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Lerncoaching und die Einflüsse auf die Entwicklung schulischer Leistungen

Einsendeaufgabe 2017 14 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Lerncoaching: Einflüsse auf die Entwicklung schulischer Leistungen –

Lösungen zu den Aufgaben 1-6

zu Aufgabe 1

Erziehungsstil der Eltern

Ganz allgemein ist der Erziehungsstil von Hannas Eltern dahingehend typisch für die heutige Zeit, dass der Erwartungsdruck in Bezug auf die zu erbringenden Leistungen der Kinder gestiegen ist. Kinder haben heute einen höheren Stellenwert und werden von Eltern oftmals als „Prestigeobjekte“ gesehen, wenn sie sich aufgrund ausgezeichneter Leistungen der Kinder selbst profilieren können und/oder wollen. Sie sehen sich in der Verantwortung, ihr Kind bereits sehr früh optimal zu fördern und auf das spätere (Berufs-) Leben vorzubereiten, indem sie sich bspw. an den neusten Ratgebern und Erziehungstrends orientieren. Statt ihrem Kind die Freiheit einzuräumen, sich im individuellen Tempo und nach eigenen Interessen und Hobby zu entwickeln, fördern sie ihr Kind präventiv und prophylaktisch, was häufig zu einer Überforderung führen kann, da mit Eintritt in die Grundschulzeit die alltäglichen, emotionalen und inhaltlichen Herausforderungen, die an Kinder durch den neuen Schulalltag gestellt werden (vgl. „Einschulung als Zäsur im Leben des Kindes“ (Lernheft 3)), nicht unterschätzt werden sollten. Die Ermöglichung von vorschulischen Fördermöglichkeiten zeugt zwar von Verantwortungsbewusstsein und Zukunftsorientierung, ist löblich und begrüßenswert, allerdings sollte auf die Kinder kein Druck ausgeübt werden, um sie nicht zu überfordern, ihnen den Spaß an der Schule und ihrem neuen Lebensabschnitt zu nehmen.

Mittlerweile hat sich für ein solches Elternverhalten der Begriff der „Helikoptereltern bzw. Helikoptermutter oder –vater“ eingebürgert und kritisiert damit die ständige Präsenz der Eltern, die wie ein Helikopter über ihrem Kind schweben, um z.B. einerseits im übertriebener Form in sämtliche pädagogische Entscheidungen in der Schule einbezogen und darüber informiert zu werden, andererseits dadurch die Freiräume, die ein Kind benötigt, um sich eigenständig zu einer individuellen Persönlichkeit zu werden, erheblich beschränken. Auch das Lerncoaching selbst ist ein Resultat dieses Trends, denn Eltern wollen umfassend darüber informiert werden, mit welchen Strategien sie ihr Kind für einen schulischen Erfolg bestmöglich unterstützen können.

Ebenfalls typisch für die heutige Zeit ist, dass Hanna weniger Zeit mit ihren Eltern zu verbringen scheint, sondern durch ihre vielfältigen außerschulischen Aktivitäten wie Ballett, Englischunterricht (ggf. im Rahmen eines Ganztagsangebot der Schule) und Violinenunterricht zeitlich stark eingebunden ist und wenig Zeit für übliche Hobbys wie bspw. Verabredungen mit Freundinnen etc. zu haben scheint. Die außerschulischen Aktivitäten sowie die Förderung des frühen Zweitspracherwerbs sprechen dafür, dass Hannas Eltern keine Kosten scheuen, um Hanna bestmöglich zu fördern, doch widerspricht ihr Erziehungsstil dahingehend der heute üblichen demokratischen Familienstruktur, dass Hannas eigene Meinung und Selbstständigkeit nachrangig zu sein scheint. Ohne genauere Kenntnisse des Empfinden Hannas in Bezug auf die Auswahl ihrer außerschulischen Aktivitäten erscheint das Auftreten der Mutter eher autoritär, da sie Hanna u.a. den Umgang mit ihrer Freundin Lea verbieten will, da diese nach anderen Wertvorstellungen erzogen zu werden scheint, als es ihr sinnvoll erscheint. Das Fallbeispiel sagt zu wenig über Hannas Gefühlslage und Meinung aus, um beurteilen zu können, wie hoch ihr Leidensdruck in Bezug auf die Auswahl ihrer Aktivitäten ist und inwiefern sich die Eltern von Hannas Empfinden in ihrer Entscheidungsfindung beeinflussen lassen, doch wäre es im Rahmen des Lerncoachings sinnvoll, den Eltern aufzuzeigen, dass es auch für die weitere Entwicklung Hannas und den für die Eltern wichtigen schulischen und späteren beruflichen Erfolg von zentraler Bedeutung ist, dass Hanna schon früh im Sinne einer Erziehung zur Selbstbestimmtheit und Eigenständigkeit lernt, eine eigene Position zu entwickeln, diese trotz gegenteiliger Positionen argumentativ behaupten und begründet zu vertreten und ggf. Kompromisslösungen auszuhandeln.

