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Psychomotorik. Vom theoretischen Förderkonzept zur praktischen Fördereinheit

Hausarbeit 2018 10 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff Psychomotorik

3 Der ganzheitliche Ansatz der Psychomotorik

4 Therapeutische Grundhaltung

5 Setting und Medien

6 Lernfelder

7 Psychomotorik bei Menschen mit geistiger Behinderung

8 Psychomotorik in der Schule

9 Eine Übungseinheit mit Sandsäckchen

10 Wirksamkeit

11 Reflexion

12 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Durchatmen und aushalten, immer wieder versuchen – über längere Zeit. Und sich dann unendlich freuen über zwei Schritte in die Selbstständigkeit, die Reife und vielleicht die Einsicht. Und beim einen Schritt zurück auch hie und da (ver-) zweifeln und sich damit trösten: Es geht vorwärts!“[1]

Dieses Zitat stammt von der Mutter eines 6 Jahre alten Kindes mit Down-Syndrom. Einerseits wird ersichtlich, wie viel Geduld in der Arbeit mit geistig beeinträchtigten Menschen erforderlich ist, andererseits drückt es aber auch die Freude über kleinste Erfolge und die Liebe zum Kind aus. Der kleine Junge konnte u.a. dank der Psychomotorik-Therapeutin erfolgreich in den Regelkindergarten integriert werden.

In dieser Arbeit wird das Förderkonzept Psychomotorik vorgestellt. Unter einem Förderkonzept versteht man laut Pitsch und Thümmel die Bündelung einer „ Vielzahl von Methoden für verschiedene Anwendungsbereiche mit zeitlich fernerer Zielsetzung zu einem Maßnahmepaket[2].

Die leitende Fragestellung lautet: Wie kann eine konkrete Übungseinheit unter Berücksichtigung der theoretischen Erkenntnisse aussehen?

Zunächst geht es um den Begriff und was darunter zu verstehen ist, dann um den zugrunde liegenden Ansatz und die therapeutische Grundhaltung. Ich erläutere Setting, Medien und Lernfelder. Im Folgenden wird auf die Besonderheiten der Psychomotorik bei Menschen mit geistiger Behinderung und auf den Einsatz in der Schule eingegangen. Diese theoretischen Vorüberlegungen dienen der Entwicklung einer Übungseinheit mit dem Material Sandsäckchen. Dieses Material ermöglicht eine Vielzahl von Variationen und ist daher ein individuell gut einsetzbares Medium. Anschließend gehe ich kurz auf die Wirksamkeit des Konzepts ein bevor eine Reflexion zur Ausarbeitung und den Erkenntnissen aus dem Seminar erfolgt.

2 Der Begriff Psychomotorik

Zum Begriff Psychomotorik gibt es mehrere Definitionen. Blos beschreibt Psychomotorik als „ wechselwirksamen Zusammenhang von innerem Erleben (Freude, Spannung, Wut, Interesse, Langeweile) und äußerer Handlung (Spielen, Schaukeln, Klettern, Toben, Malen, Basteln).“[3]

Möllers‘ Definition lautet: „Stimmungen und Gefühle, Gedanken und Vorstellungen drücken sich in Bewegung und Körperhaltungen aus. Das heißt, Bewegung steht in enger Beziehung zu kognitiven und emotionalen Vorgängen. Der Zusammenhang beider Prozesse – der Kognition wie der Emotion – mit der Motorik wird unter dem Begriff der Psychomotorik zusammengefasst.“ [4] Auch Theunissen sieht die enge Verbindung von Motorik, Wahrnehmung und Emotionalität und ergänzt, dass es sich um einen ganzheitlichen Ansatz handelt.[5]

3 Der ganzheitliche Ansatz der Psychomotorik

Ernst Jonny Kiphard (1923-2010) gilt als Begründer der Psychomotorik[6]. Der Diplom – Sportlehrer widmete sich Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, denen er über Bewegung und Sport Erfolgserlebnisse und Freude ermöglichen wollte. Eine anfänglich defektorientierte Sichtweise wandelte sich in ein ganzheitlich pädagogisch-therapeutisches Konzept. Diese Ganzheitlichkeit weist sich dadurch aus, dass seelische und körperliche Prozesse als eine Einheit betrachtet werden. Über Bewegung drückt der Mensch Stimmungen aus, nimmt Kontakt zu anderen auf und erkundet die Umwelt. Das Kind soll im Mittelpunkt stehen und seine Persönlichkeit durch freies und ungezwungenes Spiel entwickeln können. Auf der einen Seite dient die psychomotorische Förderung also dazu, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken (Persönlichkeit), auf der anderen Seite dazu, die motorischen Schwächen auszugleichen. Es wird viel Wert auf die Eigentätigkeit des Kindes gelegt, um seine Handlungskompetenz und Kommunikationsfähigkeit (in der Gruppe) zu stärken.

