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Die Genese der Nation. Zur Rezeption des idealistischen Nationenbegriffes bei Elie Kedourie

Hausarbeit 2018 22 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1) Die Nation – ein ewiger Ausnahmezustand?
2) Anmerkungen

II. Ein neuer Politikstil
1) Die Revolution der Straße
2) Die Revolution des Geistes
3) Die Entdeckung des Staates
4) Die Entdeckung der nationalen Identität
5) Nationalismus als romantische Form der Politik

III. Ausblick
1) Die nationale Erhebung
2) Der kollektive Stilbruch

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1) Die Nation – ein ewiger Ausnahmezustand?

Der Nationalismus, so wird gemeinhin angenommen, hat keine Philosophie.[1] Im Gegensatz zum Konservatismus, dem Sozialismus und dem Liberalismus – den drei großen gesellschaftlichen Entwürfen der Aufklärung – fehlt ihm die theoretische Fundierung. Diese Ansicht ist durchaus begründet. Denn das nationalistische Menschenbild bleibt in Debatten oft unscharf. Und die Ziele nationalistischer Parolen reichen über die mittelfristige Abwehr von als bedrohlich empfundenen Entwicklungen nicht hinaus. Auf diese Weise vermittelt der Nationalismus das Bild eines archaischen Überbleibsels, man rechnet mit ihm wie mit einem tierischen Reflex des Menschen, der sich politischen und wirtschaftlichen Krisenzeiten zeigt.

Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass wir mit solch einer Auffassung, angesichts des außerordentlichen Erfolges nationalistischer Bewegungen in den letzten Jahren, glauben müssten, fortwährend in Krisenzeiten zu leben. Nur die Tatsache, dass der Nationalismus gerade in wohlhabenden Ländern erfolgreich ist, und von Generationen getragen wird, die nie Krieg oder Hunger erleiden mussten, sollte diesen Glauben an den permanenten Ausnahmezustand relativieren.

Es stimmt, dass sich, im Gegensatz zu zahlreichen liberalen oder sozialistischen Denkern, kaum „nationalistische“ Theoretiker finden lassen. Aber nationalistische Argumente lassen sich auf Grundannahmen zurückführen, die bei näherer Betrachtung eine beachtliche ideengeschichtliche Verbreitung und Tiefe haben. Wie Elie Kedourie anmerkt, kann es bereits als größter Erfolg der nationalistischen Doktrin gelten, den Begriff der „Nation“ als Kategorie der politischen Ordnung überhaupt etabliert zu haben.[2]

Im Folgenden werde ich anhand der ersten fünf Kapitel von Kedouries Essay Nationalism, herausgegeben in London 1960 von Hutchinson, untersuchen, wie das nationalstaatliche Denken die Kraft entwickelte, die es heute hat. Ich werde Kedouries Argumentation schrittweise rekonstruieren. Dann werde ich beurteilen, inwieweit sie ausreicht, um zeitgenössische politische Phänomene zu verstehen. Schlussendlich will ich zwei Ansätze skizzieren, die meiner Meinung nach die Kraft nationalstaatlichen Denkens weiter erklären.

2) Anmerkungen

Kedourie vertritt einen dezidiert anti-nationalistischen Standpunkt. Er hatte 1953 einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der LSE angetreten, zuvor jedoch mit seiner Dissertation über die Rolle der Kolonialmacht England im mittleren Osten Kontroversen ausgelöst.[3] Es wird auch angenommen, dass Nationalism Ernest Gellner zum Verfassen seiner eigenen Nationalismustheorie anregte.

Kedourie zitiert deutschsprachige Denker auf Englisch, ohne genaue Angaben zu seiner Übersetzung oder zu den bibliographischen Details zu geben. In meiner Rekonstruktion seiner ersten fünf Kapitel werde ich seiner Argumentation folgen und sie jeweils mit Originaltextstellen aus den zitierten Werken untermauern oder kritisch beleuchten. Dadurch möchte ich Kedouries Quellen offenlegen, die Kohärenz seines Denkens überprüfen und seine theoretischen Bezüge stärker heraustreten lassen.