Wie viele Eltern betrachten Hannas Eltern eher externe, von der Familie unabhängige Förderinstitutionen als zentral (z.B. Förderkurse als Baby, privater Englischlehrer, Lerncoaching), unklar bleibt aber, inwiefern sie die häusliche Umgebung selbst als ebenso relevant einschätzen, um Hanna indirekt, also ungeplant ohne explizite erzieherische Intention, oder direkt, also bewusst aktiv in einem individualisierten Lernarrangement, fördern.

Im vergangenen Lernheften wurde der Trend zum vorschulischen Erwerb einer Fremdsprache bereits angesprochen und scheint im Zuge der immer fortschreitenden Bedeutsamkeit der Globalisierung und der vernetzen Welt zwar sinnvoll, doch bleibt zu beachten, dass vorschulische Förderung einerseits geschulter, kompetenter Vermittlung mit einem vielfältigen Angebot an Anreize und sozialer, respektvoller Unterstützung bedarf, andererseits, wie bereits erwähnt, das Wohl des Kindes nicht aus den Augen verloren werden sollte. Im Zentrum sollte immer das Kind selbst mit all seinen Bedürfnissen im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung stehen. Die neusten Erziehungstrends erscheinen allerdings eine separate Betrachtung vom Steigerungspotential kindlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten einerseits und der davon unabhängig kindlichen Persönlichkeit andererseits anzunehmen, wobei wissenschaftlich erwiesen ist, dass diese Annahme falsch ist und der Persönlichkeitsentwicklung durch den fehlenden Freiraum und Möglichkeiten des Sich-Selbst-Ausprobierens in Bezug auf die Entwicklung eines Selbst- und Fähigkeitskonzeptes Schaden zugefügt werden kann, der zu Lernfrustration und sich langfristig auch negativ auf die Lernentwicklung auswirken kann.

Insgesamt betrachtet hat sich in der heutigen Zeit der Blick auf die Vermittlung von Erziehungsinhalten insofern verändert, dass die Erziehung nicht mehr einem hierarchischen Machtgefüge entspricht, innerhalb dessen Kinder ihren Eltern zum strikten Gehorsam verpflichtet sind, vielmehr scheint sich der Trend zum gemäßigt anti-autoritären Stil zu entwickeln, der Kindern eine eigene Meinung zubilligt und ihnen Toleranz für „Frechheiten“ und Andersdenken einräumt, um sie schon früh in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Hier widerspricht der Erziehungsstil von Hannas Eltern den zeitgemäßen Entwicklungen. In Bezug auf die konkreten Erziehungsinhalte und auch in Bezug auf das Fallbeispiel ist diese Trendwende allerdings eher selten zu beobachten, da die Orientierung auf die Zukunftsperspektiven mit Blick auf den gesellschaftlichen und bildungspolitischen Wandel eher dazu führen, dass Eltern prophylaktische frühkindliche Fördermaßnahmen ergreifen, um ihrem Kind einen „reibungslosen“ schulischen Werdegang zu ermöglichen, wobei die gute Intention jedoch oft mit einer Überförderung einhergeht, die sich im Sinne eines reziproken Ursache-Wirkungs-Komplexes negativ auf das Selbstkonzept eines Kindes auswirken kann und den gegenteiligen Effekt hervorruft.

zu Aufgabe 2

Ist eine geplante, von außen intendierte Intelligenzsteigerung aus Sicht der Intelligenzforschung möglich?

