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Die teilnehmende Beobachtung in der ethnologischen Feldforschung

Eine widersprüchliche Methode

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 24 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Die ethnologische Feldforschung
2.1 Ursprung und Entwicklung der Ethnografie
2.2 Definition und Merkmale der Feldforschung
2.3 Phasen der Feldforschung
2.3.1 Planungsphase
2.3.2 Orientierungsphase
2.3.3 Zyklische Hauptforschungsphase
2.3.4 Ergebnisdarstellung

III. Die Teilnehmende Beobachtung
3.1 Merkmale
3.2 Der Feldzugang
3.3 Die Rolle und FAhigkeiten des Beobachters
3.4 Vor-und Nachteile / Chancen und Risiken

IV. Die Beobachtung in der Systemtheorie von Niklas Luhmann
4.1 Allgemeines zur Person und Systemtheorie
4.2 Die Beobachtung
4.2.1 Beobachter erster Ordnung und der blinde Fleck
4.2.2 Beobachtung zweiter Ordnung und der blinde Fleck
4.3 Bezug zur teilnehmenden Beobachtung in der Feldforschung

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis
6.1 Monographien
6.2 SammelbAnder

I. Einleitung

Die Feldforschung ist ein reines Abenteuer. Der Ethnograf verlasst sein gewohntes Umfeld und begibt sich in etwas Neues und Unbekanntes. Dabei weiB er nie, was ihn erwartet und lernt dabei so vieles. Naturlich birgt so eine Reise auch immer ein gewisses Risiko. Moglich- erweise begibt sich der Forscher nicht nur in eine ihm fremde Kultur, mit ihm unbekannten Lebensweisen und Ritualen, sondern auch in ein Gebiet, in dem eine ganz andere Sprache gesprochen wird. Ein Feldforscher muss also einfuhlsam, wissbegierig und vor allem neugierig sein. Und gerade weil Feldforschung mit Neugier und Abenteuer zu tun hat, kann sie eben auch gefahrlich werden.

Fur den Ethnograf ist es eine lange Reise, doch mit viel Gepack ist er nicht unterwegs. Schwere Forschungstechnologie ist bei der Feldforschung fehl am Platz. Der Ethnograf selbst ist das wichtigste Instrument.

Fluchtige Alltagsbeobachtungen werden in der Ethnografie durch empirische Erforschungen ersetzt. Der Ethnograf macht es sich zur Aufgabe, fremde oder auch bekannte Lebenswelten genauer unter die Lupe zu nehmen.

Im Zentrum steht dabei die teilnehmende Beobachtung, die wichtigste Methode der Feldfor­schung. Die wissenschaftliche Teilnahme setzt eine gewisse Aufmerksamkeit voraus. Der Feldforscher beobachtet das, was einem normalen Teilnehmer gar nicht auffallen wurde. Eth- nologen mussen all ihre Sinne einsetzen, um auch Dinge wahrnehmen zu konnen, die auf dem ersten Blick nicht auffallig sind.[1] Wer denkt, der Feldforscher wurde von einer stillen Ecke aus beobachten, der irrt. Ein Feldforscher ist aktiv. Er lebt nicht nur in dem Untersuchungsfeld, sondern nimmt an seinem Alltag teil.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Moglichkeiten und Grenzen der teilnehmenden Beobachtung auf- zuzeigen und im Zuge dessen ihre Vor- und Nachteile herauszuarbeiten.

Um zu verdeutlichen, was die Motive und Grundgedanken ethnografischen Forschens sind, gibt diese Arbeit zuerst einen groben Uberblick. Auf die wichtigsten Knotenpunkte der Entste- hungsgeschichte, folgen die markantesten Merkmale ethnografischer Feldforschung. Um ein Verstandnis von dem Forschungsablauf zu bekommen, werden anschlie&end die entschei- denden Phasen vorgestellt.

Daran schlie&t sich das Kapitel der teilnehmenden Beobachtung an. Als wichtigste und zent- rale Methode der Feldforschung bildet sie den Kern dieser Arbeit. Der Fokus liegt dabei auf der Rolle des Forschers sowie auf den Chancen und Risiken. Daneben wird auch der Feldzu- gang, als erste schwierige Hurde, gesondert vorgestellt.

