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Die Orientdarstellung im "Herzog Ernst"

Welche Rolle spielt die Darstellung der Stadt Grippia im "Herzog Ernst" und welche Bedeutung tragen die wundersamen Bewohner dieser Stadt?

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlungsgeschehen im Herzog Ernst

3. Der Orient - Ein unbekanntes Gebiet
3.1 Die Darstellung des Orients im Mittelalter
3.2 Die Darstellung Grippias
3.3 Die Rolle der Grippianer

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Nicht viele mittelalterliche Werke haben es geschafft, bis in die Neuzeit bekannt und populär zu bleiben und ein solches Interesse in der Menschheit zu wecken, dass mehrere Überarbeitungen zustande kommen. Die Geschichte des Herzog Ernst ist jedoch ein solches Werk, welches bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist und geschätzt wird. Der Roman liegt in vier deutschen (A, B, D, Kl) Fassungen, sowie drei lateinischen (C, Erf., E) Fassungen und zwei neuhochdeutschen Bearbeitungen (F, G) vor.1 Vermutlich ist jedoch die Fassung B die einzig komplett erhaltene Ernst-Dichtung,2 weshalb sich die Inhalte dieser Arbeit ausschließlich auf diese Fassung beziehen werden. Trotz der zahlreichen Überarbeitungen bleibt der Kern des Romans erhalten und das Nebeneinander von Reichsgeschichte und orientalischer Märchenwelt sprechen den Leser bis heute an.

Informationen zu dem Autor dieses Romans sind nur spärlich vorhanden und ein konkreter Name existiert nicht. Jedoch wird zumindest vermutet, dass es sich wahrscheinlich um einen Geistlichen handelt,3 welches sich, trotz des eigentlich eher weltlichen Inhaltes, an mehreren Stellen im Text nachweisen lässt.4 Frühere Forschungen haben ihren Fokus der Betrachtung des Romanes hauptsächlich auf den Reichsteil gelegt, während der, zeilenmäßig überwiegende, Orientteil, lange Zeit außer Acht geblieben ist.

Im Rahmen dieser Arbeit soll die Orientreise jedoch nicht nur als sekundärer Part der Dichtung behandelt werden, sondern in den Fokus treten, wobei der Schwerpunkt auf der Grippia-Episode liegen wird. Noch ist es unklar, „ob die Eigenart des Orientbildes im Herzog Ernst als ein Verdienst des mhd. Dichters anzusehen ist oder ob sie sich noch im Bereich der lateinischen Literatur herausgebildet hat.“5 In diesem Zusammenhang wird die Orientdarstellung genauer fokussiert und es werden Antworten darauf gesucht, was Grippia für eine Stadt darstellt und wofür sie steht. Unerlässlich ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, welche Rolle die Wunderwesen in dieser Stadt spielen. Um sich diesen Leitgedanken jedoch genauer widmen zu können, ist es notwendig zu wissen, weshalb Ernst überhaupt das Reich verlässt und sich in den Orient begibt. Daher wird die Konzentration im Folgenden auf einer kleinen Übersicht der Handlung liegen, welche unter anderem den Konflikt, zwischen dem Kaiser Otto und Emst, im Reich, erläutert.