Der zuvor geschilderte Erziehungsstil von Hannas Eltern, der sich zwar inhaltlich an den neusten Erziehungstrends der Gegenwart orientiert, dies aber in autoritärer Form im Rahmen einer auf Gehorsam ausgelegten, hierarchischen Eltern-Kind-Beziehung zu vermitteln sucht, orientiert sich an der Intention, Hanna „zu einem möglichst intelligenten Menschen zu machen“1

Intelligenz wird gemeinhin „als die zusammengesetzte Fähigkeit des Individuum, zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinanderzusetzen“2 definiert und von einigen Forschern durch die Unterscheidung einer allgemeinen, übergeordneten Intelligenz sowie einer bereichsspezifischen Begabung weiter differenziert. Die heutige Forschung geht davon aus, dass die Intelligenz einer Person etwa zu nur 50% angeboren ist und der durchschnittliche Intelligenzquotient von 100 durch gezielte frühkindliche Förderung um ca. 20 IQ-Punkte gesteigert werden kann. Auch wenn es einen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang zwischen einem hohen Intelligenzquotienten und schulischen Erfolg gibt, so bleibt kritisch anzumerken, dass ein Intelligenztest als wissenschaftliches Instrumentarium entwickelt wurden, um gerade den schulischen Erfolg zuverlässig vorhersagen zu können, so dass aber eine bereichsspezifische Intelligenz bzw. Begabung nicht mit einem solchen Test ermittelt werden kann, sondern eines spezifischen Fragebogens bedarf.

Die Eltern von Hanna haben mit ihrer Intention insofern Recht, dass sie in einem gewissen Rahmen Einfluss auf die Intelligenz von Hanna nehmen können, indem sie bspw. schon früh damit beginnen, Hanna sprachlich durch privaten Englischunterricht zu fördern (wobei Mangels genauerer Kenntnisse zu Inhalten dieser Förderung unklar bleibt, inwiefern sie tatsächlich sinnvoll ist). Die weiteren Aktivitäten wie Ballett und Violinenunterricht können zwar ebenfalls einen Vorteil für den schulischen Erfolg von Hanna bspw. durch eine verbesserte Körperspannung im Sportunterricht oder eine vertiefte Kenntnis von musikalisch und/oder musiktheoretischen Fähigkeiten für den Musikunterricht, doch bleibt anzumerken, dass diese bereichsspezifischen Fähigkeiten nicht bzw. nur bedingt in einem messbaren Ergebnis eines Intelligenztests wiederzufinden sind und eher mit Fragebögen wie dem Differentiellen Schulischen Selbstkonzept Gitter von Rost Sparfeldt und Schilling ermittelt werden können, mit dem Hanna ihre Fähigkeiten in diesen Bereichen selbst einschätzen kann.

