmen sie für sich selbst einen enorm niedrige Gewichtsschwelle.

Aus psychologischer Sicht lässt sich sagen, dass die Betroffenen mit dem Verzicht auf Essen ein Machtgefühl aufbauen und so ein Gefühl verspüren, die Kontrolle über ihr Leben zu übernehmen. Nicht selten liegt der Ursprung für die Magersucht in der Familie. Diese ist als primärer Ort der Sozialisation von großer Bedeutung für die psychische und pysische Entwicklung.

Zum besseren Verständnis und dem Versuch, die Gedanken und Gefühle einer Betroffenen zu verstehen, dient das folgende Gedicht:

„Gedanken zu „Ein Wintermärchen“

Es ist nicht leicht, erwachsen zu sein,

jetzt, im Winter, in Kälte und Nässe.

Die Zeit der Märchen ist vorüber,

wie die Sicherheit, Wärme und Naivität der Kindheit.

Ist sie wirklich vorbei?

Du kannst manchmal noch Spuren finden,

silberhelles Sonnenstrahl-Lachen von Waldwesen hören.

Aber dies alles ist nur ein Hauch –

Nicht greifbar, nicht zu fassen.

Durch die Hetze des Erwachsenenalltags

vergißt Du Gedanken und Gefühle an Kindheitsträume.

Schade.

Es ist gut zu wissen, nun selbst Person zu sein,

zu spüren, daß Selbständigkeit nichts Schlimmes ist.

Du wirst dadurch unabhängiger.

Aber dennoch: Schade!

Manchmal wünsche ich mich in die Hölle Benjamin Birkenblattes

Flucht? Nein, nur Sentimentalität.

Schön, daß es sie noch gibt, daß wir sie nicht vergessen haben.

So bleibt ein Fünkchen Kindheit übrig,

Unbeschwertheit, die wie ein Leuchten durch die –

manchmal graue – Welt dringt!“ (Franke 1994, 21).

4 Früherkennungsmaßnahmen

Man kann bereits zeitnah erkennen, ob ein Kind oder Jugendlicher zur Magersucht neigt. Hierzu steht die Aufmerksamkeit des Beobachters, die beispielsweise die Rolle eines Elternteils, Lehrers oder die eines Freundes inne hat, im Vordergrund. Besonders das Konstrukt der Familie sollte in diesem Zusammenhang näher beleuchtet und analysiert werden. Als allererstes wird knapp auf einige typische Charakteristika der Krankheit eingegangen. Wie bereits zuvor erwähnt, steht an erster Stelle der Symptome ein enormer Gewichtsverlust. Als Hilfsmittel zur Reduzierung des Gewichts werden Laxantien, Diuretika, manchmal auch Einläufe benutzt (vgl. Gerbracht et al. 1989, 19).

Darüber hinaus kommt es bei einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit nicht häufig zu einer sogenannten 'Obstipation' (Verstopfung). Durch den Mangel an Flüssigkeit und Nahrung kann der Magen-Darm-Trakt nicht mehr normal arbeiten und es kommt zu einer Störung. Weitere sekundärsomatische Symptome, wie beispielsweise trockene Haut; dünnes, brüchiges Haar bis hin zu Haarausfall, Schmerzen im Kiefer und Zahnbereich, sowie Zahnausfall; Senkung der Stoffwechselrate; Ausbleiben der Regelblutung und unterdurchschnittliche Körperwärme sind ein Indiz für Anorexie (ebed.).

