Lade Inhalt...

Manifest der kommunisitischen Partei von Marx und Engels. Eine Rezension

Essay 2016 4 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Sommersemester 2016

Einführung in die Sozialstrukturanalyse

Petersen, Julia

23.6.2016

Marx, Karl/ Engels, Friedrich (2009): Manifest der kommunistischen Partei. In: Solga, Heike/ Powell, Justin/ Berger, Peter A. (Hrsg.): Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse. Frankfurt a.M./ New York, S. 75-84

Die gesellschaftlichen Strukturen und die darin bestehenden Herrschaftsformen sind einem andauernden Wandel unterzogen: Früher waren vor allem Monarchien, Aristokratien und absolutistische Herrschaftsformen in den verschiedenen Nationen vertreten, das hat sich aber durch beziehungsweise nach der Industrialisierung geändert. In Deutschland zum Beispiel wurde der Absolutismus durch die Bourgeoisie, also sozusagen einer Herrschaft durch Inhaber von Produktionsmitteln, abgelöst. Marx und Engels sprechen in ihrem Werk auch von einem Sieg ums Überlegen, den die Bourgeoisie im Kampf gegen die zuvor bestehenden Herrschaftsformen errungen haben soll.

"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen." (vgl. S.75) - Das ist der erste Satz des Kapitels "1. Bourgeoisie und Proletarier" aus dem Werk "Manifest der Kommunistischen Partei" von Karl Marx und Friedrich Engels. Wenn wir den historischen Verlauf der Herrschaftsformen betrachten, erscheint dieser Satz sinnig, da es immer eine Herrscher-Klasse und eine Beherrschten-Klasse gab, die sich mehr oder weniger in einem Kampf gegenüber standen. Diese Kämpfe endeten laut Marx und Engels immer entweder in einer Revolution oder im Untergang der jeweiligen Klasse. Außerdem merken sie an, dass sich der Prozess der Unterdrückung ständig wiederholt. Für die Autoren teilte sich die Gesellschaft in die zwei Klassen der Bourgeoisie und des Proletariats (es gab auch noch Handwerker, Kaufleute u.a., die zu keiner der beiden Klassen zugerechnet wurden, aber dazu später mehr), daher bezeichneten sie ihre Epoche als die "Epoche der Bourgeoisie" (vgl. S.75). Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Klassen ist bei ihnen ein ökonomischer und zwar der Besitz von Produktionsmitteln: Kapitalisten (Bourgeoisie, Besitzklasse) besitzen diese Mittel und beschäftigen Arbeiter (Proletariat, Arbeiterklasse), die ihre Muskel- und Arbeitskraft verkaufen und diese Produktionsmittel bedienen.

Es gibt für die beiden Verfasser des Weiteren einen Unterschied zwischen den herkömmlichen Begriffen von Arbeit und Arbeitskraft: Aus der Arbeit geht die fertige Ware heraus und die Arbeitskraft ist nötig für die Reproduktion der Arbeitsleistung, also die Umwandlung von einer Ressource in die Ware. Aus dieser Umwandlung entsteht ein Mehrwert, also sozusagen der Profit, was bedeutet, dass die Arbeiter durch ihrer Arbeitskraft der Ware erst ihren Wert geben. Arbeiter bekommen von den Kapitalisten nur das, was sie zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft benötigen und werden daher von den Verfassern als "Industriesoldaten" (vgl. S.80) und als "Knechte der Bourgeoisklasse, Bourgeoisstaates [...] von der Maschine, von dem Aufseher und vor allem von den einzelnen fabrizierenden Bourgeois selbst" (vgl. S.80) bezeichnet. Laut Marx sind die Positionen innerhalb dieser Gesellschaft deterministisch, also unveränderbar.

Die Autoren verweisen auch darauf, dass die Bourgeoisie nicht nur eine neue Herrschaftsform mit ihr in der Machtposition, sondern auch die Mittel und Werkzeuge ihrer Zerstörung erschaffen hat: Die Arbeiter. Die Bourgeoisie hat Arbeiter, die über das gesamte Land verstreut waren, durch Konkurrenz zersplittert waren und für sich gelebt haben, vereint in ihrem Kampf gegen die Herrschaft der Kapitalisten. (Vgl. 79 & 81).

Der Kapitalismus ist nach Marx und Engels aber nicht nur die Ursache, wieso sich die Arbeiter zusammenschlossen, denn es wurden Nationalstaaten aus zuvor einzelnen Provinzen gebildet. Daher bezeichneten sie die Bourgeoisie auch als deterritorialisiernde Kraft: Wo früher Probleme und Hindernisse für die Bourgeoisie waren, wie zum Beispiel verschiedene Gesetze, Zölle usw., entstanden nun Nationalstaaten, die den Handel erleichterten:

"Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in eine Nation, eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales Klasseninteresse [...]." (vgl. S. 78)

