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Sozioökonomische und ökologische Konsequenzen der Geflügelproduktion im europäischen Raum

Seminararbeit 2015 25 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Produktion und Angebot von Fleischartikeln
1.1. Historischer Abriss der Fleischproduktion
1.2. Industrielle Landwirtschaft
1.3. Die Wertschöpfungskette am Beispiel der Geflügelproduktion
1.3.1. Tiergenetik
1.3.2. Futtermittelproduktion
1.3.3. Mast, Schlachtung, Grob- und Feinzerlegung
1.4. Die Rolle der Supermärkte

2. Konsum und Nachfrage von Fleischartikeln
2.1. Ethische und religiöse Perspektiven
2.2. Regionale Präferenzen
2.3. Gesellschaftsspezifische Präferenzen

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Wer heute Lebensmittel kauft, tut dies oft beim Discounter seines Vertrauens. Schließlich findet man dort alles was man so benötigt, ja, sogar Fleisch- oder Fischprodukte landen unkompliziert und praktisch verpackt im Einkaufswagen. Ein halbes Hähnchen mit drei „Haxerl“ etwa für knapp 6,50- Euro, wie kann man da schon widerstehen? Hält man hin und wieder doch kurz inne und erkennt das „ganze“ Hähnchen hinter den schön verpackten Hühnerkeulen, drängt sich recht schnell die Frage auf, wie dieses Tier für den läppischen Preis von nur 6,50- Euro gefüttert und anschließend geschlachtet und zerlegt werden soll. Hinzu kommt, dass Schlachtbetrieb und Supermarkt das Produkt schließlich auch noch gewinnbringend verkaufen müssen. Die etwas provokante These der folgenden Seminararbeit lautet daher: „ Fleisch - Lebensmittel f ü r die Unterschicht? “, und soll sich vor allem am Beispiel der Geflügelproduktion im europäischen Raum mit den sozioökonomischen Ursachen und Folgen sowie den ökologischen Konsequenzen günstiger Fleischproduktion auseinandersetzen. Die These, dass Fleisch zum Lebensmittel der Unterschicht avanciert sei, impliziert den günstigen Produktions- bzw. Verarbeitungsprozess von Fleischartikeln, sodass diese auch (oder vor allem?) von einer wenig kaufkräftigen Gesellschaftsschicht konsumiert werden können. Was auf ersten Blick wie ein durchwegs positiver und gerechter gesellschaftlicher Verteilungsprozess scheint, soll im Zuge dieser Seminararbeit etwas genauer analysiert werden. Zu diesem Ziel wird zunächst, von einem historischen Exkurs ausgehend, die Wertschöpfungskette der industriellen Fleischproduktion nachverfolgt, um mögliche Gründe für die offenbar geringen Kosten dieses Nahrungsmittels zu ergründen und zu analysieren. Von der „Angebotsseite“ wird anschließend auf die Perspektive der „Nachfrage“ gewechselt, um somit die Thematik aus Sicht der KonsumentInnen zu analysieren. Dafür werden zunächst ethische und religiöse Aspekte des Fleischkonsums behandelt, um abschließend die Frage nach gesellschaftsspezifischen Präferenzen zu beantworten.

1. Produktion und Angebot von Fleischartikeln

Einleitend soll in erster Linie die Angebotsperspektive der Fleischproduktion behandelt werden, indem, von einem historischen Abriss sowie den kontextuellen Bedingungen der industrialisierten Landwirtschaft ausgehend, die Wertschöpfungskette am Beispiel der Geflügelproduktion nachverfolgt wird.