Wie zuvor erwähnt, handelt es sich bei der Magersucht um ein unübersichtliches Krankheitsbild. Nicht nur der Betroffene sollte im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Hierzu sei kurz der Ansatz der Systemtheorie angesprochen. Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen sein, dass die Hausarbeit versucht, die Schuld nicht bei den Patienten zu suchen, sondern in der gesamten Lebenswelt dieser. Wie bereits erwähnt, ist die Krankheit durch eine vielschichtige Komplexität gekennzeichnet, derer man sich nicht anhand eines Blickwinkels zuwenden sollte. Die Systemtheorie nun beschäftigt sich mit einem System, wie beispielsweise dem Netzwerk 'Familie', das aus einer Vielzahl von Elementen besteht, die in wechselseitiger Beziehung zueinander stehen und voneinander abhängig sind. Das gemeinsame Funktionieren aller Elemente ist es, was ein gesundes, sinnvolles und zielgerichtetes System kennzeichnet. In einem solchen Konstrukt gibt es sowohl einfache, zweifache, als auch dreifache Beziehungssysteme, welche 'Monade', 'Dyade' und 'Triade' genannt werden. Letzteres bezeichnet die generelle Beziehung untereinander. Ein wichtiges Merkmal einer gesunden, also funktionierenden Triade für seelische Gesundheit und Vorsorge, ist ein individuumfreundliches Miteinander.

Die/der Einzelne hat die Freiheit, Alles zu kommentieren, sie/er darf reagieren und ihren/seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Manchmal kommt es jedoch auch zu einer Kommunikationsstörung im System, die sich dadurch auszeichnet, dass eine Störung in der Triaden-Beziehung, also der zwischen Vater-Mutter-Kind, vorliegt. Hier nun setzt die Systemtherapie an, ausgehend davon, dass der Symptomträger, also derjenige, bei dem ein Problem entdeckt wurde, nicht das Problem ist. Vielmehr wird das ganze System Familie in den Blick genommen. Es wird gemeinsam analysiert und versucht herauszufinden, welche Rolle der Symptomträger in dem System spielt. Hierzu erleichtert das Bild eines Uhrwerks mit seinen vielen Zahnrädern vielleicht das Verständnis. Die Zahnräder sind wie die Elemente miteinander in Kontakt und der Kontakt kann nur fortbestehen, wenn sich die Zahnräder, aufeinander abgestimmt, weiter drehen. Der Ausfall eines einzelnen Rades bedeutet eine Störung für das gesamte Uhrwerk. Bei einem Lösungsversuch lässt sich der Metapher zufolge nicht leicht identifizieren, welches Zahnrad einer Fehlfunktion unterliegt. So kann ein einzelnes Problemverhalten auf einen größeren Kontext umgeleitet werden. Das Problem ist somit nicht mehr der Symptomträger selbst. Aus diesem Grund analysiert der Therapeut die Funktionen des Verhaltens eines einzelnen Elementes im System.

Es können auch vielfältige psychogene Gründe Auslöser für die Erkrankung sein. Jedoch liegt der Ursprung zu einer solchen Krankheit häufig in der Lebensgeschichte des Kindesalters. In den Quellen findet sich erstens das Problem des erhöhten Leistungsdrucks (vgl. Glatzel 1976). Ausgelöst durch Schultage, die vom zeitlichen Aufwand mindestens genauso viel Arbeit verlangen, wie normale Arbeitstage für einen Erwachsenen, bleibt den Kindern und Jugendlichen nicht viel Zeit zum Ausüben persönlicher Hobbies. Der Leistungsdruck baut sich oft durch das elterliche Einwirken auf die kindliche, psychische Entwicklung auf, sind es doch meist Mutter-Tochter-Beziehungen, welche unter besonderem Druck Schaden nehmen. Das typische Bild einer dominanten Erzieherin ist hier im Blickfeld.

In einem Erfahrungsbericht, dem Buch von Franke entnommen, liest man, dass „[…] die Magersucht [wahrscheinlich FK] eine Flucht vor einer sehr dominanten Mutter [war FK], die versuchte, mein Leben total nach ihren Wünschen zu gestalten“, und dass „[…] ich vor allem sehr unter dem starken Ehrgeiz meiner Mutter gelitten habe[…]- vermutlich war die Anorexie einer von vielen Versuchen, auszubrechen“ (Franke 1994, 28). Ebenso schreibt eine andere Patientin, dass „[die Anorexie FK] der einzige Weg war, mich zu wehren, mich nicht zu ergeben, indem ich Essen verweigerte, von meiner Mutter nichts mehr annehme“ (ebed.). Wieder kann man hier also Bezug auf die zweiteilige Beziehung nehmen, die im Exkurs zur Systemtheorie dargestellt wurde.

