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Die Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf die Kapitalmärkte und die Finanzierung von Altersrenten

Seminararbeit 2005 28 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Untersuchung der Alterung der Gesellschaft in Deutschland
2.1 Der Ausgangspunkt: Die Determinanten der Bevölkerungsentwicklung
2.1.1 Die Mortalität und die Lebenserwartung
2.1.2 Die Reproduktion von Nachkommen
2.1.3 Die Migration
2.2 Die erwartete Bevölkerungsentwicklung
2.2.1 Die Bevölkerungsgröße
2.2.2 Demographisches Altern

3. Das Kapitaldeckungsverfahren zur Finanzierung von Altersrenten
3.1 Die allgemeine Funktionsweise und Ziele einer Alterssicherung
3.2 Das Vorsorgeverhalten der Bürger im Status quo
3.2.1 Unsicherheiten in der privaten Altersvorsorge
3.2.2 Sparquoten, Anlage- und Vermögensstruktur
3.3 Ersparnisbildung unter einem Fondsmanagement
3.4 Risiken bei einer Alterung der Gesellschaft
3.5 Modelltheoretische Analyse von Kapitalmarktrendite vs. Kapitalmarktrisiko

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 2003 betrug das Durchschnittsalter in Deutschland 41 Jahre. Für das Jahr 2050 wird ein Durchschnittsalter von 50 Jahren erwartet. Im Vergleich zu anderen Industrieländer ist dies relativ hoch – so werden bspw. für die USA 39 Jahre und Frankreich 45,2 Jahre prognostiziert (Eurostat 2005). Leben wir auf Grund guter medizinischer Versorgung oder eines gesünderen Lebens­­­wandels länger als in anderen Ländern? Mit einem Bevölkerungs­wachstum bei den Älteren und einer gleichzeitigen Bevölkerungsabnahme bei den Jüngeren nimmt das Durch­schnitts­alter zu. Ein Sachverhalt, der als Alterung der Gesellschaft bezeichnet wird, so dass die schmeichelnde Frage zu verneinen ist. Die Alterung der deutschen Gesellschaft ist ein historisch einmaliges Ereignis.

„Mütter schieben ihre Kinder­wägen. Man hört noch keine Einschläge, die Front…ist noch fern“ (Schirrmacher 2004, S. 9). Sinn um­schreibt das Rentensystem als Sys­tem, dass „von der Hand in den Mund lebt“ und als „Kettenbriefvertrag, bei dem man darauf hofft, dass immer mehr Menschen mit­machen“ (Sinn 2005, S. 396). Im Handels­blatt wurde Ende 2004 die erste Seite mit der Über­schrift „Demo­­­graphie sprengt die Staatshaushalte“ betitelt (Handelsblatt 2004, S. 1). Die Stellungnahme des deutschen Bundeskanzler lautete: „Wir müssen an­erkennen und aus­sprechen, das die Alters­entwicklung unserer Gesellschaft, wenn wir jetzt nichts ändern, schon zu Lebzeiten dazu führen würde, dass unsere…Alterssicherung schlicht nicht mehr bezahlbar [ist]“ (SPD 2003). Im Mai 2005 sind die Rücklagen der Renten­versicherung auf ein historisches Tief von 7% einer Monatsausgabe gesunken (Pichler 2005, S. 1). Die aktuelle politische Diskussion zeigt, dass mittelfristig damit zu rechnen ist, dass die Verlagerung der derzeitigen Alters­sicherung zu einer privaten Kapital­akkumulation einen noch wesentlich stärkeren Umfang annehmen wird.

Ziel dieser Arbeit ist es, die in der Gesellschaft zu spürende „demographische Bedrohung“ für Deutschland zu untersuchen und mit der Wirkungsweise des Kapitaldeckungs­verfahrens - als Lösungsvariante eines Alters­sicherungs­systems - zu kombinieren. Diese Alternative soll neutral analysiert werden, so dass Effekte eines System­über­gangs keine Berück­sicht­igung finden. Bei der gesamten Analyse sollen die möglichen Aus­wirkungen für die Bürger in Deutsch­land im Mittelpunkt stehen.