1.1. Historischer Abriss der Fleischproduktion

„ Fleischliche Nahrung trage eine existenzielle Bedeutung f ü r die Evolution des Menschen und sei somit ganz ´ naturgem äß´ , nach wie vor, auf dem menschlichen Speiseplan “ , - so heißt es oft von begeisterten VerfechterInnen des Sonntagsbratens, der mit erleichtertem Gewissen wohl noch etwas besser schmeckt. Betrachtet man jedoch den historischen Verlauf der menschlichen Essgewohnheiten näher, wird es zunehmend schwieriger genaue Aussagen darüber zu treffen, ob der Mensch tatsächlich seit seinen Anfängen „naturgemäß“ ein „ carnivore1 ist. Tatsächlich lässt der historische Wandel der menschlichen Essgewohnheiten, die meist auf ökologische und raumbedingte Charakteristika zurückzuführen waren, diese These zunehmend obsolet erscheinen. Vielmehr müssen diese Gewohnheiten als ein Ergebnis der „ historischen, ö kologischen, soziokulturellen und ethisch-religi ö sen Einfl ü sse betrachtet werden “, sodass hingegen von „ umstandsbedingten “ anstatt von „ nat ü rlichen “ Essgewohnheiten gesprochen werden muss (Herzog, Martin et al., 1994. S. 27). Aufgrund dieser Schwierigkeiten den Menschen eindeutig als Fleisch- oder Pflanzenfresser zu charakterisieren, spricht man in diesem Zusammenhang vom sogenannten „ omnivoren 2 “- Dilemma, welches sich nicht zuletzt in Körperbau und Stoffwechselmechanismen des Menschen manifestiert. Der Mensch weist tatsächlich, im Unterschied zu den meisten Tierarten, körperliche Merkmale auf die sowohl auf eine pflanzliche, wie auf eine tierische Nahrungsaufnahme spezialisiert scheinen. Dies ist als Ergebnis des historischen und regionalspezifischen Wandels menschlicher Essgewohnheiten zu verstehen, da etwa vor der neolithischen Revolution in erster Linie tierische Nahrungsmittel wie Fleisch und Fisch im Vordergrund standen. Erst mit dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht verwandelte der Mensch seinen Lebensraum in ein Agrarökosystem, wo durch eine sesshafte Lebensweise nur noch sporadisch Nutz- bzw. Haustiere als Nahrungsquelle herangezogen wurden. Mit dem planmäßigen Übergang zum Ackerbau zu Beginn des Mittelalters wurden erstmals Waldflächen gerodet und die Erträge dank natürlichen Düngemitteln erhöht. Ein wesentlicher Meilenstein ereignete sich mit dem Einsatz künstlicher Düngemittel, die es erstmals erlaubten weitaus höhere Erträge zu erzielen, die zur intensiven Nutztierhaltung verwendet werden konnten. Diese Entwicklungen bedingten wiederum eine erhöhte Verfügbarkeit von Nutztieren die (auch) zur Fleischproduktion dienten. (vgl. Herzog, Martin et al., 1994.)

Der wohl markanteste Wendepunkt in der Historie der Fleischproduktion scheint sich jedoch in jüngster Vergangenheit und Gegenwart zu vollziehen, welcher mit dem Schlagwort der „industrialisierten Landwirtschaft“ zusammengefasst werden kann. Diese Sonderstellung ergibt sich in erster Linie aus den weitreichenden sozioökonomischen sowie ökologischen Folgen der heutigen Fleisch- und Futtermittelproduktion, die sich unlängst auf globaler Ebene manifestieren.

1.2. Industrielle Landwirtschaft

Das Chicago des 19. Jahrhunderts gilt als Wiege der industriellen Schlachtung, da erstmals systematisch Fließbänder für die tierische Grobzerlegung eingesetzt wurden. Einige Jahre später machte sich kurioser Weise auch Henry Ford dieses Verfahren zur Automobilherstellung zu Nutze, was wesentlich bekannter sein dürfte. Diese Frühform der Industrialisierung ging zudem mit einer starken Zentralisierung einher, sodass etwa in den USA die Zahl der Schlachthöfe zwischen 1967 und 2010 von fast 10.000 auf nunmehr 3.000 gesunken ist (siehe Abb. 1). (vgl. Chemnitz & Belling, 2014)

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

(Abb. 1: Branchenkonzentration in den USA)