Ein wichtiger Aspekt der Früherkennung ist also die Beobachtung, ob und wie schnell die Beobachteten ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen möchten. Oft ist es gerade die Abgrenzung der Familie, die als höchstes Ziel nach dem Schulabschluss gesehen wird. Jahrelang stehen die Jugendlichen unter der Obhut der Eltern und folgen meist deren Willen. Sie führen somit kein autonomes Leben. Die Krankheit liefert einen Ausweg aus dem Untergeordnetsein innerhalb der Familie und eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Hiermit ist gemeint, dass anorektische Patienten das Gefühl gewinnen, durch die Krankheit eigens Kontrolle auf die Eltern projizieren können. Sie haben Etwas, womit sie selbst einmal „am längeren Hebel sitzen“.

Betrachten wir nun eine andere Seite. Mit Hilfe des erzieherischen Einwirkens eines Erwachsenen kann dieser den eigenen Ballast des Alltags kompensieren. Möglicherweise wurden die Eltern zu ihrer Kindheit und Pubertät selbst unter Leistungsdruck gesetzt. Auch das väterliche Verhältnis zum Jugendlichen kann durch den Ödipuskomplex als Schwierigkeitspotential dienen. Weiterhin sollte man auch die Beziehung zwischen Vater und Mutter nicht außer Acht lassen. Menschen, die an anorexia nervosa erkranken, begründen ihre Krankheit auch damit, dass sich die Eltern in der pubertären Phase der Adoleszenz getrennt haben. Diejenigen, die am meisten mit der räumlichen und geistigen Trennung beider Elternteile zu schaffen haben, sind eben die Betroffenen. Bei Frank heißt es aus Erfahrung, dass „[…] meine Eltern […] sich scheiden [ließen FK], [und FK] mich als Bindeglied [benutzten FK], als ich von zu Hause ausziehen wollte“ (Frank 1994, 30).

Es lässt sich also festhalten, dass das primäre Augenmerk auf der mütterlichen und väterlichen Beziehung zum Jugendlichen liegen muss. Erkennt man, dass sich der Betroffene unter Druck gesetzt fühlt, kann sich dies schnell negativ auf die Psyche auswirken, was wiederrum einen Einfluss auf die körperliche Entwicklung hat. Eltern könnten versuchen, ihre Anforderungen an das Kind bezüglich zu leistender Aufgaben zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Sinnvoll wäre es, wenn sie die Aufgaben zuvor mit dem Kind besprechen, sodass sich schon im Vorhinein kein Druck aufbaut. Zudem kann es sein, dass sich der Erkrankte selbst unter einen immensen Leistungsdruck setzt. Eigenen Erfahrungen zufolge setzt man die Messlatte für persönliche Leistungen viel zu hoch. Hier wäre es angebracht, durch aufklärende Gespräche einen Zugang zum Kinde zu finden und so zu versuchen, den Ballast so gering wie möglich zu halten. Im Falle einer Scheidung der Eltern scheint es hilfreich, professionelle Hilfe, wie zum Beispiel einen Familientherapeuten, aufzusuchen.

Ein anderer Aspekt, welchen es näher zu beleuchten gilt, ist die gestörte Selbstwahrnehmung, beziehungsweise das fehlende Selbstbewusstsein. Die Erkrankten können sich nicht gut mit ihrem Körper identifizieren. Man kann sogar von einer inneren Zerrissenheit sprechen, wenn man die Zeilen in Franke liest:

„Anders als die (später) anorektische junge Frau: die erlebt ständig den Widerspruch zwischen dem, was sie erlebt und fühlt und dem, was sie erleben und fühlen soll. Ihre Taktik ist, daß sie nicht eindeutig zu ihrem eigenen Erleben stehen kann – und zwar vermutlich deshalb, weil sie die Erfahrungen gemacht hat, daß in solchen Fällen Liebensentzug auf dem Fuße folgt. Sie gerät somit in einen Zustand von Verwirrung, den sie häufig folgendermaßen löst: nach außen hin mit Widerstand, Bockigkeit, innerlich aber geplagt von massiven Schuldgefühlen und Zweifeln“ (Franke 1994, 43).