2. Handlungsgeschehen im Herzog Emst

Die Hauptperson des gleichnamigen Romanes ist Herzog Ernst, der Stiefsohn des Kaisers, welcher daher zu den mächtigsten Vasallen der Krone gehört. Kaiser Otto bezieht Ernst von Anfang an mit in die Verwaltung des Reiches, da dieser alle Qualitäten eines vollkommenen Fürsten mitbringt. In der Zeit ihrer Zusammenarbeit herrscht eine einwandfreie Harmonie im Reich, bis der Aufstieg Ernsts Neid in dem Pfalzgrafen Heinrich auslöst, welcher daraufhin behauptet, dass Ernst den Kaiser stürzen wolle. Die Bindung zwischen Otto und Ernst wird daraufhin zerstört, da jener, nach anfänglichen Zweifeln, dem Pfalzgrafen Heinrich Glauben schenkt. Otto lässt Heinrich einen Feldzug durch Bayern gegen Ernst führen, woraufhin sich Ernst rächen möchte und einen Mordanschlag auf Heinrich, als auch auf Otto verübt. Der Pfalzgraf verliert dadurch sein Leben, wobei der Kaiser dem Tötungsversuch knapp entkommen kann. Diese Tat geht jedoch nicht ungestraft an Ernst vorbei. Es folgen Reichsacht und ein mehr als fünf Jahre andauernder Reichskrieg. Ernst fühlt sich durch die List des Pfalzgrafen und das Verhalten des Kaisers verraten und in seiner Ehre verletzt, weswegen ihm die Ermordung Heinrichs nahezu legitim erscheint. „Gewollter Königsmord bedeutet Hochverrat und daher ein schweres Verbrechen“6, so Holzhauer. Aus diesem Grund hatte Kaiser Otto, sowiejedes Mitglied der Verwandtschaft Heinrichs, das Recht, als auch die Pflicht, Blutrache an Ernst auszuüben.7 Ab diesem Zeitpunkt hatte Herzog Ernst also um sein Leben zu fürchten. Vorerst kann er sich in diesem Kampf bewähren, jedoch gibt er, nachdem ihm die Mittel der Wehr ausgehen, den Widerstand auf, verlässt besiegt Bayern und begibt sich auf einen Kreuzzug. Die Reise führt über Ungarn und Bulgarien nach Griechenland und schließlich mit dem Schiff in Richtung Palästina. Auf dem Seeweg gelangt Ernst mit seinen Gefährten jedoch in einen Seesturm und treibt von der eigentlichen Route ab, wodurch das Schiff in den Orient, nach Grippia, welches in der Nähe von Indien liegt, getrieben wird. Danach geht die Reise weiter über den Magnetberg und das Arimaspenland und endet schließlich wieder in der Heimat, in welche der Herzog ohne Bedenken zurückkehren kann, da er gezeigt hat, dass er unter veränderten Bedingungen genau das ist, was ihm im Reich seinerseits verwehrt war, nämlich Gewährsmann des Friedens und einer stabilen Herrschaftsordnung. Es kommt zu einer Versöhnung mit dem Kaiser, Herzog Emst kehrt in seine alten Machtbefugnisse zurück und bewährt sich daraufhin auch in Bayern als Herzog, so wie er es im Orient getan hat.8

3. Der Orient - Ein unbekanntes Gebiet

Mit der Ankunft in Grippia begibt sich Herzog Ernst in ein völlig fremdes Gebiet, welches dem Autor die Möglichkeit gibt, sich im Fanatismus frei auszuleben, da der Kreativität hier keinerlei Grenzen gesetzt sind. Die Forschung wirft ihm jedoch eine Phantasielosigkeit vor, die Ideen verdanke er der antiken Tradition und griechischen Schriftstellern, wie Ktesias,9 und er selbst „sei auf diesem Gebiete völlig einfallslos.“10 Im Folgenden soll nun ein Blick auf die Darstellung des Orients und dessen Bewohner geworfen werden. Selbstverständlich würde man es bevorzugen, einen Grund für seine „Einfallslosigkeit“ zu kennen zu lernen, jedoch ist es insbesondere in der Grippia-Episode schwer zu sagen, woher die Kranichschnäbler stammen. Da es bis zu diesem Zeitpunkt keine genauen Angaben zu dem Dichter dieses Romanes gibt, werden die Ursprünge der expliziten Quellen über die Herkunft der Wunderwesen vorerst Vermutungen bleiben.11 Nichts desto trotz werden die Kranichmenschen in dem Kapitel 3.3 etwas genauer beleuchtet und die Wirkung dieser auf den Leser analysiert. Vorerst wirdjedoch der Orient als solcher betrachtet.

3.1 Die Darstellung des Orients im Mittelalter

Wie oben erläutert besteht der Roman aus zwei zusammengesetzten Teilen - dem Reichsteil und dem Orientteil, wobei bis heute jedoch keine übereinstimmende Auffassung, in Hinblick auf den Sinn der Kombination der beiden Teile, besteht.12 Es wirdjedoch vermutet, dass der Orientteil keine eigene Welt für sich darstellen soll, sondern als Gegenwelt zur vertrauten Heimat fungiere.13 Der Orient gilt als entfernter Raum, welcher eine gewisse Andersartigkeit mit sich führt: „Aus der geographischen Distanz resultiert die kulturelle Fremdheit - von daher ist das Fremde der Ausdruck kultureller Unvertrautheit.“14 Seit dem 11. Jahrhundert wurde das Bild des Orients überwiegend durch Kreuzzüge geprägt. Jedoch gelangte schon lange Zeit vor den Kreuzzügen Kunde über den Orient nach Europa. Denn bereits ab dem 8. Jahrhundert bereisten Pilger den entfernten Raum und dies durchaus ohne kriegerische Absichten.15 Einerseits war das Orientbild von antiken Vorstellungen geprägt, wodurch die Pracht und der Reichtum in den Mittelpunkt gestellt wurden. Andererseits vernachlässigte man jedoch auch nicht die Spekulationen über die Existenz von Wunderwesen.16 Ein Grund dafür könnte die mittelalterliche Ebstorfer Weltkarte sein, die beispielsweise Wundermenschen mit besonderem Aussehen oder herausstechenden Fähigkeiten abbildet. Dazu gehören z.B. Völker, deren Bewohner keine Nasen oder Ohren besitzen oder auch die Darstellung eines Hundsköpfigen.