Um einen anderen Blick auf den Prozess der Beobachtung zu bekommen, wird dieser danach aus der soziologischen Perspektive anhand der Systemtheorie nach Niklas Luhmann betrach- tet. AbschlieBend folgt das Fazit, welches die wesentlichen Aspekte zusammenfasst.

Die vorliegende Arbeit verwendet bei Personenbezeichnungen aufgrund der Lesbarkeit die mannliche Form. Die Angaben beziehen sich jedoch auf Angehorige beider Geschlechter.

II. Die ethnologische Feldforschung

Damit die teilnehmende Beobachtung besser in ihren wissenschaftlichen Kontext eingeordnet werden kann, thematisiert dieses Kapitel die ethnologische Feldforschung, welche die Me- thode der teilnehmenden Beobachtung miteinschlieBt. Da die Feldforschung wiederum die Methode der Ethnografie ist, gehe ich auch auf diesen Begriff im Folgenden naher ein.

2.1 Ursprung und Entwicklung der Ethnografie

Der Begriff Ethnografie (oder auch Ethnographie) kommt aus dem Griechischen von „ethnos" (=Volk) und „graphein“ (=beschreiben) und bedeutet „Volkerbeschreibung“ oder auch „Kultur- beschreibung".

Die Ethnografie ist eine beschreibende Wissenschaft und die Methode der Ethnologie (Volker- kunde). Daruber hinaus ist sie der Anthropologie (Menschenkunde) ubergeordnet.

Die Ethnografie darf nicht als klassische Methode verstanden werden, da sie sich keinem fes- ten Regelwerk bedient. Die Soziologen Breidenstein und Hirschauer bezeichnen die Ethno­grafie daher als einen integrierten Forschungsansatz.[2] Ihr zentrales Anliegen ist es, Lebens- weisen, Lebensformen und Lebensstile fremder Kulturen von innen her, also aus deren Sicht- weise, zu verstehen. Die Ethnografie will unbekannte Lebenswelten erschlieBen und naher beleuchten. Dafur bedient sie sich verschiedenster Methoden, die auf alltaglichen Handlungs- weisen beruhen, wie z. B. der teilnehmenden oder verdeckten Beobachtung sowie dem Inter­view. Des Weiteren werden verschiedene Datentypen, wie Tagebucher, Protokolle, Video­takes oder Gesprachsmitschnitte, kombiniert. Die verschiedenen Zugangsmoglichkeiten er- ganzen sich schlieBlich und ermoglichen ein dichtes Bild des unbekannten Milieus.

Im Fokus der Forschung stehen nicht nur Volker, sondern auch kleine Gruppen, wie beispiels- weise eine Schulklasse oder Sportmannschaft.

