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Der indische Säkularismus. Ein gelungenes multi-religiöses Konzept?

Hausarbeit 2015 20 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der „kontextuelle Säkularismus“ nach Bhargava
2.1 Die drei Präliminarien
2.2 Grundlagen
2.3 Problematik

3. Entstehung des indischen Säkularismus
3.1 Das Konzept der „multiplen Säkularitäten“
3.2 Die Geschichte des indischen Säkularismus
3.3 Die Vergangenheit als Legitimationsgrundlage

4. Kritiker & Befürworter
4.1 Ashis Nandy
4.2 Sanjay Subrahmanyam
4.3 Kuldip Nayar

5. Fallbeispiel & Untersuchung
5.1 Der Shah- Bano- Fall

6. Fazit/ Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

Vorbemerkung:

Ich verwende in meiner Hausarbeit den Begriff S ä kularismus stets als deutsche Übersetzung für den englischen Begriff des secularism. Der Begriff S ä kularismus soll folglich in dieser Hausarbeit lediglich die Trennung von Staat und Religionen und nicht eine wertende säkulare Weltanschauung ausdrücken.

„Wir in Indien glaubten nicht, dass die Dinge entweder schwarz oder weiß seien. Vielmehr glaubten wir, dass es eine verschwommene Zone gebe, in der sich alle Dingeüberlappen, und dass wir diese Zone immer weiter auszudehnen versuchten. Das ist unser Säkularismus.“ 1 (Kuldip Nayar)

1. Einleitung

Die moderne Welt ist ein Schauplatz an Zirkulationen. Gegenstände, Menschen, Bilder, Werte -alles zirkuliert über nationale Grenzen hinaus und die Welt wird zu einer neuen Gemeinschaft, einer Weltgemeinschaft. Diverse Lebensvorstellungen werden miteinander konfrontiert und führen bei der Konfrontation häufig zu Konflikten. Auch Religionen zirkulieren und die meisten Nationen sind keine monoreligiösen Gesellschaften mehr: Die Welt gewinnt an lokaler religiöser Vielfalt. Dies bringt jedoch auch viele Schwierigkeiten mit sich: wie kann der Staat verschiedene Lebensentwürfe, mögen sie aus verschiedenen oder gar der Abwendung zur Religion erwachsen, unter einen gemeinsamen Nenner bringen? Wie kann aus einer multi-kulturellen, einer multireligiösen Gesellschaft, eine Gemeinschaft werden?

Ein Land, das religiöse Vielfalt aufweist wie fast kein anderes ist Indien. Hier stoßen seit Jahrzehnten Weltanschauungen, Wertvorstellungen und Religionen aufeinander. Durch die Bildung einer indischen Nation musste ein neuer, ein gemeinsamer Wertekonsens geschaffenwerden, der all diese Vorstellungen gleichberechtigt in den Staat und das Gesetz mit einschließt.Eine nationale Einheit, eine gemeinsame multi-religiöse Gemeinschaft kann nur entstehen, wennalle Mitglieder der diversen Religionsgemeinschaften und Vertreter*innen 2 der verschiedensten Weltanschauungen sich als gleichberechtigt tolerierter und respektierter Teil der Nation sehen.Der indische Staat bemüht sich daher mit einem besonderen säkularen Staatskonzept um einen solchen gemeinsamen Wertekonsens, welcher die friedliche Koexistenz der verschiedenen Gruppierungen erleichtern soll.

Der politische Theoretiker Rajeev Bhargava sieht in der besonderen indischen Interpretation der Grundelemente des Säkularismus ein Modell mit kulturübergreifendem Potential. (Bhargava 2005:91) Er betont den unverwechselbaren Charakter dieser säkularen Staatsauslegung, welche sich nicht durch eine klare Grenzziehung zwischen Staat und Religionen, sondern durch eine Art gleichwertiger Distanz zu allen Religionen auszeichnet. Ist der indische Säkularismus, wie ihn Bhargava als „kontextuellen Säkularismus“ (Bhargava 2005: 89) beschreibt, ein Beispiel für ein gelungenes Konzept zur Garantie einer friedlichen multi-religiösen Koexistenz, welches, in Zeiten der globalen Flüsse, andere Länder inspirieren sollte?