Die Grippia Episode stellt ein anschauliches Bild von der Vorstellung über eine orientalische Stadt des Autors dar, wobei er unter anderem die technische Überlegenheit der orientalischen Kultur thematisiert.17 In den kommenden Zeilen soll nun ein fokussierter Blick auf die Abenteuer Ernsts im Orient geworfen werden. Im Fokus steht der Kreuzzug und damit der Kampf gegen die Heiden. Die Grippia-Episode bietet auf der einen Seite einen Einblick in die Kampf-Szenerie und auf der anderen Seite einen interessanten Blick auf das Orientbild des Autors.

3.2 Die Darstellung Grippias

Die orientalische Stadt Grippia wird als einzige in diesem Roman ausführlicher beschrieben, wobei der Dichter jedoch „nicht das Bild einer bestimmten orientalischen Stadt heraufbeschwören will, sondern gewissermaßen die orientalische Stadt überhaupt entwirft, wie er sie sich vorstellt.“18 Eine realistische und geographische Entsprechung des Orients steht dabei also nicht im Fokus, sondern die Ideen und Vorstellungen von dem unbekannten Raum.

[...]


1 Brunner, Horst: Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen. Stuttgart 1993, S.6 f., künftig zitiert als Brunner

2 Szklenar, Hans: Studien zum Bild des Orients in vorhöfischen deutschen Epen. Göttingen 1966, S. 151, künftig zitiert als Szklenar

3 Szklenar, S.151

4 Vgl. dazu v.a. V. 4139 ff., V. 2400 -2435

5 Szklenar, S. 152

6 Holzhauer, Antje: Rache und Fehde in der mittelhochdeutschen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts. Göppingen 1997, S. 199, künftig zitiert als Holzhauer

7 Vgl. Holzhauer, S.20

8 Vgl. Brunner, S. 64-73

9 Vgl. Szklenar, S.169

10 Szklenar, S. 169

11 Vgl. Hamdan, Nadja: Die Orientdarstellung im Herzog Ernst B. Düsseldorf 2004, S. 29

12 Vgl. Stock, Markus: Kombinationssinn. Narrative Strukturexperimente im 'StraßburgerAlexander', im 'Herzog Ernst B' und im 'König Rother'. Tübingen 2002 (Münchener Text und Untersuchungen zur deutschen LiteraturdesMittelaltersBd. 123), S. 163

13 Vgl. Craciun-Fischer, Iona: Das Bild des Orients im Spielmannsepos Herzog Ernst. In: Identität und Alterität. Imagologische Materialien für den Landeskundeunterricht. Hrsg. Von George Gu(u. Bukarest 2004 (GGR Beiträge zur Germanistik, 11), S. 236

14 Münckler, Marina, Röcke, Werner: Der ordo-Gedanke und die Hermeneutik der Fremde im Mittelalter. Die Auseinandersetzung mit den monströsen Völkern des Erdrandes. In: Die Herausforderung durch das Fremde. Hrsg. Von Herfried Münkler, Berlin 1998 (Interdisziplinäre Arbeitsgruppen Forschungsberichte, Bd. 5), S.711

15 Vgl. dazu Bauch, Andreas: Pilgerreise Willibalds ins Heilige Land. In: Das Heilige Land im Mittelalter, Begegnungsraum zwischen Orient und Okzident. Neustadt an der Aisch 1982, S. 13 ff.

16 Vgl. dazu auch Raucheisen, Alfred: Orient und Abendland - Ethisch -moralische Aspekte in Wolframs Epen Parzival und Willehalm. Frankfurt 1997, S. 50

17 V. 2654-2698

18 Szklenar, S. 156 f.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668757820
ISBN (Buch)
9783668757837
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434203
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Schlagworte
orientdarstellung herzog ernst welche rolle darstellung stadt grippia bedeutung bewohner

Autor

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