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Die Anfänge des Frauenfußballs. Mannweib vs. sexy Kickerin?

Referat (Ausarbeitung) 2015 12 Seiten

Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Innerhalb kürzester Zeit zum Medienhype

3. Theoretischer Zugang durch die Kommunikationsforschung
3.1 Nachrichtenwerttheorie
3.2 Gatekeepertheorie

4. Mediale Rahmenbedingungen
4.1 Sexualisierung des Frauenfußballs

5. Ein journalistischer Rückblick

6. Fazit und Ausblick

1. Einleitung

Der Frauenfußball hat in Deutschland einen geringeren Stellenwert als der Männerfußball. Dementsprechend ist die mediale Repräsentanz deutlich geringer. Für einen Artikel im Fußball-Magazin mussten die Frauen in den 1990er Jahren sogar Geld bezahlen. Zudem wurde den Frauen neben der geringen Berichterstattung fehlende Feminität vorgeworfen und schließlich Homosexualität unterstellt. Folglich entstand das Klischee der „Mannweiber“.[1]

Die Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 ermöglichte einen Imagewechsel, wodurch das „ ‚Lesbenklischee im Frauenfußball […] vom Sexy-Girl-Klischee verdrängt’ “[2] worden ist. Folglich waren die Nationalspielerinnen bereits im Vorfeld medial gefragt.[3] Darüber hinaus wurden letztlich elf ausverkaufte Spiele und 17 Millionen Fernsehzuschauer als Spitzenwert bei der Partie Deutschland gegen Japan erzielt. Selbst ohne die deutsche Beteiligung beim Endspiel wurden immerhin noch 13,5 Millionen Fernsehzuschauer erzielt.[4] Diese Faktoren haben dazu beigetragen, dass „die WM 2011 einen Meilenstein für die Medienpräsenz weiblicher Teamsportarten gesetzt“[5] hat.

„All dies spricht für eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und dafür, dass das Turnier vom Publikum als internationales Sportereignis von Weltrang anerkannt worden ist. Inwiefern sich diese Begeisterung nachhaltig für die Wahrnehmung in Deutschland auswirkt, ist eine andere Frage.“[6]

Daher werden in der vorliegenden Ausarbeitung folgende Fragen im Rückblick auf die WM 2011 genauer unter die Lupe genommen: Gab es in Bezug auf den Frauenfußball tatsächlich einen Wandel in der Wahrnehmung? Und war der Imagewechsel zur „sexy Kickerin“ bloß ein Produkt des Zufalls oder doch das einer medialen Vermarktungsstrategie? Was sind die Ursachen und die Hintergründe der gegenwärtigen Sexualisierung im Sport?

2. Innerhalb kürzester Zeit zum Medienhype

Kritiker sind der Meinung, dass die WM 2011 nichts mit einem Imagewandel zu tun habe. Stattdessen vertreten sie die Auffassung, dass es sich dabei um einen künstlich erzeugten Medienhype handelte. Folgende Aspekte sprechen dafür: Zum einen war Deutschland erstmalig das Austragungsland des Großereignisses und zum anderen war im Jahr 2011 die Frauenfußball-WM das einzige bedeutende Sportevent, das stattgefunden hat. Folglich konnte der Sportjour-nalismus die Frauenfußball-WM nicht ignorieren und war teilweise sogar auf dessen Medieninhalte angewiesen. Des Weiteren trägt der Frauenfußball zur Selbstermächtigung von Frauen bei, wodurch er aus der Perspektive des Gender-Mainstreamings politisch erwünscht ist.[7]

„Gender wird in Interaktionen inszeniert und durch die permanente Präsentation konstruiert. Nicht nur wegen seiner Fokussierung des Körpers, sondern auch wegen der Betonung der Geschlechter- und Leistungs-Differenzen ist doing sport auch immer doing gender. Die jeweiligen Inszenierungen des Geschlechts im Sport, die eine große Variationsbreite aufweisen, werden von den Massenmedien aufgegriffen und der Bevölkerung zugänglich gemacht. Massenmedien bestimmen durch das >Agenda-Setting<, welche Themen als wichtig gelten und sie beeinflussen durch das >framing<, ich welchen Kontexten Themen wie beispielsweise der Frauensport Bedeutung erhalten. Derzeit steht der Frauenfußball eindeutig auf der Agenda.“[8]