Um diese Frage zu beantworten möchte ich zunächst auf die Eigenschaften eingehen, welchenach Rajeev Bhargava dem indischen Säkularismus seinen unverwechselbaren Charakterverleihen. Danach werde ich, indem ich auf das Konzept der „multiplen Säkularitäten“ von Marian Burchardt und Monika Wohlrab-Sahr eingehe, erörtern, wie es zu der Entwicklung einesspeziellen Säkularismus in Indien kommen konnte. Ashis Nandys Kritik am indischen Säkularismus möchte ich mit Positionen von den Befürwortern des Konzeptes Kuldip Nayar und Sanjay Subrahmanyam abgleichen. Anhand des Beispiels des Shah-Bano-Falls werde ich einenkonkreten Fall aufzeigen und untersuchen, ob dieser dem indischen „kontextuellen Säkularismus“Konzept nach Bhargava in der Realität gerecht wird und inwiefern sich hier das Konzept der„multiplen Säkularitäten“ nach Burchardt und Wohlrab-Sahr verdeutlicht. Schließlich werde ichim Fazit der Frage nachgehen, ob Indien wirklich ein inspirierendes Beispiel von erfolgreichermulti-religiöser Koexistenz ist.

2. Der „kontextuelle Säkularismus“ nach Bhargava

2.1 Die drei Präliminarien

In seiner Ausarbeitung zum indischen Säkularismus nennt Bhargava zu Beginn drei Vorbemerkungen, welche für ein tieferes Verständnis seines Konzeptes des indischen „kontextuellen Säkularismus“ (Bhargava 2005: 89) grundlegend sind.

Die erste bezieht sich auf die Betonung, dass mit der Beschreibung „unverwechselbar“ in Bezugauf den indischen Säkularismus nicht gemeint ist, dass der indische Säkularismus gänzlicheinzigartig sei. Bhargava akzentuiert, dass die Ideen und Grundlagen des Säkularismus weltweitdie gleichen sind und sich lediglich in ihrer Interpretationsform unterscheiden. Eben dies, so Bhargava, mache den indischen Säkularismus „unverwechselbar“ : seine besonderekulturabhängige Interpretation der Grundelemente. (Bhargava 2005: 90) Bhargava setzt denallgemeinen Säkularismus mit einer „allgemeingültige(n) Doktrin“ (Bhargava 2005: 90) gleich,insofern, dass diese bei der vorgesehenen Trennung zwischen der organisierten Religion und derorganisierten politischen Macht auf grundlegenden Werten basiert (Bhargava 2005: 90).

Die zweite Vorbemerkung Bhargavas betrifft die ihm zufolge falsche Annahme, dass einsäkulares Konzept stets auch einen festgelegten Inhalt besitzt. Er weist darauf hin, dass es wichtigist zu erkennen, dass die zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten der Grundelemente des Säkularismus wandelbar sind und sich etwa durch aktuelle Ereignisse über die Jahre verändernkönnen und sollten. Nur was sich verändert, bleibt bestehen. So sieht Bhargava den Ursprung desallgemeinen Säkularismus zwar auch im Westen, die besondere indische Auslegung jedoch alskulturabhängiges Modell: „ Aufgrund der geschichtlichen Gemeinsamkeiten ist der indische Säkularismus ganz sicher zum Teil westlicher Natur.“ (Bhargava 2005: 94) Hierbei sieht er das Grundmodell als den westlichen Teil an, welches sich in Indien weiterentwickelt hat und „um Gedanken von dauerhaftem Wert bereichert“ (Bhargava 2005: 91) wurde. Eben diese Geschichteder Konzeptentwicklung sollte, so Bhargava, zurückverfolgt werden, um so die ursprünglichen Ideale und Ziele des säkularen Staatskonzeptes in Erinnerung zu rufen. Dies sei wichtig, um Kritiker des indischen Säkularismus wieder für das Konzept zu gewinnen, indem ihnen diepositiven Werte erneut bewusst werden (Bhargava 2005: 92).