Bemerkenswerterweise kann gleichzeitig ein steter Anstieg der Marktanteile einiger Schlachtfirmen beobachtet werden, sodass aktuell beispielsweise 88% der Schweinefleischproduktion von 10 Großkonzernen getragen wird. Ziele dieser Zentralisierungsmaßnahmen sind es zum einen Größenvorteile zu erlangen, die es erlauben die jeweilige Marktmacht zu erhöhen und gleichzeitig die Erzeugerpreise zu senken. Dabei beschränkt man sich oft nicht auf den Zusammenschluss nationaler Unternehmen, wie zahlreiche jüngste Fusionierungen von verschiedenen Großkonzernen zeigen. Im Jahr 2013 kaufte beispielsweise Shuanghio international Holdings, der Hauptaktionär von Chinas größtem Fleischverarbeiter, den weltgrößten Schweinefleischproduzenten Smithfield Foods für die Summe von 7,1 Milliarden Euro. Derartige Expansionsstrategien ergeben sich aus den unlängst verschwindend geringen Gewinnmargen der Fleischindustrie, die durch die Form einer doppelten Konzentration versuchen dem Preisdruck standzuhalten. So werden Unternehmen durch Fusionierungen und Übernahmen größer und können gleichzeitig durch erhöhte Tierkapazitäten die Intensität der Fleischproduktion erhöhen.

Wirft man einen genaueren Blick auf diese branchenspezifischen Unternehmenskonstellationen, wird sehr schnell das Phänomen „ from farm to fork “ ersichtlich, welches in besonderer Art und Weise für die Geflügelwirtschaft gilt. Derartige Betriebe weisen besonders häufig eine sogenannte vertikale Integration auf. Diese hat die Gründung sogenannter „agrarindustrieller Unternehmen“ zum Ziel, die sämtliche Produktionsstufen der Fleischherstellung unter einem „Dach“ vereinen. In der Praxis wird dies meist in Kooperation mit einem Lohnmäster vollzogen, welcher jedoch strikt an das jeweilige Unternehmen gebunden ist. Sämtliche weitere Produktions- und Verarbeitungsschritte, bis hin zur Vermarktung des Produkts, werden vom jeweiligen Unternehmen geleitet. Diese enge Kopplung des „Rohstoffs“ und der anschließenden „Verarbeitung“, erlaubt es Lager- und Transportkosten zu minimieren, sowie eine hohe Kontrollierbarkeit und Flexibilität in der Produktion zu gewährleisten. Derartige Unternehmensagglomerationen sind allerdings keinesfalls als amerikanisches Phänomen oder exotisches Spezifikum zu betrachten, sondern prägen auch unlängst, vor allem im Bereich der Geflügelproduktion, die mitteleuropäische Fleischindustrie.

Diese Besonderheiten der Unternehmenskonstellation in der industriellen Landwirtschaft bilden gewissermaßen die kontextuellen Bedingungen der Wertschöpfungskette zur Fleischproduktion, die im Folgenden nachgezeichnet werden soll um daraus mögliche Gründe für die offenbar geringen Kosten des Endprodukts abzuleiten. (vgl. Chemnitz & Belling, 2014)

1.3. Die Wertschöpfungskette am Beispiel der Geflügelproduktion

Unter selbiger werden laut dem Gabler Wirtschaftslexikon (1997) die „ zusammenh ä ngenden Unternehmensaktivit ä ten zur G ü tererstellung “ verstanden, die sich in der Branche der Geflügelproduktion grob in folgende Teilbereiche unterteilen lassen:

- Erzeugung von Futtermittelkomponenten und Futtermittelherstellung
- Elterntierhaltung, Brüterei, Mast
- Schlachtung und Grobzerlegung, Feinzerlegung und Weiterverarbeitung
- Einzelhandel und Fachgeschäft
- Konsum durch Groß- und Endverbraucher (Akamp & Schattke, 2011. S. 9)

Jeder dieser einzelnen Produktionsschritte unterliegt vielfältigen Optimierungsprozessen, um dem wachsenden Preisdruck der Fleischbranche standhalten zu können. Ein wesentlicher Punkt zur Erhöhung der Gewinnmargen ereignet sich jedoch bereits vor dieser Wertschöpfungskette, nämlich mit der Erforschung geeigneter Zuchtrassen zur Fleischproduktion. (vgl. Akamp & Schattke, 2011)

