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Potenzial digitaler Medien in Bildungssettings

©2017 Hausarbeit 46 Seiten

Zusammenfassung

Eine Diskussion zu Fragen zu Bildung und Entfaltung berührt zwangsläufig Themen der Zukunftsgestaltung. Der Bildungskontext vollzieht sich dabei nicht nur an Themen aus natürlich- und menschlich-bedingter Welt, sondern gestaltet sich gleichzeitig durch diese. Die so geschaffene Welt ist Betrachtungsgegenstand und in zunehmendem Maße auch Betrachtungsweise. In zunehmendem Maße deshalb, weil didaktische Konzepte und die Fragen wie etwas vor-sich-geht weitreichender menschengemacht und weniger den natürlichen Umständen geschuldet sind. Die fortschreitende Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten führt in einem immer stärkeren Maße zu den Möglichkeiten die Bedingtheiten des Menschen auf fundamentale Weise abwandeln zu können. Technische Innovationen sind heute weitreichende Treiber zu veränderten Lebenskonzepten rund um den Globus. Die Informationstechnologien unter dem Schlagwort der Digitalisierung ermöglichen einen Informationsaustausch sowie Kommunikationsprozesse über Distanzen und Geschwindigkeiten von fundamental anderer Qualität. Die Anzahl der Menschen auf unserem Planeten betrug im Jahr 1865 ungefähr eine Milliarde, die sich bis 1965 auf drei Milliarden und schon 2000 auf sechs Milliarden Menschen vergrößerte (Radermacher, 2012, S. 12). Dieses enorme Bevölkerungswachstum wird von Sergey P. Kapica mit einem Wachstumsgesetz beschrieben, welches im Wesentlichen quadratisch von der Bevölkerungsgröße abhängt – je mehr Menschen, desto viel mehr Menschen (Kapica, 2004). Diese Gesetzmäßigkeit, die den bisherigen Verlauf der Anzahl der Menschen auf der Erde beschreibt, legt die Annahme zugrunde, dass eine größere Anzahl an Menschen ein erhöhtes Maß an Kommunikationsprozessen zur Folge habe. Aus häufigeren Kommunikationsprozessen folgen eine erweiterte Wissensdiffusion und damit eine Entwicklung von Selbst- und Weltverständnissen, die wiederum einen erhöhten Lebensstandard ermöglichten. Ein erhöhter Lebensstandard führe zu Lebensumständen, die weiteres Bevölkerungswachstum begünstigen. Auf diese Weise kommt es zu einer Spirale aus Bevölkerungswachstum und geistig-technisierter2 Entwicklung in zunehmendem Ausmaß und gesteigerter Geschwindigkeit. Zur Beschreibung der Entwicklungsgeschwindigkeit nutzt Kapica den Begriff der Eigenzeit.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Orientierung im Feld digitaler Bildungsangebote
2.1. Konzepte
2.2. Anwendungsbeispiele
2.3. Didaktische Formate des e-Learning
2.4. Kategorisierung e-Learning- Apps

3. Technisierung und Bildungsprozesse
3.1. Technisierte Entwicklung und Selbstbild
3.2. Entwicklung der Technisierung in unserem Kulturraum

4. Theoretische Rahmung nach Girmes
4.1. Gehalt
4.2. Gestalt
4.3. Format
4.4. Impuls

5. Ausweitung der theoretischen Rahmung auf digitale Medien
5.1. Gehalt
5.2. Gestalt
5.3. Format
5.4. Impuls

6. Abschlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Kondratjew-Zyklen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Gegenuberstellung e-Learning 1.1 sowie 2.0

1. Einleitung

Eine Diskussion zu Fragen zu Bildung und Entfaltung beruhrt zwangslaufig Themen der Zukunftsgestaltung. Der Bildungskontext vollzieht sich dabei nicht nur an Themen aus naturlich- und menschlich-bedingter Welt, sondern gestaltet sich gleichzeitig durch diese. Die so geschaffene Welt ist Betrachtungsgegenstand und in zunehmendem Mafie auch Betrachtungsweise. In zunehmendem Mafie deshalb, weil didaktische Konzepte und die Fragen wie etwas vor-sich-geht weitreichender menschengemacht und weniger den naturlichen Umstanden geschuldet sind. Die fortschreitende Entwicklung der menschlichen Fahigkeiten fuhrt in einem immer starkeren Mafie zu den Moglichkeiten die Bedingtheiten des Menschen auf fundamentale Weise abwandeln zu konnen. Technische Innovationen sind heute weitreichende Treiber zu veranderten Lebenskonzepten rund um den Globus. Die Informationstechnologien unter dem Schlagwort der Digitalisierung ermoglichen einen Informationsaustausch sowie Kommunikationsprozesse uber Distanzen und Geschwindigkeiten von fundamental anderer Qualitat.