Aus diesen Zeilen wird deutlich, dass die PatientInnen einerseits nach außen großen Widerstand zeigen, indem sie eben die Mahlzeiten verweigern und andererseits nach innen, wo sie so verwirrt sind, dass sie oft die Gründe für ihre Krankheit nicht nennen können. Manchmal sind es wohl gerade die Schuldgefühle gegenüber anderen Menschen aus dem Umfeld oder auch gegen sich selbst, die einen zu selbst herbeigeführtem Hungern treiben. Man spricht deswegen bei der Magersucht auch von einer Körperschemastörung, ausgelöst durch Fehlsignale im Gehirn. Betroffene haben eine starke, phobische Angst davor, möglicherweise an Gewicht zuzunehmen. Sie erkennen nicht, dass es sich bei der Pubertät um eine Lebensspanne handelt, die üblicherweise durch viele körperliche und psychische Veränderungen gekennzeichnet ist. Die Endphase der Adoleszenz ist durch einen ausgewachsenen Körper gekennzeichnet. Hierzu zählt unter anderem auch ein Körpergewicht, welches dem Alter und dem Körperbau angemessen ist. Eltern und Freunden ist es gut möglich, ein wachsames Auge gegenüber den jungen Erwachsenen zu haben.

Doch nicht nur der familiäre Einfluss und jener durch peer-groups, sondern auch derjenige, welcher durch die Medien ausgeübt wird, muss in Zusammenhang mit dem hier thematisierten Krankheitsbild angesprochen werden. Leider müsste eine Veränderung der Medien herbeigeführt werden, damit Kinder und Jugendliche nicht so leicht an Magersucht erkranken können. In einer Darstellung über eigene Erfahrungen heißt es „daß es ausgerechnet Magersucht war, liegt wahrscheinlich daran, daß einem durch Zeitschriften, Filme, etc. dauernd suggeriert wird, als Frau bekäme man mit einem schlanken Körper mehr Anerkennung“ (Franke 1994, 29). Man erinnere sich nur mal an die zahlreichen Sendungen im Fernsehen, die den Wahn, einen dünnen Körper zu haben, nur unterstützen. Formate wie zum Beispiel „Germany's next Topmodel“, moderiert von einem deutschen Model, strahlen wöchentlich eine neue Illusion über schlanke Körperbilder aus. Besonders junge Mädchen sehen in den Kandidatinnen Vorbilder und eifern diesen, unbewusst, wie schädlich dies für ihren Körper ist, nach. Auch hier ist das Bild der Weiblichkeit wieder populär. Es sind vorzugsweise Frauen, die besonderen Fokus auf die Figur und das Erscheinungsbild der jungen Frauen legen.

In Aufzeichnungen einer Betroffenen heißt es, dass „[…] die anorektische Patientin häufig damit konfrontiert [ist FK], eine gute Figur zu haben oder ordentlich auszusehen. Die Botschaft „Sei schlank!“ scheint dabei vordergründig eher von der Mutter auszugehen“ (Franke 1994, 44). Wäre es also möglich, bereits frühzeitig Einfluss auf den Fernsehkonsum etc. zu nehmen, so wäre es sicherlich von Vorteil. Eltern seien dazu aufgerufen, keinen überdurchschnittlich großen Drang zur Sauberkeit und Ordentlichkeit in der Familie zu zeigen. Es sei nämlich davor gewarnt, dass Auseinandersetzungen, die auf dem Rücken einer jungen Frau ausgetragen werden, weitläufige Folgen haben könnten. Sehen Freunde der Eltern zum Beispiel, dass diese penibel auf das Aussehen der Töchter, beziehungsweise das des Sohnes achten, so könnten sie auf freundschaftlicher Basis ein Gespräch führen und Aufklärung darüber schaffen, welche Auswirkungen diese Genauigkeit der Eltern später mal haben könnte.

[...]

Details

Seiten
32
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668724181
ISBN (Buch)
9783668724198
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428979
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
magersucht früherkennungsmaßnahmen präventionsmöglichkeiten krankheit anorexie

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