Ist die Intention von Hannas Eltern unabhängig von einem in einem Intelligenztest ermittelten Intelligenzquotienten eher allgemein gehalten im Sinne einer breit gefächerten, fundierten Allgemeinbildung im sprachlichen, musischen und sportlichen Bereich, so ist zunächst zu sagen, dass die Eltern aufgrund der Formulierung „möglichst intelligent“ zwar berücksichtigen, dass die Einflussnahme auf die Intelligenz beschränkt, aber nicht unmöglich ist, sie dabei aber (ohne Kenntnis des genauen situativen Kontextes (Intonation etc.)) außer Acht lassen, dass ihre Erziehungsstil sich negativ auf das Selbstkonzept von Hanna, also die Art und Weise, wie sie über sich und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten denkt und sie einschätzt, auswirken kann. Das zuvor definierte Selbstkonzept eines Menschen bildet sich vornehmlich durch die Interaktion mit seiner Umwelt, indem bspw. Eltern, Lehrer etc. Hanna zurückmelden und spiegeln, wie sie die Leistungen von Hanna in Bezug auf die jeweilige soziale Bezugsgruppe und im Vergleich zu dieser, in Bezug auf die individuelle Bezugsnorm, also im Vergleich zu früheren Leistungen Hannas, sowie im Rahmen eines dimensionalen Vergleichs, also eher global im Hinblick auf Leistungen in einem anderen Bereich/en, beurteilen. Diese Rückmeldung ist u.a. ausschlaggebend dafür, dass Hanna selbst Erfahrungen sammelt und sich auch selbst mit anderen vergleicht, so dass sie sich ein mentales Bild von sich selbst bildet, dass die Fähigkeiten und Fertigkeiten qualitativ beurteilt, die sie ausübt und/oder über die sie verfügt bzw. verfügen soll. Die Formulierung der Eltern erscheint in diesem Zusammenhang für ein Kind befremdlich und vermittelt einerseits das implizite Gefühl, die Erwartungen der Eltern (noch) nicht erfüllen zu können, ihnen (noch) nicht genug und eher unzureichend zu sein, andererseits bleibt im Fallbeispiel offen, inwiefern die Eltern Hanna dabei liebevoll und unterstützend zur Seite stehen. Aufgrund der Verweigerungshaltung Hannas, die im Fallbeispiel in Bezug auf ihr schulisches Verhalten geschildert wurde, ist anzunehmen, dass Hanna derzeit ein negatives Selbst- und Fähigkeitskonzept von sich hat, da sie eventuell dem Erwartungsdruck ihrer Eltern nicht gerecht werden konnte und infolgedessen eine negative Lernstruktur entwickelt (vgl. Aufgabe 6). Durch den wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang zwischen dem Selbstkonzept und dem schulischen Erfolg ist den Eltern also dahingehend zu widersprechen, dass eine breit gefächerte Allgemeinbildung in Verbindung mit einer intendierten Intelligenzsteigerung unter den gegebenen Voraussetzungen eher den gegenteiligen Effekt hervorruft, da für einen schulischen Erfolg von erheblicher Bedeutung ist, wie ein Kind über sich und seine Fähigkeiten denkt. Dieser reziproke Ursache-Wirkungs-Zusammenhang wäre den Eltern im Rahmen eines Coachings zu erläutern sowie die Tatsache, dass ein Selbstkonzept eines Kindes bspw. durch eine verstärkte positive Orientierung an seinen individuellen Leistungen positiv beeinflusst werden und sich so wiederum positiv auf schulische Leistung und Lernverhalten auswirken kann. Dabei ist auch die Rolle der Eltern selbst von zentraler Bedeutung, denn diese prägen und beeinflussen ihre Kinder unbewusst durch die Einstellungen und Wertehaltungen, die sie ihren Kindern tagtäglich vorleben. Dabei ist wichtig, welche Erwartungshaltung sie selbst in Bezug auf die schulischen Leistungen ihres Kindes haben und wie wichtig es ihnen ist, dass ihr Kind in einem best. Bereich gute Leistungen bringt. Eltern spielen dabei eine wesentliche Rolle hinsichtlich direkter und indirekter Förderung als Vorbilder, denn wenn sie ihrem Kind verdeutlichen, dass sie ihm bei der Bewältigung von Aufgaben viel zutrauen und wie wichtig ihnen die Beschäftigung mit Lerninhalten und das Erzielen guter Leistungen ist, indem sie es bspw. selbst konkret vorleben durch eigene Weiterbildungsmaßnahmen, wie im Falle Hannas eigene musikalische Betätigung oder das gemeinsame Üben der englischen Sprache im Familienalltag, tragen sie erheblich dazu bei, die Leistungen ihres Kindes positiv zu beeinflussen.

[...]


1 Vgl. Fallbeispiel der Einsendeaufgabe S. 81 im vierten Lernheft.

2 Wild, E., Hofer, M. & Pekrun, R.: Psychologie des Lerners. In: Krapp, A. & Weidenmann, B. (Hrsg.): Pädagogische Psychologie: Ein Lehrbuch. S. 239.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668767553
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436413
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1
Schlagworte
Lernstörung Lerndefizit Lerncoaching Lerntherapie Lernberatung

Autor

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Titel: Lerncoaching und die Einflüsse auf die Entwicklung schulischer Leistungen