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Der Gang der Brigata durch die Gärten in Boccaccios "Decameron"

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangssituation in Florenz

3. Der Gang durch die Gärten
3.1 Der erste Garten
3.2 Der zweite Garten
3.3. Der dritte Garten

4. Die Rückkehr nach Florenz und ihre Bedeutung für die Brigata

5. Exkurs: Die Wichtigkeit der Rahmenerzählung für das Decameron

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Umana cosa è aver compassione degli afflitti[1] [Es ist menschlich, Mitleid mit den Betrübten zu haben]. Mit diesen Worten, die in der vorliegenden Arbeit eine wichtige Rolle spielen, beginnt das Decameron von Giovanni Boccaccio, das in den Jahren 1349 bis 1353 entstand und das aus einer Rahmenerzählung, dem cornice, und hundert erzählten Novellen besteht.

In der Rahmenerzählung wird die Flucht von zehn jungen Erwachsenen, der lieta brigata oder kurz Brigata, aus der Peststadt Florenz geschildert. Sie ziehen sich aufs Land zurück und durchlaufen auf ihrer Flucht drei verschiedene Stationen, die jedes Mal in einem neuen Garten manifestiert werden. Zwei Wochen bleiben sie in diesen Gärten und erzählen sich jeden Tag zehn Geschichten. Nach diesen vierzehn Tagen kehren sie wieder nach Florenz zurück.

Im Folgenden soll die Flucht aus Florenz in der Rahmenerzählung nachvollzogen werden, wobei zunächst die chaotische Ausgangssituation von Florenz beschrieben wird. Anschließend wird der Gang durch die drei Gärten nachvollzogen, bei dem vor allem die Veränderung der Landschaft und der Brigata selbst im Vordergrund stehen soll. Außerdem soll geklärt werden, warum die Brigata nach vierzehn Tagen wieder nach Florenz zurückkehrt, obwohl weiterhin die Pest in ihrer Stadt wütet.

Gestützt werden soll diese Erörterung auf die kritische Ausgabe des Decameron von Vittore Branca, die 1980 in Turin erschien, sowie auf die deutschsprachige Übersetzung von Karl Witte. Am Ende folgt ein kleiner Exkurs über die Wichtigkeit der Rahmenerzählung, und schließlich eine Schlussbemerkung, in der das oben genannte Zitat noch einmal aufgegriffen werden soll.

2. Die Ausgangssituation in Florenz

Die Verhältnisse in der Peststadt Florenz und bei ihren Bewohnern werden gleich zu Beginn der Einleitung zum ersten Tag des Decameron beschrieben. Exakt wird das Jahr 1348 datiert, in dem das „tödliche Pestübel“[2] [„ la mortifera pestilenza[3] ] in Florenz Einzug gehalten hat. Unterschiedslos rafft es alle Menschen dahin, ganz egal, wie schwer die Sünden sind, die sie begangen haben. Weder Weisheit noch menschliche Vorkehrungen helfen etwas dagegen, auch Beten nützt nichts mehr, und der Erzähler fragt sich, ob es die „von Gott den Menschen herabgesandte Strafe“[4] [„ per le nostre inique opere da giusta ira di Dio[5] ] für all die Vergehen sei, die ganz Florenz von der Pest befallen ließ. Gleichzeitig stellt er an dieser Stelle auch die Frage nach der Theodizee: Wie kann ein guter, gerechter und barmherziger Gott so etwas Böses zulassen?

Da er das Elend mit eigenen Augen gesehen habe [„ dagli occhi di molti e da‘ miei[6] ], beschreibt er die Situation in Florenz anschließend detailliert und ohne etwas zu beschönigen: Die tödliche Krankheit wird nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch auf Tiere übertragen. Sie macht also keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Tier. In der Beschreibung der Situation in Florenz wird dieser Tiervergleich immer wieder aufgeführt. Über allem herrscht nunmehr die „ bestialità[7] und eine „physische und moralische Verwüstung“[8], was im Folgenden zum Ausdruck kommen soll. Aus den verlassenen Häusern kann sich jeder holen, was er will, und keiner ist mehr da, der für Recht und Ordnung hätte sorgen können.