2. Die Untersuchung der Alterung der Gesellschaft in Deutschland

2.1 Der Ausgangspunkt: Die Determinanten der Bevölkerungsentwicklung

2.1.1 Die Mortalität und die Lebenserwartung

Die Mortalität ist ein entscheidender Faktor für das demographische Altern. Seit Ende des 19. Jh. lässt sich in Deutschland eine abnehmende Sterblichkeit feststellen. Die Sterblichkeit ist vor allem biologisch determiniert und ist insbesondere durch eine verbesserte Nahrungs­mittel­versorgung, Fortschritte in der Medizin, verbesserte Lebens­bedingungen mit einem höheren Hygiene­standard und Lebensstile, die bspw. durch eine verbesserte Ernährung geprägt sind, zurück­gegangen (Jöst 2002, S. 27). Die Verringerung der Sterb­lichkeit führt zu einem stetigen An­stieg der Lebens­er­wartung. Im Jahr 2003 betrug die Lebens­erwartung bei der Geburt 75,6 Jahre für Männer und 81,3 Jahre für Frauen. Nach herrschender Meinung wird für das Jahr 2050 ein Anstieg um 6,3 bzw. 5,8 Jahre auf 81,1 bzw. 86,6 Jahre angenommen. Birg prognostiziert für das Jahr 2100 eine Lebens­erwartung von 84 bzw. 90,3 Jahren (Birg 2005 und Statistisches Bundesamt, 2005 Genesis Datenbank). Bosbach sieht eine langfristige Ent­wicklung in diese Rich­tung kritisch, indem er medizinische Einflüsse durch eine vermehrte Fettleibigkeit sowie einem zunehmenden Konsum von Alkohol, Nikotin und Drogen unter Jugend­lichen aufführt (Bosbach 2004, S. 6).

2.1.2 Die Reproduktion von Nachkommen

Dagegen beruht die zweite demographische Komponente, die Reproduktion von Nachkommen, neben biologischen Voraussetzungen vor allem auf persönlichen Entscheidungen, die wiederum durch soziale und ökonomische Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Damit die Bevölkerung eines Industrielandes stationär bleibt, muss eine Frau in ihrem Leben im Durch­­schnitt eine Tochter zur Welt bringen, die wiederum eine Tochter zur Welt bringt. Da aber im Durchschnitt aller Geburten etwas mehr Jungen als Mädchen geboren werden und nicht alle Töchter einer Reproduktion nachgehen, muss eine Frau im Durchschnitt 2,1 Kinder zur Welt bringen, damit eine Bevölkerung stationär bleibt. Dieses Bestandserhaltungsniveau ist keine feste Größe und hängt u.a. von der Säuglingssterblichkeit ab, so dass sie um 1900 bei 3,0 lag. Diese durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau wird als zusammengefasste Geburten­ziffer und im Folgenden unter ihrer englischen Bezeichnung „Total Fertility Rate“ (TFR) ver­wendet (Roloff 2004, S. 14-15).[1]