Ein weiterer Aspekt für den plötzlichen Medienhype wird durch die finanziellen Gründe dargeboten, denn die Austragung des Turniers sollte zur Hälfte über den Ticketverkauf refinanziert werden. Daher war es wichtig mittels vermehrter Berichterstattung potenzielle Stadionbesucher zu locken.[9] Auf diese Art und Weise ist es dem Veranstalter schlussendlich gelungen 40 Prozent des Budgets über die Ticketeinahmen abzudecken.[10]

3. Theoretischer Zugang durch die Kommunikationsforschung

Die Kommunikationsforschung „befasst sich mit Personen, die an der Entsteh-ung und Verbreitung von Medieninhalten beteiligt sind“.[11] Aufgrund dessen kann untersucht werden anhand welcher Kriterien Journalisten bestimmte Er-eignisse als berichtserstattungswürdig einstufen. Einerseits hängt die Nachrichtenauswahl vom Nachrichtenwert ab und andererseits gemäß der Gatekeepertheorie vom „Torwächter“.[12] Im Folgenden werden die Nachrichtenwerttheorie, sowie die Gatekeepertheorie genauer erläutert.

3.1 Nachrichtenwerttheorie

Das Grundkonzept zur Nachrichtenwerttheorie beruht auf dem amerikanischen Journalisten und Publizisten Walter Lippmann. In seinem Buch ,,Public Opinion“ (1922) beschreibt er, welche Kriterien Ereignisse erfüllen müssen, damit sie für Journalisten beachtenswert und interessant sind und folglich zu Nachrichten werden. Im Rahmen der Publikationswürdigkeit führt Lippmann erstmals den Begriff des Nachrichtenwerts („news value“) auf.[13]

“Failing an intervention of this sort, the facts do not become news, until the workers organize and make a demand upon their employers. Even then, if an easy settlement is certain the news value is low, whether or not the conditions themselves are remedied in the settlement. But if industrial relations collapse into a strike or lockout the news value increases. If the stoppage involves a service on which the readers of the newspapers immediately depend, or if it involves a breach of order, the news value is still greater.”[14]

Zeitlich kurzfristige Ereignisse mit kultureller, politischer und räumlicher Nähe ermöglichen ein hohes Maß an Identifikation und erzielen somit eine hohe Medienaufmerksamkeit. Demzufolge wird dem Nachrichtenfaktor Nationalität die größte Bedeutung beigemessen. Des Weiteren verstärken folgende Faktorendimensionen den Nachrichtenwert: Rekorde, Siege, Elite; Konflikte und Gewalt, sowie Prominenz und Personalisierung.[15] Letzteres nimmt in der Sport-berichterstattung einen hohen Stellenwert ein, denn der mediale Wettbewerb zwingt die einzelnen Konkurrenten auf dem Markt effizienter zu handeln.

In diesem Zusammenhang „sind […] Vermarktungsstrategien herzustellen, die Sportler in den Mittelpunkt ihrer Kampagnen stellen, sowie die Ausrichtung auf unterhaltende Elemente, die durch eine personenzentrierte Darstellung begünstigt werden.“[16]

3.2 Gatekeepertheorie

Im Gegensatz zur Nachrichtenwerttheorie, welche wie vorangehend erläutert variablenorientiert ist, ist die Gatekeepertheorie akteursorientiert. Dies bedeutet, dass der Gatekeeper (,,Torwächter“) aufgrund seiner Position im Sportverband oder in der Redaktion über die Aufnahme oder die Ablehnung einer Nachricht urteilt. Demnach ist die persönliche Einstellung des Gatekeepers bzw. die des Journalisten ausschlaggebend dafür, ob er ein Ereignis oder eine Person für berichterstattungswürdig hält oder nicht. Da die meisten Schlüsselpositionen innerhalb der Medienorganisation überwiegend mit Männern besetzt sind, welche den Frauenfußball als belanglos einschätzen, fällt die Berichterstattung bereits im Vorfeld zuungunsten der weiblichen Sportprofis aus.[17] Als Resultat liegt der Anteil der Berichterstattung in tagesaktuellen Massenmedien (Print, Fernsehen, Radio) nicht höher als 15 Prozent.[18]

