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Traumvorstellung Mündigkeit? Inwiefern ist das Mündigkeitsziel von Politikunterricht innerhalb der Unterrichtsrichtlinien in Hessen möglich?

Hausarbeit 2018 21 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Forschungsproblem

2 Forschungsstand

3 Forschungsfrage

4 Theorien
4.1 Theorien zur Mündigkeit
4.2 Theorien zur Bürgerrolle

5 Methode

6 Exemplarische Umsetzung
6.1 Der Beutelsbacher Konsens seit 1977
6.2 Die Rahmenrichtlinien seit 1973
6.3 Der Lehrplan seit 1992
6.4 Das Kerncurriculum seit 2011
6.5 Befragung

7 Vorläufiges Ergebnis

I. Anhang
I.1 Ergebnisse in tabellarischer Form
I.2 Fragebogen
I.3 Auswertung des Fragebogens
I.4 Studien

II. Literaturverzeichnis

1 Forschungsproblem

Die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen in Deutschland ist seit 1972 stetig gesunken. Von der rekordhohen Wahlbeteiligung 91,1% im Jahr 1972 sank die Rate auf eine Wahlbeteiligung von 76,2% im Jahr 2017 (Bundeswahlleiter 2017: 1). Um diese niedrige Wahlbeteiligung in Deutschland genauer zu untersuchen, kann man sich zuerst einmal die Ausgangslage bei den Jugendlichen anschauen. Als zukünftige Wahlberechtigte durchlaufen sie die Bildungseinrichtung Schule, wo ein großer Teil von politischer Bildung stattfindet. Schule als Institution leitet im Politikunterricht gezielt politische Sozialisationsprozesse an (Görtler 2013: 10). Diese zielen darauf ab, den Bürger auf die Einnahme einer Bürgerrolle vorzubereiten (Görtler 2013: 11). Hierbei wird die folgende Arbeit die Theorien zu Bürgerrollen und den damit verbundenen Merkmalen genauer untersuchen. Als weitere Richtlinie für Politikunterricht wird der Beutelsbacher Konsens genauer untersucht. Um eine niedrige Wahlbeteiligung in der kommenden Generation möglichst nicht zu reproduzieren, sollte bereits in der Schule politische Partizipation als ein Ziel angestrebt werden. Im Kerncurriculum für Hessen für das Fach Politik und Wirtschaft wird Mündigkeit als Kernziel formuliert, was Bürger u.a. dazu befähigen soll, an der demokratischen Öffentlichkeit teilzunehmen (Hessisches Kultusministerium 2010: 11). Das Forschungsproblem ist von politischer und wissenschaftlicher Relevanz, da ein Widerspruch zwischen Unterrichtsziel und dessen festgeschriebenen Leitlinien unbemerkt Politikverdrossenheit und damit eine niedrige Wahlbeteiligung hervorbringen können, was dem demokratischen Verständnis von Mitbestimmung entgegenläuft.

2 Forschungsstand

Doch wie steht es um die Verwirklichung dieses Ziels? Die Shell Jugendstudie zeigt uns, dass das Interesse an Politik bei Jugendlichen steigt. Im Vergleich zu 34% im Jahr 2002 bezeichnen sich im Jahr 2015 rund 46% als politisch interessiert. (Shell Jugendstudie 2015: 1). Die etablierten Parteien profitieren davon jedoch nicht, die Politikverdrossenheit bleibt hoch. Jugendliche bringen der Bundesregierung und den Parteien wenig Vertrauen entgegen. Nur 3,7% der Jugendlichen vertrauen der Bundesregierung sehr und nur 2,4% vertrauen den politischen Parteien sehr. (Shell Jugendstudie 2006: 1). Auch Möglichkeiten der politischen Partizipation wie das Mitbestimmungsrecht werden nur teilweise angenommen.

Nur 35,2% der Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren stimmen der Aussage zu, dass Bürger in der Pflicht sind, sich an Wahlen zu beteiligen (Shell Jugendstudie 2006: 1). In einem anderen Punkt zeigt die Studie, dass 68,3% der Jugendlichen finden, es sei „out“, sich politisch zu engagieren (Shell Jugendstudie 2006: 1). Als Ergebnis dieses Desinteresses an politischem Engagement zeigt sich, dass 82,4% der befragten Jugendlichen angeben, sich in ihrer Freizeit noch nie für politische Veränderungen eingesetzt zu haben (Shell Jugendstudie 2006: 1). Es liegt also eine hohe Politikverdrossenheit bei Jugendlichen vor, die in sich das Risiko birgt, eine niedrige Wahlbeteiligung zur Folge zu haben.

