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Die entwicklungspsychologische Deutung des Märchens Rotkäppchen nach Freud

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sigmund Freud und die Psychoanalyse
2.1. Trieblehre und Libido
2.2. Dreiinstanzenmodell
2.3. Die psycho-sexuelle Entwicklung
2.4. Das Unbewusste im Traum

3. Märchen
3.1. Das Märchen Rotkäppchen

4. Ebene 1: Erziehung im Märchen
4.1. Entwicklungspsychologische Deutung
4.2. Bildungsweg mit symbolischer Deutung

5. Ebene 2: Erziehung mit Märchen

6. Zusammenassung

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Noch nach hunderten von Jahren nehmen uns Märchen in ihren Bann. Wir lieben die Vorstellung, dass das Gute immer siegt und, dass das Böse seine gerechte Strafe bekommt. Wir lassen uns gerne verzaubern und tauchen in eine Welt ein, in der Magie existiert, Tiere und Gegenstände sprechen können und in der Hoffnung wahrhaftig als Letztes stirbt. Als Kinder waren wir fasziniert von dieser Welt. Obwohl wir wussten, dass diese nicht existiert, wollten wir immer ein Teil davon bzw. genauso sein wie unsere Lieblingsfiguren. Wenn wir heute als Erwachsene diese Märchen lesen, sind wir meist überrascht und brüskiert wenn wir merken, dass die Märchen doch sehr grausam und unmoralisch sind. Wenn man bedenkt, dass die kleine Gretel eine Hexe umbringt und wir dabei Wohlwollen empfinden, ist dies schon erschreckend. Sowie die Tatsache, dass Gretels Vater seine Kinder alleine im Wald aussetzt. Aschenputtels Stiefschwestern hacken sich ihre Fersen ab und die böse Königin von Schneewittchen tanzt sich zu Tode. All dies empfanden wir als Kinder niemals als schlimm und heute fragen wir uns, wieso solche Geschichten unsere Kindheit so beeinflusst haben und was wir daraus gelernt haben. Um die Frage des Lernens zu beantworten, wäre es sinnvoll das Märchen nicht mehr unter dem Blickwinkel eines Kindes oder Erwachsenen zu betrachten, sondern mit den Augen eines Psychoanalytikers, um die Entwicklung der Figuren nachzuvollziehen und daraus Erkenntnisse über deren Lernfortschritt zu erlangen. Diese Hausarbeit bezieht sich auf Sigmund Freud, da sich viele Aspekte seiner Theorie anwenden lassen. Dort wo das Gewissen sich meldet, ist das Über-Ich zu erkennen. Dort wo den Trieben nachgegangen wird, ist das Es im Vordergrund. Aber wann beginnt die Trieberfüllung an schädlich zu werden? Diese Hausarbeit handelt von den entwicklungspsychologisch gedeuteten Ansätzen des Märchens „Rotkäppchen“ und davon, was man auf dessen Basis lerntechnisch, in Bezug auf Erziehung mitnehmen kann. Die Frage ist somit was Eltern und Kinder, auf der Basis von der entwicklungspsychologischen Deutung Freuds, aus dem Märchen „Rotkäppchen“ lernen. Das Ziel dieser Ausarbeitung ist „Rotkäppchen“ entwicklungspsychologisch zu deuten und danach Rückschlüsse auf den Lernprozess zu schließen. Zunächst einmal werde ich auf die Theorien von Freud mit dem Fokus auf die für diese Arbeit nützlichen Aspekte eingehen. Dann wird das Märchen zusammengefasst und es werden zentrale Aspekte eines Märchens genannt. Eine kleine Einführung in die Geschichte des Märchens „Rotkäppchen“ ist auch vorhanden. Um nun auf die Ebene der Erziehung im Märchen eizugehen, gibt es eine kurze Einleitung zu dieser Thematik. Darauf folgt eine aspektorientierte Analyse der Pro- und Antagonisten des Märchens mit der entwicklungspsychologischen Deutung. Abschließend gehe ich auf den Entwicklungsweg in Bezug auf die Märchensymbole ein. Im zweiten Teil der Ausarbeitung ist die Ebene der Erziehung mit dem Märchen zu finden. Dort wird die Frage beantwortet, was Eltern und Kinder aus diesem Märchen lerntechnisch mitnehmen können. Zu aller Letzt folgt eine kurze Zusammenfassung, in der alle Aspekte nochmal zusammengetragen werden.