Das heutige demographische Bild wurde durch die zeitliche Entwicklung nachhaltig beeinflusst. Bis Ende des 19. Jh. war es üblich, dass Frauen im Durchschnitt etwa 5 Kinder zur Welt brachten. Seit 1880 wurde die Elterngeneration nicht mehr vollständig durch ihre Kinderzahl ersetzt.[2] Durch die Industrialisierung Ende des 19. Jh. wurden die Bürger vielfach sprunghaft aus der traditionellen ländlichen Gemeinschaft herausgelöst. Die Rolle der Kinder als Arbeitskräfte und Altersstütze für ihre Eltern ging dadurch verloren. Zudem nahm die Bedeutung der Erziehung und Ausbildung für die Lebens­perspektive der einzelnen Kinder zu, so dass sich dieses Verhaltensmuster mit weniger Kindern zunächst bei Bürge­r­tum und Beamten etablierte und schrittweise auf weitere Teile der Bevölkerung übergriff. Soziale Krisensituationen lösten Geburtentiefs in der Zeit des Ersten und Zweiten Welt­krieges und der Weltwirtschaftskrise aus. Nachdem gesell­schaftliche Einbrüche überwunden wurden, ist auf Grund des sog. Timing-Effekts empirisch festzustellen, dass Geburten im Bio­graph­ie­verlauf nachgeholt werden. Beide Teile Deutschlands haben zu Beginn der 60er Jahre jeweils die höchste TFR der Nachkriegszeit von 2,5 Kindern pro Frau erlebt. Dieses hohe Niveau wird mit der Euphoriestimmung nach dem Krieg und einer hohen Heiratshäufigkeit begründet. Wie Abb. 1 verdeutlicht, begannen um 1965 die jährlichen Geburtenzahlen langfristig zu sinken, die seit 1972 unter der Anzahl der jährlich Verstorbenen liegt. Heiraten und Kinder „haben“ wurde immer weniger selbstverständlich. Individualisierungstrends in der Ge­sell­schaft, Erwerbs­tätigkeit und Selbst­ver­wirk­lichung außerhalb der Familie sind u.a. die Aus­löser, deren Aufzählung jedoch keinesfalls als Gesamtheit an Motiven zu sehen ist.[3] (BIB 2004, S. 19-23 und Rohloff 2004, S. 14-16).

Abbildung 1 – Entwicklung verschiedener Größen von 1952-2003 (je Tsd. Einwohner)

Quelle: Eigene Darstellung, Datenbasis: Statistisches Bundesamt, Genesis Datenbank 2005.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese geburtenstarken Jahrgänge schieben sich allmählich im Altersaufbau nach oben und werden durch immer geburtenschwächere ersetzt. Das fertilitätsgeleitete Altern beginnt sich zu beschleunigen.

Mit umfangreichen staatlichen Fördermaßnahmen für Familien[4] schaffte es die ehemalige DDR der westdeutschen Entwicklung zu entgehen, die sich in einer TFR von 1,94 im Jahr 1980 (Abb.2) widerspiegelt. Mit Beginn des für die Bürger radikalen Systemwechsels (Wiedervereinigung) fiel die TFR sprunghaft bis auf 0,77 im Jahr 1994. Die weitere Entwicklung zeigt im Osten eine Angleichung an das westliche Verhaltensmuster. Das Statistische Bundesamt geht dabei von einer absoluten Angleichung auf das west­deutsche Niveau von 1,4 im Jahr 2009 aus (Statistisches Bundesamt 2003, S. 10-13).

Abbildung 2 –Total Fertility Rates (TFR) in Ost- und Westdeutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt 2003, S. 11.

Fes­tzustellen ist außerdem, dass Frauen mit immer späterem Alter Kinder gebären – im Jahr 2003 betrug das Durchschnittsalter bei verheirateten Müttern 30,7 Jahre. Das Risiko einer un­ge­wollten Kinder­losigkeit beträgt im Alter von 35 Jahren bereits 25% (Börsch-Supan 2005, S.1).