Die nachfolgende Arbeit versucht, den Ursachen für das politische Desinteresse der Jugendlichen auf Seiten der Bildungseinrichtung Schule als wichtiger Ort politischer Bildung auf den Grund zu gehen.

Es gibt eine Vielzahl an Studien, die die Wahlbeteiligung bei verschiedenen Wahlen in Deutschland erfasst haben. Es werden dabei z.B. Kategorien wie Geschlecht, Alter, Einkommen oder Bildung und deren Auswirkungen auf das Wahlverhalten untersucht (Schäfer 2013: 1). Dabei ist die niedrige Wahlbeteiligung bemerkenswert, weil Deutschland ein im internationalen Vergleich beteiligungsfreundliches Wahlsystem hat. Man muss sich nicht extra für eine Wahl registrieren lassen, Briefwahl ist unkompliziert, Wahlen finden sonntags statt und das Verhältniswahlrecht führt zu wenigen verlorenen Stimmen (Geys 2006: 653). Die Forschung ergibt also, dass nicht das in Deutschland herrschende Wahlverfahren selbst an der niedrigen Beteiligung schuld ist. Jedoch gibt es keine Forschung über einen wichtigen Faktor von politischer Bildung, der Institution Schule, und ihrer Auswirkung auf das Wahlverhalten. Es gibt im speziellen eine Forschungslücke, inwiefern die Leitlinien von Politikunterricht, wie der Beutelsbacher Konsens und die Theorien zu Bürgerrollen, wirklich das Ziel von politischer Mündigkeit unterstützen bzw. inwiefern diese Leitlinien der politischen Mündigkeit sogar widersprechen.

Wenn zukünftig immer weniger Bürger das Mitbestimmungsrecht wahrnehmen, wäre langfristig die Demokratie durch eine niedrige Wahlbeteiligung gefährdet. Politik könnte sich dann mehrheitlich an den sozial Bessergestellten orientieren, die nicht nur weiterhin wählen, sondern auch andere Wege nutzen, ihre Anliegen zur Sprache zu bringen, während sozial Benachteiligte weder das Eine noch das Andere in gleichem Umfang tun (Bödeker 2012: 1).

3 Forschungsfrage

Um einen hohen Anteil an mündigen Bürgern durch Politikunterricht zu erhalten, sollte das Niveau der aufklärerischen Vernunft in Leitlinien für Politikunterricht möglichst anspruchsvoll angesetzt werden (Reheis 2016: 39). Ob dies wirklich der Fall ist, lässt sich an den verschiedenen Definitionen von Mündigkeit und Bürgerrollen zeigen. Diese Begriffsdefinitionen prägen Unterrichtsrichtlinien maßgeblich in ihrem Vorhaben, mündige bzw. unmündige Schüler heranzuziehen. Die im weiteren Verlauf der Arbeit zu beantwortende Forschungsfrage lautet demnach: Inwiefern ist das Mündigkeitsziel von Politikunterricht innerhalb der Unterrichtsrichtlinien in Hessen möglich?

Die Frage ist zeitlos, da das Ziel der Mündigkeit als überzeitliches Kernziel von politischem Unterricht über die Jahre immer wieder genannt wurde und auch in Zukunft gleichermaßen relevant bleiben wird (Hessisches Kultusministerium 2010: 11). Die Frage ist auch nicht räumlich zu begrenzen, da das Ziel der Mündigkeit als Demokratieprinzip für die ganze Bundesrepublik Deutschland von Bedeutung ist (Adorno 1970: 144). Jedoch können im weiteren Verlauf der Arbeit nur die Unterrichtsleitlinien für das Bundesland Hessen angeschaut werden, da mehr Bundesländer den theoretischen Rahmen sprengen würden.

4 Theorien

Da sich die Forschungsarbeit hauptsächlich um die zwei Begriffe, den der Mündigkeit und den der Bürgerrolle dreht, wird im Folgenden auch auf beide Begriffe mit verschiedenen Theorien eingegangen.