2. Sigmund Freud und die Psychoanalyse

Einer der bis heute noch bekanntesten Psychoanalytiker, wenn auch umstritten, ist Sigmund Freud, welcher von 1856 bis 1939 lebte. Freud beobachtete „bei sich selbst und seinen Wiener Patienten“ (vgl. Ruch, F.L./ Zimbardo, P.G.; 1975). Durch seine Beobachtungen schloss er, dass jegliches Verhalten auf den zwei Grundtrieben, Eros und Thanatos, beruht. Freud begründete und prägte die Psychoanalyse, welche auf dem Unterbewussten und der Sexualität als Hauptbestandteil menschlichen Verhaltens beruht. Allgemein kann man sagen, dass die Psychoanalyse ein Verfahren ist, „wie man nervös Kranke ärztlich behandelt […]“ (b. Freud, Sigmund; 2015) oder anders gesagt ist es eine „psychotherapeutische Methode zur Heilung psychischer Störungen, Krankheiten, Fehlleistungen o. Ä. durch Aufdeckung und Bewusstmachung ins Unbewusste verdrängter Triebkonflikte“ (Dr. Kunkel-Razum, Kathrin (Hrsg.)/ Dr. Scholze-Stubenrecht, Werner (Hrsg.)/ Dr. Wermke, Matthias (Vors.); 2007). Um das Verhältnis vom Unterbewussten zu dem Bewussten zu erklären, dient das sogenannte „Eisbergmodell“ von Ruch/Zimbardo von 1974 (vgl. Ruch, F.L./ Zimbardo, P.G.; 1975). Dort sieht man einen Eisberg der in zwei Hälften geteilt ist. Der obere Teil, der über dem Wasser ragt, ist der deutlich geringere Teil des Eisbergs und symbolisiert das Bewusste. Der untere Teil des Eisberges, welcher deutlich der größte Teil des Eisberges ist, stellt das Unterbewusste dar. Somit wird deutlich, dass die bewussten Verhaltensweisen einer Person nur einen kleinen Anteil der menschlichen Psyche wiederspiegeln, jedoch deren Fundament im Unbewussten zu finden ist. Das Unbewusste, die untere Hälfte des Eisberges, besteht aus verschieden Schichten. Jede Schicht beeinflusst die jeweils Darüberliegende. Die erste besteht aus der genetischen Vererbung, den Instinkten. Danach folgt die psychosexuelle Entwicklung und die traumatischen Erlebnisse. Als dritte Schicht ist die Persönlichkeitsgrundlage zu finden. Die letzte Schicht im Unterbewussten sind die verdrängten Konflikte. Die nächste Schicht ist über und unter der Wasseroberfläche. Diese besteht aus Abwehrmechanismen und Angst. Nach dieser Schicht begibt man sich an die Wasseroberfläche, das Bewusste. Das Bewusste beinhaltet Gedanken, Gefühle und Wünsche und diese spiegeln sich in Testantworten, Träumen, Fehlleistungen und Assoziationen wieder (vgl. Ruch, F.L./ Zimbardo, P.G.; 1975). Durch das Modell wird deutlich, dass man die menschliche Psyche nur mit Hilfe von Betrachtung des Unbewussten erforschen kann, da die Handlungen und Aussagen einer Person nicht immer das Seelenleben wiederspiegeln.

