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Russland und die Civic Culture. Analyse und Vergleich der Unterstützung von Demokratie unter Zuhilfenahme der Civic Culture von Almonds & Verba

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Civic Culture
2.1. Die politische Kultur in der Civic Culture
2.2. Die drei Reinformen politischer Kultur in der Civic Culture
2.3. Die Kongruenz zwischen Kultur und Struktur in der Civic Culture

3. Die politische Kultur stabiler Demokratien

4. Analyse eines Vergleichs zwischen der russischen und deutschen Einstellung zur Demokratie
4.1. Die Bedeutung von Demokratie
4.2. Die Unterstützung von Demokratie und Autokratie
4.3. Das Verständnis der Bürger von Demokratie

5. Die kritische Betrachtung der Ergebnisse des Vergleichs

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 18. März 2018 fand die russische Präsidentschaftswahl statt. Erneut stand Wladimir Putin zur Wahl und wurde von den meisten deutschen Medien bereits vorher zum Sieger erklärt. So schrieb Die Welt (2018): „Mag Russlands Präsident für westliche Beobachter wie ein absoluter Herrscher wirken: Wladimir Putin legt Wert auf demokratische Legitimation-jedenfalls auf vermeintliche. Denn die Mehrheit der Russen glaubt trotz unfreien Medien und Wahlen ohne echte politische Konkurrenz noch immer an die Demokratie“.

Bei diesem Zitat kommt die Frage auf, wie das russische Verständnis von Demokratie aussieht und wie groß die Zustimmung zur Demokratie und zum politischen System in Russland wirklich ist. Diese Sachverhalte zu untersuchen, ist das erklärte Ziel dieser Arbeit. Dazu soll ein Vergleich der in Russland und Deutschland vorherrschenden politischen Kulturen vorgenommen werden, um die Einstellungen der Bürger in beiden Ländern zur Demokratie vergleichen zu können. Definiert wird der Begriff der politischen Kultur durch die Civic Culture, welche 1963 von Gabriel Almond und Sidney Verba entwickelt wurde. Das darin enthaltene Konzept von politischer Kultur und dessen verschiedene Formen nimmt seinen Ursprung aus der Mikro-Ebene von Politik, also den Individuen einer Nation (Almond / Verba 1963: 32-36). Im weiteren Verlauf soll der Zusammenhang zwischen der Mikro- und Makro-Ebene erläutert werden. Dieser ist entscheidend für die Unterscheidung der drei Reinformen von politischer Kultur. Die politische Kultur gilt dafür als Bindeglied zwischen diesen zwei Ebenen (Almond / Verba 1963: 32–33). Mittels der Kongruenz zwischen politischer Kultur und Struktur eines Landes, bestimmten Almond und Verba die „systemically mixed political cultures“ (Almond / Verba 1963: 22). Diese Verbindung von Kongruenz und politischer Kultur ermöglicht die Annahmen über die Stabilität des vorherrschenden politischen Systems eines Landes und zeigt die Bedeutung des Lernens von Orientierungen zur Politik und von Erfahrungen mit dem politischen System (Almond / Verba 1963: 34). Im weiteren Verlauf wird mittels des World Value Survey eine empirische Untersuchung der „Zustimmung zur Demokratie“ in Deutschland und Russland durchgeführt. Da ein Großteil der Literatur zur politischer Kultur Russlands ihre Daten aus den neunziger Jahren erhebt und so die aktuelleren Entwicklungen in Russland und Deutschland nicht beinhaltet, wurden die meisten statistischen Daten aus der aktuellsten Untersuchung des World Value Survey (2010-2014) entnommen. Diese Daten, in Verbindung mit renommierten Studien aus den neunziger Jahren, soll eine kritische Analyse der Ergebnisse ermöglichen. Zusätzlich wird „das Äquivalenzproblem der vergleichenden Umfrageforschung“ (Lauth et al. 2009) erläutert und in diese Analyse eingebunden.

2. Die Civic Culture

Die Civic Culture Theorie wurde 1963 von Gabriel A. Almond und Sidney Verba entwickelt. Den Ursprung der Theorie bildet die Frage, warum kurz vor dem zweiten Weltkrieg Demokratien wie Deutschland und Italien zu autoritären Regimen wurden, während Länder wie Großbritannien und die USA weiterhin eine stabile Demokratie vorweisen konnten (Almond / Verba 1963: 8–9). Das Ziel von Almond und Verba war es, einen Weg für die Messungen der Stabilität von Demokratien zu finden. Einer der wichtigsten Punkte, um ein stabiles und effektives demokratisches System zu erhalten, beruht auf der Orientierung der Menschen zu den politischen Prozessen und hängt von deren politischer Kultur ab (Almond / Verba 1963: 498; Pickel / Pickel 2006: 51).

