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Inwiefern ist Poesie Kunst?

Poesie als Kunst in "Heinrich von Ofterdingen"

Hausarbeit 2017 11 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der frühromantische Poesiebegriff

3. Poesie als Kunst in Heinrich von Ofterdingen

4. Schlusswort

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Poësie heilt die Wunden, die der Verstand schlägt.“[1] Es ist für den Menschen eine heilende Wirkung, die von der Poesie ausgeht. Ein Buch aufzuschlagen und die Worte, und mit ihnen die während dem Lesen entstehenden Bilder, auf sich wirken zu lassen, beruhigen die Seele. Dem Schriftsteller und Poeten Novalis (1772-1801) war es ein inniges Anliegen, die Poesie an den Menschen zu bringen. Er fand, das Leben müsse mit Poesie durchdrungen sein[2] und erkannte nicht nur Gedichte und Minnesang als ein Mittel zur Poesie, sondern auch den Roman.[3] Novalis, der kennzeichnend ist für die Epoche der Frühromantik (ca. 1795/98-1804), plädierte für eine Romantisierung der Welt, um den ursprünglichen Sinn wiederzufinden: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich es.“[4]

Poesie ist das literarische und künstlerische Werk, während die Poetik die Theorie über Poesie darstellt.[5] In seinem Roman Heinrich von Ofterdingen versucht Novalis Poetik und Poesie verschwimmen und eins werden zu lassen. Der Roman stellt eine Apotheose der Poesie dar, die sich im Roman selbst bestätigt.[6] Innerhalb des Romans versucht er, die Gesetze der äußeren Welt aufzuheben „und gleicht sie denen der inneren Welt an, z.B. in Traumsequenzen und Märchenszenen“[7], die charakterisierend für die Frühromantik sind. Die Erzählweise selbst ist dabei als eine märchenhafte gewählt, bei der, so Novalis, jedes Wort poetisch sein müsse.[8] Ob Poesie überhaupt Kunst ist, scheint im Roman Heinrich von Ofterdingen keine Frage zu sein. Poesie wird dort von Beginn an als Kunst dargestellt. Novalis schreibt hier in Versform folgende Worte: „Ich darf für Dich der edlen Kunst mich weihn; / Denn Du, Geliebte, willst die Muse werden, / Und stiller Schutzgeist meiner Dichtung sein.“[9] Die Dichtung als Poesie wird demnach nicht nur als Kunst im Allgemeinen, sondern sogar als edle Kunst bezeichnet.

Wichtig für diese Arbeit waren neben meiner Quelle vor allem Armand Nivelle und Herbert Uerlings. Nivelle bietet in seinem Buch über frühromantische Dichtungstheorie[10] einen gelungenen Überblick über den Poesiebegriff von Novalis und Schlegel. Herbert Uerlings, der als Autor und Herausgeber fungiert, hat ein Buch über die Theorie der Romantik[11] herausgegeben sowie eine Sammlung verschiedener Aufsätze[12], die sich ausschließlich mit Novalis im Allgemeinen und dessen Poetik und Poesie im Besonderen beschäftigen.

Das zentrale Thema dieser Hausarbeit ist die Frage, inwiefern Poesie Kunst ist. Die vorliegende Arbeit soll sich dabei ausschließlich auf den Poesiebegriff der Frühromantik beziehen, der im Folgenden dargelegt werden soll. Im Anschluss daran soll Poesie und Kunst in Bezug zueinander gesetzt werden. Zudem sollen Merkmale herausgearbeitet werden, inwiefern Poesie Kunst ist. Dabei beziehe ich mich auf das im Titel bereits erwähnte Werk Heinrich von Ofterdingen von Novalis.

2. Der frühromantische Poesiebegriff

„Poësie ist Poësie“[13], schreibt Novalis über die Frage nach Poesie. Er hält die Poesie ursprünglich für nicht definierbar. Poesie sei angeboren, meint er, man könne sie nicht lehren sondern nur unmittelbar fühlen.[14] Der Begriff Poesie stammt vom lateinischen Wort poesis ab und bedeutet ‚machen, fertigen, dichten‘ und auch ‚Dichtkunst‘.[15] Poetik ist dagegen die Theorie von Literarischem und Dichtung, die sich vor allem mit der Entstehung und dem Wesen von Poesie beschäftigt.[16]

Was ist nun also Poesie, im Gegensatz zu Poetik? Die Poesie stellt die innere Welt eines Menschen und dessen Gefühle dar.[17] Sie kommt von innen heraus, entsteht mit der Einbildungskraft, und wirkt auch wieder im Inneren eines Menschen. Was bei Novalis und seiner Poesie deutlich hervortritt ist der hohe Stellenwert, den er der Einbildungskraft zuschreibt: Die Produktivität der Einbildungskraft tritt nun in den Mittelpunkt des poetischen Schaffens.[18] Für ihn bedeutet Poesie eine Erhebung jedes Einzelnen durch eine Verknüpfung mit dem Ganzen. „Das Individuum lebt im Ganzen und das Ganze im Individuum. Durch Poesie entsteht die höchste Sympathie und Koaktivität, die innigste Gemeinschaft des Endlichen und Unendlichen.“[19] „Je poetischer, desto wahrer“[20], meint Novalis. Durch Einbildungskraft soll Realitätsgewinn geschaffen werden, was auf die philosophischen Grundlagen von Hegels Phänomenologie hinweist. Novalis baut seinen späteren Poesiebegriff ausgehend von der Transzendentalphilosophie auf.[21] Philosophisch wurde er neben Hegel vor allem von Johann Gottlieb Fichte und Immanuel Kant beeinflusst.