2.1. Trieblehre und Libido

Bevor im nächsten Kapitel auf das Dreiinstanzenmodell eingegangen wird, ist es zunächst wichtig zwei Aspekte aus Freuds Theorie zu erklären, die Trieblehre und die Libido. Bei der Trieblehre handelt es sich um zwei Grundtriebe, den Eros und den Thanatos. Diese Triebe stehen „[…] grundsätzlich in Konflikt […]“ (zu finden in Anmerkungen Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010) miteinander. Generell weisen Triebe auf die körperlichen Anforderungen an das Seelenleben hin und sind das Fundament für menschliches Handeln. Sie sind das Resultat körperlicher Reize. Körperliche Reize verursachen Spannungen und der Trieb drängt zu dem Ziel, welches die Beseitigung der Spannungen ist. Der Eros, auch Geschlechts- oder Lebenstrieb (vgl. S.403 Ruch, F.L./ Zimbardo, P.G.; 1975) genannt, bezieht sich auf Art- und Selbsterhaltung. Die Energie des Eros wird Libido genannt. Die Libido ist eine psychische Energie, welche bei der Triebbefriedigung behilflich ist. Die Libido geht ebenfalls von den erogenen Zonen aus (vgl. S.16 Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010), ist jedoch nicht gleichzustellen mit der Sexualität. Der Thanatos, auch Todes- oder Aggressionstrieb und früher Destruktionstrieb genannt, bezieht sich auf die Auflösung des Menschen. Dieser Trieb wird durch Selbsthass oder Selbstzerstörung deutlich. Ein Beispiel aus unserer heutigen Zeit wäre das „Ritzen“ der Körperteile. Der Thanatos wird auch in der Zerstörung und Abstoßung von anderen Personen sichtbar. Die Energie, welche diesen Trieb antreibt, nennt Freud Destrudo. Diese Triebe lassen sich auch miteinander kombinieren. Zum Beispiel ist „der Sexualakt eine Aggression mit der Absicht der innigsten Vereinigung“ (S.13 Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010). Nachdem diese Triebe erklärt wurden, stellt sich die Frage wie die menschliche Psyche mit diesen Trieben umgeht.

2.2. Dreiinstanzenmodell

Die menschliche Psyche, oder auch psychischer Apparat genannt, besteht aus drei Instanzen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Zuerst wird das Es erklärt. Das Es ist „was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist […]“ (S.9 Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010). Das Es ist der älteste und bleibt das ganze Leben lang der wichtigste Teil, da das Es die Triebe wahrnimmt und diesen nachgehen möchte. Das Es „arbeitet [somit] irrational“ (S.366 Ruch, F.L./ Zimbardo, P.G.; 1975) und ist als primitiv zu bezeichnen. Das Es nimmt die Reize wahr und drängt daraufhin Impulse nach außen ohne darüber im Klaren zu sein, ob das Erreichen des Ziels, die Trieberfüllung, realisierbar oder moralisch vertretbar ist. Meist wird der Prozess des Agierens vom Es durch Träume deutlich. Dies wird im Kapitel 2.4 genauer erläutert.

Die nächste Instanz ist das Ich, welches zwischen dem Es und der Außenwelt vermittelt. Das Ich steht immer im Disput mit dem Es, da das Es versucht das Ich zu übernehmen (vgl. S.120 Azizi, Mimoun; 2017). Somit hat das Ich die Aufgabe der Selbstbehauptung. Das Ich entscheidet, wie weit es dem Es nachgeht und wie weit es den Trieb kontrolliert. Es lernt die Welt mit allen Reizen kennen und versucht einzuschätzen, in welcher Weise die Reize den menschlichen Organismus beeinflussen. Das Ich besteht auch aus zwei Komponenten. Die eine Komponente des Ichs ist die autonome Region des Bewusstseins. Die zweite Komponente ist der unbewusste Anteil, welchen das Ich nicht kennt (vgl. S.122 Azizi, Mimoun; 2017). Somit zeigt sich, dass das Ich und das Es unmittelbar zusammenhängen, da ein Teil des Ichs im Es zu finden ist. Ein starkes Ich ist stark gegenüber dem Es und benutzt sogar die Energien des Es für seine eigenen Zwecke.