2.1. Die politische Kultur in der Civic Culture

Die Definition der politischen Kultur einer Nation beschreibt nach Almond und Verba die „[…] particular distribution of patterns of orientation toward political objects among the members of the nation.“ (Almond /Verba 1963: 14-15). Um die Verteilung der Orientierungen zu bestimmen, muss zuerst eine Differenzierung der politischen Orientierungen und der Klassen an politischen Objekten durchgeführt werden. Diese Differenzierung wird von jedem Individuum einzeln durchgeführt und beinhaltet deshalb die Mikro-Ebene der Untersuchung der politischen Kultur. Unterschieden werden vier Objekte der politischen Orientierung. Das erste Objekt der politischen Orientierung ist das „System as General Object“ (Almond / Verba 1963: 16), dabei handelt es sich um eine generelle Bewertung, der für das System charakteristischen Strukturen. Darunter zu verstehen ist die Art der Regierungsform oder die politischen Institutionen eines Landes. Im Gegensatz dazu steht das „Self as Object“ (Almond / Verba 1963: 16) als politisch handelnde Person. Dies beinhaltet die eigene Bindung an ein politisches System und die Einstellung zum, beziehungsweise über, das politische System (Almond / Verba 1963: 15; Pickel /Pickel 2006: 61). Eine weitere Unterteilung wird zwischen dem dritten und vierten Objekt der politischen Orientierung durchgeführt. Dabei handelt es sich um die „Input Objects“ und „Output Objects“ (Almond / Verba 1963: 16). Diese beiden Objekte werden genutzt, um die einzelnen Bestandteile eines politischen Systems bewerten zu können. (Almond / Verba 1963: 15). Die vier zuvor genannten Objekte politischer Orientierung können alle jeweils kognitiv, affektiv und evaluativ ausgeprägt sein (Pickel / Pickel 2006: 61). Die kognitive Orientierung beinhaltet das Wissen über und die Meinung vom politischen System und den dazugehörenden politischen Zusammenhängen. Die affektive Orientierung enthält die Gefühle gegenüber dem politische System und dem dazu gehörigen Personal und Prozessen. Bewertungen und Meinungen von und zu Prozessen innerhalb des politischen Systems werden von der evaluativen Orientierung behandelt (Almond / Verba 1963: 15; Pickel / Pickel 2006: 61).

2.2. Die drei Reinformen politischer Kultur in der Civic Culture

Durch die Verbindung der individuellen Orientierungen der Bürger und der Objekte politischer Orientierung hat die Civic Culture Theorie die Makro-Ebene erreicht. Almond und Verba haben in ihrer Civic Culture Theorie die vier bereits in Abschnitt 2.1. beschriebenen Objekte der politischen Orientierung in einer einfachen 3 x 4 Matrix, mit den drei Ausprägungsarten dieser genannten Orientierungsobjekte verbunden. (Almond / Verba 1963: 16).

Abbildung 2.1: Typen politischer Kultur nach Almond / Verba

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: „Eigene Kombination nach Almond / Verba 1963: 16, 17“ (Pickel / Pickel 2006: 63).[1]