Die Aufgabe der Poesie, und das ist das Besondere an ihr, liegt nicht darin, eine Scheinwelt zu erschaffen, sondern das in der Realität versteckte Weltgeheimnis an die Oberfläche zu bringen. Die Realität wird also zum Gegenstand der Poesie, das Höhere wird auf das Niedere zurückbezogen.[22] In Heinrich von Ofterdingen wird darauf hingewiesen, dass Poesie dem Menschen ganz nahe liegt und „ein gewöhnlicher Gegenstand ist nicht selten ihr liebster Stoff.“[23] In Heinrich von Ofterdingen gibt es einen Dialog zwischen Heinrich und Klingsohr, in welchem bemerkt wird, dass es Gegenstände gäbe, die für die Poesie beziehungsweise für die dem Menschen gegebenen Mittel und Werkzeuge zu überschwänglich seien.[24] In diesem Dialog wird deutlich, dass die Poesie sich mit Alltäglichem und Gewöhnlichem befasst, weil die sie in ihrer Ausdrucksweise an irdische Mittel gebunden ist und deshalb nicht in der Lage ist, Unvorstellbares oder abstraktes auszudrücken.

Ein wichtiges Merkmal der Poesie ist außerdem ihr Selbstzweck: Poesie um der Poesie Willen. Es wird hierbei zwischen echter und rhetorischer Poesie unterschieden. Die echte Dichtung liegt im Bereich der Ideen, die rhetorische Dichtung dagegen baut auf den Verstand auf, der sich später der Fantasie annimmt, um Begriffe darstellen zu können.[25] Poesie steht dabei nicht nur für das fertige Werk, wie das fertig geschriebene Gedicht beispielsweise, sondern auch für das Vermögen an sich, Poesie zu schaffen.[26] Dabei ist es nicht nur die Dichtkunst als bestimmte Literatur, wie sie in Heinrich von Ofterdingen besonders hervorgehoben wird, sondern auch die Fähigkeit, Natur durch die richtigen Worte auszudrücken, die romantische Poesie ausmachen.[27] Über den Dichter als Poeten schreibt Novalis:

[...]


[1] Stockinger, Ludwig: „Die Poësie heilt die Wunden, die der Verstand schlägt.“ Novalis Poesiebegriff im begriffs- und literaturgeschichtlichen Kontext, in: Uerlings, Herbert (Hg.): Novalis. Poesie und Poetik, Tübingen 2004. S.63.

[2] Vgl. Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre, München 2007. S.59.

[3] Vgl. Nivelle, Armand: Frühromantische Dichtungstheorie. Berlin 1970. S.156.

[4] Thalmann, Marianne: Romantiker als Poetologen. Heidelberg 1970. S.75.

[5] Vgl. Schulz, Gerhard: Novalis. Leben und Werk Friedrich von Hardenbergs, München 2011. S.203.

[6] Vgl. Mahoney, Dennis F.: ‚Heinrich von Ofterdingen‘ oder die Macht der Musik. In: Uerlings, Herbert (Hg.): Novalis. Poesie und Poetik, Tübingen 2004. S.85.

[7] Wanning, Berbeli: Novalis zur Einführung. Hamburg 1996. S.153.

[8] Vgl. Beese, Marianne: Novalis. Leben und Werk, Rostock 2000. S.221.

[9] Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Stuttgart 1965. S.7.

[10] Vgl. Nivelle: Dichtungstheorie.

[11] Vgl. Uerlings, Herbert (Hg.): Theorie der Romantik. Stuttgart 2000.

[12] Vgl. Ders. (Hg.): Novalis. Poesie und Poetik, Tübingen 2004.

[13] Uerlings, Herbert: Einbildungskraft und Poesie bei Novalis. In: Uerlings, Herbert (Hg.): Novalis. Poesie und Poetik, Tübingen 2004. S. 21.

[14] Vgl. Nivelle: Dichtungstheorie. S.128.

[15] Vgl. Burdorf, Dieter/ Fasbender, Christoph/ Moennighoff, Burkhard: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, Stuttgart 2007. S.590.

[16] Vgl. Ebd. S.592.

[17] Vgl. Uerlings: Theorie. S.103.

[18] Vgl. Ders.: Einbildungskraft. S.22f.

[19] Uerlings: Theorie. S.102.

[20] Nivelle: Dichtungstheorie. S.117.

[21] Vgl. Uerlings: Einbildungskraft. S.22f.

[22] Vgl. Pikulik, Lothar: Frühromantik. Epoche-Werke-Wirkung, München 2000. S.220.

[23] Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Stuttgart 1965. S.117.

[24] Vgl. Novalis: Heinrich. S.117.

[25] Vgl. Nivelle: Dichtungstheorie. S.127.

[26] Vgl. Stockinger: „Die Poësie heilt die Wunden, die der Verstand schlägt.“ S.72.

[27] Ebd.

Details

Seiten
11
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668741249
ISBN (Buch)
9783668741256
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429780
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
Schlagworte
inwiefern poesie kunst heinrich ofterdingen

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Titel: Inwiefern ist Poesie Kunst?