Das Statistische Bundesamt geht darüber hinaus durch einen Vergleich mit anderen Industrieländern von einem langfristigen Minimum der TFR von 1,4 in Deutschland aus (Statistisches Bundes­amt 2003, S. 10-13). Wie in Abb. 3 dargestellt, weisen im Jahr 2003 lediglich Italien (1,29), Spanien (1,29), Griechenland (1,27) und Österreich (1,39) als Länder der EU niedrigere TFR auf. Dabei ist seit den 60er Jahren eine stetig sinkende TFR in allen Industrieländern deutlich zu erkennen, wobei in Deutschland ein Niveau um 1,5 etwa 10 Jahre vor Italien und 20 Jahre vor Spanien sprunghaft erreicht wurde. Analog zum negativen Verlauf in den westlichen Industrieländern zeigt sich in Osteuropa seit dem allgemeinen Umbruch in den 90ern eine ähnliche Entwicklung, die aber in relativ kurzer Zeit auf ein noch tieferes Niveau eingebrochen ist. Die Entwicklung Tschechiens ist repräsentativ für Osteuropa – die TFR verringerte sich von 1,89 in 1990 auf 1,18 in 2003. In den USA (2,07), Irland (1,98) und Frankreich (1,89) liegt die TFR knapp unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 (Datenbasis Eurostat 2005).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu diskutieren bleibt, ob somit eine TFR von 1,4 tatsächlich das Minimum für Deutschland darstellt. Zudem ist die angenommene langfristige Angleichung der ostdeutschen TFR an das West-Niveau kritisch zu hinterfragen. Ist mit einer innerdeutschen Migration auch der Einbruch in der ostdeutschen TFR-Ent­wicklung zu erklären? Da mit der TFR die durch­schnittliche Geburtenzahl je Frau ermittelt wird und eine abwandernde Frau von Ost nach West immer noch der gleiche Mensch bleibt, ist eine solche Erklärung nicht zutreffend. Ob die leicht positive TFR-Entwicklung seit 1994 auf ein angleichendes West-Verhaltensmuster oder aber auf ein „Nachholen“ im Timing-Effekt zurück­zuführen ist, bleibt in der derzeitigen Literatur unberücksichtigt. Eine weitere Verschlechterung der „gefühlten“ sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen würde eine langfristige Angleich­ung (wie im historischen Kontext beobachtet) verhindern, so dass auch die zukünftige gesamtdeutsche TFR negativ beeinflusst wird.

Bei einer Bestandsaufnahme der Geburtenhäufigkeit im Bundesgebiet mit Abb. 4 ist, bis auf Ausnahmen im Westen, flächendeckend in 2003 eine geringere Geburtenhäufigkeit im Osten festzustellen. Es ist davon auszugehen, dass dieses Bild auch maß­geblich durch die Abwanderung junger Bürger nach Westdeutschland entstanden ist. Bis 1994 sind mehr Frauen als Männer in den Westen abgewandert. Begründet wird dieses Ungleichgewicht damit, dass junge ostdeutsche Frauen über eine allgemein höhere Qualifikation und Schulbildung verfügten (Birnbaum 2004, S. 7). Wenn sich dieses regionale Bild zu­künftig nicht verändert, wird der Osten von der Alterung der Gesellschaft weitaus stärker betroffen sein als der Westen.

[...]


[1] Die TFR gibt die Zahl der lebend geborenen Kinder je 1000 Frauen im gebärfähigen Alter zwischen 15 und 49 Jahren an. Berechnet wird dieser Standardisierungswert für die Geburtenhäufigkeit als Summe der alters-­ spezifischen Fruchtbarkeitsziffern in einem Kalenderjahr. Sie ist unabhängig vom Familienstand der Frauen bzw. Legitimität der Kinder (BIB 2004, S. 88-89). Da ihre Interpretation einer Längsschnittbetrachtung ent- spricht, aber durch eine Querschnittbetrachtung zustande kommt, kann der Umgang mit ihr problematisch sein (Roloff 2004, S. 32).

[2] Werden von 1000 Frauen eines Jahrgangs bis zu ihrem 49. Lebensjahr wiederum 1000 Mädchen geboren, hat ein einfacher Ersatz der Elterngeneration stattgefunden. Dieses Verhältnis wird mit der Nettoreproduktionszif-fer ausgedrückt (BIB 2004, S. 19).

[3] Eine aktuelle Studie des Innenministerium zeigt, dass deutsche Frauen (Männer) im Alter zwischen 20 und 39 Jahren sich durchschnittlich 1,7 (1,5) Kinder im Leben wünschen. Keine Kinder wünschen sich heute im Vergleich zu 1992 14,6% (9,9%) der Frauen und 26,3% (11,8%) der Männer (BMI 2005).

[4] Zur Argumentationen über Grenzen der Familienpolitik im Hinblick auf biographische Entscheidungen vgl. Birg 2001, S. 64-82.

Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638410434
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43180
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – VWL
Note
1,0
Schlagworte
Auswirkungen Entwicklung Kapitalmärkte Finanzierung Altersrenten
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