4.1 Theorien zur Mündigkeit

Die ersten Ideen von Mündigkeit sind bei den alten Griechen zu finden. Ein unmündiger Bürger war hier gekennzeichnet durch Egoismus, sich nur um die Privatangelegenheiten zu kümmern, jedoch nicht um die der Gemeinschaft. Unmündige Bürger standen in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten. Perikles soll davon gesprochen haben, dass ein unmündiger Bürger nicht einfach ein zurückhaltender Bürger, sondern ein unnützes Mitglied der Gesellschaft ist. (Negt 2010: 13). Später wurde der Begriff der Mündigkeit wieder in der Aufklärung beschrieben.

Kant definiert Mündigkeit als Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, welche durch Zwänge, an die Obrigkeit gebunden zu sein, beschrieben wird (Kant 1784: 482). Auch Adorno nennt u.a. Mündigkeit als zentrales Ziel von Bildung (Adorno 1970: 144). Im heutigen Kontext bezeichnet der Mündigkeitsbegriff im engeren Sinn die rechtliche Kennzeichnung des Übergangs von der Jugend- zur Erwachsenenphase: Wer mündig ist, darf selbst Verträge abschließen und wählen. In einem weiteren Sinn wird das Kennzeichen der Selbständigkeit auf die gesamte moralisch-ethische Lebensführung angewendet. Mündig ist zunächst, wer selbstständig seinen Mund aufmacht, um für eigene Interessen einzutreten (Reheis 2016: 30). Also weist die Theorie von Reheis indirekt auf Wahlbeteiligung hin, als ein Mittel zum Durchsetzen eigener Interessen. In dieser Arbeit konzentriere ich mich auf den Mündigkeitsbegriff von Adorno, der Mündigkeit als zentrales Ziel von Bildung sieht. „Die Forderung nach Mündigkeit scheint in einer Demokratie selbstverständlich. Demokratie beruht auf der Willensbildung eines jeden Einzelnen, wie sie sich in der Institution der repräsentativen Wahl zusammenfaßt.“ (Adorno 1970: 144). Mündig ist demnach, wer an Wahlen teilnimmt.

4.2 Theorien zur Bürgerrolle

Scherb beschreibt in seiner Theorie die Bürgerrolle im Spannungsfeld von Partizipation und Nicht-Partizipation, welche sich in vier verschiedene Kategorien einteilen lässt. Erstens: Der desinteressierte Bürger. Es kann sich um einen ausschließlich an seiner privaten Lebensführung orientierten, politisch passiven Menschen handeln. Ein Interesse an Politik fehlt ihm vor allem deshalb, weil er darin keine Steigerung des privaten Nutzens sieht. Es kann sich jedoch auch um einen resignierten Bürger handeln, der politisches Handeln als wirkungslos betrachtet. Er hat nur schwach ausgebildete kognitive Kompetenzen, weshalb er aktive Beteiligung in der Demokratie für nicht notwendig hält. Zweitens: Der reflektierte Zuschauer. Er hat gut entwickelte kognitive Kompetenzen und weiß, worum es bei politischen Prozessen geht. Der reflektierte Zuschauer beobachtet die Politik aufmerksam, behält sich jedoch eine Distanz, die eine aktive Einmischung in politische Entscheidungsprozesse verbietet. Die politische Partizipation des reflektierten Zuschauers beschränkt sich daher auf das Überdenken und Beurteilen politischer Ereignisse, was sich im Beteiligen an politischen Diskussionen im eigenen Umfeld äußern kann. Er nimmt an Wahlen teil, enthält sich aber ansonsten eines weitergehenden politischen Engagements. Durch die bestehende Distanz, steht der reflektierte Zuschauer immer in der Gefahr, sich weiter von der Politik abzuwenden.

