Lade Inhalt...

Methodenkritik zum Zeitschriftenartikel „Demokratiestrukturen in Asien. Befunde, Determination und Konsequenzen“

Essay 2018 8 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Einleitung

In dem Zeitschriftenartikel „Demokratiestrukturen in Asien – Befunde, Determination und Konsequenzen“ von Aurel Croissant und Teresa Schächter, geht es um die Untersuchung der Studie „Patterns of Democracy. Government Forms and Performances in Twenty-Six Countries“ von Arend Lijphart. Er untersucht die Korrelation zwischen demokratischen Strukturen, Staatstätigkeit und -qualität.

Croissant und Schächter gehen Lijpharts Schlussfolgerung auf den Grund, ob konsensdemokratische Strukturen für Demokratien im Entstehungsprozess sinnvoller sind, als Mehrheitsstrukturen.

Sie analysieren hierbei die Zusammenhänge der Variablen innerhalb der zwei Dimensionen, exekutiv-parteilich und föderalistisch-unitaristisch und folgern daraus, ob Lijpharts Muster auf junge Demokratien übertragbar ist.

Im folgenden Essay soll das Vorgehen der beiden Forscher inklusive ihrer empirischen Operationalisierung und ihrer Kritik an Lijpharts Theorie erklärt werden.

Zusammenfassung des Artikels

Zuerst werden Lijpharts Demokratiemuster in Bezug auf ihre zehn Merkmale in Konsensus- und Mehrheitsdemokratie vorgestellt, zwischen denen er einen Zusammenhang herausstellt, wodurch er sich zur Konsensdemokratie bekennt. Diese sei „egalitärer und partizipativer und ermögliche eine bessere Repräsentation von Frauen und Minderheiten. (...)“[1]

Allerdings ist die Variable der „Interessengruppen“ nicht miteinbezogen worden, da er anhand des Korporatismusindex gemessen wurde, wozu in Asien nicht genügend Daten vorliegen.

Punkt 1: Das Parteiensystem, besteht in der Mehrheitsdemokratie aus zwei, im Konsensusansatz aus vielen Parteien.

Punkt 2: Die Machtverteilung der Exekutive, konzentriert sich auf die allein regierende Partei, bzw. auf ihre Machtverteilung in einer Koalition.

Punkt 3: Das Kräfteverhältnis zwischen Exekutive und Legislative liegt bei der Mehrheitsdemokratie auf Seiten der Regierungsdominanz. Andererseits herrscht ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Parlament und Regierung.

Punkt 4: Eine Mehrheitswahl mit hoher Disproportionalität steht beim Merkmal „Wahlsystem“ der Verhältniswahl mit geringer Disproportionalität gegenüber.

Punkt 5: Er stellt hier die pluralistischen Interessengruppen der Mehrheitsdemokratie den koropratistischen Verbänden gegenüber.

Punkt 6: Beim Staatsaufbau steht der zentralistische Einheitsstaat dem föderalistisch-dezentralisierten entgegen. Daraus folgend ist die Legislativmacht im Einkammersystem konzentriert, im Konsensusansatz hingegen bikameral geteilt.

Punkt 7: Die Verfassung kann in der Mehrheitsdemokratie durch eine einfache Mehrheit geändert werden, wohingegen man in der Konsensusdemokratie hohe Mehrheiten benötigt.

Punkt 8: In der Mehrheitsdemokratie enthält die Parlamentssouveränität keine „judicial review“, im Konsensusansatz hingegen ist diese ausgebaut.

Punkt 9: Lijpharts letztes Merkmal ist die Zentralbankautonomie, die im Mehrheitsansatz eine abhängige Zentralbank aufweist, in der Konsensusdemokratie ist diese hingegen autonom.[2]

Diese Variablen wirken sich auf den Grad der Machtdispersion in der Demokratie aus.[3]

Weiter erklärt er, dass die beiden Typen für unterschiedliche Gesellschaften angemessen sind. Für homogene Strukturen eignet sich eher der Mehrheitsansatz, in heterogenen Gesellschaften mit kulturellen Spaltungslinien ist die Konsensusdemokratie eine bessere Alternative.

Im weiteren Textverlauf wird seine Studie theoretisch, methodisch und empirisch im Vergleich des zwei-Dimensionen-Systems kritisiert und ihre Determinationseffekte herausgearbeitet. Hierbei stellen die oben genannten Merkmale eins bis fünf die erste, die Exekutive-Parteien-Dimension, dar. Die Föderalismus-Unitarismus-Dimension wird von den Punkten sechs bis zehn erklärt.

Untersucht werden die Demokratien der dritten Demokratisierungswelle in einem Zeitraum von sechs bis zwanzig Jahren.

Kritik der Studie

Lijphart operationalisiert die Demokratiemerkmale in folgenden Untersuchungsfällen:[4]

Das Parteiensystem wird mit Hilfe der „Anzahl effektiver Parteien“ (ENP) nach Laakso / Taagepera gemessen,[5] wobei ein hoher Durchschnittswert Konsensdemokratie durch ihr Mehrparteiensystem, wie in Indonesien oder Thailand bis 1997 charakterisiert. Ein niedriges ENP zeigt eine Struktur aus wenigen Parteien, bzw. der Konzentration auf eine politischen Kraft.