Die Anzahl der Menschen auf unserem Planeten betrug im Jahr 1865 ungefahr eine Milliarde, die sich bis 1965 auf drei Milliarden und schon 2000 auf sechs Milliarden Menschen vergrofierte (Radermacher, 2012, S. 12). Dieses enorme Bevolkerungswachstum wird von Sergey P. Kapica[1] mit einem Wachstumsgesetz beschrieben, welches im Wesentlichen quadratisch von der Bevolkerungsgrofie abhangt - je mehr Menschen, desto viel mehr Menschen (Kapica, 2004). Diese Gesetzmafiigkeit, die den bisherigen Verlauf der Anzahl der Menschen auf der Erde beschreibt, legt die Annahme zugrunde, dass eine grofiere Anzahl an Menschen ein erhohtes Mafi an Kommunikationsprozessen zur Folge habe. Aus haufigeren Kommunikationsprozessen folgen eine erweiterte Wissensdiffusion und damit eine Entwicklung von Selbst- und Weltverstandnissen, die wiederum einen erhohten Lebensstandard ermoglichten. Ein erhohter Lebensstandard fuhre zu Lebensumstanden, die weiteres Bevolkerungswachstum begunstigen. Auf diese Weise kommt es zu einer Spirale aus Bevolkerungswachstum und geistig-technisierter[2] Entwicklung in zunehmendem Ausmafi und gesteigerter Geschwindigkeit. Zur Beschreibung der Entwicklungsgeschwindigkeit nutzt Kapica den Begriff der Eigenzeit.

Die Eigenzeit in Kapicas Sinne ist eine Zeitspanne, in der auf Individuen oder Gruppen kein kritischer Anpassungsdruck durch externe Neuerungen herrscht. Das heiBt, dass die Eigenzeit die Zeit zwischen wesentlichen Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte beschreibt, in der, durch das Verweigern von neuen geistigen oder technischen Einsichten und Entwicklungen, kein wirksamer Druck durch die Menschen entsteht, die sich dieser Entwicklung angenommen haben. Auch wenn der Begriff der Eigenzeit ermoglicht, die Beschleunigung der Entwicklungsgeschwindigkeit zu beschreiben, bleibt er im konkreten Einzelfall unscharf.

Blieb fur eine Anpassung an eine fortschreitende Entwicklung einmal mehrere Generationen Zeit (Lebensspanne < Eigenzeit), so war es in einer anschliefienden Zeitperiode ausreichend, wenn die nachwachsenden Generationen sich an Umstande angepasst hatten, die ihren Vorfahren verwehrt geblieben waren (Lebensspanne ~ Eigenzeit). Ein gewisses Mafi an Veranderung gehort ab dieser Schwelle zur menschlichen Welt. Im weiteren Verlauf kommt es zu Uberlagerungen von unterschiedlichen Veranderungsprozessen, die zusammen- oder unabhangig voneinander stattfinden und sich Individuen und Gruppen verstarkt aufdrangen (Lebensspanne > Eigenzeit). Das Anerkennen von wirksamen Veranderungen im eigenen Umfeld - sowohl von gegebenen Abhangigkeiten als auch von den bestehenden Fahigkeiten - fuhrt zu Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Herausforderungen:

- Was verandert sich?
- Wie verandert es sich?
- Ist eine Anpassung notwendig?
- Welche Anpassung ist sinnvoll?