Zum Höhepunkt der „Nichtachtung der menschlichen und göttlichen Gesetze“[9] kommt es, als Männer ihre Frauen, Onkel ihre Neffen und sogar Eltern ihre kranken Kinder verlassen, die von dort an ihren Todesqualen alleine ausgesetzt sind. Die moralisch-göttliche Aufgabe der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und des Mitgefühls sind verlorengegangen und es wird sich höchstens noch so umeinander gekümmert, wie man sich um eine Ziege kümmern würde [„ che ora si curerebbe di capre[10] ].

Im Mittelalter, zur Zeit Boccaccios also, gab es die ars bene moriendi, die Kunst oder die Tugend, gut zu sterben. Während der Pestepidemie 1348 scheint diese Kunst abhandengekommen zu sein. Es ist ein unkontrolliertes, unkultiviertes, „unordentliche[s] Sterben“[11], das vor sich geht. Da so viele Menschen umkommen, finden keine Beerdigungen mehr statt. In den Kirchen oder auf den Friedhöfen gibt es keinen Platz mehr, die Menschen werden identitätslos in Massengräbern verscharrt oder verbrannt. Die Menschen sterben nicht mehr in Würde, sondern wie die Tiere [„ non come uomini ma quasi come bestie morieno[12] ] und das ist „einer der schlimmsten Ordnungsverluste“[13] überhaupt.

So sehen die Menschen keine Zukunft mehr, leben nur noch im Heute, verprassen alles und kümmern sich um nichts mehr, auch nicht um ihre Tiere, die sich nun frei auf den Getreidefeldern gütlich tun können. Abends allerdings kehren sie wieder in ihre Ställe zurück, als ob sie Vernunft und Verstand hätten [„ quasi come razionali[14] ], während die Menschen sich vollkommen von ihren Trieben leiten lassen. Nicht nur die Ordnung zwischen den Menschen ist außer Kraft gesetzt, sondern auch die Ordnung und Verhältnisse zwischen Mensch und Tier sind völlig auf den Kopf gestellt; ein fast karnevalesker Zustand, wenn er nicht so ernst wäre. Die „primitive Natur des Menschen“[15] entfesselt sich hier und mündet in eine Art bestialische Absicht [„ proponimento bestiale[16] ], in einen ganz und gar unzivilisierten und animalischen Zustand.

Nach dieser Hintergrundbeschreibung beginnt die eigentliche Rahmenhandlung. Eines Dienstagmorgens treffen sich sieben junge Damen in der nun fast verlassenen Kirche Santa Maria Novella, die Freundinnen, Verwandte oder Nachbarinnen sind [„ o per amistà o per vicinanza o per parentado congiunte[17] ]. Ausdrücklich wird auf ihre Schönheit und ihre „mustergültige[n] Charaktere“[18] hingewiesen, und die Anführerin Pampinea legt drei Gründe für eine Flucht aus der Peststadt Florenz dar.

Der erste Grund basiert auf dem Naturrecht: „ Natural ragione è, di ciascuno che ci nasce, la sua vita quanto può aiutare e conservare e difendere[19], es entspreche dem Naturrecht, sein Leben zu bewahren und zu verteidigen. Somit läuft dieser Grund auf Selbstschutz und Selbsterhaltung hinaus.

Der zweite Grund betrifft die Ästhetik: Die jungen Damen sehen „ corpi morti o infermi trasportarsi da torno[20], sie sehen Verbrecher, die nun frei auf der Straße herumlaufen und erschrecken vor der „ vista orribile[21], dem schrecklichen Bild, das sich ihnen bietet. Die Stadt ist hässlich und entstellt, genauso wie die Menschen, und da die Damen ein „sensible[s] Empfinden“[22] haben, können sie dieses Bild nicht länger ertragen.

Der dritte Grund ist schließlich ein moralischer: In den animalischen Verhaltensweisen der umherziehenden Männer, die sich an allen Frauen vergreifen [„ senza fare distinzione alcuna dalle cose oneste a quelle che oneste non sono[23] ] sehen sie eine Gefahr für ihr Leben und ihre Ehre[24]. Sogar die „ racchiuse ne‘ monisteri[25], die Mönche in den Klöstern, die sich eigentlich um moralisch-sittliche Verhaltensweisen besonders bemühen sollten, machen mit. So können sich die Damen ihrer Ehre nicht mehr lange sicher sein, blieben sie noch länger in Florenz.