Ethnografie zeichnet sich in erster Linie durch den Erkenntnisstil des Entdeckens aus.[3] Diese Haltung entstammt der Ethnologie, die stets versuchte, ihr fremde Forschungsgegenstande, mit anderen Sprachen und unbekannten Sitten und Brauchen, zu erforschen. Hintergrund die- ser Verstehensprobleme sind die historischen Anfange der Globalisierung.[4] Die Ursprunge der Ethnografie liegen nicht nur in der Ethnologie, sondern auch in der Sozio- logie des fruhen 20. Jahrhunderts. Ethnologen waren bis dahin uberwiegend Schreibtischge- lehrte, die die Berichte von Missionaren, Seeleuten oder Kolonialbeamten auswerteten. Anfang des 20. Jahrhunderts machten sich amerikanische und britische Anthropologen, wie Franz Boas, Wiliam H. R. Rivers, Alfred C. Haddon und Charles G. Seligman selbst auf den Weg, um zu forschen. Sie nahmen an lang andauernden Expeditionen teil, um Daten uber fremde Lebensformen zu sammeln. Franz Boas beispielsweise reiste fur seine Forschungen an die Pazifikkuste Nordamerikas und Haddon und Rivers fuhrten ihre Untersuchungen auf den Torres-Strait-Inseln im Pazifik durch. Dabei handelte es sich jedoch eher um Spritztouren, auf denen moglichst viele Informationen so schnell wie moglich gesammelt werden sollten. Dies deckt sich u. a. mit der Aussage Breidensteins: „Britische und amerikanische Ethnologen der Jahrhundertwende blieben in ihren Feldforschungen auf den Status von Passagieren be- schrankt, die nur fluchtige Kontakte zu den Eingeborenen unterhielten."[5] Zudem fehlte die phy- sische Nahe zum Untersuchungsfeld. Ethnologen lebten oft in sicherer und schutzender Ent- fernung und distanzierten sich vom Alltagsleben des Feldes. Demnach fehlten eigene An- schauungen. Informationen beschafften sich die Forscher meist uber bezahlte Informanten. Bronislaw Malinowski, einer der Pioniere der Feldforschung, ermahnte die anderen Ethnolo­gen, sich nicht mit Wissen aus zweiter Hand zufrieden zu geben. Er forderte den unmittelbaren Kontakt zu der zu untersuchenden Kultur[6]: „Sie sollten die Sprache der Eingeborenen beherr- schen, uber mindestens ein Jahr in ihren Dorfern leben und dabei moglichst den Kontakt zu Menschen ihrer eigenen Kultur abbrechen, um sich tiefer auf die Fremde einlassen zu kon- nen."[7]

Drei Prinzipien machen nach Malinowski die ethnografische Feldforschung aus. Die Grundbe- dingung ist die Anwesenheit des Forschers im Forschungsfeld. Der Feldforscher darf sich nicht auf schon vorhandenes Material von Missionaren, Reisenden und Kolonialbeamten verlassen, da diese ganz andere Zwecke verfolgen.[8] AuBerdem soll sich der Ethnologe mit dem Fremden vertraut machen, um zu verstehen. Der Forscher muss demnach eine ahnliche Lebensweise wie die Untersuchten einnehmen.

Insgesamt 19 Monate verbrachte Malinowski auf den Trobriand-Inseln vor Neuguinea und lebte dort unter Einheimischen, nahm an ihrem Alltag teil und lernte ihre Sprache. Er doku- mentierte alle Beobachtungen, um diese spater auswerten zu konnen. Damit schuf er das charakteristische Muster fur die ethnologische Feldforschung: Das Muster der teilnehmenden Beobachtung.

Malinowski begab sich alleine in das Untersuchungsfeld und leitete damit die Phase der Ein- zelganger ein. Fruhere ethnographische Untersuchungen, wie z. B. die Torres-Straits-Expedi- tion oder die Hamburger Sudsee-Expedition, wurden in Gruppen durchgefuhrt.[9] Erst nach Ma­linowski wurden auch die langen Aufenthalte am Forschungsort zur Regel.

In Amerika setzte man sich viel starker mit ethnografischen Methoden auseinander. Die Vol- kerkunde war hier viel brisanter als in Europa. Vor allem die Chicagoer Schule nahm gro&en Einfluss auf die Entwicklung der Feldforschung. Um 1920 hatte sich die Einwohnerzahl in Chi­cago gegenuber dem Jahre 1870 verzehnfacht. Unter den drei Millionen Einwohnern fanden sich die unterschiedlichsten Bevolkerungsgruppen wieder. Eine Folge der Einwanderungs- welle aus Europa und Asien. Die kulturelle Vielfalt war den Einheimischen fremd und gleich- zeitig sehr interessant fur die dort ansassigen Soziologen. Diese starteten ein Forschungspro- gramm. Ziel der Studien der Chicagoer Schule war die Aufschlusselung des Zusammenhangs zwischen Verhaltensmustern und besonderen stadtischen Lokalitaten.[10] Dabei setzte einer der wichtigsten Vertreter der Chicagoer Schule, Robert Park, vor allem auf das Verfahren der di- rekten Beobachtung und fuhrte damit das Vorgehen Malinowskis fort.[11] Ein weiterer Meilen- stein fur die Feldforschung wurde dann Anfang der 1930er Jahre gelegt, als die Forscher Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel qualitatives und quantitatives Datenmaterial erfolgreich mitei- nander kombinierten.

