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Historische Quellenkritik. Moderner Standard, alteuropäische Abweichungen, außereuropäische Besonderheiten

Hausarbeit 2018 27 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsangabe

Einführung
1.1 Definition der Begriffe Quelle, Quellentypen und historische Quellenkritik
2.1 Moderner Standard und Prinzip der historischen Quellenkritik
2.2 Alteuropäische Abweichungen der historischen Quellenkritik
Außereuropäische Besonderheiten der historischen Quellenkritik
3.1 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einführung

Die Anzahl historischer Quellen, derer sich ein Historiker gegenübersieht, kann je nachdem welcher Epoche er sich zuwendet, schier unendlich sein oder aber auch sehr lückenhaft und nur in Fragmenten vorliegen. Um historische Quellen wissenschaftlich präzise zu erfassen, untersucht der Historiker sie anhand der heuristischen Methode, die in der historisch-kritischen Quellenkritik angewandt wird und die Authentizität einer Quelle belegt bzw. widerlegt.

In der vorliegenden Hausarbeit untersuche ich das Prinzip der historischen Quellenkritik. Dafür werde ich zunächst die Begriffe Quelle, Quellenkritik und Quellentypen erläutern und in einem nächsten Schritt anhand von exemplarischen Darstellungen den modernen Standard historischer Quellenkritik, sowie dessen alteuropäischen Abweichungen und außereuropäischen Besonderheiten untersuchen und darlegen. Die Historische Quellenkritik bildet dabei die Grundlage zur Untersuchung historischer Quellen.

Bei meiner Ausarbeitung beziehe ich mich größtenteils auf die Studienbriefe des Modul G1.

Als verbindenden Faktor zwischen Alteuropa und Außereuropa greife ich hier den Begriff der Fremdheit auf, um die alteuropäischen Abweichungen und außereuropäischen Besonderheiten zu untersuchen. Das mittelalterliche Ständemodell und seine Auswirkungen auf die Kultur und somit auf historische Quellen, dient im Falle Alteuropas dabei als ein Beispiel. Desweitern werde ich unter Anderem am Beispiel von Armenbriefen aus dem Großbritannien des 18. Jahrhundert und an Reiseberichten aus dieser Zeit, erläutern, wie die historische Quellenkritik anzuwenden ist und was bei der Auswertung historischer Quellen zu beachten ist.

1.1 Definition der Begriffe Quelle, Quellentypen und historische Quellenkritik

Bevor ich im folgenden Kapitel an exemplarischen Darstellungen spezifisch auf den modernen Standard historischer Quellenkritik eingehen werde, folgt hier zunächst die Definition der grundlegenden Begriffe der Historischen- kritischen Methode, wie sie in der Historischen Forschung verwendet werden.

Laut Definition von Paul Kirn sind „Quellen […] alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“. Sie werden weiter unterschieden in Überreste und Tradition. Diese Unterscheidung geht auf den Historiker Johann Gustav Droysen (1808- 1884) zurück und wurde von dem deutschen Historiker Ernst Bernheim (1850-1942) modifiziert.

Unter den Begriff Überreste werden kurz gesagt alle unwillkürlichen und unabsichtlichen Zeugnisse historischen Geschehens zusammengefasst. Dazu gehören Texte wie z.B. Urkunden, Akten, Archivalien, die zur Regelung wirtschaftlicher, sozialer, religiöser oder rechtlicher Verhältnisse verfasst wurden (z. B. Kranken- und Verwaltungsakten), sowie Alltagstexte wie Briefe und Tagebücher.

Nach Ernst Bernheim ist ein Überrest also alles, was unmittelbar aus der Vergangenheit erhalten und nicht bearbeitet wurde, somit also nicht im Hinblick auf einen späteren Blick auf die Nachwelt entstanden ist.

Des Weiteren zählen zu den Überresten Bodenaltertümer wie z.B. Hügelgräber, Grenzwälle, alte Wege, Bauwerke, Gegenstände wie z. B. Kleidung, Schmuck, Waffen, Kunstwerke, Münzen, Siegel und Bilder.

