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Vergleichende-Analyse der Transformationsländer Russland und China mit besonderem Fokus auf die Finanzsysteme

Diplomarbeit 2005 86 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Planwirtschaft
1.2 Transformation und –theorien
1.2.1 Transformation aus neoklassischer Perspektive
1.2.2 Transformation aus keynesianischer Perspektive
1.2.3 Fazit

2. Entwicklung Chinas
2.1 Allgemeiner chinesischer Transitionsprozess
2.2 Gesamtwirtschaftliche Entwicklung
2.3 Finanzsystem
2.3.1 Bankensystem
2.3.2 Aktienmarkt
2.3.3 Geld- und Zinspolitik
2.4 Wechselkurspolitik in der VR China
2.5 Fazit

3. Entwicklung Russlands
3.1 Anpassungskrise 1991-1994
3.2 Stabilisierungsphase 1995-1997
3.3 Finanzkrise 1998
3.4 Stabilisierungsphase Ende1999-2005
3.5 Bankensystem
3.6 Fazit

4. Washington Consensus/ Post W.C.
4.1 Inhalte der Strukturanpassungsprogramme
4.2 Kritik

5. Schlussbetrachtung

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis
-Internetquellen
- pdf- Dateien

Anlage
CD-ROM

1. Einleitung

Die vorliegende Diplomarbeit befasst sich mit der Gestaltung von Übergangsprozessen von einer Planwirtschaft in eine Geldwirtschaft. Ich konzentriere mich bei der Analyse auf die Umwandlung der Finanzsysteme, weil gerade funktionsfähigen Finanzsystemen eine große Bedeutung für die erfolgreiche Transformation beigemessen wird. Von Relevanz ist auch die Betrachtung des Bankensystems, der Geldpolitik und des Wechselkursregimes.

Ich versuche die Priorität einer kohärenten Transformationsstrategie heraus zu stellen. In der Literatur zur Transformationsforschung existieren prinzipiell zwei konträre ökonomische Paradigmen. Zum Einen die dominierende neoklassische/neoliberale Doktrin, praktiziert als „Schocktherapie“ und bekannt als Washington Consensus, und zum Anderen die keynesianisch inspirierte gradualistische Öffnung.

Ich vergleiche die Transformationswege von Russland und China. Russland unterzog sich der radikalen Schockstrategie, um den Systemübergang in die Geldwirtschaft zu gestalten. Internationale Institutionen wie z.B. der IWF motivierten und unterstützten Russland bei diesem Reformweg. Heute lässt sich die russische radikale Transformation als weitgehend gescheitert betrachten.

China dagegen betreibt eine „Politik des sanften Wandels“, und zwar ohne jegliche Einmischung multilateraler Institutionen. China kreierte seinen Transformationsprozess in eine sozialistische Geldwirtschaft in eigener Regie.

Der ökonomische Systemübergang in China ist äußerst erfolgreich.

Der Kontrast zwischen den beiden Ländern könnte nicht größer sein. Im Verlauf der Transformation kam es zu einer Umkehr der ökonomischen Kräfteverhältnisse zwischen Russland und China. Russland sackte ab in ein rohstoffexportierendes „Zweite Welt Land“, während China sich zur aufstrebenden „Supermacht“ entwickelte.

1.1 Planwirtschaft

Diese Arbeit analysiert das Finanzsystem zweier Länder mit planwirtschaft-licher Geschichte. Daher scheint es an dieser Stelle zum besseren Verständnis des Themas geboten, die Kernelemente der Planwirtschaft darzustellen. Die planwirtschaftliche Wirtschaftsordnung war charakterisiert durch administrative Planung und Kontrolle wirtschaftlicher Prozesse. Das ökonomische Leitziel spiegelte sich im „Gesetz des Sozialismus“ wider, im Einzelnen waren dies die permanente Steigerung und Vervollkommnung der Produktion mit hohem wissenschaftlichen und technischen Know-how zur ständig verbesserten materiellen und kulturellen Bedürfnisbefriedigung der Bürger.

Der Planungsapparat sollte unter Eliminierung des Egos der wirtschaftenden Menschen quasi am „grünen Tisch“ die Allokation der Ressourcen sowie den Output von Gütern besser lösen als andere Wirtschaftssysteme.[1]

Typisches Merkmal der Unternehmen war deren Investitionshunger, wobei sie allerdings nicht dem „goldenen Kalb“ Gewinn folgten, sondern vielmehr der Expansion des Unternehmens und der Gewährleistung der bestmöglichen Versorgung ihrer Mitarbeiter.

Der Mengenplan ist das Ergebnis der Verhandlungen zwischen wachstums-orientierten Unternehmen einerseits und dem Planungsapparat andererseits, welcher den Investitionshunger zügelte.[2] Faktisch koordinierte die Planbehörde mit dem Mengenplan das Produktionsvolumen und die ökonomische Verflechtung. Nicht immer inbegriffen war die optimale Einsatzmenge an Produktionsfaktoren. Manche Planunternehmen bekamen zu viel Mittel zugeteilt, während andere einen Mangel an Produktionsfaktoren aufwiesen. Als Resultat tauschten die Betriebsleiter untereinander und kamen auf diese Weise in den Genuss von Vergünstigungen. Geschäfte dieser Art waren zur Erfüllung der Quoten unabdingbar und führten im Verlauf des z.B. russischen Trans-formationsprozesses zu der starken Ausbildung der Korruption und Rent-Seeking Interessen (s.a. 3.1ff).[3]

Daneben diktierte die Planbehörde Preisstruktur, Löhne und Renten (politische Preisbildung). Durch die Austarierung des Konsumgüterangebotes mit der Nachfrage danach wurde ein Marktgleichgewicht erzeugt. Güterangebot und Lohn waren interdependent, daher konnte die fixierte Lohnsumme nur unter der Prämisse einer Ausweitung des Güterangebotes erhöht werden. Das Motiv dafür war die Verhinderung inflationärer Tendenzen.

Gleich nach dem Mengenplan wurde der Kreditplan determiniert. Die Mengen-

planerfüllung hatte Priorität, der Kreditplan stellte über Banken bzw. die Monobank notwendige Liquidität zur Planerfüllung bereit.

Die Kreditvergabepolitik markierte die weiche monetäre Budgetrestriktion, d.h. die Planunternehmen unterlagen keinem Insolvenzrisiko und erhielten zur Planerfüllung alle erforderlichen finanziellen Mittel, auch über den geplanten Rahmen hinaus. Die staatliche Monobank finanzierte passiv die Unternehmen „durch“, selbst bei massiven Verlustsituationen. Der Mengenplan stand an erster Stelle, Geld nahm eine dienende Rolle ein.[4]

Die Folge dieser Praxis der Kreditvergabe waren steigende Depositen bei anderen Planunternehmen, die nicht disponiert werden durften.