Die Charakterisierung der politischen Kultur eines Landes, lässt sich anhand einer empirischen Erhebung mithilfe der zuvor gezeigten Matrix feststellen. Dabei zeige die politische Kultur, die Dichte der verschiedenen kognitiven, affektiven und evaluativen Orientierungen, innerhalb der Bevölkerung eines Landes, zu dessen politischen System im generellen, den Input- und Output-Objekten, sowie dem eigenen Selbst („Self“) als politischer Akteur an (Almond / Verba 1963: 17). Daraus ergeben sich drei Typen politischer Kultur. Man nennt diese Typen die „Parochial Political Culture”, die „Subject Political Culture“ und die „Participant Political Culture”. Die „Parochiale Political Culture“ besteht dann, wenn alle vier Objekte der politischen Orientierung annähernd bei null liegen (Almond / Verba 1963: 17). Zu dieser Form der politischen Kultur passen Stammesgesellschaften, in denen es keine spezifischen politischen Rollen gibt. Vielmehr sind die Rollen, welche die Bürger dieser Gesellschaften ausüben, politisch-wirtschaftlich-religiös geprägt. Zudem haben Individuen in diesen Gesellschaften kein Interesse an Politik und handeln auch nicht politisch (Pickel / Pickel 2006: 63). Aufgrund des minimalen Wissens über die politischen Prozesse und das politische System innerhalb der Bevölkerung ergeben sich keine affektiven Bindungen zur Politik und deshalb ebenfalls keine evaluativen Orientierungen (Pickel / Pickel 2006: 63). Daher ist zumeist in Systemen mit parochialer Orientierung nur eine geringe Chance der Veränderung, die selbst vom politischen System eingeleitet wird, zu erwarten (Almond / Verba 1963: 18). Menschen, welche parochiale politische Kultur besitzen, sind nur auf ihr näheres Umfeld fixiert. Durch diese Fixierung nach innen ergibt sich eine Abwehr gegenüber dem, sie äußerlich umgebenden, politischen System (Hartmann 2013: 61). In der „Subject Political Culture“ gibt es eine große Menge an Orientierungen hinsichtlich des politischen Systems und den Output-Objekten, welche vom System kommen. Die Bürger in dieser politischen Kultur haben jedoch kaum Orientierungen gegenüber den Input-Objekten des Systems und ihrer eigenen Rolle als politischer Akteur (Almond / Verba 1963: 19). Aus diesem Grund betrachten die Bürger in Systemen, in denen diese politische Kultur weit verbreitet ist, politische Prozesse zumeist distanziert und ohne aktive Partizipation. Deshalb wird diese Form politischer Kultur auch „Untertanenkultur“ genannt (Pickel / Pickel 2006: 63). Die Loyalität dieser Bürger wird vom Staat durch seine Outputs gefördert, welche als positive Leistungen den Bürgern erscheinen (Hartmann 2013: 61). Die letzte Form der politischen Kulturen ist die „Participant Political Culture“, in welcher die Bürger detailliert über das System insgesamt und die Input- und Output-Objekte dieses Systems informiert sind (Almond / Verba 1963: 19). Die Bürger mit jener politischen Kultur beteiligen sich aktiv an politischen Prozessen. Sie haben außerdem grundlegendes Wissen über das politische System und dessen Akteure (Pickel / Pickel 2006: 63-64). Dabei begegnet der Bürger, mit solcher politischen Kultur dem Staat zumeist mit Misstrauen. Er verteidigt seine Rechte, protestiert und stellt eine Vielzahl an Forderungen an das politische System. In einem Land mit dieser politischen Kultur kann Instabilität, als Folge dieses Übermaßes an Partizipation durch die Bürger entstehen (Hartmann 2013: 62). Dennoch bedeutet die Unterteilung der politischen Kulturen nicht, dass sich die Formen politischer Kultur beim Auftreten innerhalb eines Landes gegenseitig ausschließen. Die Art der Unterteilung geht nicht von einer homogenen Verteilung oder einer Gleichmäßigkeit der politischen Kulturen aus. Selbst Länder, die zum größten Teil die partizipierende politische Kultur besitzen, beinhalten immer noch eingeschränkt die subjektive und parochiale politische Kultur (Almond / Verba 1963: 19-20). Aus diesem Grund haben die parochiale, subjektive und partizipierende politische Kultur jeweils Unterformen, deren reale Existenz wahrscheinlicher ist (Pickel / Pickel 2006: 64). Um eine bessere Klassifizierung der Unterformen vornehmen zu können und die Dimensionen der politischen Entwicklung und des Kulturwandels einzubeziehen, benötigt es einen weiteren Baustein innerhalb der Civic Culture Theorie (Almond / Verba 1963: 21).

2.3. Die Kongruenz zwischen Kultur und Struktur in der Civic Culture

In der Überlegung von Almond und Verba (1963) wird der Kongruenz zwischen Kultur und Struktur eine bedeutende Rolle zugewiesen. Die Überlegung besagt, dass die Kongruenz die Stabilität eines politischen Systems stütze und es so maßgeblich von den destabilisierenden Einstellungsmustern Apathie (apathy) und Entfremdung (alienation) unterscheide. Diese könne demnach für die Instabilität eines politischen Systems sorgen (Pickel / Pickel 2006: 66).