Auch abstraktere Zeugnisse des menschlichen Zusammenlebens wie Sprache, Sitten und Bräuche, Gesetze und Institutionen, werden in der Historischen Forschung zu den Überresten gezählt.

Demgegenüber steht der Begriff Tradition, zu dem alle absichtlich, durch menschliche Auffassungen des Geschehens geformte Quellen gezählt werden. Dazu gehören Erzähltexte wie Chroniken, Annalen, Viten, Memoiren und auch Sagen, Lieder und historische Darstellungen, politische Traktate, politische Parteiprogramme etc., die nach Ernst Bernheim mit einer bestimmten Absicht auf Blick und Deutung der Vergangenheit verfasst wurden.

Memoiren geben dafür ein gutes Beispiel ab. Da insbesondere im Mittelalter hauptsächlich Personen gehobenen Standes Memoiren verfassten, wird in der modernen Historischen Forschung davon ausgegangen, dass die jeweiligen Autoren von Memoiren ihre Meinung und Deutung an die Nachwelt überliefern wollte, was, wie jedes subjektiv verfasste Zeugnis, nicht unbedingt mit der realen Lebenssituation übereinstimmen musste und z. B. von einer Magd völlig anders erlebt werden konnte.

Die formale Unterscheidung von Quellen in Überrest und Tradition kann als idealtypisch eingestuft werden, da viele Quellen zu beiden Kategorien gezählt werden können und die zugrundeliegende Absicht des Verfassers nicht immer zweifelsfrei nachzuvollziehen ist.

Als Quellen gelten also alle Erzeugnisse, die dem Historiker Aufschluss über die Vergangenheit geben können. Die verschiedenen Quellen, wie Briefe, Filme, Depeschen, Literatur, Musik etc. werden je nach Intention des Verfassers jeweils unterschieden in Tradition und Überrest.

Neben der Unterscheidung von Verfasserabsicht in unwillkürlich, unabsichtlich, unmittelbar (Überrest) oder absichtlich, mittelbar, willkürlich (Tradition), wird das „äußere“ Erscheinungsbild der Quelle in abstrakt (Überrest: Sitten, Feste, Kulte etc.), schriftlich (Überrest: Urkunden, Akten, etc./ Tradition: Biografien, Reiseberichte, Memoiren etc.), mündlich (Tradition: Sagen, Anekdoten etc.), bildlich ( Überrest: Höhlenmalerei etc., Tradition: historische Gemälde, topographische Darstellungen), gegenständlich (Überrest: Bauwerke, Gebrauchsgegenstände, Waffen, Siegel etc./Tradition: Denkmäler, historische Skulpturen etc.) und audiovisuell (Überrest: Radiomitschnitte von Reden, Reportagen, Filme, Musik etc.) unterschieden und dementsprechend eingeordnet.

Eine weitere Unterscheidung in Primär- und Sekundärquelle erfolgt unter anderem mit dem Blickwinkel auf die zeitliche Nähe zu dem jeweiligen historischen Ereignis.

Zeitgenössische Berichte und Aufzeichnungen über Otto von Bismarck sind beispielsweise näher am betrachteten historischen Gegenstand und gehören damit zu den Primärquellen, die von ihm später verfassten Memoiren somit zu den Sekundärquellen.

2.1 Moderner Standard und Prinzip der historischen Quellenkritik

Um eine Quelle wie einen Text oder einen anderen Informationsträger in den historischen Interpretationsrahmen einordnen zu können, muss er einer grundlegenden Kritik unterzogen werden. Für diese Herangehensweise wird in der Geschichtswissenschaft die kritisch-historische Methode angewandt. Sie bildet die Grundlage der historischen Quellenkritik und Quelleninterpretation. Dafür werden die oben beschriebenen Quellen im Sinne des hermeneutischen Verstehensprinzips, in die Schritte „ Heuristik “ (Quellenfindung), „ äußere und innere Kritik “ und „ Interpretation “ unterteilt.