II. Ein neuer Politikstil

„In nationalist doctrine, language, race, culture, and sometimes even religion, constitute different aspects of the same primordial entity, the nation. […]. What is beyound doubt is that the doctrine divides humanity into seperate and distinct nations, claims that such nations must constitute souvereign states, and asserts that the members of a nation reach freedom and fulfilment by cultivating their peculiar identity of their own nation and by sinking their own persons in the greater whole of the nation.“ [4]

Für Elie Kedourie ist der Nationalismus ein historischer Fehler. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, so seine These in Kurzform, wurden bedingt durch zeitliche Zufälligkeiten theoretische Elemente der Philosophie zu einer nationalstaatlichen Lehre von Politik zusammengesetzt. Sie besagt, dass sich die Menschheit von Natur aus in Nationen aufteilt, und dass diese bedeutend sind für die Freiheit des Einzelnen und der Menschheit im Ganzen. Nationen dürfen nicht untergehen. Da sie ohne politische Selbstverwaltung aber untergehen würden, muss jede Nation einen Staat bekommen. In dieser Definition sind alle Elemente enthalten, die Kedourie als Merkmale nationalstaatlichen Denkens identifiziert. Das sind der Glaube an den Staat als Akteur, der Gedanke von der Nation als historisches Universalprinzip und die Annahme der Verantwortung der Einzelnen sowie der Regierungen gegenüber ihrem Volk. Der Großteil seines Essays besteht in der Zurückführung dieser Elemente auf ihre ideengeschichtlichen Quellen.

1) Die Revolution der Straße

Kedouries erste Quelle ist die Französische Revolution. Durch sie, so Kedourie, hat sich in prominenter Weise der Gedanke geäußert, dass die Regierung einem Volk gegenüber verantwortlich ist.[5] Er verweist auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, wo es heißt: „The principle of sovereignty resides essentially in the Nation.“[6] Wenn also eine Regierung ihrem Volk unverantwortlich gegenüber handelt, so darf diese gestürzt, Verträge gebrochen und Kriege zugunsten des eigenen Volkes geführt werden – wer immer auch dazugehören mag.[7] Die Legitimität des internationalen Rechts wird gebunden an die „mere declaration”[8] der Nationalversammlung.[9] Es wird ein Nationenbegriff als Bezugsinstanz eingeführt, der je nach realpolitischer Sachlage interpretativ angepasst werden kann.

Dies ist insofern eine Neuerung, als dass während der absolutistischen Regierungszeit keine Verbindung bestand zwischen der Legitimität von Herrschaft und der Präzisierung eines Volkes.[10] Kedourie verweist auf den Frieden von Sathmar von 1711, in dem die „ungarische Nation“ einfach nur die Ansammlung jener Oberhäupter war, die die Gemeinschaften repräsentierten, die vom Friedenschluss betroffen waren.[11] Auch die mittelalterlichen Universitätsnationen hatten einen dynamischen und relativistischen Nationenbegriff, der, wie Planert anmerkt, „der Binnendifferenzierung innerhalb einer […] christlich-universalistischen Grundordnung“ diente.[12]