Die Schwere dieser Fragen spitzt sich mit der zunehmenden Beschleunigung der Entwicklungs- und Veranderungsprozesse zu. Um verantwortungsvoll auf sich andernde Umstande reagieren zu konnen, bedarf es einer Ausbildung, die die Aufwachsenden adaquat auf die aktuellen Gegebenheiten vorbereitet. Nach Kapica hat sich die Eigenzeit heute bereits soweit verkurzt, dass sie „kurzer ist als die Zeit, die benotigt wird, um die nachste Generation aufzuziehen“ (zitiert nach Radermacher, 2012, S. 20) (Zeitspanne um erwachsen zu werden > Eigenzeit). Wenn die Schlussfolgerungen Kapicas zutreffen, stehen wir heute moglicherweise an einer Schwelle, an der uns die eigenen Identitats- und Kulturverstandnisse eine adaquate Anpassung an Veranderungen erschweren. Denn die traditionellen Denk- und Handlungsmuster gehen von eben jenen Pramissen aus, die sich durch die verkurzte Eigenzeit verandert haben konnten.[3] Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die oben gestellten Fragen in Bezug auf Herausforderungen auch fur die Konzepte gestellt werden mussen, die wir gesellschaftlich als Bildung verstehen? Wie ist eine optimale Bildung und Entfaltung der Heranwachsenden konzipiert, wenn sich wahrend dieser Zeit vieles in Bezug auf Methoden (und Inhalte) vielleicht wieder geandert hat? Der Eindruck, dass sich alles, was wir fur richtig halten, morgen als falsch herausstellen wird, ist naturlich unberechtigt. Was sich jedoch umfanglich andern wird, ist die Art und Weise auf die wir Dinge erledigen werden. Das Hervorbringen von neuen qualitativ Methoden und Werkzeugen andert die Anforderungen an einen professionellen Umgang mit ihnen, weil sich der Rahmen ihrer Anwendungen und Auswirkungen andern kann (vgl. zum Begriff der Rahmen Goffman, 2008). Das Verandern der Rahmen andert wiederum die Handlungsroutinen der sich in ihnen orientierenden Menschen. Im Hinblick auf die Anpassungsfahigkeit des Menschen, bzw. mit Catherine Malabou gesprochen auf die Plastizitat des Gehirns, gilt es zu berucksichtigen, dass sich der Mensch eben nicht beliebig flexibel anpassen kann (Malabou, 2006, S. 23). Auch unter Einbezug von Konzepten wie dem „Lebenslangem Lernen“ muss es stets einen festen Anteil des Eigenen geben, der sich nicht verandert. Auf diesen „nicht-veranderliche Teil eines Menschen“ beruft sich die westliche Tradition des Verstandnisses von Identitat. Kommt es nun durch die Verkurzung der Eigenzeit zu vermehrten qualitativen Anderungen an die Handlungsanforderungen, so konnen Identitats- und Kulturkonzepte zur Diskussion stehen.[4] Besonders bemerkbar haben sich diese Anderungen gemacht, als technisch erprobten Moglichkeiten im Bereich Luft- und Raumfahrt in die breite Offentlichkeit gelangten und ahnliches lasst sich heute in der fortschreitenden korperlichen Verschmelzung von Mensch und Maschine beobachten. An der Diskussion, ob und wie die technische Entwicklung den Science-Fiction Szenarien aus Roman und Film folge, wird deutlich, wie die Selbst- und Weltverstandnisse (und damit der Bildungs- und Entfaltungsprozesse) mit der Fahigkeit mit Veranderungen umgehen zu konnen, zusammenhangen und auf welche Weise uns die Bedingtheiten ontologisch beeinflussen.

Dieses grofie Grundgerust zur „condition humaine“ kann naturlich auch in dieser Arbeit nicht gelegt werden, stattdessen soll zumindest eine zurzeit wesentliche und im Alltag zugangliche Technologie - die Digitalisierung - in ihren Auswirkungen auf die bildungswissenschaftlichen Herausforderungen beschrieben und analysiert werden. Vor diesem Hintergrund befasst sich diese Arbeit mit dem veranderten Kontext in dem sich die Bildung und Entfaltung von Menschen durch die Prozesse der fortschreitenden Digitalisierung sieht. Insbesondere die mobilen Anwendungen stehen dabei einer immer grofieren Bevolkerungsgruppe zur Verfugung und bedurfen einer Einordnung in den bildungstheoretischen Kontext. Dazu sollen zunachst die zusammenzufuhrenden Begriffe erlautert werden, die sich auf dem Feld zwischen Digitalisierung und Settingtheorie herausgebildet haben. Anschliefiend wird die Diskussion daruber eingeleitet, welche Schwierigkeiten beim Ubergang zwischen verschiedenen Medien bestehen konnen. Im Kern dieser Arbeit wird untersucht, ob und inwieweit die bestehende Settingtheorie nach Girmes geeignet ist, die digitalen Medien didaktisch beschreiben zu konnen.