Die dritte Instanz, das Über-Ich wird auch als der unbewusste Anteil des Ichs bezeichnet (vgl. S.129 Azizi, Mimoun; 2017). Das Über-Ich wird während des Prozesses des Aufwachsens bei den Eltern entwickelt. Was zu beachten ist, ist, dass man immer das Über-Ich der Eltern übernimmt und kein neues bildet. Das Über-Ich ist die Instanz in der Wertevorstellungen, „Familien-, Rassen- und Volkstraditionen […]“ (S.11 Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010) zu finden sind. Dort lassen sich auch die Anforderungen des sozialen Milieus finden sowie gesellschaftliche Ideale. Bei dem Über-Ich lässt sich auch die Moral finden. Das Über-Ich wird auch das Ich-Ideal genannt, welches vom Ich angestrebt wird, da dieser Teil des Ichs nach Vervollkommnung durch moralische Beschränkungen strebt (vgl. S.130 Azizi, Mimoun; 2017). Dies ist eine philosophische Sicht und gleicht der eines komplett rational denkenden und moralisch handelnden Menschen. Somit lässt sich schließlich auch sagen, dass das Ich in naher Relation zu dem Über-Ich steht. Das Ich muss sich somit mit der Instanz der Triebe auseinandersetzen und mit der Instanz der Moral und gesellschaftlicher Normen, um seine Realität zu prüfen und zu bilden. Somit wird das Ich zum Vermittler zwischen dem Es und dem Über-Ich. Da es Triebimpulse gibt, welche nicht von der Gesellschaft anerkannt werden, entwickelt der Mensch Abwehrmechanismen, welche unterbewussten psychischen Konflikten zugrunde liegen. Auch hier ist das Ich der Vermittler und muss darauf achten, dass man von diesen Mechanismen nicht zu viel Gebrauch macht, da sonst Neurosen entstehen könnten (vgl. S.367 Ruch, F.L./ Zimbardo, P.G.; 1975). Auch hier wird deutlich, dass es wichtig ist eine Ich- Stärke zu besitzen, da das Ich das Fundament für eine „gesunde“ Psyche ist. Sobald das Ich eine Ich-Schwäche aufweist, kann es passieren, dass das Es überhand nimmt und man die Triebe nicht mehr unterdrücken kann oder das Über-Ich überhand nimmt und man seine eigenen Bedürfnisse nicht beachtet. Dann bricht das Es wieder aus. Die Psychoanalyse setzt dort an, wo

das Ich Schwierigkeiten besitzt und stärkt es im Kampf als Vermittler (vgl. S.41 Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010). In diesem Kapitel wurde beschrieben, dass sich das ÜberIch im Kindesalter entwickeln muss. Freud hat verschiedene Phasen entwickelt, welche die psycho-sexuelle Entwicklung beschreiben, die ab der Geburt beginnt.