4. Mediale Rahmenbedingungen

Männerdominierende Sportressorts bevorzugen Athletinnen aus ästhetisch-kompositorischen Sportarten sowie Individualsportarten, die traditionelle Weib-lichkeitskonzepte, wie Eleganz und Anmut, verkörpern. Demzufolge wird über-wiegend über Tennisspielerinnen, Athletinnen aus dem Eiskunstlauf oder der Rhythmischen Sportgymnastik berichtet.[19]

„Athletinnen aus Männersportarten [stoßen] jedoch auf Ablehnung, da ihre Körper aufgrund des harten Trainings oftmals nicht mehr dem traditionellen weiblichen Schönheitsideal entsprechen. Abweichungen von dieser männlich konstruierten (aber auch von Frauen mitgebrachten) Norm werden selten akzeptiert und mit kommerzieller Nichtbeachtung gestraft.“[20]

Aufgrund dessen sehen sich Athletinnen aus männlich dominierenden Sport-arten dazu gezwungen, durch den Einsatz von Gendersymbolen (Kleidung, Make-up, Nagellack, aufwändige Frisur, Schmuck) oder durch die Hervorhebung der sekundären Geschlechtsmerkmale, ihre Weiblichkeit stärker zu betonen.[21] Da der Schwerpunkt somit, unabhängig von der sportlichen Leistung, auf der Vermarktung des äußeren Erscheinungsbildes liegt, präsentierten sich die Nationalspielerinnen im Vorfeld der WM 2011 in diversen Mode- und Beauty-strecken.[22] Auch der DFB[23] hat erkannt, dass die Betonung der Weiblichkeit hilfreich ist, um das Image der „Mannweiber“ durch Ästhetik und Sympathie zu modifizieren. Da Birgit Prinz[24] nicht dem Bild der neuen Generation entspricht, wurde daher anlässlich der Fußball-WM 2011 eine Barbie-Birgit als „außerge-wöhnliche Ehrung“ auf den Markt gebracht. Bei aller Traurigkeit lässt sich beim Vergleich mittels Abbildung 1 allerdings feststellen, dass die Ähnlichkeit gegen null geht und dass die Barbie-Birgit im Gegensatz zu Birgit Prinz, wie nicht anders erwartet, dem normativen Schönheitsideal entspricht: Rehaugen, Stupsnase, Schmollmund, Wespentaille, dünne Beine.[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Birgit Prinz und Barbie-Birgit im Vergleich.[26]

Neben der Hervorhebung der Weiblichkeit lieferten die Medien Informationen zu den Sportlerinnen im außersportlichen Kontext, so in ihrer Rolle als Mutter, Tochter oder Ehefrau. Informationen über das Menschliche, den Charakter oder die Emotionen der Aktiven gehören zu sogenannten Human Interest - Themen.[27] Diese Faktoren lenken jedoch von den sportlichen Aktivitäten der Athletinnen ab und führen dazu, dass die physische Attraktivität und die Fokussierung auf die Human Interest - Themen einen größeren Stellenwert einnehmen als deren sportliche Leistungen.[28]

„Dadurch besteht die Gefahr, dass sportlich mäßig erfolgreiche Athletinnen, die jedoch über ein hohes erotisches Kapital verfügen, wesentlich leichter mediale Aufmerksamkeit generieren können als die vermeintlich weniger attraktiven Leistungsträgerinnen. Diese Situation ließ sich auch im deutschen Medienfußball beobachten. So war Fatmire Bajramaj das deutsche Gesicht der WM 2011, obwohl sie die Spiel überwiegend von der Ersatzbank aus verfolgte, während die Torschützerin Inka Grings und Kerstin Garefrekes kaum bis gar nicht redaktionell vertreten waren.“[29]

Darüber hinaus lässt ich seit Mitte der 1980er Jahre als Vermarktungs-strategie die Sexualisierung des Frauensportkörpers beobachten. Getreu dem Motto „Sex sells“ rücken Körperpartien wie Gesäß, Beine oder Busen in den Mittelpunkt der Fotos.[30] Der nächste Abschnitt wird sich mit dieser Thematik intensiver auseinandersetzen.

[...]