2.2 Definition und Merkmale der Feldforschung

Feldforschung ist die zentrale empirische Methode der Ethnologie. Aufgrund ihrer Abenteuer- lichkeit galt sie jedoch lange eher als Kunst.

Der Terminus ,Feld' in Feldforschung mag im Deutschen zu Verwirrungen fuhren, da mit ihm meist etwas Kriegerisches und Gefahrvolles assoziiert wird, wie etwa bei den Wortern ,Schlachtfeld' oder ,Feldwebel'. Der Feldbegriff bezeichnet in der Forschung lediglich den For­schungsort, an dem Ethnologen ihre Beobachtungen durchfuhren. Daruber hinaus steht er im Gegensatz zu kunstlich hergerichteten Arrangements.[12]

Im Gegensatz zur quantitativen Forschung, die bewusst Laborbedingungen erzeugt und kunst- liche Umgebungen fur Untersuchungszwecke schafft, ist es das Hauptanliegen der Feldfor- schung, die naturliche Umgebung der Probanden zu belassen. Es wird „vor Ort" in einem „na- turlichen" Kontext und einer unveranderten Situation geforscht. Bei quantitativen Forschungen sind die Bedingungen der Untersuchung nahezu vollig kontrollierbar. Ursachen konnen hier genauestens zuruckverfolgt werden. Qualitative Forschungen, wie die Feldforschung, sind nicht planbar. Ein ,Feld' spiegelt den Alltag wieder, welcher vorher nicht durchstrukturiert und geplant werden kann. Situationen konnen unverhofft entstehen und nicht jede Handlung lasst sich auf eine bestimmte Ursache zuruckfuhren. Das Feld als Forschungsgegenstand hat keine klar definierten Grenzen und lasst sich weder ein- noch abgrenzen.

Allein die blo&e Anwesenheit irgendwo ist aber noch lange keine Feldforschung. Feldfor­schung ist die systematische Erforschung von Kulturen oder Gruppen, wobei sich der Forscher in deren Lebensraum begibt und das Alltagsleben zeitweise teilt. Er nimmt also am Leben der Untersuchten teil, bleibt ganztagig im Untersuchungsgebiet, arbeitet und lebt dort. Privatleben und wissenschaftliche Arbeit sind nicht mehr voneinander zu trennen.

Mit Hilfe von Informanten und der teilnehmenden Beobachtung, die im nachsten Kapitel aus- fuhrlicher betrachtet wird, werden wissenswerte Informationen uber die Kultur oder Gruppe gesammelt.

Das Wort ,Informant' scheint zunachst ebenfalls einen negativen Beigeschmack zu haben. Oftmals wird damit die Weitergabe vertraulicher Informationen verbunden. Fur Ethnologen ist ein Informant jedoch nichts anderes als jemand, der eine Information oder Auskunft erteilt, Ereignisse erortert und fur Ruckfragen bereit steht. Fur den Feldforscher sind Informanten enorm wichtig, da diese Fahigkeiten und Kenntnisse besitzen, die fur die Forschungsuntersu- chungen au&erst nutzlich sein konnen.[13] Aus diesem Grund wird mit ihnen eng zusammen gearbeitet.

Ethnologen arbeiten mit keinem linearen, sondern einem rekursiven Forschungsdesign, wel­ches man sich wie eine Spirale vorstellen kann.[14] Datengewinnung und Datenanalyse wech- seln sich mehrfach ab und der Zyklus beginnt immer wieder von neuem.

Ein weiteres wesentliches Merkmal der Feldforschung ist die Offenheit. Das Vorgehen ist nur wenig strukturiert. Anfangs gibt es noch keine konkreten Festlegungen. Erst im Laufe der Un­tersuchung spezifiziert sich die Fragestellung und Sicht des Forschers. Welche Frage die rich- tige Antwort gibt, kristallisiert sich erst am Ende heraus.