2.3. Die psycho-sexuelle Entwicklung

Die psycho-sexuelle Entwicklung beginnt schon bei der Geburt und besteht aus sieben Phasen. In diesen Phasen bildet sich die Libido. Sie folgen nacheinander und sind nicht voneinander abhängig in dem Sinne, dass das Kind einen gewissen Grad an Reife erhalten haben muss, um in die nächste Phase zu kommen. In den Phasen gibt es bestimmte sexuelle Lustzonen, welche die Reize aufnehmen. Innerhalb der Phasen können sich Konflikte entwickeln, welche von dem Ausmaß der Befriedigung abhängig sind. Exzessive Befriedigungen oder Unterdrückungen können Fixierungen in einer Phase auslösen, welche die normale Weiterentwicklung in die nächste Phase stören (vgl. S.116 Ruch, F.L./ Zimbardo, P.G.; 1975). Diese Fixierungen einer Phase werden in der Interaktion mit der Umwelt deutlich. Zum Beispiel kann eine orale Fixierung Drogensucht oder den Zwang unersättlich zu Essen erklären. Die erste Phase wird die orale Phase genannt. In ihr wird die sexuelle Lust durch Reize von der Mundhöhle und den Lippen empfunden. Diese Reize werden durch das Aufnehmen von Nahrung ausgelöst und befriedigt. Die darauffolgende Phase wird sadistisch-anale Phase genannt. In dieser Phase sind das Zentrum der Lust „aggressive und bemächtigende Aktivitäten […]“ (S.89 Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010) und die analen Sphären, das Zurückhalten und Entleeren. Die dritte Phase ist die phallische Phase. In dieser Phase ist der Lustgewinn bei den Genitalien zu finden. Wichtig zu erwähnen ist, dass es in dieser Phase ausschließlich um das männliche Genital geht und das weibliche Geschlecht gleichbedeutend mit Kastration ist (vgl. S.89 Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010). Das Besondere in dieser Phase ist, dass der Ödipuskomplex aufgelöst werden sollte. Der Ödipuskomplex beruht auf der Tragödie von Sophokles, in der Ödipus in seine Mutter verliebt ist und dessen Mann umbringt, um am Ende die Mutter zu heiraten. All dies geschieht ohne Ödipus Wissen über die Familienverhältnisse. Freud bezieht den Ödipuskomplex auf Kinder mit dem Alter von 3 und 5. Das Kind entwickelt, in der Phantasie, Liebes- und feindselige Wünsche den Eltern gegenüber. Das Kind meint starke Gefühle für sein Elternteil zu haben und beneidet das andere Elternteil um den sexuellen Kontakt. Auf dem Höhepunkt dieses Prozesses erkennt der Junge, dass er seine Mutter nicht begehren darf und ein symbolischer Kastrationskomplex entsteht. Dies kann man mit einem Beispiel aus der Evolution, das sich auf diese Betrachtung übertragen lässt, veranschaulichen. In der Menschengeschichte gab es seit der Steinzeit bestimmte Ränge innerhalb der gesellschaftlichen Schichten, aber auch unter den Geschlechtern. Somit hatte das Alpha- Männchen vorrangig das Recht auf den Geschlechtsakt mit einem Weibchen. Also wurde man damals durch die Rangabfolge oder durch die Wut eines anderen Männchens, das über einem steht, „kastriert“ und seiner Männlichkeit beraubt, man musste sich unterordnen (vgl. S.228 ff. Azizi, Mimoun; 2017). Dies geschieht auch bei dem Ödipuskomplex. Dieser ist aufgelöst, wenn der Junge aufhört seinen Vater als Rivalen zu sehen, den Inzestgedanken loslässt und keine Angst mehr hat, dass der Vater aus Wut den Jungen kastriert. Aus dem „Feind“ wird ein Vorbild und man möchte außerhalb der Familie eine Person besitzen wie seine Mutter, also ein weibliches Wesen. Bei Mädchen äußert sich dieser Kastrationskomplex darin, dass das Mädchen die Penislosigkeit verleugnet oder versucht zu kompensieren, da dieser Mangel als Nachteil empfunden wird (vgl. S.90 Lohmann, Hans Martin/ Freud, Sigmund; 2010). Somit wird deutlich, dass der Ödipuskomplex und der Kastrationskomplex wichtig für die Identitätsfindung des Kindes ist. Diese Hürde muss genommen werden, um den Prozess des „Zum-Mann/Zur-Frau-werdens“ zu durchschreiten. Nach dieser Phase folgt die latente Phase, in der sexuelle Regungen verdrängt und abgewehrt werden. In dieser Phase kommt es zu der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Mit der letzten Phase, der genitalen Phase, ist die Organisation der Libido abgeschlossen. Diese Phase geht bis zur Pubertät und löst die anderen ab oder integriert Elemente von ihnen. Ab dieser Phase ist auch das weibliche Geschlecht anerkannt und im Vordergrund. Für das Märchen Rotkäppchen sind die erste und die vorletzte Phase am wichtigsten. Weitere Aspekte zu dem Handeln der Figuren innerhalb des Märchens lassen sich in der Traumdeutung finden.