[1] Schaaf, Daniela: Vom „Mannweib“ zur „sexy Kickerin“, in: Herzog, Markwart (Hrsg.): Frauenfußball in Deutschland: Anfänge – Verbote – Widerstände – Durchbruch. Stuttgart: Kohlhammer, 2013, 263-284, S.264.

[2] Schaaf: „Mannweib“, S. 264.

[3] Schaaf: „Mannweib“, S. 263.

[4] Küchenmeister, Daniel & Schneider, Thomas: Die Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 – ein kritischer Rückblick auf gesellschaftspolitische Debatten, in: Hofmann, Annette R. & Krüger, Michael (Hrsg.): Rund um den Frauenfußball: Pädagogische und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Münster: Waxmann, 2014, 63-67, S. 63.

[5] Schaaf: „Mannweib“, S. 263.

[6] Küchenmeister & Schneider: Frauenfußball-Weltmeisterschaft, S. 63.

[7] Schaaf: „Mannweib“, S. 264.

[8] Pfister, Gertrud: Die Darstellung von Frauen im Mediensport – Kontinuitäten und Veränderungen, in: Schaaf, Daniela & Nieland, Jörg (Hrsg.): Die Sexualisierung des Sports in den Medien. Köln: Herbert von Harlem, 2011, 57-80, S. 58.

[9] Schaaf: „Mannweib“, S. 275.

[10] Küchenmeister & Schneider: Frauenfußball-Weltmeisterschaft, S. 63.

[11] Schaaf: „Mannweib“, S. 276.

[12] Schaaf: „Mannweib“, S. 266.

[13] Loosen, Wiebke: Die Medienrealität des Sports. Evaluation und Analyse der Printberichter-stattung. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag, 1998, S. 30.

[14] Lippmann, Walter: Public opinion. New York: MacMillan, 1922, S. 348.

[15] Schaaf: „Mannweib“, S. 266.

[16] Loosen: Medienrealität, S.117. Die Nationalspielerinnen waren auch außerhalb der klassischen Sportberichterstattung medial gefragt. Dementsprechend konnte der Faktor der Personalisierung durch Auftritte bei „TV-Total“ von Stefan Raab (Pro7) oder durch Modestrecken in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ aufgewertet werden. Durch zusätzliche Werbekampagnen mit Nike etc. wurde Fatmire Bajramaj sogar zum Medienliebling des Turniers und erreichte dadurch einen eigenen Prominentenstatus. Schaaf: „Mannweib“, S. 263.

[17] Schaaf: „Mannweib“, S. 266-268.

[18] Hartmann-Tews, Ilse & Rulofs, Bettina: Zur Geschlechterordnung in den Sportmedien – Traditionelle Stereotypisierung und Ansätze ihrer Auflösung, in: Schierl, Thomas (Hrsg.): Handbuch, Medien, Kommunikation und Sport. Schorndorf: Hofmann, 2007, 137-154, S. 140.

[19] Schaaf, Daniela & Nieland, Jörg-Uwe: Medienpräsenz von Sportlerinnen – Emanzipation oder Sexualisierung?, in: APuZ 16-19 (2011), 15-20, S. 17.

[20] Schaaf & Nieland: Medienpräsenz, S. 19.

[21] Schaaf & Nieland: Medienpräsenz, S. 19.

[22] Schaaf: „Mannweib“, S. 269.

[23] Deutscher Fußball-Bund

[24] Eine der erfolgreichsten Fußballspielerinnen Deutschlands

[25] Gugutzer, Robert: Körperpolitiken des Sports. Zur sportiven Verstärkung von Körper, Ge-schlecht und Macht, in: Schaaf, Daniela & Nieland, Jörg (Hrsg.): Die Sexualisierung des Sports in den Medien. Köln: Herbert von Harlem, 2011, 34-56, S. 48.

[26] Gugutzer: Körperpolitiken, S. 48.

[27] Hartmann-Tews & Rulofs: Geschlechterordnung, S. 144.

[28] Schaaf & Nieland: Medienpräsenz, S. 17-18.

[29] Schaaf: „Mannweib“, S. 270.

[30] Schaaf & Nieland: Medienpräsenz, S. 17.

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668783102
ISBN (Buch)
9783668783119
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432915
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Schlagworte
Frauenfußball

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