Die moderne historische Quellenkritik entwickelte sich aus ihren Vorläufern, der Philologischen Textkritik, welche aus der Renaissance stammt und vor allem an literarischen Quellen, wie der Bibel, angewandt wurde, und der Urkundenlehre/ Diplomatik, eine der grundlegenden historischen Hilfswissenschaften.

Da weiter oben im Text die Begriffe Quelle schon erläutert wurden, wende ich mich hier gleich der inneren und äußeren Kritik zu, die sich vereinfacht ausgedrückt, mit Form und Inhalt einer Quelle auseinandersetzt. Im folgenden Beispiel nehme ich einen historischen Text als Ausgangspunkt der Quellenkritik.

In der äußeren Kritik werden die formalen Gesichtspunkte, wie Echtheit, Überlieferung, Vollständigkeit/Erhaltungszustand, Erscheinungszustand, Komposition/Aufbau sowie Textsorte bzw. Quellengattung bestimmt und die Quelle wird nach ihrer äußeren Form her beschrieben, d.h. in welcher Form liegt die Quelle vor, woher stammt sie (Aufbewahrungsort und ursprüngliche Provenienz). Es wird danach gefragt, wie die Quelle beschaffen ist, welcher Beschreibstoff, wie viele Seiten und welche Schriftart vorliegt. Es geht dabei um die Erschließung der Quelle, dem Verstehen der Quelle und ihre Einordnung. Ein erster Schritt dabei ist die Textsicherung (s. Einführung in die Neuere Geschichte, Kurs 2, S.1 ff.)

Der Historiker liest bzw. entziffert die (Hand-) Schrift und übersetzt den Text. Gegebenenfalls wird die Grundaussage des Textes bzw. der Quelle bestimmt und unbekannte Begriffe, Namen und Sachverhalte geklärt, Fachbegriffe werden erklärt sowie dem Bedeutungswandel wichtiger Begriffe nachgegangen. Dabei wird die Quelle auch in den jeweiligen sozialen, politischen, religiösen oder kulturellen Kontext eingeordnet. Als mögliche Textsorten bzw. Quellengattungen sind die weiter oben bei Überrest und Tradition genannten Quellen/Textsorten zu nennen.

Die Echtheit einer Quelle bezieht sich auf ihre Authentizität und darauf, dass die Quelle nicht verfälscht oder gefälscht ist. Über den Wahrheitsgehalt einer Quelle sagt die Echtheit nichts aus, sondern es geht dabei darum ob die Aussagen der Quelle in der Vergangenheit wirklich so gemacht wurden, wie es die Quelle angibt. Es wird danach gefragt, ob der genannte Autor wirklich der Verfasser war und wie die Überlieferungsgeschichte der Quelle ist. Es wird geprüft, ob es Varianten bzw. Parallelüberlieferungen gibt und ob die Quelle als Kopie oder Original oder gar als Fälschung vorliegt und ob Änderungen an der ursprünglichen Quelle vorgenommen wurden.

Ist die Quelle nur fragmentarisch erhalten, muss an sie anderes herangegangen werden, als an eine vollständig erhaltene Quelle, da wichtige Informationen fehlen können. Näheren Aufschluss über die Echtheit einer Quelle gibt die Überlieferung, die Auskunft darüber gibt woher eine Quelle stammt und die genau in der Quellenkritik genau belegt werden muss, damit die Nachprüfbarkeit gewährleistet ist.

Des Weiteren ist zu bestimmen ob die Quelle als Kopie/Abschrift oder im Original vorliegt, wie also der Erscheinungszustand ist, woher die Quelle stammt, wer der Verfasser ist, aus welcher Institution sie stammt (Kanzlei, Behörde usw.) und an wen die Quelle gerichtet ist, wer also der Adressat ist. Die inhaltliche Komposition der Quelle gibt weiteren Aufschluss darüber um was für eine Art von Quelle es sich handelt und aus welcher Institution sie stammt bzw. wer ihr Verfasser war und an wen sie sich richtet.