2. Orientiemng im Feld digitaler Bildungsangebote

In diesem Kapitel wird ausgehend von der Klarung des Begriffes digitale Medien das Verhaltnis bestehender Konzepte und Begriffe vorgenommen. Diese werden zunachst erlautert und voneinander abgegrenzt. Auf diese Weise entsteht ein Eindruck, mit welchem (Selbst-) Verstandnis Lehrende und Lernende digitale Medien nutzen.

Digitale Medien

Der Begriff digitale Medien kann irrefuhrend wirken, denn heutzutage wird kein Medium mehr erstellt, ohne sich digitaler Werkzeuge zu bedienen. Daher finden sich bspw. alle Printmedien ebenfalls als digitale Medien eingeordnet (vgl. Mitschian, 2010, S. 15 f). Diese Art von Definition erschwert jedoch einen differenzierenden Blick in Bezug auf die Anwendung des Endproduktes, welche hier im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen soll. Auch wenn Bucher als ein Teil des Unterrichts digital erstellt wurden, so liegen sie im Gebrauch doch in analoger Form vor. Der/die NutzerIn kann nicht mehr in die digitale „Form“ des Endproduktes vordringen, sondern bleibt der physischen Auspragung gegenubergestellt. Daher wird der Begriff digitale Medien in dieser Arbeit auf die Art von Medien bezogen, die sich in ihrer Anwendung als digital erweisen. Eine alternative Bezeichnung ware computervermittelte Kommunikation.

Als mediale Differenzierung lasst sich in digital, analog und ohne Mediator unterscheiden. Eine andere Unterteilungsart ist nach den menschlichen Sinnen in auditiv, visuell, taktil/haptisch, olfaktorisch und gustatorisch moglich (Multimodalitat). Die digitalen Medien nutzen klassischerweise auditive und audiovisuelle Sinneseindrucke, wahrend dem haptischen keine besondere Bedeutung in der Bedienung (im Gegensatz zur Erscheinung) zukommt.[5] Weiter lasst sich in one-to-one oder one-to-many Verbindungen sowie in push- und pull-Botschaften unterscheiden. Wahrend bei den push-Botschaften die Botschaft an den Empfanger ubermittelt wird, muss der Empfanger sich bei pull-Botschaften selbststandig um einen Zugang zur Botschaft bemuhen (Boos, Jonas, & Sassenberg, 2000, S. 2).

Bevor die Begrifflichkeiten im Bereich des e-Learning naher erlautert werden, sei noch die Unterteilung in synchrone und asynchrone Kommunikation (Interaktivitat) erwahnt, die unabhangig vom verwendeten Medium die Moglichkeit beschreibt, selbst Einfluss auf das Geschehen uben zu konnen.

2.1. Konzepte

e-Learning und m-Learning

Es ist es erforderlich den Blickwinkel auf die tatsachliche Integration der Telekommunikationstechnik im Lernprozess zu richten. Denn nach Hess ist der Ursprung der Bezeichnung des E- Learnings begrundet als „umbrella term for all learning activities assisted or involving by IT, including multimedia“ (Hess, 2006, S. 103). Im Laufe einer Begriffsdefinierung entschied man sich zu Beginn der Computerisierung im Kontext des kybernetischen oder programmierten Lernens fur das Etikett „Lernen mit neuen Medien“. Problematisch dabei ist heutzutage, dass dieses Etikett bereits in zweifach abgenutzter Variante verwendet wurde. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts bezog es sich auf die dort neu entstandenen audiovisuellen Medien und in den 90er Jahren dann auf digitale Medien (Mitschian, 2010, S. 16).