Ein weiteres sich anschließendes Merkmal war, dass der Geldfluss zwischen den Unternehmen explizit getrennt wurde von Lohnzahlungen und den Erlösen aus Konsumgüterkäufen der privaten Haushalte. Zur Vermeidung offener Inflationstendenzen und für die effiziente Kontrolle der Ressourcenallokation von den Planunternehmen wurden die Geldströme strikt getrennt.

Mit der spätsozialistischen Krise erfolgte der Umbruch in ein demokratisches Gesellschaftssystem i.V.m. der Etablierung einer Marktwirtschaft an Stelle der Planwirtschaft. Im folgenden Abschnitt werde ich den theoretischen Übergang von dem zentral zu einem dezentral gesteuerten Wirtschaftsystem erläutern.

1.2 Transformation und Transformationstheorien

Transformation ist eine komplexe Aufgabe. Sie repräsentiert nicht nur den ökonomischen Strukturwandel, sondern auch die politische und gesell-schaftliche Umgestaltung, einhergehend mit der Neubestimmung der

nationalen Identität.[5] Transformationsländer beschreiten einen langwierigen und anhaltenden Entwicklungspfad, welcher längst nicht abgeschlossen ist.

In China verläuft der ökonomische Transformationsprozess, bei schwankender Intensität, seit nunmehr 26 Jahren, in Russland seit 13 Jahren.

Erfolgreiche Transformation ergibt sich aus der positiven Korrelation wirtschaftlicher und sozipolitischer Prozesse. Die Transformationsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass Transformation kein einheitlicher, nach gleichen Mustern verlaufender Prozess ist. Wertevorstellungen und Wahrnehmungen des Sozialismus resultieren in entsprechenden Verhalten (Verhaltenserbschaft). Drei Elemente beeinflussen maßgeblich das Verhalten der Wirtschaftssubjekte (WiSu).[6] Zunächst die materielle Strukturerbschaft, d.h. die politische Machtexpansion gegenüber der Wirtschaft. Die permanente Ressourcen-ausbeutung zur Sicherung von Machtinteressen und die ungleichgewichtige Wirtschaftsstruktur waren Ergebnisse der z.B. sowjetischen Verhaltens-erbschaft. Die Wirtschaft reagierte durch dämpfende Schritte in Form von Bestechung der Behörden, Vereinbarungen innerhalb von Netzwerken, Steuerprivilegien und Barter-Geschäften. Als weiteres gewichtiges Element ist der Paternalismus zur Wahrung der wirtschaftlichen Minimalsicherheit anzuführen. Noch gewichtiger ist das Element der planwirtschaftlichen „Gleichmacherei“. Der Plan führte bei den WiSu zu einer verzerrten Einstellung zur Arbeitsleistung. Insgesamt resultierte dies in rentenorientierten Wirtschaftsverhalten der WiSu.

Die Verhaltenserbschaft und nicht überwundene Altlasten des administrativen Sozialismus lassen Transformationsländer, insbesondere Russland, sehr spezifische Entwicklungspfade gehen. Es besteht eine hohe Pfadabhängigkeit in der Entwicklung, die Weltbank konstatierte 1996 „Transition is different“.[7]

Unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen brachten Erklärungsansätze zur Transformation hervor. Allerdings geht jedes Paradigma über die Grenzen seiner Fachdisziplin hinaus. Aus der Politikwissenschaft stammt die Theorie „Transitionen zur Demokratie“.[8] Ein weiteres Paradigma wird mit der soziologischen Modernisierungstheorie repräsentiert. Im Rahmen dieser Diplomarbeit sind die ökonomischen Paradigmen von besonderem Interesse.

Die ökonomischen Theorien erklären mit divergierenden Blickwinkeln die Funktionsweise von Markt- bzw. Geldwirtschaften.

Empirische Studien zu den Transformationsökonomien zeigen, dass Transformationsländer hinsichtlich des ökonomischen Wachstums am erfolgreichsten waren, wenn sie konsistente und glaubhafte Reformen umgesetzt haben.

Elementar für jede ökonomische Transformationsstrategie ist, dass sie die Kohärenz zur jeweiligen Transformationsökonomie herzustellen vermag.

1.2.1 Transformation aus der neoklassischen Perspektive

Das marktwirtschaftliche Paradigma verstand sich als Metatheorie und entwickelte sich rasch zur Standardmethodologie der Transformations-forschung. Die wissenschaftliche Legitimität dieses Ansatzes rekurriert auf die neoklassische Wirtschaftstheorie und dessen Präzisierung im heutigen Neoliberalismus. Im Fokus dieses orthodoxen Transformationsmodells steht die rasche Privatisierung des planwirtschaftlichen Produktivvermögens an private Haushalte. Motiv dafür ist die Ansicht, dass nur die schnelle Privatisierung eindeutige property rights sichert und diese die Grundlage für eine mikroökonomische Anreizstruktur darstellen.

Die Privatisierung stellt die exogene Ausstattung der privaten Haushalte mit Ressourcen dar. Da die neoklassische Wirtschaftstheorie auf dem Gegensatz basiert: unbegrenzte Bedürfnisse des Individuums versus Knappheit der Güter, werden WiSu zum Wirtschaften gezwungen (= Budgetrestriktionen).

Sobald diese die Ressourcen disponieren können, wägen sie unter dem Primat der Effizienzsteigerung den individuellen Nutzen und die Opportunitätskosten (z.B. das Verhältnis Arbeit - Freizeit) gegeneinander ab.[9] Güter (Ressourcen ) werden untereinander getauscht, ein anderer Teil steht zum Konsum zur Verfügung.

Theoretisch existent, sind je nach Ressourcenausstattung der privaten Haushalte unterschiedliche Gleichgewichtskonstellationen der Märkte, bei der alle Ressourcen ausgelastet sind. Die Märkte werden geräumt, die Wohlfahrt eines Individuums und aggregiert eines Landes maximiert sich. Daraus folgt, dass eine effiziente Allokation der Ressourcen durch Marktmechanismen erfolgt. Planwirtschaften in der Transformation zu einer marktwirtschaftlichen Tauschökonomie sollten schnell privatisieren, damit Budgetrestriktion und der Allokationsmechanismus sich etablieren können. Die Methoden der Privatisierung sind von eher nachrangigem Interesse.

Ebenfalls äußerst zügig soll nach neoklassischer/neoliberaler Auffassung die Liberalisierung aller relevanten Märkte vonstatten gehen, damit sich freie Marktpreise bilden können und der Allokationsmechanismus zur Entfaltung kommt. Zügige Liberalisierung ist Voraussetzung für eine stabile gesamt-wirtschaftliche Entwicklung, da sie Finanzierungsquellen diversifiziert.[10]

Die Markteffizienz ist ein Axiom.