Die innere Quellenkritik stellt unter anderem die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Aussageinhalts einer Quelle.

Eine der ersten Fragen, die sich der Historiker dabei stellt, ist die nach dem „Horizont“ des Verfassers: was konnte der Verfasser wissen und in welcher zeitlichen Nähe zum historischen Ereignis befand er sich dabei und wie äußert sich die Zeit- und Standortgebundenheit des Verfassers im Text? Wer war der Verfasser, machte er eigene Beobachtungen oder bezog er sich auf andere Quellen und wie war sein eigener sozialer, politischer und kultureller Hintergrund?

Nachdem diese Fragen so gut wie möglich geklärt wurden, wird in einem nächsten Schritt die Intention des Verfassers untersucht: Hat der Autor den Text aus eigener Motivation verfasst oder war es eine Auftragsarbeit und welches Interesse hatte der Auftraggeber? Wie stand er selbst zum Geschehen und sind seine Aussagen glaubwürdig? Schildert er die Ereignisse in einem sachlichen Ton oder übersteigert er Ereignisse und verzerrt sie?

Bei der Klärung dieser Fragen wird dann auch die Textgattung bestimmbar, um welche Quellengattung es sich handelt und welches Verhältnis des Autors zu den oder den Adressaten bestand: Handelt es sich z. B. um einen sachlichen Bericht oder ein Pamphlet?

Die im historischen Text auftauchenden unklaren Begriffe, Personen und Ereignisse können anhand von Hilfsmitteln, wie Lexica und biographischen Nachschlagewerken, geklärt werden und in der Inhaltsangabe, die den Quelleninhalt anhand der Fragestellung herausarbeitet, mitverwendet werden. In einem weiteren Schritt wird die Einbettung der Quelle in den historischen und gesellschaftlichen Kontext bzw. deren Entwicklung und Entstehung deren zeitgenössischen Einflüsse bestimmt.

Diese Interpretation schließt also mit den Fragen nach der Kontextualität der Quelle und seiner Intentionalität, die kritische Überprüfung der inneren Quellenkritik (S.: Nagel, Jürgen/ Wendt, Reinhard: Kurseinheit 2: Transfer und Transformation. Eine Einführung in die außereuropäische Geschichte. Hagen 2015. S.97 f. und Kruse, Wolfgang: Kurseinheit 2: Einführung in die Neuere Geschichte. Quelleninterpretation. Hagen 2015.S.18 f.).

Die Forschungsdebatte und das Offenlegen der eigenen Forschungsperspektive sind für die Geschichtswissenschaft sehr wichtig und bilden die Grundlagen der historischen Forschung.

Anzumerken ist hier, dass der multiperspektivische Blick des Historikers auf vorhandene historische Quellen, soweit es die Quellenfülle zulässt, unerlässlich ist, um einem möglicherweise verzerrten und einseitigen Bild der Vergangenheit entgegenzuwirken.

Auch wenn ein Historiker immer nur standortgebunden arbeitet, sollte er durch das methodische Vorgehen mithilfe der kritischen Quellenkritik, weitgehende Transparenz anstreben und seine Methoden und Fragestellungen offenlegen. Die Geschichtswissenschaft versucht durch die Erforschung der historischen Quellen aus der Perspektive des Historikers sowie aus der Perspektive der Quellen, die Vergangenheit zu erforschen. Dabei wird schon in der Auswahl der Quellen der subjektive Blick des Historikers deutlich, der sich zum Teil nur fragmentarisch erhaltener Quellen bedienen muss oder sich einer großen Fülle von Quellen gegenübersieht.

Die Fragestellung, mit der ein Historiker an die Quellen herangeht, sowie die Wahl seines Themas bei der Bearbeitung der Quellen, grenzen seinen Blick ein. Auch wenn seine Perspektive durch den räumlichen, zeitlichen, sozialen und kulturellen Abstand eine historische Distanz schafft, muss er sich seiner Subjektivität bewusst sein und reflektieren, dass auch eine Vielzahl von Quellen nie die konkrete Vergangenheit absolut rekonstruieren kann.