Die Ethnologische Feldforschung ist keine in sich abgeschlossene Methode.[15] Charakteristisch ist die Methodenvielfalt, wie z. B. das Notieren von Beobachtungen, Gefuhlen, Problemen und

Angsten, das Schreiben von Gedachtnisprotokollen, das Fuhren von Interviews oder das Ana- lysieren, z. B. durch Kategorien- und Typenbildung, wobei immer die Gesamtzusammenhange betrachtet werden. Der Feldforscher hat die Freiheit, sich an einer gro&en Anzahl spezifischer Verfahren der Datengewinnung zu bedienen. Um angemessene Daten uber das authentische Verhalten der Beobachtungsgegenstande zu gewinnen, wird davon ausgegangen, dass man diese in ihrer ,naturlichen Umwelt', wie bereits zu Beginn erwahnt, beobachten muss. Der For- scher versucht dabei moglichst objektiv und neutral zu bleiben.

Als ein weiteres Merkmal ist der enorme Zeitaufwand zu nennen. Ethnologische Forschungen konnen sich uber Jahre hinstrecken. Mindestens ein Forschungszyklus sollte immer abgewar- tet werden. Dieser ist von Feld zu Feld unterschiedlich lang.

Luegner betont: „Feldforschung macht vorzugsweise den Alltag zum wissenschaftlich interes- sierenden Phanomen."[16] Beispielsweise wird der Alltag in einer Schule oder Arztpraxis unter- sucht. Das wichtigste dabei ist Kommunikation. Diese ist in der Feldforschung als „ein selekti- ver ProzeB [sic!] der Verstandigung, in dem Informationen permanent generiert werden"[17] zu verstehen. Mit Kommunikation ist hier nicht einfach die Ubermittlung einer Information uber einen Kanal durch den Sprecher an einen Empfanger, der die Botschaft decodiert, gemeint. Ein und dieselbe Information kann durch verschiedene Symbole, Zeichen oder Gesten ausge- druckt werden. Allein schon die Ausdrucksform schlie&t auf bestimmte Merkmale, vermittelt Anhaltspunkte und sagt etwas uber die beobachtete Person oder uber den gesamten beo- bachteten Kontext aus.

2.3 Phasen der Feldforschung

Im Folgenden werden die wichtigsten Phasen des Feldforschungsprozesses dargestellt.

2.3.1 Planungsphase

Die Forschung beginnt mit der Planungsphase. Hier sollen gunstige und organisatorische Rah- menbedingungen hergestellt und strukturelle Voraussetzungen geschaffen werden, beispiels­weise fur die Finanzierung und Reise. Soll die Forschung in einem Team durchgefuhrt werden, muss dessen Zusammensetzung geklart werden. Dabei ist auf die spezifischen methodischen Spezialisierungen und individuellen Kenntnisse der einzelnen Personen zu achten. Das Wis- sen der Teilnehmer soil sich erganzen, damit bestmoglich geforscht werden kann. Eine durch- dachte Teamstruktur fordert das kreative Potenzial der Forschungsgruppe.[18] Erfolgt die Arbeit allein, muss sich zumindest um eine externe Unterstutzung gekummert werden, damit in Schwierigkeiten immer ein Ansprechpartner zur Verfugung steht.

Auf Ebene des Forschungsparadigmas muss entschieden werden, welche Forschungsgrund- satze angewandt werden und welche Vorgehensweisen zum Ergebnis fuhren sollen. Die Ein- stiegsanalyse gibt einen groben Uberblick daruber, was dem Forscher erwarten konnte und wie die zeitlichen und sozialen Strukturen im Feld aussehen.