Wie oben bereits angedeutet sieht Bhargava in der indischen Variante des Säkularismus eine„Vision der Zukunft“ (Bhargava 2005: 94). Warum können andere Kulturen von der Versionprofitieren? Sie können von ihrer außergewöhnlichen Interpretation der „Trennung“ von Staatund Religionen profitieren. Bei der indischen Version handelt es sich bei der Trennung mehr umeine gleichwertige Distanz zu allen Religionen und Glaubensauslegungen. Dies bringt uns zu Bhargavas letzter Vorbemerkung. Ihm zufolge teilt sich die indische Gesellschaft bei den meisten Debatten in zwei grobe Gruppierungen: die westlich-modernen und die einheimisch-traditionellen Inder*innen (Bhargava 2005: 95). Damit erklärt sich Bhargava, dass für die dichotomen Gruppierungen der Säkularismus als etwas Modernes folglich für etwas Westlichesgehalten wird. Hierbei sieht er einen großen Denkfehler, denn die Eigenschaften indisch undmodern schließen sich nicht gegenseitig aus (Bhargava 2005: 95). Bhargava zeigt im Hinblick aufdieses Denkmuster der Kritiker*innen zwar Verständnis, betont jedoch, dass die ständige Kritikam Konzept des indischen Säkularismus dieses ihm nach positive, moderne indische Modellgefährdet. Die Sonderstellung des indischen Modells muss, so Bhargava, beachtet werden, daeine Missachtung dieser, im Zuge einer intellektuellen Legitimierung, die allgemeinen politischenund zum großen Teil hindunationalistischen Offensiven gegen den Säkularismus bestärkt(Bhargava 2005: 87-88).

2.2 Grundlagen

Als grundlegende Werte eines säkularen Staates nennt Bhargava Frieden, Toleranz undverfassungsgegebene Religionsfreiheit (Bhargava 2005: 99-100). Mit Frieden meint er, dassdurch das säkulare Konzept die Gesellschaft vor der Eskalation von Konflikten bewahrt werdensoll. Diese Tendenz zur „Barbarei“ (Bhargava 2005: 99) geht Bhargava zu Folge aus dem Zusammentreffen unvereinbarer Lebensentwürfe hervor. Das Interesse an einem friedlichen Zusammenleben soll als gemeinsames Ziel erkannt und ins Zentrum gerückt werden. Der Wertder Toleranz soll betonen, dass jeder, egal welcher Religion er angehört oder nicht, vom Staatnicht verfolgt wird, sondern als Teil der multi-religiösen Gesellschaft gesehen wird (Bhargava2005: 100). Zum Wert der verfassungsgegebenen Religionsfreiheit gibt der Autor drei Dimensionen an: die Mitglieder religiöser Gruppen müssen frei sein und das Recht auf Kritik ander vorherrschenden Definition der Vorstellungen ihrer Glaubensgemeinschaft haben, diese Freiheit muss ohne Hierarchie allen Mitgliedern zustehen und den Mitgliedern muss das Rechtgeboten werden, sich nicht nur ihrer ursprünglichen Religion ab- sondern auch einer neuen Glaubensrichtung zuwenden zu dürfen. Des Weiteren müssen nach Bhargava in einem säkularen Staat sowohl die aktiven als auch die passiven Bürgerrechte beachtet werden (Bhargava 2005:101). Die aktive Rolle des*der Bürger*in meint die „Anerkennung des Bürgers alsgleichberechtigten Teilnehmer am öffentlichen Leben“ (Bhargava 2005: 102). Eine Verletzungdessen wäre beispielsweise eine Verbannung aus dem öffentlichen Leben. Die passive Rollebezieht sich auf das individuelle Leben. Der Staat soll dem Bürger das Anrecht auf „

[...]


1 Nayar 2005: 64-65.

2 Diese Ausdrucksweise dient dazu personenbetreffende Bezeichnungen als geschlechtsneutral zu kenn- zeichnen. Ich werde diese Ausdrucksweise in der gesamten Hausarbeit verwenden, wenn es um geschlechtsneutrale Personengruppen geht.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668748743
ISBN (Buch)
9783668748750
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432592
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
Säkularismus Indien Shah Bano Fall

Autor

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