Psychomotorik zielt auf die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes ab. Ein gutes Beispiel bietet Blos[7]: Ein Mensch hat Erfolg. Hat er ein positives Selbstkonzept, so glaubt er: „Ich war fleißig“, bei einem negativen Selbstkonzept glaubt er: „Ich hatte Glück“. Hat ein Mensch Misserfolg, so sagt er sich bei einem positiven Selbstkonzept vielleicht: „Der Schiedsrichter war schuld.“, während er sich bei einem negativen Selbstkonzept sagt: „Ich war ungeschickt.“ Positive Selbstkonzepte führen zu Aktivität, negative zu Passivität. Letzteres hat negative Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung.

4 Therapeutische Grundhaltung

Die Beziehung zwischen Pädagoge und Kind muss frei von Bewertung sein. Abhängig vom Kind wirkt der Pädagoge entweder anregend oder auch eingrenzend und strukturierend. Er gewährleistet Sicherheit und stellt vielfältiges Material zur Verfügung, welches Kreativität ermöglicht. Der Pädagoge ermuntert das Kind mit Lob und Anerkennung und akzeptiert es, wenn Ziele nicht erreicht werden.[8] Theunissen beschreibt die Rolle des Pädagogen als „beobachtend, anregend, modellhaft, anleitend, unterstützend, kooperativ“[9].

5 Setting und Medien

Um einen Überblick über Setting, Medien und Vorgehensweise zu geben, beziehe ich mich ebenfalls auf Theunissen.[10] Psychomotorik findet zumeist in Turnhallen oder Gymnastikräumen statt. Es werden verschiedene Sportgeräte wie auch ästhetische Materialien zur Verfügung gestellt, die einen vielseitigen und kreativen Umgang ermöglichen. Beispiele dafür sind zu Schaukeln, Rutschen und Höhlen umfunktionierte Turngeräte, außerdem Bälle, Seile, Sandsäckchen, Rollbretter, Schwungtücher, Bällebäder und Holzklötze, aber auch Alltagsgegenstände wie Toilettenpapier, Bettbezüge, Watte, Kartons oder Luftballons. Die Stunden werden in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit durchgeführt. Der Raum kann vorstrukturiert sein oder freie Wahlmöglichkeiten lassen. Das Spiel steht im Vordergrund.

6 Lernfelder

In der Praxis gibt es laut Möllers[11] drei grundlegende Lernfelder, die eng zusammenwirken: Körper-, Material- und Sozialerfahrungen. Unter Körpererfahrungen wird zum einen das Körperschema verstanden, also das Vorstellungsbild vom eigenen Körper, welches die Koordination der Bewegungen und die Orientierung im Raum ermöglicht. Zum anderen zählen der Köperbegriff, also die Benennung der Körperteile sowie das Körpergefühl, das den Ausdruck von Gefühlen durch die Körperhaltung ermöglicht, dazu. Bei der Erfahrung von Materialien lernt die Person verschiedene Gegenstände wie Reifen oder Schwungtücher kennen, bekommt eine Vorstellung über Raum und Zeit (was ist hoch, tief, schnell, langsam) und erfährt Ursache-Wirkungs-Prinzipien. Handlungen können dadurch geplant und der Effekt vorweggenommen werden. Psychomotorik findet meist in einer Gruppe statt, damit Sozialerfahrungen gemacht werden können. Gerade in heterogenen Gruppen können die Kinder sich gegenseitig anregen, Verhaltensweisen erproben, Regeln des Zusammenlebens lernen und Frustrationstoleranz üben.

[...]


[1] Kofler, C., Fleuti, B., Kämpfer, H. (2007): „So normal wie möglich, so speziell wie nötig“. In: Buchmann, T. (Hrsg.): Psychomotorik – Therapie und individuelle Entwicklung (S. 83). Luzern: Edition SZH/CPS.

[2] Pitsch, H., Thümmel, I. (2015): Methodenkompendium für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Band 1. Oberhausen: ATHENA, S. 13.

[3] Blos, K. (2007): Begriff und Ansätze der Psychomotorik. In: Buchmann, T. (Hrsg.): Psychomotorik – Therapie und individuelle Entwicklung (S. 13). Luzern: Edition SZH/CPS.

[4] Möllers, J. (2015): Psychomotorische Förderung in der Heilpädagogik. Stuttgart: Kohlhammer, S. 29.

[5] Vgl. Theunissen, G. (2016): Geistige Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 263.

[6] Vgl. Möllers (2015): S. 31ff.

[7] Vgl. Blos (2007): S. 14.

[8] Vgl. Kissling-Fischer, I. (2007): Bewegung als Auslöser kognitiver, emotionaler und sozialer Lernprozesse. In: Buchmann, T. (Hrsg.): Psychomotorik – Therapie und individuelle Entwicklung (S. 18). Luzern: Edition SZH/CPS.

[9] Theunissen (2016): S. 265.

[10] Ebd. S. 264f.

[11] Vgl. Möllers (2015): S. 41ff.

Details

Seiten
10
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668773349
ISBN (Buch)
9783668773356
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434754
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Schlagworte
psychomotorik förderkonzept fördereinheit

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Titel: Psychomotorik. Vom theoretischen Förderkonzept zur praktischen Fördereinheit