Die Machtverteilung der Exekutive wird durch den prozentualen Mittelwert der Lebensdauer einer Regierung mit ihrer jeweils kleinsten Koalition gemessen. Über 80% wird die Macht der Exekutive in einer Alleinregierung konzentriert, bei ca. 60 – 70% sind „minimal winning cabinets“ häufig. Unter 20% herrscht eine große Machtdispersion und es kommt zu großen, teilweise auch übergroßen Koalitionen.[6]

Seine dritte Variable, die Exekutivdominanz, wird durch den Index der durchschnittlichen Beständigkeit von Kabinetten in Monaten gemessen. Ist dieser rund eins sind die Kabinette unbeständig, da die innerparteilichen Interessengruppen zu stark im Gegensatz zum schwachen parteilichen Zusammenhang sind. Dies ist u.a. in Nepal der Fall. Bei einem Wert von zwei, wie in Taiwan und Südkorea, ist entweder die Exekutive dominant oder Regierung und Parlament blockieren sich gegenseitig, da der Präsident dann keine Parlamentsmehrheit hat. Eine hohe Regierungsstabilität herrscht bei einem Wert von etwa drei, hier ist die Legislative der Exekutive überlegen, wie man am Beispiel Bangladesch erkennen kann.

Allerdings ist dieser Index zur Messung der Kräfteverhältnisse zwischen Exekutive und Legislative ungeeignet. Auch Lijphart merkt an, dass es bei präsidentiellen Demokratien zu einem Bias im „Grad der Exekutivdominanz“[7] kommen kann.

Die Verzerrung von Stimmen- und Parlamentssitzverteilung in der ersten Kammer wird durch den Disproportionalitätsgrad des Wahlsystems, den Michael - Gallaghers - Index, gemessen.[8] Ist dieser circa 5, z.B. in Indonesien ist der Bias gering, bis 12 mittel und ab 14, wie in Bangladesch hoch.

Das sechste Merkmal beschreibt den Zentralisierungsgrad des Staatsaufbaus und wird auf einer von Lijphart entwickelten Föderalismus – Dezentralismus – Skala von 1,0 bis 5,0 gemessen. 1,0 bedeutet eine komplette unitaristisch-zentralisierte Machtkonzentration, die in Nepal, Osttimor oder Südkorea vorliegt. 5,0 ist hingegen ein einheitsstaatlich – dezentralisierter Staat. Generell sind alle asiatischen Staaten eher zentralistisch geprägt, was die Werte 1,0 und 2,0 auf der Skala erklären.[9] Programme zur Dezentralisierung schlagen meist fehl, da subnationale Einheiten keine oder sehr eingeschränkte Entscheidungsrechte besitzen.

Auch der Konzentrationsgrad der Legislative, also der Machtverteilung zwischen den Parlamentskammern, ist ein Teil der Föderalismus - Unitarismus - Dimension.

Die Bikameralismusskala hat vier verschiedene Ausprägungen:

1,0 repräsentiert das Einkammersystem, vorliegend in der Mongolei und in Südkorea. 2,0 zeigt ein schwaches asymmetrisches Zweikammersystem, wie in den Philippinen an, 3,0 ein mittelstarkes, symmetrisch-kongruentes System.

4,0, also ein starker Bikameralismus mit symmetrischer Machtverteilung und demokratischer Legitimation, lässt sich in Asien in keinem der Länder wiederfinden.

Der achte Punkt ist die Verfassungsrigidität, die den Schwierigkeitsgrad zur Verfassungsänderung auf einer Skala von 1 – 4 festlegt. Reicht eine einfache Mehrheit liegt der Wert bei 1, in Ländern wie Taiwan oder Thailand wird eine einfache bis 2/3 Mehrheit benötigt, was die Skalenausprägung 2 erklärt. Bei 3 liegt eine 2/3 Mehrheit vor, bei 4 eine Supermehrheit, die aber nur in der Mongolei zu finden ist.

Lijphart entwickelte eine Skala für die Messung der Stärk der verfassungsrichterlichen Überprüfung von Gesetzen. Liegt diese bei 1 wie beispielsweise in Nepal, ist keine „judical review“ vorhanden. In Indonesien, Bangladesch oder Osttimor gibt das Ergebnis 2 eine schwache Überprüfung an. Hat die Skala die Ausprägung 3 oder 4 ist die „judical review“ mittelstark bzw. stark, wobei letzteres in den Untersuchungen in Asien nicht vorliegt.

Zur Messung der Zentralbankautonomie wird der Index von Aronone verwendet. In diese Berechnung gehen 15 Faktoren zu zwei verschiedenen Zeitpunkten ein, um den wirtschaftlichen und politischen Grad der Unabhängigkeit zu messen. Die Wertemenge geht dann von 0 – 1, wobei 1 einer völligen Autonomie entspricht, den die Mongolei mit 0,75 am ehesten erreicht. In Bangladesch ist die Zentralbank, laut dem Indexwert von 0,19, am abhängigsten. Hieran kann festgestellt werden, dass die Unterschiede zwischen den Ländern immens sind.