Geld nimmt dabei eine neutrale Position ein, „money is a veil“, und legt sich wie ein Schleier über die realwirtschaftlichen Prozesse. Geld übt langfristig keinerlei Einfluss auf die realen Größen aus (= neutral). Diese Ansicht entstammt der Quantitätstheorie des Geldes (M x v = P x Y), die Umlauf-geschwindigkeit des Geldes v und das Einkommen Y (für die Periode) werden als konstant betrachtet. Daher hat die Variierung der exogen determinierten Geldmenge M nur monetäre Wirkungen auf das Preisniveau P. Für das neo-klassische Transformationskonzept heißt das, Reformen bezüglich der Geld-sphäre sind hintergründig gegenüber Reformen, welche die Realwirtschaft tangieren.[11] Zur Gewährleistung der makroökonomischen Stabilität wird der unabhängigen Zentralbank eine regelgebundene Geldpolitik empfohlen, z.B. ein Geldmengenkorridor mit stetiger Wachstumsrate oder auch inflation targeting. Das Preisniveau soll relativ stabil sein, wobei die Preisänderungsrate nicht ausschlaggebend ist. Der neoliberale Diskurs erklärt den Markt als Metainstitution („the market knows“), durch den rationelles und organisiertes Handeln auch außerhalb der ökonomischen Aktivitäten, z.B. in der Politik, den Kriterien der Effizienz unterworfen wird. Das Dogma des Neoliberalismus bedeutet in erster Linie Liberalisierung und Stabilisierung ohne staatliche Interventionen, z.B. staatliche Struktur- und Industriepolitik. Der Staat ge-währleistet ausschließlich einen stabilen Ordnungsrahmen. Dazu zählen z.B. ein funktionsfähiges Steuer- und Rechtssystem sowie Verwaltungsaufgaben. Die Regierungen erhalten Instruktionen zu niedrigen Inflationsraten, flexiblen oder festen Wechselkursen natürlich im Verhältnis zum US-Dollar und der Schaffung von property rights durch Privatisierung der staatlichen Unter-nehmen. Die Durchsetzung erfolgt meist mit strikter staatlicher Haushalts-disziplin und Austeritätspolitik zur Konsolidierung. Des Weiteren wird im Transformationsprozess die rasche Errichtung der demokratischen und markt-wirtschaftlichen Basisinstitutionen gewünscht, jedoch nicht explizit gefordert.

Die Kausalität des neoklassischen Paradigmas stellt sich folgendermaßen dar: Ressourcenbestand → Einkommen Y → teilweise Konsum C; → Zins i → teilweise Ersparnisse S + ausländische Ersparnisse → (=!) Investitionen I→ Y BIP↑.[12] Wachstum und Entwicklung werden durch den Marktmechanismus initiiert. Die für Entwicklungsländer typische Kapitallücke ( S < I ) soll durch Kapitalimporte geschlossen werden. Gemäß der o.g. Kausalkette genügt zu Wachstum und Entwicklung eine Zunahme des Faktors Kapital.

Ausländische Ersparnisse ermöglichen den Anschluss an die entwickelten Länder. Sie fördern die weltmarktgerechte Produktion und letztlich das BIP.

Darüber hinaus erfolgt eine Verbesserung der Qualifikationsstruktur der Beschäftigten und erhöhen u.U. auch die Beschäftigung. Diese Taktik impliziert eine steigende Auslandsverschuldung. Zahlungsbilanzdefizite

[= Devisenbilanz DB(-)] in der ersten Entwicklungsphase zeugen von attrahierten ausländischen Ersparnissen. Da die heutigen Kapitalimporte DB(+) einen zukünftigen Devisenabfluss DB(-) implizieren, müssen diese ergo rentabilitätsorientiert eingesetzt werden.[13] Nach erfolgreicher Entwicklung verbunden mit z.B. steigenden Devisenzuflüssen aus Exportzuwächsen, sollen die Zahlungsbilanzdefizite sukzessive reduziert werden.

Quantitative makroökonomische Indikatoren liefern die Maßstäbe zur Beurteilung der Reformfortschritte. Dieser Aspekt festigte die dominante Stellung der universalistischen Strategie. Vertreter dieses Dogmas sind zum Einen die von den internationalen Finanzkonzernen dominierte US-Administration und zum Anderen die Bretton-Woods-Institutionen IWF und Weltbank. Der Name dieser standardisierten Programmatik könnte nicht bezeichnender sein als „Washington Consensus“.

Als favorisierte Reformstrategie ist die Schocktherapie bzw. Big-Bang-Strategie zu nennen, d.h. der schnelle Übergang in eine Tauschökonomie.

Tatsächlich stellt die Schockstrategie jedoch kein rein ökonomisches Programm dar. Anhand dieser Strategie sollte „die Entwertung alten ›sozialen Kapitals‹ und kollektivistischer Mentalitäten“[14] erleichtert und beschleunigt werden. Ergo handelt es sich eher um ein politisches und sozialstrukturelles Kalkül.

Nur mündete der Transformationsprozess in einigen Ländern nicht in der verheißenen Freiheit und dem Wohlstand, sondern geradewegs in einer Krise, die tiefer war als anfängliche Anpassungskrisen. Die anhaltendeste und schlimmste Transformationskrise erlitt Russland. Transformationskrisen allein auf politische und soziale Ursachen zurückzuführen wäre zu kurzsichtig. Die Mitverantwortlichkeit der Schocktherapie-Programmatik an den Krisen ist unstrittig und mittlerweile sogar eingeräumt worden. Insbesondere die schnelle Privatisierung stellte sich als das falsche Konzept heraus. Liberale wie Sachs, ja selbst bürokratische Institutionen wie der IWF konstatierten, dass das Ergebnis der schnellen Privatisierung allenfalls mit „mixed results“ zu bewerten sei.

Vor allem genügen ökonomische Rezepte nicht für die erfolgreiche Transformation. Der neoklassische Slogan „the less state, the better“ führte z.B. in Russland zu einer Wirtschaftsform, die anfänglich zwischen marktwirt-schaftlichen Elementen und ökonomischem Raubrittertum schwankte.[15]

Letztlich führte die Diskussion und die Kritik am Washington Consensus zu seiner Erosion. Nachfolgend wurde der Post Washington Consensus entwickelt, bei dem es gemäß Wolfensohn 1999 „um ein mehrdimensionales Spektrum von Zielen und um veränderte Prioritäten“[16] geht. Soziologischen und demokratischen Aspekten wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Der Politik und Bildung der entsprechenden Institutionen wird ebenfalls mehr Bedeutung beigemessen.

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird der Washington Consensus als Wachstumsstrategie erläutert (s.a. 4.).