Kedourie verweist auch auf die aufklärerische Regierungsform von Friedrich II. Hier ist das „Vaterland“ nichts Abstraktes.[13] Es besteht aus „einer Menge von Bürgern, die […] unter den gleichen Gesetzen und Sitten leben. Da unsre Interessen mit den ihren eng verknüpft sind, schulden wir ihm Anhänglichkeit, Liebe und Dienstleistungen.“[14] Weil das Volk nicht entscheiden darf, wer dieses Vaterland regiert, hat, sieht Kedourie keine Verbindung des aufgeklärten Absolutismus zum nach-revolutionären Nationenbegriff.[15] Zwar wird bereits bei Friedrich die Herrschaft des Einzelnen durch das Wohl des Ganzen gerechtfertigt. Es heißt: „Ist die Regierung glücklich, so werden Sie selbst gedeihen.“[16] Aber Kedourie interpretiert diese Denkweise nicht als Staatsgläubigkeit, sondern als Zweckrationalität: „[T]he cohesion of the state […] depend on its capacity to ensure the welfare of the individual […].”[17] So sieht Kedourie erst in der französischen Revolution den neuen Politikstil, der durch die Idee der Selbstbestimmung eines Volkes eine Präzision des Nationenbegriffes erfordert.

2) Die Revolution des Geistes

Kedourie macht sodann im Gedanken der Selbst-Setzung von Verbindlichkeiten das große Paradigma der aufklärerischen Sozialphilosophie aus.[18] Exemplarisch dafür steht die Kantische Philosophie. Ihr Hauptmerkmal ist die zentrale Stellung des Einzelnen in der Erfassung und Gestaltung der Welt. „Kant's doctrine”, so Kedourie, „makes the individual, in a way never invisaged by the French revolutionaries […] the very center, the arbiter, the souvereign of the universe.“[19]

Kant entwickelte sein Projekt – in Kedouries Lesart – als Antwort auf die philosophische Skepsis David Humes, der aufgrund des Gedankens, dass all unsere Erkenntnis auf Gewöhnung an Nervenreize zurückzuführen ist, theoretische Letztgewissheit verneinte. Dagegen besteht sein Projekt im Beweis, dass es Einsichten gibt, deren der Einzelne sich rein durch den Gebrauch seiner Vernunft sicher sein kann.[20] So ist für ihn die Mathematik ein Beispiel für eine Wissenschaft an, die Begriffe ohne Erfahrung notwendig miteinander verknüpft.[21] Da sie trotzdem von sinnlicher Anschauung abhängig ist, beispielsweise, wenn sie geometrische Beweise räumlich konstruiert, folgert Kant, dass Kategorien wie Raum und Zeit inhärente Gewissheiten des menschlichen Verstandes sein müssen und jeder Sinneserfahrung erst vorausgehen.[22] Das Subjekt hängt also nicht mehr in aller Erkenntnis von der Außenwelt ab. Die Ethik der Zeit wird dadurch revolutioniert: Der Mensch kann sich nun Handlungsvorgaben rein aus Vernunftgesetzen ableiten. Kedourie macht exemplarisch den Kategorischen Imperativ aus. Durch ihn erfährt der Einzelne in der Pflichterfüllung seine Freiheit: „[I]t is [...] the individual who, with the help of self-discovered, self-imposed norms, determines himself as a free and moral being.“[23]

Diese These lässt sich an der Grundlegung zur Metaphyik der Sitten belegen, in der Kant dem Übergang von der theoretischen zur praktischen Vernunft selbst eine hohe Bedeutung zumisst. So fordert er „[…] zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, daß, […] ihre Einheit mit der speculativen in einem gemeinschaftlichen Princip zugleich müsse dargestellt werden können“[24], und „daß ein Gesetz, wenn es moralisch […] gelten soll, absolute Nothwendigkeit bei sich führen müsse.“[25] Dass diese Notwendigkeit nun tatsächlich vom Einzelnen vermittelst der Vernunft eingesehen kann, untermauert Kedouries Gedanken, dass durch die Kantische, universalistische Ethik die moralischen Begründungen von Umwelt und Geschichte entkoppelt werden und sich durch den Verweis auf ihre Eigengesetzlichkeit alleine rechtfertigen.[26]