Da sie als Frauen aber „ mobili, riottose, sospettose, pusillanime e paurose[26] seien und ihre neue kleine Gesellschaft nicht selbst aufrechterhalten würden könnten, nehmen sie “als Garantie gegen Streitigkeiten”[27] die drei jungen Männer mit, die soeben die Kirche betreten. Sie sind die Geliebten von drei der Damen, außerdem besteht auch zwischen ihnen eine Verwandtschaft. Zu zehnt packen sie alles zusammen und machen sich mit ihren Dienern und Dienerinnen auf, um sich von Florenz wegzubegeben und sich aufs Land zurückzuziehen.

3. Der Gang durch die Gärten

3.1 Der erste Garten

Am nächsten Morgen [„ la seguente mattina, cioè il mercoledì[28] ] macht sich die lieta brigata auf den Weg. Sie entfernt sich aber „nicht mehr als zwei kleine Miglien“[29] [„ né oltre a due piccole miglia[30] ] von ihrer Heimatstadt, was laut Branca etwa 1,7 Kilometern entspricht.

Als sie den ersten Ort auf dem Land erreichen, ist die Erleichterung groß:

„Era il […] luogo sopra una piccola montagnetta, da ogni parte lontano alquanto alle nostre strade, di varii albuscelli e piante tutte di verdi fronde ripiene piacevoli a riguardare; in sul colmo della quale era un palagio con bello e gran cortile nel mezzo, e con logge e con sale e con camere, […] con pratelli da torno e con giardini maravigliosi e con pozzi d’acque freschissime e con volte di preziosi vini: […]”.[31]

Alles an diesem Ort wird als schön und rein empfunden, der Palast besitzt einen großen Hof, überall gibt es grüne Pflanzen, alles scheint wie für sie hergerichtet zu sein, die Betten sind gemacht. Um den Palast herum gibt es Wiesen, Gärten und Brunnen, aus denen das kühlste Wasser sprudelt. Die idyllischen Verhältnisse werden ganz bewusst als Kontrast zur Peststadt aufgeführt.[32] Hier sind sie vor dem Chaos in Florenz sicher.

An dieser Stelle ist es wichtig anzumerken, dass alle zehn Protagonisten einer Patrizierfamilie entstammen und somit der adligen Oberschicht. Wie in Kapitel 2 bereits erwähnt, galt es bei den Angehörigen dieser Oberschicht als wichtiges Tugendideal, die onestà, die eigene Ehre oder „Ehrbahrkeit“[33] aufrechtzuerhalten und somit die cortesia, die höfischen Verhaltensweisen, zu bewahren. Eine grundlegende Voraussetzung dafür war es, gute Konversation zu pflegen und damit sich und seine leidenschaftlichen Triebe immer unter Kontrolle zu halten. Wichtig ist nur, dass die anderen gut von einem denken; deshalb werden viele Impulse unterdrückt und manche Meinungen nicht ausgesprochen, wenn sie die eigene onestà verletzen würden.

Sittlichkeit und Perfektion sind die Devise; das wird vor allem an den Gesprächen deutlich, die die Brigata untereinander führt. Meistens ist sie sich einig, selten wird widersprochen, auch nicht, als Pampinea die Gestaltung der nächsten Tage vorschlägt: Ihrer Meinung nach seien sie hergekommen, um in Lust und Freude zu leben [„ festevolmente viver si vuole, né altra cagione dalle tristizie ci ha fatte fuggire[34] ]. Um die neu gebildete Gesellschaft so zu erhalten, wie sie ist, sei es notwendig, einen „Oberherren“[35] zu bestimmen, dem alle gehorchten [„ estimo che di necessità sia convenire esser tra noi alcuno principale, il quale noi e onoriamo e ubidiamo come maggiore[36] ].

Von höchster Bedeutung sei, dass der Anführer jedem das piacere, das Vergnügen, zusichere, denn dafür seien sie aufs Land gegangen[37]. Gleichzeitig werden Vergnügen und Ordnung miteinander verknüpft [„ con ordine e con piacere[38] ].