Abbildung 2.2: Kongruenz und Inkongruenz von Kultur und Struktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: „Eigene Kombination nach Almond / Verba 1963“ (Pickel / Pickel 2006: 67).[2]

Die von Almond und Verba erarbeitete Skala unterscheidet drei Formen der Beziehungen zwischen den Bürgern eines politischen Systems und dessen Strukturen. Bei der „Allegiance“ handelt es sich um die für ein politisches System beste Beziehung zwischen Bürgern und der politischen Struktur. Die Einstellungen der Bürger stimmen mit den Strukturen des politischen Systems überein (Almond / Verba 1963: 22). Aus dieser Übereinstimmung entsteht eine positive affektive Bindung an das politische System und eine daraus resultierende Stabilität (Pickel / Pickel 2006: 67). Im Gegensatz dazu steht die „Alienation“ (Almond / Verba 1963: 2006). Dort ist von Seiten der Bürger ebenfalls ein generelles Wissen über die Strukturen und das politische System vorhanden. Allerdings tendieren die Einstellungen der Bürger dazu, die Strukturen des politischen Systems abzulehnen. Aus dieser Ablehnung ergibt sich ein negatives Verhältnis zwischen Bürgern und staatlichen Strukturen, welches sehr schnell zu einem Umbruch des politischen Systems führen kann (Pickel / Pickel 2006: 67-68).Jedoch ist diese Skala nur der Beginn, denn die einzelnen Ausprägungen der Inkongruenz können ebenfalls, in abgeschwächter Form, in den unterschiedlichsten politischen Systemen auftreten (Almond / Verba 1963: 22). Aus dieser Annahme, in Verbindung mit der bereits in 2.2. getroffenen Suggestion, dass sämtliche real existierenden Formen politischer Kultur gemischte Formen sind, ergibt sich der Begriff der “systematically mixed political cultures” (Almond / Verba 1963: 22). Bei diesen drei Formen der handelt es sich um die “Parochial-Subject Culture“, die „Subject-Participant Culture” und die “Parochial-Participant Culture”. Dabei ist die “Parochial-Subject Culture” der Übergang, von einer Stammes- oder Feudalgesellschaft, hin zu der Entwicklung der Anfangsformen, eines komplexer ausgebildeten politischen Systems, welches differenzierte politische Strukturen vorweist. Jedoch bleibt bei diesem Übergang ebenso eine große Distanz zwischen Bürger und Staat vorhanden (Almond / Verba 1963: 23; Pickel / Pickel 2006: 64). Bei der „Subject-Participant Culture“ hat ein substanzieller Teil der Bevölkerung spezifische Input-Orientierungen und ein aktives Set an Selbstorientierungen entwickelt. Jedoch ist ein Großteil der Bevölkerung weiterhin zu einer autoritären Regierungsform orientiert. Diese Neigung zu einer zentralen Autorität, in Verbindung mit einem passiven Set an Selbstorientierungen, entsteht aus den Gefühlen von Identität und Loyalität gegenüber einem Nationalstaat (Almond / Verba 1963: 25; Pickel / Pickel 2006: 64). In der „Parochial-Participant Culture” müssen sowohl die Output-, als auch die Input-Orientierungen entwickelt werden. Dies ist meist in neu entstandenen Nationen der Fall, bei deren Bevölkerung eine parochiale politische Kultur vorherrschend ist. Diese parochiale Kultur trifft auf politische Strukturen, welche zumeist partizipatorischer Natur sind (Almond / Verba 1963: 26; Pickel / Pickel 2006: 64).

[...]


[1] „0 bedeutet ein Fehlen dieser Orientierung in einer politischen Kultur, 1 bedeutet das Vorhandensein dieser Orientierung in der beobachteten politischen Kultur“ (Pickel / Pickel 2006: 63).

[2] „+1 bedeutet eine positive Hinwendung gegenüber der einzelnen Orientierungsdimension; 0 verweist auf keine Beziehung; -1 auf eine negative Beurteilung. Der erste bezieht sich auf die kognitive Beziehung, der zweite Wert auf die affektive Beziehung, der dritte Wert auf die evaluative Beziehung (Pickel / Pickel 2006: 67).

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668754584
ISBN (Buch)
9783668754591
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v433143
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Politkwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
russland civic culture analyse vergleich unterstützung demokratie zuhilfenahme almonds verba

Autor

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