1.2.2 Transformation aus keynesianischer Perspektive

Transformation wird aus keynesianischer Perspektive anders definiert. Zuerst argumentiert Keynes anhand der Linie: Geldwirtschaft versus neoklassischer Tauschwirtschaft. Charakteristisch ist, dass WiSu Vermögen meist in Geld halten und private Haushalte einen Geldlohnsatz für ihre Arbeitsleistung erhalten.

Geldwirtschaften ist eine harte monetäre Budgetrestriktion inhärent. D.h., es kommt zu einer Verschiebung der Prioritäten bei der Einsatzmenge der Produktionsfaktoren. Insbesondere monetäre Prozesse erhalten ein stärkeres Gewicht und unterminieren die Auslastung aller Ressourcen. So ist z.B. der Faktor Arbeit chronisch unausgelastet.

Es ist zwischen den Merkmalen der harten mikro- und der makroökonomischen Budgetrestriktion zu unterscheiden.

Mikroökonomische harte Budgetrestriktion zeichnet sich durch das Insolvenzrisiko der Unternehmen aus (s.a. 1.1). Erstens konkurrieren Unter-nehmen miteinander auf Gütermärkten. Zweitens investieren Kapitalgeber (Fremdkapital, Eigenkapital, Mezzanine) vorwiegend in Unternehmen mit hohen Renditen und positiven Erwartungen für die Zukunft (Vermögens-sicherungskalkül). Indikator für die Rentabilität eines Unternehmens ist der Zinssatz i. Er repräsentiert die branchenabhängige Mindestverwertungsrate des Produktivvermögens.[17] Wird diese nicht erreicht, so setzt ein Abwanderungs-prozess von Kapital in profitablere Branchen ein. Die Allokation der Ressourcen Arbeit und Kapital erfolgt in Geldwirtschaften ebenfalls durch den Zinssatz i und bestimmt somit die Struktur und Höhe des gesamtwirtschaft-lichen Produktionsvolumens. Im Resultat steigern Unternehmen permanent ihre Effizienz, um am Markt existent zu bleiben und die Renditeerwartungen der Gläubiger zu erfüllen. Der Shareholder-Value-Ansatz reflektiert recht gut die Anforderungen an die harte mikroökonomische Budgetrestriktion.

Für die Stabilität einer Volkswirtschaft hat die harte makroökonomische Budgetrestriktion Priorität. In einer Volkswirtschaft gelangt Geld zur Finanzierung der Produktion durch Vorschüsse (Kredit, Eigenkapital) in den Umlauf. Knappheit wird durch das eingesetzte Kapital und nicht, wie die Neoklassik postuliert, durch die gegebenen Ressourcen determiniert.

Abb. 1: Die makroökonomische monetäre Budgetrestriktion[18]

Nachfrage nach Gütern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nachfrage nach Arbeit

Knappheit entsteht marktendogen, da das Vermögenssicherungskalkül der Investoren limitierend auf das Produktionsvolumen wirkt (s.o.). Volkswirtschaftliches Kreditvolumen, die Güternachfrage sowie die Nachfrage nach Arbeit sind interdependent. Sind beispielsweise Kapazitäten in der Pro-duktion ausgelastet (Y↑) und wird in Folge dessen der Arbeitsmarkt geräumt, besteht explizit die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale.

Gegenüber dem Produktionsoutput steigt das Lohnniveau (w ↑) über-proportional an (Kosteninflation). Auf dem Gütermarkt ist in einer solchen Situation oftmals ein Nachfrageüberhang zu konstatieren (P ↑ ® Nachfrageinflation), welche sich im Inflationsprozess kumulieren. Geschäftsbanken (GB`s) und die Zentralbank (ZB) sind am Interbankenmarkt (auch Geldmarkt) aktiv. Daraus ergibt sich das volkswirtschaftliche Kreditvolumen. Die Zentralbank erfüllt die Funktion des „lender of last resort“. D.h., sie ist Hüterin der Währung und verhindert die Erosion des Geldsystems. Die ZB verteidigt die notwendige monetäre Knappheit der Ökonomie durch Wiederherstellung des endogenen Marktmechanismus. Andererseits gewährleisten die ZB zusammen mit dem Bankensystem die Liquidität der WiSu. Denn bei einem Liquiditätsengpass können Löhne nicht ausbezahlt werden und Kreditketten reißen. Die Funktion des lender of last resort wäre beschädigt.[19] Die Zentralbank agiert je nach geldpolitischen Zielen, z.B. der Preisniveaustabilität, und beeinflusst sowohl durch die Steuerung der Refinanzierungszinssätze als auch des Geldschöpfungsmultiplikators die Liquiditätssituation der GB`s. Restriktive (i ↑) und expansive (i ↓) Zinspolitik ist eine der Handlungsoptionen der ZB. Die Verwendung von Zinssätzen zur Regulierung der Geldmenge ist den indirekten Steuerungsmechanismen zuzuordnen. Die Zentralbank gewährleistet die harte makroökonomische Budgetrestriktion, daher muss sie in einer solchen Situation das volks-wirtschaftliche Kreditvolumen begrenzen. In entwickelten Industrieländern erhöht die ZB die Refinanzierungszinssätze. Dies impliziert meist auch eine Erhöhung der langfristigen Kreditzinsen der GB`s. Als Kausalkette dargestellt: Geldüberhang P↑ → Zinserhöhung i↑ → Kreditvolumen ↓ → Zentralbank-geldmenge M0 ↓ → Investitionstätigkeit I ↓ → Konsum C ↓ → aggregierte Nachfrage N ↓ → Wachstum BIP bzw. Y ↓ → meist verbunden mit Arbeitslosigkeit ↑ und v.v. Restriktive Geldpolitik stellt die monetäre Knappheit der Geldwirtschaft wieder her.

Das keynesianische Geldsystem fokussiert die Investitionstätigkeit im Transformationsprozess.

Die Geldpolitik der ZB kann also auch diskretionär erfolgen, versus der neoklassisch neutralitätsgarantierenden regelgebundenen Geldpolitik. Zu restriktive Geldpolitik kann sich nämlich als dysfunktional erweisen, wenn massive Zinserhöhungen i↑ die Investitionen unterdrücken. Charakteristisch für die Kohärenz einer Geldwirtschaft ist also die Disposition über Geld. Als Kausalkette verdeutlicht: „Geldvorschuss → Investitionen → Einkommens-bildung (Beschäftigung) → Ersparnisse“.[20]

Preisniveaustabilität und ein funktionsfähiger Vermögensmarkt bilden somit eine Grundlage, um inländisches Geldvermögen zu attrahieren (Ersparnisse S). Die Akzeptanz des inländischen Geldes ist als Voraussetzung für die Kohärenz der Geldwirtschaft zu bewerten. Harte monetäre Budgetrestriktionen sind Kernelemente der Transformationsstrategie. Erforderliche, aber nicht hin-reichende Bedingung für gesamtwirtschaftliche Stabilität ist die Etablierung der harten makroökonomischen Budgetrestriktion. Wichtig ist, dass zu Beginn des Transformationsprozesses die harte makroökonomische Budgetrestriktion etabliert wird. Zunächst erscheint es als durchaus konform, aus sozialen und wirtschaftlichen Stabilitätsgründen eine partiell weiche mikroökonomische Budgetrestriktion mit der harten makroökonomischen zu kombinieren.[21]

Angestrebt werden sollte mittelfristig auch die Einführung der harten mikro-ökonomischen Budgetrestriktion. Im Keynesianismus vertraut man nicht spontanen sich selbst entfaltenden Marktkräften, sondern ist hinsichtlich der Markteffizienz kritischer. Diese Kritik stellt die Intention zur staatlichen Subventionierung und Förderung von Investitionen dar. Wirtschaftspolitische Eingriffe sind wünschenswert und keineswegs obsolet. Insgesamt präferiert die keynesianische Transformationsstrategie den gradualistischen Weg.