So erleben beispielsweise schon zwei Kriegsüberlebende den 2. Weltkrieg aus ihrer jeweilig subjektiven Erfahrung sehr unterschiedlich und ihre Erinnerungen und Schilderungen können dadurch variieeren. Im konkreten Beispiel kann ein Ehepaar im 2. Weltkrieg dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Der Ehemann wurde zum Kriegsdienst an die Front geschickt und erlebte die physischen und psychischen Gräuel des Krieges am eigenen Leib und seine Ehefrau wurde in Folge seiner Abwesenheit immer selbstständiger und wurde aufgrund ihrer Vorkenntnisse im medizinischen Bereich eingesetzt, was ihr zum ersten Mal eine berufliche Anerkennung verschaffte.

Die Beschäftigung des Historikers mit der Mikrogeschichte kann der Makrogeschichte verschiedene Perspektiven hinzufügen und damit ein einheitlicheres Bild schaffen. Der Historiker kann dabei verschiedene Perspektiven einnehmen und untersuchen. Um das Forschungsfeld sinnvollerweise einzuengen, ist es angebracht das Erkenntnisinteresse einzuengen und klarerweise eine Perspektive zu wählen mit der man sich das gewählte Thema anschaut und sich dabei mit dem gesamten Forschungsdiskurs zu diesem Thema zu verbinden (S.: Kruse, Wolfgang: Kurseinheit 2: Einführung in die Neuere Geschichte. Quelleninterpretation. Hagen 2015. S.35f.).

Zum Thema der Kriegsüberlebenden des 2. Weltkrieges kann der Historiker nun z. B. wählen ob er sich dem Thema aus der Sicht der Opfer oder aus der Sicht der Täter anschaut. Erforscht der Historiker die Sicht der Täter, z. B. leitender Kommandeure eines KZ, muss er den bisherigen Forschungsstand über Konzentrationslager ebenso miteinbeziehen, wie zumindest teilweise auch die Opferperspektive, um seinen Forschungsrahmen deutlich zu machen und den Blickwinkel zu erweitern. Es sollten immer alle Prozessinvolvierten, die an der historischen Entwicklung beteiligt waren, mit in die Untersuchung aufgenommen werden.

Der Einfluss den Zeitzeugen bewusst oder unbewusst auf die Quelle nehmen, muss berücksichtigt werden: Zu welchem Zweck wurden bestimmte Erinnerungen festgehalten und was wurde mitunter verschwiegen? Auch das nicht Vorhandensein mancher Quellen kann ein Indiz darauf sein, was in der jeweiligen Zeit als erinnerungswürdig erachtet wurde oder was vielleicht absichtlich vernichtet wurde um die eigene Geschichte absichtsvoll zu verändern. Diese unterschiedlichen Perspektiven historischer Quellen werden daher in der Inneren Quellenkritik aufgeschlossen, in welcher der zeitgenössische Kontext untersucht wird und gefragt wird, wie der Autor oder Verfasser die Quelle beeinflusst hat.

2.2 Alteuropäische Abweichungen der historischen Quellenkritik

»Das Wichtigste steht nicht in den Quellen, aber ohne Quellen ist alles unwichtig, was wir über die Vergangenheit sagen.« Gustav Droysen, 1858

Der Sozialhistoriker Otto Brunner definiert die Epoche „Alteuropa“ als zusammenhängende kulturelle Phase beginnend im griechischen Zeitalter bis zur Französischen Revolution (ca. 750 vor Christi bis 1789). Als Kennzeichen dieser Epoche gelten die ständische Gliederung der alteuropäischen Gesellschaften, die agrarische Wirtschaftsweise und die fehlende Staatlichkeit.

Als zentraler Schlüsselbegriff in den Interpretationen alteuropäischer sowie außereuropäischer Quellen, ist der Begriff der Fremdheit zu nennen (s. Kurs 1: Soziale Ordnung durch Ungleichheit. Eine Einführung in die Geschichte Alteuropas, S.1-41).