2.4. Das Unbewusste im Traum

Um das Unbewusste zu ergründen, arbeitete Freud auch mit Traumdeutungen (b. vgl. S.77ff. Freud, Sigmund; 2015). Er stellt den Traum nicht als unnütz dar und misst ihm viel Gewicht und Besonderheit bei. Der Traum sei ein „sinnreicher, psychischer Akt […] [und] seine beiden Hauptcharaktere: Wunscherfüllung und halluzinatorisches Erleben“ (b. S.123 Freud, Sigmund; 2015) gleichen einer Botschaft zum Bewusstwerden seiner inneren Triebe und Sehnsüchte. Da sich „große Dinge […] auch in kleinen Anzeichen äußern“ (b. S.78 Freud, Sigmund; 2015) ist es zur Erforschung des Unterbewussten förderlich sich auch auf Träume zu beziehen. Freud stellt die Behauptung auf, „daß in jedem Traum eine Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages aufzufinden ist“ (S.183 Freud, Sigmund; 2016). Somit wird deutlich, dass der Traum die Funktion des subjektiven Verarbeitens der Person inne hat. Es wird die Verarbeitung eines Wunsches sichtbar, welcher meist erfüllt wird. Die Person bekommt einen psychischen Reiz und dieser wird im Traum verarbeitet. Der Traum ist somit der „ Schlafh ü ter, der Beseitiger von Schlafst ö rungen “ (b. S.121 Freud, Sigmund 2015). Dies zeigt, dass der psychische Reiz am Tag so verarbeitet werden soll, dass er ins Unterbewusste verankert wird, um am Abend einschlafen zu können. Im Traum wird der Reiz schließlich verarbeitet und nochmals „erlebt“, die persönliche Empfindung der Person kommt hinzu und man taucht in das Unterbewusste ein. Nicht nur der Tag an sich, sondern auch Kindheitserinnerungen, Liebreize und unbewusste Wünsche werden im Traum deutlich. Freud unterscheidet bei Träumen den latenten und manifesten Traum. Der manifeste Traum wird als das konkrete Traummaterial bezeichnet. Es ist das Material, welches nach dem Erwachen noch im Gedächtnis bleibt und es ist die Art und Weise, auf die der Inhalt des latenten Traumes umgesetzt wird. Von dem manifesten Traum, welcher an der Oberfläche, das Bewusste, ist versucht man auf den latenten Traum rückzuschließen und in das Unterbewusste einzutauchen. Der latente Traum ist somit die Rückführung zu dem manifesten Traum und das Gegenstück als dessen Erklärung. Er ist das Unbewusste, was es zu erforschen gilt. Der latente und manifeste Traum geben zusammen „ die Umsetzung des Gedankens in Erlebnis “ (b. S.121 Freud, Sigmund; 2015). Für diese Hausarbeit ist es in Bezug auf das Märchen interessant sich die Kinderträume genauer anzusehen. Bei Kinderträumen ist das triebgesteuerte Handeln besonders erkennbar und der Ablauf dieser Träume dient in der späteren Märchenanalyse als Fundament für die Handlungen der Figuren. Kinderträume gelten bei Freud als infantil (vgl. b. S.124 Freud, Sigmund; 2015 / vgl. a. S.149 Freud, Sigmund; 2014) und sind „kurz, klar, kohärent, leicht zu verstehen, unzweideutig […]“ (b. S.118 Freud, Sigmund; 2015). Ein Beispiel aus Freuds Forschungen handelt von einem 3 ¼ - jährigem Mädchen, welches zum ersten Mal mit einem Boot über einen See gefahren ist. Als sie aussteigen musste, habe sie bitterlich geweint. Am nächsten Morgen erzählt sie, sie sei in der Nacht auf dem See gefahren (b. vgl. S.119 Freud, Sigmund; 2015).

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Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668763685
ISBN (Buch)
9783668763692
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v435248
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Märchen Rotkäppchen Entwicklungspsychologisch psycho-sexuelle Entwicklung Sigmund Freud Märchendeutung

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Titel: Die entwicklungspsychologische Deutung des Märchens Rotkäppchen nach Freud