1.2.3 Fazit

Bezüglich der ökonomischen Transformationstheorien sind zwei konträre Ansätze zu konstatieren. Die daraus abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen implizieren vollkommen unterschiedliche Strategien. Der neoklassische Ansatz basiert auf der Annahme der exogenen Ressourcen-ausstattung und postuliert die Markteffizienz. Der Etablierung der Tauschwirtschaft inhärent ist die Schock-Strategie. Den osteuropäischen Transformationsländern, u.a. auch Russland, oktroyierte der IWF die

Big-Bang-Strategie auf. Die Auswirkungen und Folgen des neoklassischen Paradigmas für das russische Finanzsystem und die Gesellschaft werden von mir im dritten Teil der Diplomarbeit dargestellt.

Keynes definiert die Rolle der Geldsphäre anders und argumentiert anhand der Etablierung der harten monetären Budgetrestriktionen. Die Kritik der axiomatischen Markteffizienz schlägt sich u.a. in investitionsfördernde wirtschaftspolitische Empfehlungen für Transformationsländer nieder.

Zentraler Aspekt bei Keynes ist die Schaffung einer akzeptierten Währung.

Gradualistische Transformation reduziert überdies die sozialen und ökonomischen Anpassungskosten. Chinas ökonomische Transformation verlief bisher graduell und überaus erfolgreich. Insgesamt favorisierte China einen wirtschaftspolitischen Kurs, der dem „Washington Consensus“ diametral zu-

wiederlief.[22]

Die chinesische Affirmation zur keynesianisch inspirierten Transformations-theorie ist unübersehbar. Im nun folgenden Teil werde ich eine Hinführung zum sonderbaren chinesischen Mix aus planwirtschaftlichen und keynesianischen Elementen geben.

2. Entwicklung Chinas

China ist mit seiner Fläche von 9.560 900 km2 ein Land der Superlative und Extreme.[23] Es ist nach Russland und Kanada das drittgrößte Land der Erde. Etwa ein Fünftel der gesamten Weltbevölkerung lebt in China. Insgesamt ist bis dato die chinesische Gesellschaft vorwiegend ländlich geprägt, etwa 60% der Arbeitskräfte sind in der Landwirtschaft tätig.[24]

China zeigt derzeit einen beispiellosen Aufstieg zu einem ambitionierten „Global Player“ in der Weltöffentlichkeit[25] und ist unbestritten ein wichtiger Faktor in der Weltwirtschaft geworden. Der Wohlstand des Landes stieg in der Vergangenheit sukzessive an. Indikatoren der Entwicklung wie z.B. das reale Sozialprodukt sowie das Pro-Kopf- Einkommen verzeichneten in den letzten 20 Jahren erhebliche Zuwächse.

Der Aufstieg des Reichs der Mitte ist jedoch ein schwieriger Weg voran. So hat China weiterhin den Status eines Entwicklungslandes z.B. gemessen am Pro-Kopf-Einkommen. China wird auch als catch-up-Ökonomie bezeichnet, d.h. niedriges Pro-Kopf-Einkommen verbunden mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten. In der Literatur wird häufig der Begriff des chinesischen Sonderwegs zu Entwicklung und Wachstum verwendet. Als Sonderweg stellt sich zweifelsohne die gewählte Strategie heraus, welche deutlich von den westlichen Empfehlungen abwich (s.h. 2.1). Die originären Elemente der wirtschaftlichen Transformation in China und die der osteuropäischen Transformationsländer differieren nicht allzu sehr voneinander. Divergierende Entwicklung rekurriert gemäß Naughton auf dem unterschiedlichen Zusammenwirken der Elemente. So kann der ökonomische Wandel in einer Aufwärtsspirale oder in einem Teufelskreis vor sich gehen.[26] Die Interdependenz der Transformationsschritte kennzeichnet auch den chinesischen Reformprozess. Diesen Sonderweg als solchen zu bezeichnen rührt daher, weil China als einziges Transitionsland bislang keine tiefgreifende Krise erleben musste. Bisher korrelierten die einzelnen Elemente der Reformen positiv miteinander und China befindet sich in einer Aufwärtsspirale. Die höchsten Wachstumsraten unter den Transformationsökonomien werden von China generiert.

2.1 Allgemeiner chinesischer Transitionsprozess

Ministerpräsident Zhou Enlai leitete 1971 die außenpolitische Öffnung ein.

Anstoß hierfür war, dass die VR China einen permanenten Sitz mit Vetorecht im UN-Sicherheitsrat erhielt. Die grundlegende Richtungsänderung in der Wirtschaft leitete ab 1978 der Politiker Deng Xiaoping ein. Der Slogan des Reformers lautete: „Es ist egal, ob eine Katze weiß ist oder schwarz, Hauptsache, sie fängt Mäuse.“.[27] D.h., es ist irrelevant, durch welche Wirt-schaftsordnung der Wohlstand errungen wird. China befindet sich in einem Transformationsprozess von einer zentralen Planwirtschaft zu einer sozialistischen Marktwirtschaft.[28] Die politische Herrschaft der

Kommunistischen Partei blieb im Gegensatz zu Russland unangetastet.