2.3.2 Orientierungsphase

An die Planungsphase schlieBt sich die Phase der Orientierung an. Hier wird das Forschungs- vorhaben erstmalig realisiert. Wahrend der Orientierung konnen sich Moglichkeiten zur weite- ren Forschungsorganisation erschlieBen. Durch erste Interaktionen werden Beziehungen auf- gebaut und Folgekontakte geknupft. Diese konnen neue Turen fur den weiteren Weg offnen. Der Forscher baut ein bestimmtes Vertrauensverhaltnis zu den Menschen im Feld auf. Da sich hier erst langsam alles einpegelt und einspielt, ist dieses Vorgehen noch nicht der Hauptphase zuzuordnen. Um uberhaupt in das Feld einsteigen zu konnen, muss der Forscher seine An- wesenheit erklaren und dem Feld seine Forschungsmotive vorstellen. Weil der Zugang zum Feld hochkomplex und ausschlaggebend fur den weiteren Forschungsprozess ist, wird dieser im spateren Verlauf der Arbeit noch einmal gesondert betrachtet.

Befindet sich der Forscher im Feld, ist fur ihn zu Beginn noch jede Aktivitat und Beobachtung relevant. Er muss das Feld kennenlernen und sich einen groben Uberblick verschaffen. Dazu werden Gesprache gefuhrt, um einen ersten Einblick zu erhalten. Da die Offenheit fur die Feld­forschung charakteristisch ist, muss sich der Forscher auf das Potenzial und die Gegebenhei- ten des Feldes einstellen und sich von dessen Strukturierungsleistungen anregen lassen.[19] Spater kann er selektieren.

Auch Fehlschlage sind wichtig, um aus ihnen zu lernen. AuBerdem ist es wichtig, auf die Re- sonanz der Menschen im Feld zu horen, damit die Vorgehensweise der Forschungsaktivitat verbessert werden kann. Hat der Forscher einen groben Uberblick uber das Feld, kann er festlegen, auf welche Bereiche er sich konzentrieren und in welchen Situationen er wie seine Daten erheben mochte.

[...]


[1] Vgl. Hauser-Schaublin, Brigitta: Teilnehmende Beobachtung, in: Beer, Bettina (Hg.): Methoden ethnologischer Feldforschung. 2. uberarbeitete und erweiterte Auflage, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2008, S. 37 - 58, hier: S.41.

[2] Vgl. Breidenstein, Georg u. a.: Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2013, S. 34.

[3] Vgl. Breidenstein, Ethnografie (Anm. 2), S. 13.

[4] Vgl. ebd., S. 14.

[5] Ebd., S. 15.

[6] Vgl. ebd., S. 16.

[7] Ebd., S. 17.

[8] Vgl. ebd., S. 18.

[9] Vgl. Fischer, Hans: Einleitung: Uber Feldforschungen, in: Fischer, Hans (Hg.): Feldforschungen. Erfahrungsberichte zur Einfuhrung, Neufassung, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2002, S. 9 - 24, hier: S. 20.

[10] Vgl. Breidenstein, Ethnografie (Anm. 2), S. 21.

[11] Vgl. ebd., S. 22.

[12] Vgl. Breidenstein, Ethnografie (Anm. 2), S. 33.

[13] Vgl. Fischer, Hans: Einleitung, in: Fischer, Hans (Hg.): Feldforschungen. Berichte zur Einfuhrung in Probleme und Methoden, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 1985, S. 7 - 22, hier: S. 19.

[14] Vgl. Breidenstein, Ethnografie (Anm. 2), S. 45f.

[15] Vgl. Fischer, Feldforschungen (Anm. 9), S. 19.

[16] Luegner, Manfred: Grundlagen qualitativer Feldforschung. Wien: WUV-Universitatsverlag 2000, S. 14.

[17] Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. GrundriU einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 166.

[18] Vgl. Luegner, Grundlagen (Anm. 16), S. 55.

[19] Vgl. ebd., S. 64.

Details

Seiten
24
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668761834
ISBN (Buch)
9783668761841
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434655
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Schlagworte
Feldforschung Ethnografie Ethnologie Ethnagraphie Systemtheorie Luhmann Feld Niklas Luhmann Teilnehmende Beobachtung beobachten Feldforscher Feldzugang der blinde Fleck blinder Fleck Beobachter Ethnograf wissenschaftliche Teilnahme Franz Boas Malinowski

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