Nach seiner Interpretation entwickelte das auch eine besondere politische Stärke, weil unter denen, die Kant lasen, viele waren, die dazu noch glaubten, philosophisches Nachdenken alleine sei der Schlüssel zu richtigem politischen Verhalten.[27] Das Motiv der Selbstbehauptung ordnete so die Rhetorik der politischen Bewegungen: „The free man asserts himself against the world; by the strength of his soul he bends it to his will, […]. Nationalism, which is itself [...] largely a doctrine of national self-determination, found here the great source of its vitality. “[28]

3) Die Entdeckung des Staates

Kedouries Meinung nach hat die Vereinnahmung der kantischen Philosophie durch seine Nachfolger zu einer ideologischen Politikweise geführt, die den Gedanken der Freiheit an den Gedanken des Staates band. Dass dies möglich war, liegt, so Kedourie, bereits im Kantischen Begriff der Freiheit selbst. Sie ist ein Menschheitsziel, dass sich prozesshaft durch die Geschichte zieht.[29]

Diese These wird von Kants Schrift Idee zur Geschichte in einer weltbürgerlichen Absicht gestützt, wo die Freiheit als vollständige Entwicklung des Wesens des Menschen beschrieben wird, die sich erst am Ende der Geschichte im Erreichen einer globalen Republik vollzieht. Bei Kant ist die Rede von „eine[m] verborgenen Plan […] der Natur […], um eine […] vollkommene Staatsverfassung zu Stande zu bringen“[30], beschrieben als „der einzige […] Zustand, in welchem sie alle ihre Anlagen in der Menschheit völlig entwickeln kann.“[31] Möglich ist das Erreichen der Freiheit auch bei Kant nur im organischen Ganzen: „Am Menschen […] sollten sich diejenigen Naturanlagen, die auf den Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind, nur in der Gattung, nicht aber im Individuum vollständig entwickeln.“[32]

Diese Übertragung von „wahrer“ Selbstbestimmung vom Einzelnen auf die Gesamtheit sorgt natürlich schon alleine für eine starke Stellung des Staates im aufklärerischen Denken. Kedourie jedoch radikalisiert diese grundsätzliche Neigung der Aufklärung noch einmal, indem er in der Philosophie des Deutschen Idealismus weitere Gründe für die Staatsgläubigkeit ausmacht.

[...]


[1] Vgl. Misevic 2014, in Abstract.

[2] Vgl. Kedourie 1966, 9.

[3] Vgl. Kramer 1999, 637-638.

[4] Kedourie 1966, 73.

[5] Vgl. ebd., 12.

[6] Ebd.

[7] Vgl ebd.,17.

[8] Ebd. 18.

[9] Vgl. ebd., 17-18.

[10] Vgl Kedourie 1966, 15.

[11] Vgl.ebd., 14.

[12] Planert 2004, 12.

[13] Vgl. Friedrich II, König von Preußen 1913, 299.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Kedourie 1966, 11.

[16] Friedrich II, König von Preußen 1913, 284.

[17] Kedourie 1966, 12.

[18] Vgl. ebd., 29.

[19] Kedourie 1966, 25.

[20] Vgl. ebd., 24.

[21] Vgl.Kant AA IV, 284.

[22] Vgl. ebd.

[23] Kedourie 1966, S. 25

[24] Kant AA IV, 391.

[25] Ebd., 389.

[26] Vgl. Kedourie 1966, 30.

[27] Vgl Kedourie 1966, 30.

[28] Ebd., 31.

[29] Vgl. ebd., 32.

[30] Kant AA VIII, 27.

[31] Ebd.

[32] Ebd., 18.

Details

Seiten
22
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668759527
ISBN (Buch)
9783668759534
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434863
Institution / Hochschule
Hochschule für Philosophie München – Philosophische Fakultät SJ
Note
unbenotet
Schlagworte
Nationalismus Elie Kedourie Fichte Kant Ideengeschichte Kulturphilosophie Nationalstaat Herder Politische Theorie Sozialphilosophie

Autor

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Titel: Die Genese der Nation. Zur Rezeption des idealistischen Nationenbegriffes bei Elie Kedourie