Politisch bewusst graduelle Transformation kennzeichnet die chinesische Ökonomie seit 1978. Die Veränderung einzelner strategisch wichtiger Komponenten stand im Fokus der Strategie. Reformen mit einzelnen Markt-elementen wurden quasi „im Kleinen“ in sog. Sonderwirtschaftszonen und nur in bestimmten Segmenten der Wirtschaft auf ihre Effizienz und Sozialver-träglichkeit getestet. Bei Erfolg erweiterte die Regierung den Wirkungskreis auf andere Branchen und Sektoren. Misslang ein Reformprojekt, resultierten daraus weder gesamtwirtschaftlicher Schaden noch mögliche soziale Spannungen. Somit bewahrte sich die Regierung ihre Autorität und die Kontrolle der ökonomischen Prozesse.[29] Überdies existierte in China kein strategisch ausgeklügeltes Konzept zur Transformation. Sachs beschreibt den Gradualismus anhand der einzelnen Elemente: Liberalisierung des privatwirtschaftlichen Sektors bei gleichzeitiger Beibehaltung der Staatsunternehmen sowie einer graduellen Preisfreigabe.[30] Stiglitz bezeichnet den gradualistisch geprägten chinesischen Transformationsprozess, mit dem Begriff der „schöpferischen Zerstörung“, bei dem die planwirtschaftliche Ökonomie in eine Geldwirtschaft transferiert wird.[31]

Zunächst wurde im Agrarsektor 1978 ein Pachtsystem anstelle der Pro-duktionskollektive eingeführt. De facto fand eine Teilprivatisierung statt. Daraus resultierte eine mittelfristige Erhöhung sowohl der Nahrungs-mittelproduktion als auch der Produktivität.[32] Ab Mitte der achtziger Jahre forcierte die experimentierfreudige chinesische Führung auch nichtagrarische Sektoren.

Zum Herauswachsen aus der zentralen Planwirtschaft präferierte China ab 1982 die Strategie des sog. dual-track-system. Mit zweigleisigem System (chin: shuangguizhi) ist die parallele Existenz zweier Preisbildungs-mechanismen gemeint.[33] Das dual-track-system gewährleistete viele mikroökonomisch wichtige Anreize beim Grenzerlös und unterminierte so massive Umverteilungen.[34] Der Markt konnte damit schrittweise und vorsichtig unverzerrte Preise eruieren. Bis 1997 dauerte die schrittweise Preis-liberalisierung an. Zunächst wurden unwichtige Konsumgüter von der staatlichen Preisbindung freigestellt. Im weiteren Verlauf der Reform wurden Agrarprodukte preislich liberalisiert. Marktmechanismen steuerten bereits 1985 etwa 75% der agrarischen Produkte und 70% des Einzelhandelsumsatzes.[35] Bei den Produktionsgütern lag der Anteil bei 40%. Den Staatsunternehmen wurde weiterhin ein bestimmtes Produktionsvolumen vorgeschrieben, allerdings konnte die darüber hinausgehende Überschussproduktion zu marktwirt-schaftlichen Preisen angeboten werden. Aufgrund der graduellen Preis-liberalisierung konnte ein Inflationsschub vermieden werden. Staatsunternehmen (Großindustrie) erhielten durch die schrittweise Liberalisierung der Mengensteuerung die notwendige Flexibilität, sich an Marktprozesse anzupassen. Elementar für den Transformationsprozess ist die Substitution des Mengenplanes durch harte monetäre Budgetrestriktion. Die staatliche Mengenplanung wurde substituiert durch den Kreditplan. Zusätzlich subventionierte die Regierung ausgesuchte Unternehmen. Nun bekam der Kreditplan für die Steuerung der Investitionen eine stärkere Gewichtung gegenüber dem Mengenplan (s.a. 1.1). Die direkte Mengensteuerung wurde eliminiert. Marktwirtschaftliche Unternehmen sind seit 1978 in der VR China zugelassen.[36] Diese KMU in Form von „quasi-privatwirtschaftlichen“ Kollektivbetrieben (TVE’s = Township and Village Enterprises) entwickelten sich ohne staatliche Finanzierung langsamer. Doch seit 1985 ist ihr Einfluss insbesondere durch die Kooperation mit ausländischen Unternehmen ge-wachsen. Parallel dazu entwickelten sich langsam Privatunternehmen, die absolut wettbewerbs- bzw. marktorientiert wirtschaften. In der Summe führte diese Entwicklung zu einer permanent sinkenden Zahl an Staatsunternehmen.

Inzwischen existieren noch etwa 40.000 staatliche Untenehmen, (1990: über 100.000).[37] Ende der neunziger Jahre wurden viele kleinere und mittlere Staats-unternehmen privatisiert. Große staatliche Unternehmen wurden in AGs umgewandelt. Seit 1997 ist privatwirtschaftlicher Aktienbesitz gestattet. Die Mehrheitsanteile verblieben in staatlicher Hand. Alte Staatsmonopolisten wurden bisher in den Branchen Flugverkehr, Telekommunikation, Automobilindustrie und Energie zerschlagen.

Etliche große staatliche Unternehmen unterliegen bis heute keinem Insolvenzrisiko. Die Kreditvergabepolitik erfolgte zweckgebunden und war politisch motiviert. Lokalpatriotismus und soziale Gründe spielten bei der Kreditvergabe eine nicht zu unterschätzende Rolle. Verluste realisierende Unternehmen wurden nach planwirtschaftlicher Manier durchfinanziert. Folglich verzerrte diese Politik die Allokation der Ressourcen.

Bislang existieren für große Staatsunternehmen nur partiell harte mikro-ökonomische Budgetrestriktionen. Die Reformierung der Kreditallokation i.V.m. der Unternehmensreform stand demzufolge im Mittelpunkt der Reform-bemühungen hin zu einer harten Budgetrestriktion (s.a. 2.3.1). Insgesamt ist die

harte mikroökonomische Budgetrestriktion nur begrenzt funktionsfähig.

Priorität für den erfolgreichen Transformationsprozess hat die Etablierung der harten makroökonomischen Budgetrestriktion (s.a. 1.2.2). China gelang dies gleich am Anfang seines Öffnungsprozesses. Die chinesische Führung ver-hinderte dadurch inflationäre Tendenzen. So konnte die Akzeptanz des Yuan bei den Chinesen aufrecht erhalten werden, was in einer hohen Sparquote (s, ca. 40% des Sozialprodukts) zum Ausdruck kommt. Für die Herstellung der harten makroökonomischen Budgetrestriktion bediente sich die ZB (People`s Bank of China PBoC) des Kreditplans.[38] Dieser determinierte das absolute Kreditvolumen für die staatlichen GB`s. Parallel dazu regulierte die ZB die Verleih- und Depositenzinssätze. Die GB`s hatten jedoch die Möglichkeit, innerhalb eines von der ZB festgelegten Korridors die Zinssätze frei zu bestimmen. Die Zinsstruktur unterlag auch hier politischen Ambitionen. Geäußert hat sich die erzwungene Zinsstruktur in z.B. Habenzinsen>Sollzinsen. Staatsunternehmen wiesen noch immer den planwirtschaftlichen Investitionshunger auf, so dass ein massiver Nachfrageüberhang das Kreditsystem kennzeichnete. Aufgabe der Regierung war es daher zur Etablierung der hard budget constrait die Kreditrationierung durchzusetzen. Prämisse für das Gelingen der politischen Kreditrationierung war die uneingeschränkte Handlungsfähigkeit der Regierung.