Das “electronic-learning” umfasst, nicht nur digitale, sondern alle technischen Medien, die auf eine Stromversorgung angewiesen sind. Dagegen steht das 'm' in 'm - Learning' fur 'mobile' und stellt damit eine Sammelbezeichnung fur alle Lehr - und Lernvorgange dar, die mit Unterstutzung elektronischer Gerate ablaufen. Das 'm - Learning' hat demnach einen direkten Bezug zu dem 'e' im 'e - Learning' und beschreibt die grundsatzliche Lehr - und Lernform, bei der Lehrende und Lernende lokal nicht mehr an bestimmte, explizit fur das Lernen vorgesehene Orte wie Schule, Unterrichtsraum oder Arbeitsplatz zu Hause gebunden sind. Dabei ist es unerheblich, ob die Gerate selbst mobil sind, oder ob dies nur auf die Lernenden zutrifft, die an verschiedenen Orten durch fest installierte Gerate auf ihre Lernmedien - und Werkzeuge zugreifen konnen. Als notwendige Voraussetzung ist das bei dem Begriff des 'e - Learnings' als unerheblich eingestufte Merkmal einer stabilen Internetverbindung, also ein vernunftiger Onlinezugang bei dem 'm - learning' zu benennen, da die Mobilitat der verwendeten Endgerate sowie die der Endbenutzer, welche fur das 'm' im Terminus 'm - Learning' steht, nur mit der Erfullung dieser Voraussetzung als solche verstanden werden kann. Es konnte sein, dass sich eine Entwicklung hin zu einem Verzicht zur didaktischen Abgrenzung der beiden Begrifflichkeiten 'e - Learning ' und 'm - Learning' in Zukunft abzeichnet und beides als eigenstandige Kategorie gefuhrt wird, wie seit jeher das Buch - oder Papiergestutzte Lernen. Im Endeffekt ist sprachliches Lernen immer auf Medien und auf Werkzeuge zu deren Bearbeitung angewiesen, die naturlich in zeitgemaBer Art und Weise den Lehrenden - und Lernenden zur Verfugung stehen sollten (Mitschian, 2010, S. 17).

Die zwei Paradigmen des e-Learning

In Bezug auf die Hochschulthematik stellt sich die Frage inwieweit das e-Leaming bereits in den Hochschulalltag Einzug gehalten hat. Um diese Frage stichhaltig zu beantworten, ist zunachst eine weitere Begriffsabgrenzung des e-Learning notwendig. Zum einen spricht man von e-Learning 1.1, welches seit Mitte der 90er Jahre von Computer- und CD- gestutzten, rudimentar netzbasierten Lernen (e-Learning 1.0), hin zu vielfaltigen, differenzierten medialen Lernszenarien seine Entwicklung vollzogen hat. Diese Entwicklungsstufe beinhaltet bereits virtuelle Laboratorien, digital aufgezeichnete und ubertragene Vorlesungen, virtuelle Studiengange und Graduiertenkollegs, sowie Online - Seminare und Tutorien (Kleimann, 2007, S. 17).

Im Gegensatz zu diesem anbieterzentriertem Aufbau des e-Learning, lasst sich eine neue Entwicklung aufzeichnen, welche sich durch interaktive, selbstorganisierte, Community bildende und nutzerzentrierte Schwerpunkte hervorhebt und von dem Begriff des e-Learning 1.1 zu e-Learning 2.0 abgrenzt. Es ist zu bemerken, dass eine klare semantische Abgrenzung dieser beiden „Paradigmen“ aufgrund von gemeinsamen technischen Kontinuitaten zwar problematisch bleibt, jedoch ein klarer Unterschied hinsichtlich der Gestaltung der Verfahrensweise erkennbar ist. Zum Zweck einer moglichst korrekten hochschuldidaktischen und bildungstechnologischen Zeitdiagnose, wird im Folgenden der Versuch unternommen, einige signifikante Unterschiede zwischen dem was unter e-Learning 1.1 und e-Learning 2.0 verstanden wird, herauszuarbeiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Gegenüberstellung e-Learning 1.1 sowie 2.0 (nach Kleimann, 2007, S. 18)

e-Learning 1.1 - eine Gegenwartsanalyse

Im Sommer 2006 wurde eine bundesweite Umfrage zu den Themen des IT-Managements und e-Learning von der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) und dem Multimediakontor Hamburg durchgefuhrt. Es wurde ein elf Fragen umfassender Fragebogen an 337 Prasidien und Rektorate offentlicher und privater Hochschulen in Deutschland gesandt. Mit einer Rucklaufquote von 60 % sind die Ergebnisse zwar nicht fur alle Hochschultypen reprasentativ, dennoch generierten sie einige interessante Einblicke in den Entwicklungsstatus der akademischen Mediennutzung (Kleimann, 2007, S. 19).