Fest und Vergnügen werden der hässlichen, entstellten Stadt als Antipol gegenübergestellt; gleichzeitig wird das piacere im Sinne von Tanzen, Singen und Musizieren im Palast und nicht in den umliegenden Gärten abgehalten. Hier wird klar, dass der Palast bzw. das Haus für den im „wahren“ Leben abhanden gekommenen Hof steht. Höfische Verhaltensweisen werden weiterhin an den Tag gelegt: Die Brigata strukturiert ihren Tagesablauf und trifft sich immer zu festgelegten Zeiten [„ come terza suona[39] / „ sonata nona[40] ]. Ihr „stets gemessene[s], disziplinierte[s] Verhalten“[41] wird dadurch verdeutlicht, und sie schafft eine neue gesellschaftliche und sinnvolle Ordnung, indem sie an jedem Tag eine oder einen aus ihren Reihen zum König wählt. So ist jeder einmal König, jeder einmal Untertan. Alle übrigen Arbeiten werden von den Dienern verrichtet. Die Brigata flieht also nicht in die Natur, um diese zu erleben, sondern sie benutzt sie, um ihr höfisches Leben weiterführen zu können in einer Gemeinschaft, die sich nur außerhalb anderer Gemeinschaften aufrechterhalten lässt[42].

[...]


[1] Giovanni Boccaccio: Decameron, Turin 1980, S. 5.

[2] Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, Köln 2013, S. 33.

[3] Boccaccio: Decameron, S. 15.

[4] Boccaccio: Das Dekameron, S.33.

[5] Boccaccio: Decameron, S.15.

[6] ebd., S. 17.

[7] ebd., S. 35.

[8] Hans-Jörg Neuschäfer: Boccaccio und der Beginn der Novelle. Strukturen der Kurzerzählung auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit, München 1969, S. 125.

[9] Reinhard Klesczewski: Eine problematische „alternative“ Lebensform bei Boccaccio. Die Rahmenerzählung des Decameron, Düsseldorf 1988, S.213-229, hier S. 218.

[10] Boccaccio: Decameron, S. 26.

[11] Winfried Wehle: Der Tod, das Leben und die Kunst. Boccaccios Decameron oder der Triumph der Sprache, Konstanz 1993, S. 4.

[12] Boccaccio: Decameron, S. 27.

[13] Winfried Wehle: Der Tod, das Leben und die Kunst, S. 4.

[14] Boccaccio: Decameron, S.27.

[15] Winfried Wehle: Der Tod, das Leben und die Kunst, S. 4.

[16] Boccaccio: Decameron, S 20.

[17] ebd, S. 29.

[18] Klesczewski: Eine problematische „alternative“ Lebensform bei Boccaccio, S. 220

[19] Boccaccio: Decameron, S. 32.

[20] ebd, S. 33.

[21] ebd, S. 34.

[22] Winfried Wehle: Der Tod, das Leben und die Kunst, S. 9.

[23] Boccaccio: Decameron, S. 34.

[24] vgl. Klesczewski: Eine problematische „alternative“ Lebensform bei Boccaccio, S. 220.

[25] Boccaccio: Decameron, S. 34.

[26] ebd, S. 37.

[27] Klesczewski: Eine problematische „alternative“ Lebensform bei Boccaccio, S. 214.

[28] Boccaccio: Decameron, S. 40.

[29] Boccaccio: Das Dekameron, S. 48.

[30] Boccaccio: Decameron, S. 40.

[31] Boccaccio: Decameron, S. 41.

[32] vgl. Harrison: Gärten, S. 126

[33] Wehle: Der Tod, das Leben und die Kunst, S. 9.

[34] Boccaccio: Decameron, S. 42.

[35] Boccaccio: Das Dekameron, S.49.

[36] Boccaccio: Decameron, S. 42.

[37] piacere ist an dieser Stelle das Schlüsselwort und kommt im Folgenden mehrmals vor (S.42, S.43, S.44). Auch wenn man es mit „gefallen“ übersetzen würde, ergäbe es einen Sinn: Die jungen Menschen wollen einander gefallen, sie wollen sich selbst gefallen, sie wollen ein Leben führen, das ihnen gefällt – abermals ganz im Sinne der onestà.

[38] Boccaccio: Decameron, S. 44.

[39] Boccaccio: Decameron, S. 45.

[40] ebd, S.46.

[41] Klesczewski: Eine problematische „alternative“ Lebensform bei Boccaccio, S. 221.

[42] vgl. Wehle: Der Tod, das Leben und die Kunst, S. 9.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668763623
ISBN (Buch)
9783668763630
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v435308
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Griechische und Lateinische Philologie, Romanistik und Altamerikanistik
Note
1,0
Schlagworte
gang brigata gärten boccaccios decameron

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Titel: Der Gang der Brigata durch die Gärten in Boccaccios "Decameron"