Zweimal bestand die Gefahr eines Zusammenbruchs des Systems. Die beiden Perioden (1988/89 und 1993/95) waren von signifikant ansteigenden Inflations-raten gekennzeichnet (20% und 24%).[39] Ursächlich hierfür war die Bildung einer Lohn-Preis-Spirale, verbunden mit expansiver Kreditvergabe (s.a. 1.2.2). Die ZB musste als „lender of last resort“ die Erosion des Geldsystems ver-hindern, sie reagierte mit repressiver Geldpolitik (Y↓), und führte die Inflationsrate (P↓) auf ein dem Sozialprodukt entsprechendes Niveau zurück (soft landing).

Andere Bereiche wurden bewusst vorerst nicht liberalisiert bzw. reformiert. In China bestehen z.T. bis heute strenge Vorschriften bezüglich der außenwirt-schaftlichen Beziehungen, z.B. in Form von Kapitalverkehrskontrollen. Kapitalflucht verbunden mit der Dollarisierung des inländischen Währungs-raumes, wie z.B. in Russland, ist in China irrelevant, da faktisch nicht existent. Durch den langsamen chinesischen Weg konnte eine Erosion der Investitionen und des Sozialproduktes vermieden werden.

2.2 Gesamtwirtschaftliche Entwicklung

Der chinesische Entwicklungsprozess wird primär von Investitionen getragen.

Zweitens verfolgt die chinesische Regierung eine exportorientierte

Entwicklungsstrategie. Der Aufbau der Importsubstitutionsindustrie, verbunden mit der exportorientierten Weltmarktausrichtung sind die wichtigsten Elemente der chinesischen Strategie. Zunächst produzierte China billige Massenprodukte, später dann auch High-Tech Produkte. China gelang eine Verzahnung der attrahierten Kapitalimporte (FDI= Foreign Direct Investment, ausländische Direktinvestitionen) mit der Binnenökonomie. Sie nutzten das ausländische Know-how zur Diversifizierung ihrer inländischen Produktion. Gleichzeitig steigerten sie durch die strikten Kapitalverkehrskontrollen ihre Währungsreserven [ZB=DB(+)].[40] Die Fokussierung auf dieses Konzept hat den Vorteil, dass Leistungsbilanzdefizite LB (-) verbunden mit steigender Fremdwährungsverschuldung (= Währungs-reserven WR↓) verhindert werden. Weitere Effekte sind eine Erhöhung der Produktion (Y↑) und der Beschäftigung (Employment E↑), so dass eine Stimulierung der Binnennachfrage (N↑→ C↑) erfolgte.[41]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund der hohen Investitionsquote ( I↑) konnte ein hohes Wachstum (Y↑) generiert werden, was wiederum das Vertrauen der WiSu stärkte.

Durch diese Entwicklung verfünffachte sich das Pro-Kopf-Einkommen von

1990 - 2004.

Zuletzt stieg das Pro-Kopf-Einkommen (2003 - 2004) von 2.622 Yuan auf 2.936 Yuan, +6,8% an.[43] Das Einkommen von über 200 Mio. Chinesen konnte über die Armutsgrenze gehoben werden (s.a. Tab.5).

Die DekaBank prognostiziert für 2005 ein BIP-Wachstum von 8,8% und für

das Jahr 2006 8,1%.[44]

Den zwei Perioden der inflationären Entwicklung, folgten Ende der neunziger Jahre, im Gefolge der Asienkrise, deflationäre Tendenzen (P↓, Y↓).

Expansive Fiskalpolitik i.V.m. politischer Kreditvergabe konnten die Nachfrage und das Wachstum wieder stabilisieren. Rekurrierend auf die positiven fundamentalen Daten stufen heute die Rating-Agenturen das Länderrisiko Chinas auf: Moody`s: A2; S&P: BBB+; Fitch: A- ein.[45]

Die strikten Kapitalverkehrskontrollen bewirkten die Dominanz von Direktinvestitionen und bewahrten die chinesische Wirtschaft vor Kapitalimporten in Form von spekulativem hot money.

Tab. 2: Indikatoren der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas[46]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

China erreichte so gemäß Herr/Tober eine sich selbst stabilisierende Marktkonstellation.[47] Die positive gesamtwirtschaftliche Entwicklung sollte jedoch nicht über die weiterhin bestehenden signifikanten Strukturschwächen, insbesondere im Bankensystem, hinwegtäuschen.

2.3 Finanzsystem

In China fungierten die Staatsunternehmen als Einheit (chin. danwei) und gewährleisteten den Angestellten neben Arbeit auch Wohnungen, Kinder-gartenplätze, Krankenversorgung und Rentenzahlungen. Deshalb türmen sich hohe Verluste auf. Außerdem haben die Staatsunternehmen Know-how Nachteile gegenüber ausländischen Konkurrenten. Aus sozialen und dogmatischen Gründen finanzierte die ZB, kanalisiert durch die GB`s, diese Staatsunternehmen. Im Resultat summieren sich, offiziell, die uneinbringlichen Forderungen der chinesischen Staatsbanken auf etwa 25% des BIPs. Gleich-zeitig waren entsprechende Abschreibungsvorschriften obsolet. Die Dunkel-ziffer der faulen Kredite dürfte weitaus höher liegen. Schätzungen stufen ca. 40-50% aller Unternehmenskredite als zweifelhaft ein, dies entspricht etwa 60% des chinesischen BIPs bzw. 600 Mrd. US$.[48] China verfügt daher nur über ein partiell funktionsfähiges Finanzsystem. Die Entwicklung zu einem voll funktionsfähigen Finanzsystem steckt noch in den Kinderbeinen.

[...]


[1] vgl. http://www.handelsakademie.at/material/vwl/Wirtschaftsordnungen.doc, S. 1-2, 8-9

[2] vgl. Herr, H., Das Finanzsystem in der VR China. Funktionsweise und Reformdruck, in: Herr, H /et al (Hrsg.), Nachholende Entwicklung in China. Geldpolitik und Restrukturierung, FHW- Forschung 40/41, Berlin 2002, S. 25f.

[3] vgl. Stiglitz, J., Die Schatten der Globalisierung, 2. Auflage, München 2004, S. 185

[4] vgl. Herr, H., Theorien und Erfahrungen ökonomischer Transformation von Planwirtschaften in Geldwirtschaften, in: Hopfmann, A./Wolf, M. (Hrsg.), Transformationstheorie - Stand, Defizite, Perspektiven, Politische Soziologie;13, Münster 2001, S. 269

[5] vgl. Höhmann H.-H., Die russische Marktwirtschaft: Übergangsordnung oder Wirtschaftsystem auf Dauer, in Höhmann H.-H./Schröder, H.-H. (Hrsg.), Russland unter neuer Führung. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am Beginn des 21.Jahrhunderts, Münster 2001 S. 122

[6] vgl. Höhmann H.-H., a.a.O., Münster 2001, S. 121f.