In dieser Umfrage zeigt sich, dass eine grofie Mehrheit deutscher Hochschulen den Studierenden veranstaltungsbegleitendes Lernmaterial in Form von Folien, Skripten und digitalen Lekturen im Internet oder hochschulinternen Intranet zur Verfugung stellt (Kleimann, 2007, S. 19).

Wie in der Tabelle zu e-Learning dargestellt, bezieht sich dieses Angebot jedoch in den meisten Fallen auf das e-Learning 1.1, d.h. es werden lehrveranstaltungsbegleitende Medien anbieterzentriert bereit gestellt, wahrend die Entwicklung hin zu interaktiven Lernumgebungen des e-Learning 2.0, welche nutzerzentriert verfahren, zuweilen noch eine recht stiefmutterliche Integration in die akademische Lehre erfahrt (IQ1, FAZ).

An dieser Stelle ist es unerlasslich, um den aktuellen Entwicklungsstand von e-Learning an deutschen Hochschulen abrundend darzustellen, neben einer horizontalen Distribution der mediengestutzten Lehre, auch einen Blick auf die vertikale Durchdringung zu werfen. Mit der horizontalen Distribution ist die Verbreitung von e-Learning an den Hochschulen gemeint, wahrend die vertikale Durchdringung einen Mafistab fur den Anteil von e-Learning am gesamten Lehrangebot einer Hochschule ausmacht. Hier zeigt die oben genannte Umfrage, dass die vertikale Verbreitung weit hinter der horizontalen zuruck bleibt. Das heifit, auch wenn bereits viele Hochschulen digitale Medien in der Lehre einsetzen, misst der Veranstaltungsbezogene Einsatz von e-Learning in Form von interaktiven, digitalen Lernumgebungen nur um die zehn Prozent des gesamten Lehrangebots. Mit genauerem Blick auf konkrete e-Learning-Szenarien sinkt dieser Wert meist auf unter funf Prozent ab. Jenseits des sogenannten „digitalen Copyshops“ machen also nur relativ wenig Lehrende Gebrauch von e-Teaching - Methoden (Kleimann, 2007, S. 17).

2.2. Anwendungsbeispiele

Wikis

Ein Wiki ist eine „Social Software“ in der mehrere Menschen gemeinsam Textseiten im Internet verfassen, verandern und durch Links zu einem Wissensnetz verbinden. Die grundlegenden funktionalen Prinzipien von Wikis ermoglichen ihren Einsatz in verschiedenen, besonders jedoch in kooperativ-kollaborativen Lehr-Lern-Szenarien. Wikis lassen sich demnach dem e­Learning Begriff 2.0 zuordnen (vgl. Moskaliuk, 2008).

Die Vorteile von Wikis liegen in ihrer vergleichsweise einfachen Erstell - und Editierbarkeit. Ein weiteres Merkmal ist, dass die einzelnen Wiki-Seiten nicht linear miteinander verlinkt sind, sondern nur uber Querverweise. Damit entsteht ein eher assoziatives Netzwerk, welches keiner hierarchischen Hypertextstruktur bedarf. Jeder Nutzer hat damit die gleichen Rechte, Pflichten und Moglichkeiten. Damit entwickelt sich bei der Erstellung und Nutzung eines Wikis, eine kontinuierliche Hypertextstruktur, welche dezentral wachst. Als didaktische Funktionen und Eisatzmoglichkeiten in der Hochschule zahlen die Produktion von Texten und Materialien, sowie deren Distribution und Prasentation. Weiterhin ist es moglich die eingestellten, erweiterten und bearbeiteten Inhalte zur Diskussion zu stellen, um einen Losungsorientierten Austausch zu ermoglichen. Weitere Einsatzmoglichkeiten waren z.B.:

- Als Informationsquelle und Fallbibliothek
- Als Ersatz fur klassische Hausarbeiten
- Als Koordinations- /Dokumentationsraum fur Projektarbeiten
- Als Experimentier - und Dokumentationsumgebung
- Als Kommunikationskoordination und Ideensammlung (vgl. Ferris & Wilder, 2006; Moskaliuk, 2008; Thelen & Gruber, 2003)

Podcasts

Zwei unterschiedliche Begriffe bilden das Wort Podcast. Es ist eine Symbiose aus dem sogenannten „iPod“, einem Audio/Video-Player der Firma Apple und dem englischen Wort „broadcast“, was so viel wie Rundfunkubertragung heiBt. Ein Podcast ist also eine Audio/ - oder Videoaufzeichnung, welche in regelmaBig erscheinenden Folgen(Episoden) im Internet abgelegt und uber einen sogenannten RSS-Feed abonnierbar und damit automatisch empfangen werden kann. Der Gesamtprozess, also von der regelmaBigen Erstellung von Episoden und der Distribution, bis hin zur Nutzung via „download“ durch den „user“ wird Podcasting genannt (IQ2, UNP). Podcasts in der Hochschullehre konnen ebenso wie alle anderen e-Learning - Instrumente, auf Basis dreier Konzepte eingesetzt werden (Bachmann & Gesellschaft fur Medien in der Wissenschaft, 2002).

- Erganzung: Podcasts als Erganzung bzw. Erweiterung zu Prasenzveranstaltungen ohne verpflichtende Nutzung durch Lernende.
- Integration: Podcasts als fester Bestandteil von Blended-Learning-Szenarien mit verpflichtender Nutzung.
- Virtualisierung: Podcasts als ein wesentlicher Bestandteil der Inhaltsvermittlung in vorrangig online ausgerichteten Veranstaltungen (Bachmann & Gesellschaft fur Medien in der Wissenschaft, 2002).

Podcasts konnen sowohl nach dem e-Learning 1.1. Prinzip, als auch e-Learning 2.0 erstellt und verwendet werden. Zum Ersteren ist dies dann eine Produktion durch Lehrende, welche beispielsweise folgende Formate annehmen konnte:

- Vortragsmitschnitte/Zusammenfassungen zur Vor - und Nachbereitung,
- Aktuelle Hintergrundinformationen und Forschungsergebnisse,
- Experteninterviews.
- Oder auch eine vollstandig digitalisierte Vorlesung als „Enhanced Podcast“[6]

[...]


[1] Auch unter Kapitza oder Kapitsa zu finden - russisch: Ceprefi neTpoBMH Kanwpa.

[2] Technisierung: Der menschlich geschaffene Anteil der „condition humaine" (Arendt, 2015, S. 18 f). Mit Hans Blumenberg:"... laRt sich dann Technisierung als die standige Vermehrung und Verdichtung dieser Dingwelt verstehen" (Blumenberg, 1981, S. 10).

[3] Radermacher hierzu anschaulich: „Sitten und Gebrauche sind nicht rasch zu andern, denn alle Kinder lieben ihre GroRmutter. Und wenn GroRmutter etwas erzahlt, was fur ihr Leben wesentlich war, dann wird das tief im eigenen Herzen verankert. Und wenn ein anderer das zerstort, was der GroRmutter wichtig war, dann ist dieses im eigenen Verhalten nur schwer rational zu bewaltigen, weil die Veranderungen emotional-seelisch sehr weh tun konnen" (Radermacher, 2012, S. 20).

[4] In Differenz vgl. bspw. das asiatische Verstandnis der Identitat (Han, 2011, S. 63)

[5] (vgl. zur Verbindung des Glatten und des Digitalen Han, 2015, S. 36 ff.)

8

[6] Bei dem Begriff „enhanced Podcast" wird die Tonspur um zusatzliche Elemente und Informationen erweitert (Bilder, Hyperlinks, Steuerungsfunktionen, Kapitelmarken etc.).

Details

Seiten
46
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668761551
ISBN (Paperback)
9783668761568
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Note
1,3
Schlagworte
potenzial medien bildungssettings

Autor

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Titel: Potenzial digitaler Medien in Bildungssettings