Außerdem unterscheiden sie neben der beiden (Kampf-)Klassen auch noch in revolutionäre und reaktionäre Klassen: Sowohl die Bourgeoisklasse als auch das Proletariat gelten als revolutionäre Klassen, da sie sich gegen andere Klassen (zum Beispiel im Fall der Bourgeoisie gegen die Aristokratie) durchgesetzt haben beziehungsweise werden. Als reaktionäre Klasse gelten für sie die Mittelstände wie Kaufmänner, Handwerker und Bauern, die sich aufgrund des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat gegen erstere Klasse richten, um nicht in letztere Klasse abzufallen. Für Marx und Engels resultiert der Klassenkampf somit nicht nur in Revolution oder Untergang, sondern auch in der Vereinigung aller Arbeiter gegen die Bourgeoisie. Zum Ende des Textes verweisen die Autoren wieder darauf, dass sich die Besitzklasse ihr eigenes Grab geschaufelt hat und ihr "Untergang und der Sieg des Proletariats [...] gleich unvermeidlich" (vgl. S.84) sind.

Um wieder auf den Anfangssatz ihres Werkes zu kommen: Marx und Engels behaupten, dass jede Gesellschaft von Klassenkämpfen geprägt war. Damit stellen sie aber keine Theorie auf, sie erklären vielmehr, dass es eine historisch erkennbare, beständige gesellschaftliche Struktur gibt: Die Herrschenden versus die Beherrschten. Der ganze Text klingt nach einer Einleitung - als was er, mit Blich auf das Gesamtwerk der Autoren, wahrscheinlich auch gedacht war. Sie geben uns nicht wirklich neue Entdeckungen und Erklärungen für soziale Phänomene, sie beobachten vielmehr, was zu ihrer Zeit passiert. Für die Sozialstrukturanalyse mag dies relativ relevant sein, da man die Rolle der Wirtschaft und somit des Geldes in einer gesellschaftlichen Struktur beobachten kann, aber wirklich neue Erkenntnisse tun sich dabei nicht auf.

Es wird des Weiteren zwar auf positive Aspekte der Bourgeoisie eingegangen - die Vereinigung der Arbeiter zu einer Art Bewegung und die Bildung von Nationalstaaten -, dennoch überwiegt die pessimistische Sicht. Der ganze Text klingt fast schon wie Propaganda gegen den Kapitalismus, allein schon durch die Wahl der Wörter, wie "Industriesoldaten" oder "Knechte der Bourgeoisie" (vgl. S.80). Der Text ist klar an das gemeine Volk, das Proletariat gerichtet, was man auch an der Art und der Einfachheit des Schreibens erkennen kann, was wohl auch sinnig ist, wenn man den Text als einen Aufruf zum Kampf sieht. Außerdem ist das Gesamtwerk von Marx und Engels "Manifest der kommunistischen Partei" betitelt, was schon danach klingt, als wollen die Autoren eine neue Herrschaftsform (den Kommunismus) etablieren, was auch sehr wahrscheinlich ihr wahres Ziel war. Sie sprechen sich ganz klar gegen den Kapitalismus aus. Dass sie immer wieder darauf verweisen, dass die Bourgeoisie die Mittel ihrer Vernichtung (das Proletariat) erschaffen hat, scheint so als würden die Autoren ihren Lesern Macht zusprechen und sie damit ermutigen wollen, sich gegen die kapitalistischen Strukturen zu wehren.

Ob der Text somit seine Aufgabe erfüllt hat, ist schwierig zu beantworten, denn es gab im Laufe der Jahre immer wieder "Auflehnungen" gegen die Verhältnisse und die Macht- und Geldverteilungen. Arbeiter wollen nicht mehr länger als bloße "Knechte der Bourgeoisie" dastehen, daher kam es immer wieder zu Demonstrationen usw. In dieser Hinsicht kann man das Ziel von Marx und Engels als erreicht bezeichnen, wobei aber auch anzumerken ist, dass selbst diese Veränderung sehr wahrscheinlich nicht aufgrund des Textes geschehen ist. Wenn das wahre Ziel der Autoren nun aber eine Revolution war, wie sie am Ende des Textes angedeutet haben, dann kann man dies als nicht erreicht ansehen, denn nach wie vor sind Produktmittel-Besitzer in dieser Gesellschaft klar privilegierter als die bloßen Arbeiter und auch klar im Vorteil, was andere Bereiche des Lebens angeht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass obwohl der Text relativ weit in der Vergangenheit liegt, sind noch heute viele Teile davon aktuell in der Gesellschaft zu beobachten und können als rein deskriptiv relevant für die Sozialstrukturanalyse bezeichnet werden. So sind Produktmittel-Besitzer immer noch sehr viel privilegierter als normale Arbeiter, der Markt wir immer globaler und es herrscht immer noch ein latenter Kampf zwischen den beiden Klassen. Dass man die Phänomene der vergangenen Gesellschaft in der heutigen immer noch so beobachten kann, war aber wohl nicht deren Absicht. Die Etablierung des Kommunismus hat offensichtlich auch nicht stattgefunden, zumindest nicht in Deutschland.

[...]

Details

Seiten
4
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668758711
Dateigröße
1001 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v433466
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,7
Schlagworte
manifest partei marx engels eine rezension

Autor

Zurück

Titel: Manifest der kommunisitischen Partei von Marx und Engels. Eine Rezension