[7] vgl. Müller, K., Konkurrierende Paradigmen der Transformationsforschung, in: Hopfmann, A./Wolf , M.(Hrsg.), Transformationstheorie - Stand, Defizite, Perspektiven, Politische Soziologie;13, Münster 2001, S. 242

[8] ebenda, S. 209f.

[9] vgl. Herr, H., a.a.O., Münster 2001, S. 261ff.

[10] vgl. Stiglitz, J., a.a.O., München 2004, S. 96

[11] vgl. Herr, H., a.a.O., Münster 2001, S. 266

[12] ebenda, S. 273

[13] vgl. Kulke, G., Exportorientierte Entwicklungsstrategie in der VR China, in : Herr, H /et al (Hrsg.), Nachholende Entwicklung in China. Geldpolitik und Restrukturierung, FHW- Forschung 40/41, Berlin 2002, S. 154

[14] vgl. Müller K., a.a.O. , Münster 2001, S. 217

[15] vgl. Wiegert, R., Transformation, Wachstum und Wettbewerb in Russland, Heidelberg 2003, S. 1

[16] vgl. Müller K., a.a.O. , Münster 2001, S. 227

[17] vgl. Herr, H., a.a.O., Berlin 2002, S. 28

[18] ebenda, S. 28

[19] vgl. Herr, H./ Tober, S. Unterschiedliche Marktkonstellationen. Was unterscheidet die Entwicklung in der VR China von den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und den Visegrádstaaten?, in Herr, H./ et al. (Hrgs.), Der „lange Marsch“ in die Marktwirtschaft: Entwicklungen und Erfahrungen in der VR China und Osteuropa, FHW- Forschung 34/35, Berlin 1999, S. 105

[20] vgl. Herr, H., a.a.O., Münster 2001, S. 273

[21] ebenda, S. 273

[22] vgl. Stiglitz, J., a.a.O., München 2004, S. 171

[23] vgl. Morgenstern, M., China - ein Land der Extreme, in China Polyglott Reiseführer, Berlin 2003, S. 61

[24] vgl. Naughton, B., Reform einer Planwirtschaft: Ist China einzigartig?, in Herr/Hübner (Hrsg.), Der lange Marsch in die Marktwirtschaft: Entwicklungen und Erfahrungen in der VR China und Osteuropa, FHW-Forschung 34/35, Berlin 1999, S. 67

[25] vgl. Melloan,G., Chinas Weg zum “Global Player”, The Wallstreet Journal, Handelsblatt Nr.252, 28.12.2004.pdf, S. 6

[26] vgl. Naughton, B., a.a.O., Berlin 1999, S. 46

[27] Grobe-Hagel, K., Der schwierige Weg voran, in China Polyglott Reiseführer, Berlin 2003,

S. 51

[28] vgl. Hübner, K., Das chinesische Wachstumsregime. Außenwirtschaftliche Aspekte eines transformatorischen Sonderwegs, in Herr, H. et al. (Hrsg.), Der „lange Marsch“ in die Marktwirtschaft: Entwicklungen und Erfahrungen in der VR China und Osteuropa, FHW-Forschung 34/35, Berlin 1999, S. 120

[29] vgl. Herr, H./Hübner, K., Wachstumsregime und ökonomische Transformation. Makroökonomische Entwicklungen und mikroökonomische Erfahrungen in vergleichender Perspektive, in Herr, H. et al. (Hrsg.), Der „lange Marsch“ in die Marktwirtschaft: Entwicklungen und Erfahrungen in der VR China und Osteuropa, FHW-Forschung 34/35, Berlin 1999, S. 13

[30] vgl. Sachs, J./ Woo, W.T., Zum Verständnis der Reformerfahrungen in China, Osteuropa und Russland in Herr, H. et al. (Hrsg.), Der „lange Marsch“ in die Marktwirtschaft: Entwicklungen und Erfahrungen in der VR China und Osteuropa, FHW-Forschung 34/35, Berlin 1999, S. 19

[31] vgl. Stiglitz, J., a.a.O., S. 241

[32] vgl. Herr, H., a.a.O., Münster 2001, S. 286

[33] vgl. Naughton, B., a.a.O., Berlin 1999, S. 50f.

[34] vgl. Stiglitz, J., a.a.O., München 2004, S. 240

[35] vgl. Herr, H./Tober, S., a.a.O., Berlin 1999, S. 108

[36] vgl. Herr, H., a.a.O., Münster 2001, S. 287

[37] vgl. D:\Alte Platte\Festplatte D\ZWEITER\Uni\China Material\Handelsblatt_biz Archivsuche.htm China: Crash oder weiche Landung ?, aus Wirtschaftswoche, 24.09.2004

[38] vgl. Herr, H., a.a.O., Münster 2001, S. 289f.

[39] vgl. Herr, H., a.a.O., Berlin 2002, S. 38

[40] vgl. Kulke, G., a.a.O., Berlin 2002, S. 157

[41] ebenda, S. 155

[42] vgl. Herr, H./ Tober, a.a.O., Berlin 1999, S. 81ff.; Statistisches Bundesamt, Länderprofil China, Ausgabe 2002, S. 3ff.pdf; DekaBank, EMI_November2002.pdf, S. 8;

[43] vgl. Bfai, Wirtschaftsdaten aktuell Nov. 2004, Nr. 159610

[44] vgl. DekaBank, EMB_April_2005.pdf, S. 2

[45] vgl. DekaBank, EMO_April_2005.pdf, S. 14

[46] vgl. Statistisches Bundesamt, Länderprofil China, Ausgabe 2002, S. 3ff.pdf; DekaBank, EMI_November2002.pdf, S. 8; Wirtschaftswoche, 21.04.2005, Ausgabe Nr.17, Weltwirtschaft, S. 42; http://www.bjrundschau.com/2004-20/2004.20-china-1.htm ,S. 2 Herr, H./ Tober, a.a.O., Berlin 1999, S. 81ff, www.auswaertiges-amt.de/www/de/laenderinfos/laender/laender_ausgabe_html?type_id=24&land_id=32

[47] vgl. Herr, H./ Tober, a.a.O., Berlin 1999, S. 111

[48] vgl. Herr, H., a.a.O., Berlin 2002, S. 24

Details

Seiten
86
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638412797
Dateigröße
1005 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43510
Institution / Hochschule
Fachhochschule für Wirtschaft Berlin
Note
1,1
Schlagworte
Vergleichende-Analyse Transformationsländer Russland China Fokus Finanzsysteme

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Titel: Vergleichende-Analyse der Transformationsländer Russland und China mit besonderem Fokus auf die Finanzsysteme