Lijphart stellt hier einen deutlich stärkeren Zusammenhang der Faktoren der ersten Dimension, als der in der zweiten fest. Für Asien können laut Sekundärliteratur diese Korrelationen nicht bestätigt werden, sie sind laut dem Korrelationskoeffizienten relativ schwach.[10]

Außerdem findet sich keine Beziehung zwischen den Dimensionen.

Ein signifikanter Zusammenhang kann allerdings zwischen der effektiven Parteienanzahl und dem Disproportionalitätsgrad des Wahlsystems in der Exekutiven – Parteien – Dimension hergestellt werden. Je höher der Disproportionalitätsgrad, desto geringer die Parteienanzahl. Außerdem korreliert der Bikameralismus mit der Rigidität der Verfassungsänderung. Deshalb zeigt ein negatives Vorzeichen bei der sechsten Variable an, dass die beiden nicht zusammen auftreten, was Lijpharts Erwartungen widerspricht.

Laut Sekundärliteratur vermischt Lijphart unterschiedliche Entscheidungsregel-Ebenen und verwendet nicht genügend Unterscheidungsmerkmale zwischen institutionellen und Verhaltensvariablen.[11]

Des Weiteren liegt eine große Varianz bei den Variablen der Föderalismus - Unitarismus - Dimension vor, da die logischen Zusammenhänge nicht eindeutig sind.

Außerdem sind nicht alle Faktoren gleich valide, weshalb ein direkter Vergleich zu Fehlern im Bereich des Bias führen kann. Vor allem beim Indikator für die Exekutivdominanz empfiehlt es sich diesen durch die Agendasetzungsmacht der Regierung auszutauschen. Ähnlich ist es bei der Machtverteilung der Exekutive. Statt diese mit Hilfe von „minimal winning cabinets“ zu messen, bietet sich der kumulierte Stimmenanteil der an der Regierung beteiligen Parteien an.

Ein allgemeiner Bias kann durch Fallauswahl oder informelle Mechanismen seitens staatlicher Institutionen erklärt werden.[12]

Außerdem sind Mehrheiten aufgrund ihrer prä-politischen Identität nicht von selber im Recht, da die Machtlegitimität von den Gütekriterien der Demokratie abgeleitet wird.[13] Insgesamt wird eine höhere Reliabilität und Validität benötigt.[14]

[...]


[1] Croissant, Aurel, und Teresa Schächter. „Demokratiestrukturen in Asien.“Zeitschrift für Politikwissenschaft 19 (2009): 387–419, S.390.

[2] Croissant, Aurel, und Teresa Schächter. „Demokratiestrukturen in Asien.“Zeitschrift für Politikwissenschaft 19 (2009): 387–419, S.390, Tab.1.

[3] Croissant, Aurel. „Regierungssysteme Und Demokratietypen.“, 2010, 126–32. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92357-4_5, S.126.

[4] Croissant, Aurel, und Teresa Schächter. „Demokratiestrukturen in Asien.“Zeitschrift für Politikwissenschaft 19 (2009): 387–419, S.393 – 400.

[5] Berechnung mit Hilfe der Formel: ENP=;

[6] Definition: „(...)Koalition(...), an der mehr Parteien beteiligt sind, als für eine Regierungsmehrheit benötigt werden“ deAcademic, http://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1563175.

[7] Croissant, Aurel, und Teresa Schächter. „Demokratiestrukturen in Asien.“Zeitschrift für Politikwissenschaft 19 (2009): 387–419, S.393.

[8] Berechnung mit Hilfe der Formel: ; ;

[9] Croissant, Aurel, und Teresa Schächter. „Demokratiestrukturen in Asien.“Zeitschrift für Politikwissenschaft 19 (2009): 387–419, S.399, Tab.4.

[10] Croissant, Aurel, und Teresa Schächter. „Demokratiestrukturen in Asien.“Zeitschrift für Politikwissenschaft 19 (2009): 387–419, S. 401f.

[11] Croissant, Aurel. „Regierungssysteme Und Demokratietypen.“, 2010, 126–32. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92357-4_5, S. 130.

[12] Croissant, Aurel. „Regierungssysteme Und Demokratietypen.“, 2010, 126–32. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92357-4_5, S. 131.

[13] Guggenberger, Bernd [Hrsg.]. An den Grenzen der Mehrheitsdemokratie : Politik und Soziologie der Mehrheitsregel. Opladen: Westdt. Verl., 1984.

[14] Vatter, Adrian. „Lijphart Expanded: Three Dimensions of Democracy in Advanced OECD Countries?“European Political Science Review 1 (2009): 125–54. https://doi.org/10.1017/S1755773909000071, S. 126.

Details

Seiten
8
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668759367
ISBN (Buch)
9783668759374
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432258
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
Schlagworte
methodenkritik zeitschriftenartikel demokratiestrukturen asien befunde determination konsequenzen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Methodenkritik zum Zeitschriftenartikel „Demokratiestrukturen in Asien. Befunde, Determination und Konsequenzen“