1.3.1. Tiergenetik

Der Optimierungsprozess der Fleischproduktion beginnt bereits bei der Wahl und Erforschung des geeigneten Zuchtmaterials. Eine Branche die von einigen wenigen Firmen dominiert wird, die sich auf die Erforschung sogenannter Hochleistungsrassen spezialisiert haben. Der Mensch hat bis dato 30 Nutztierarten domestiziert, wobei laut FAO rund 8.000 Rassen dokumentiert wurden. Die Fleischindustrie nutzt dabei 8 Tierarten in besonders großem Umfang, wobei bestimmte Zuchtstämme herausgebildet wurden, die sich als besonders ertragreich erwiesen haben. Diese Form der „Hybridzucht“, hat sich vor allem bei der Geflügel- und Schweinemast bewährt. Als besonders wichtige Eigenschaften derartiger Rassen gelten dabei ein schnelles Wachstum, sowie eine effiziente Futterverwertung der Tiere, die wiederum höhere Erträge erlaubt. Besonders Geflügeltiere gelten als profitable und „effiziente“ Nutztiere, da aus lediglich 1,6 kg Futter bis zu 1 kg Geflügelfleisch gewonnen werden können. Zu den kostensteigernden Aspekten dieser Hybridzucht zählt in erster Linie die Anfälligkeit von Hochleistungsrassen für Erkrankungen, die häufig mit kostspieligen Pharmazeutika behandelt werden müssen. Vorbeugend werden den Futtermitteln daher diverse Antibiotika beigemischt, die darüber hinaus (durch die dadurch bedingt verlangsamte Verstoffwechselung) mastbeschleunigend wirken. Trotz intensiver pharmazeutischer Behandlung der Tiere ist die „Ausfallrate“, aufgrund von Spontantoden, bei Hybridrassen jedoch verhältnismäßig hoch. Außerhalb der EU werden diese medikamentösen Behandlungen meist durch die Verabreichung von Wachstumshormonen ergänzt, die das Zellwachstum und somit die Gewichtszunahme unmittelbar beeinflussen. Der Verzehr von sogenanntem „Hormonfleisch“, beziehungsweise die Aufnahme der tierischen Ausscheidungen über das Grundwasser, stehen im Verdacht die Entstehung bestimmter Krebsarten zu begünstigen sowie Unfruchtbarkeitsprobleme zu verursachen. Traurige Bekanntheit erlangte beispielsweise das Wachstumshormon Ractopamin, welches im Verdacht steht beim Menschen bereits im Säuglingsalter Brustwachstum hervorzurufen. Dementsprechend ist neben China, Russland, Indien und der Türkei auch der EU- Markt seit 1988 für Hormonfleisch -weitestgehend- unzugänglich. Weiterhin eingesetzt werden jedoch Sexualhormone, etwa um den Zyklus von Sauen zu vereinheitlichen um den Wurf von Jungtieren gleichzuschalten. (vgl. Chemnitz & Belling, 2014)

1.3.2. Futtermittelproduktion

Ein Großteil der domestizierten Nutztierrassen sind sogenannte „wiederkäuende Grasfresser“ und konkurrieren dementsprechend nicht mit dem Menschen um Nahrung. Paradoxerweise werden jedoch laut dem letzten UN -Weltagrarbericht rund 70% der globalen Äcker und Wiesen von der Nutztierhaltung beansprucht, - eine verstörende Tatsache wenn man bedenkt, dass der Fleischkonsum oft als mögliches Heilmittel für den globalen Hunger angepriesen wird. Tatsächlich kann, selbst bei Geflügelbetrieben, aufgrund der immensen Intensität der Produktion nur ein Bruchteil des Tierfutters aus regionaler Wertschöpfung herbeigezogen werden.

[...]


1 lat. carnis = Fleisch / lat. vorare = fressen

2 lat. omni = alles (Übersetzungen laut: pons.com) 3

Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668764644
ISBN (Buch)
9783668764651
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434958
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Geographie und Wirtschaftskunde
Note
1,0
Schlagworte
Fleisch industrielle Landwirtschaft Billigfleisch Massentierhaltung Futtermittel Tiergenetik

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