Die Distanz kann auch aus der Auffassung resultieren, dass der politische Prozess in seinem Auf und Ab doch immer wieder zu Ergebnissen führt, die sein Eingreifen nicht erforderlich machen. Drittens: Der interventionsfähige und -bereite Bürger, dessen kognitive Kompetenz es ihm erlaubt, politische Zusammenhänge und Strukturen zu erkennen. Er greift auch in politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse ein. Er kennt allerdings nicht unbedingt von vornherein die für sein politisches Engagement bedeutsamen institutionellen Zuständigkeiten und Verfahrensabläufe, ist jedoch auf Grund seiner kognitiven Kompetenzen in der Lage, sich die notwendigen Kompetenzen anzueignen, um in dem Bereich, in dem er sich engagieren will, handeln zu können. Der interventionsfähige und -bereite Bürger ist nicht der dauerhaft engagierte Politiker. Er ist jedoch in bestimmten Situationen durchaus bereit, aktiv in politische Prozesse einzugreifen. Er kann sowohl der abwägende, das Gemeinwohl immer in den Blick nehmende Verantwortungsethiker sein. Er kann aber auch der rigorose Kämpfer sein und sich z.B. in der Öko-Szene engagieren. Viertens: Der Aktivbürger, der sich dauerhaft in der Politik engagiert. Er ist Mitglied in einer Partei, einer anderen politischen Organisation oder in einem Verband. Seine kognitive Kompetenz ist stark ausgeprägt (Scherb 2008: 50).

Eine ebenso in der Politikdidaktik beliebte Theorie zu Bürgerrollen von Detjen beschreibt drei Typen: Der erste Typ ist der passive Bürger, der das politische Geschehen kaum verfolgt und nicht wählen geht. Ökonomisch richtet er sich nach den Erwartungen von außen. Der zweite Typ ist der zeitweilig aktive Bürger, der das politische Geschehen regelmäßig verfolgt und auch wählen geht. Für seine Erwerbstätigkeit holt er ausreichend kritische Informationen ein. Der dritte Typ ist der ständig aktive Bürger, der zudem in einer Partei oder Genossenschaft zu finden ist. Bei der Erwerbstätigkeit legt er ein hohes Maß an Moral und Ethik an (Reheis 2016: 36).

Nun könnte man schlussfolgern, dass Politikunterricht darauf zielen soll, möglichst aktive Bürger zu erzielen. Jedoch wird im Anschluss an die Beschreibung der verschiedenen Bürgerrollen gefolgert, dass alle Bürgerrollen, auch die desinteressierten Bürger bzw. passiven Bürger, ihre Daseinsberechtigung haben. Politikunterricht soll demnach so angelegt sein, dass letztlich der Schüler selbst entscheiden kann, welche Bürgerrolle er zukünftig einnehmen will. Die Vorstellung, dass Politikunterricht das Ideal des permanent aktiven Bürgers anstreben soll, wird oft vehement zurückgewiesen (Reheis 2016: 36).

5 Methode

Diese Arbeit versucht nachfolgend, ideengeschichtlich die Richtlinien für Politikunterricht in Hessen auf die Zielsetzung von politischer Mündigkeit hin zu untersuchen. Als Richtlinien für Politikunterricht in Hessen gelten der Beutelsbacher Konsens, sowie seit 1973 die Rahmenrichtlinien (Sutor 2002: 1), ab dem Jahr 1992 der Lehrplan (Helbig/Nikolai 2015: 213) und seit 2011 das Kerncurriculum (Hessisches Kultusministerium o.A.: 1). Insbesondere werden die Begriffsdefinitionen von Mündigkeit und Bürgerrolle in den Rahmenrechtlinien von 1973 mit dem Lehrplan von 1992 und dem aktuellen Kerncurriculum von 2011 verglichen. Das geschilderte Vorgehen erlaubt einen Rückschluss darüber, wo es eventuell zu einer Definitionsänderung oder sogar einer möglichen Sinnentleerung des Mündigkeitsbegriffes und der Bürgerrolle kam, und wie sich das auf die Vorgaben von Politikunterricht ausgewirkt hat.

Da der reine Vergleich der Vorgaben jedoch keine genaue Aussage darüber treffen kann, wie die Umsetzung im Schulunterricht tatsächlich geschieht, wird noch eine Umfrage (siehe Anhang) zu diesem Thema durchgeführt, und somit die Arbeit um eine normativ theoretische Methode ergänzt.

6 Exemplarische Umsetzung

Aus pragmatischen Gründen der Vergleichbarkeit werden im Folgenden neben dem allgemein gültigen Beutelsbacher Konsens nur die für Hessen, für die Sekundarstufe I am Gymnasium für das Fach Gesellschaftslehre (welches Politikunterricht enthält) gültigen Unterrichtsrichtlinien analysiert.

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Details

Seiten
21
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668742406
ISBN (Buch)
9783668742413
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v430186
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Mündigkeit Politikunterricht Hessen Lehrplan Kerncurriculum Kompetenzen Beutelsbacher Konsens

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