Geht es doch in der Quellendeutung und Quellenkritik um die Interaktionen und Begegnungen zweier sich fremder Seiten, die sich unterschiedlich wahrnehmen, was aufgrund dieser Problemlage zu verzerrten Wahrnehmungen führen kann, die in der inneren Quellenkritik untersucht werden.

Im Falle der Epoche Alteuropa ist der Schlüsselbegriff Fremdheit besonders im Leitmotiv der Sozialen Ungleichheit zu erkennen. Die Epoche war gezeichnet von einem ausgeprägten Ständebewusstsein. Stand hieß vor allem, die meist von Geburt an, zugewiesene gesellschaftliche Stellung einzunehmen und regelte die Art des Lebensunterhalts und den Grad an politischer und sozialer Teilhabe in der Gesellschaft. Stände waren hierarchisch ineinander abgeschlossen. Der Hintergrund des Ständewesens bildete ein metaphysisch- religiöses Deutungsschema. Aus moderner Sicht beschreibt das Ständemodell gesellschaftliche Großgruppen innerhalb alteuropäischer Gesellschaften. Durch Geburt (Adel) und Privileg (Klerus) wurde der Anspruch auf einen bestimmten Stand zugeordnet, der mit verschiedenen Privilegien ausgestattet war, es konnte z. B. nicht jeder den Status eines Grundherren erwerben.

Es gab verschiedene verbindliche Rechtsregeln und Gewohnheiten, unterschiedliche Kleiderordnungen, Verhaltensregeln und Sprechgewohnheiten, welche die Standeszugehörigkeit heraushoben und eine verbindliche Weltdeutung begründeten. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass die gesellschaftliche Ständeordnung aus der Sicht der Vormoderne ein Garant für Frieden und gottgewollt war. Der Ausdruck Oexles „Ordnung durch Ungleichheit“ fasst dies zusammen und zeigt damit auf, dass die „Ordnung durch Ungleichheit“ ein grundlegendes Ordnungsprinzip alteuropäischer Gesellschaften war und somit das Denken der Menschen weitestgehend bestimmte.

Die Fremdheit Alteuropas zeigt sich aus Sicht der Moderne besonders in diesem Punkt, da die soziale, gewollte Ungleichheit des Ständemodells diametral zur Sichtweise der Moderne steht, in welchem Gleichheit und Freiheit Grundpfeiler der modernen Weltsicht darstellen (S: Kleine, Uta/ Sokoll, Thomas: Kurs 1: Soziale Ordnung durch Ungleichheit. Eine Einführung in die Geschichte Alteuropas. Hagen 2015. S.1-41).

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Fremdheit Alteuropas auf dieser Diskrepanz der Sichtweisen beruht, in dem die alteuropäische gesellschaftliche Ordnung darauf beruhte, dass die Ungleichheit gottgewollt ist.

Wie oben bereits erwähnt, bezieht sich der Epochenbegriff Alteuropa, angelehnt an den österreichischen Sozialhistoriker Otto Brunner, auf eine Zeitspanne von ca. 2500 Jahren, angefangen in der griechischen Kultur zu Zeiten Hesiods und Homer (ca. 750 v. Chr.) bis zu der Französischen Revolution (1789 n. Chr.).

Als dessen soziales Fundament sieht Brunner die Ständeordnung an. Die hierarchische Ordnung des Ständemodells drückt sich auch in mittelalterlichen Bildbänden aus. Herrscher, wie Otto III., werden in seinem mittelalterlichen Evangeliar stets im Vordergrund und mittig abgebildet. Untergebene werden an den Seiten und im Hintergrund positioniert. Die Provinzen sind personifiziert und nehmen eine gebeugte, demütige Haltung dem König

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Details

Seiten
27
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668765528
ISBN (Buch)
9783668765535
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v433238
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
historische Quellenkritik

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Titel: Historische Quellenkritik. Moderner Standard, alteuropäische Abweichungen, außereuropäische Besonderheiten