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Die Folgen der Globalisierung auf kulturelle Identität am Beispiel der HipHop-Kultur

Magisterarbeit 2005 103 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Einleitung

Globalisierung ist das Schlagwort der Gegenwart – es gehört heute wohl zu den meistzitierten Begriffen in wissenschaftlichen und publizistischen Diskussionen, ohne dass bisher eine allgemeingültige Definition existieren würde. Dies ist nicht unbedingt verwunderlich angesichts der relativ kurzen Zeit seit Aufkommen des Begriffes Anfang der neunziger Jahre. Gesellschaftliche Prozesse wie die Differenzierung, Individualisierung und Pluralisierung, die bis dahin ausschließlich unter dem Stichwort „Postmoderne“ oder „Spätmoderne“ genannt wurden, werden durch die rasant fortschreitende Globalisierung ergänzt durch die Entgrenzung und Verdichtung weltweiter sozialer und kultureller Beziehungen. Durch die globale informations- und kommunikationstechnische Vernetzung wird eine verwirrende Vielfalt von Bildern, Symbolen, Identitätsmustern und Lebensstilen verbreitet, die traditionelle Identitäten und Lebensformen auflösen oder zumindest in Frage stellen. Diese, als kulturelle Globalisierung bezeichneten, Prozesse haben weitreichende Auswirkungen auf individuelle und kulturelle Identitäten in einer Gesellschaft. Unter dem Oberbegriff kulturelle Globalisierung haben sich mittlerweile Thesen und Theorien herausgebildet, die mögliche Auswirkungen von kultureller Globalisierung aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachten.

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, diese Veränderungsprozesse darzustellen und ihre möglichen Konsequenzen für Individuen und Kulturen zu erklären, wobei diese Erläuterungen möglichst nah an einen kulturellen Bereich hingeführt werden, welcher unmittelbar an die Erfahrungswelt der meisten Menschen anknüpft – der Populärkultur. Dort wird besonders deutlich, welche kulturellen Mechanismen und Zwangsläufigkeiten in einer globalisierten Welt auftreten können und wie Individuen und kulturelle Gemeinschaften darauf reagieren können.

Die Arbeit beginnt mit dem zweiten Kapitel und einer Einführung in verschiedene Dimensionen von Globalisierung, um das kaum voneinander zu trennende Wirkungsgefüge der Globalisierung aufzuzeigen. Im dritten Kapitel werden zwei gesellschaftliche Determinanten im Wirkungsfeld der Globalisierung tiefergehend behandelt, deren Wesen und Entwicklung für die Argumentation dieser Arbeit elementar sind: Kultur, Identität und kulturelle Identität sollen, nach einer begrifflichen Erklärung, im Spannungsfeld globaler Beziehungen betrachtet werden. Die Veränderung von Identitäten im historischen Verlauf werden an dieser Stelle ebenso behandelt wie grundlegende Theorien zu postmodernen Identitätskonstruktionen.

Das vierte Kapitel widmet sich der Darstellung der wichtigsten Theorien und Thesen zur veränderten kulturellen Konstitution von Gesellschaften. Die vorgestellten Überlegungen zeigen in ihrer Verschiedenheit die teils widersprüchlichen Auswirkungen der Globalisierung auf kulturelle Identität.

Die Bedeutung der Populärkultur als gesellschaftlich wichtiges Feld bei der Inszenierung kultureller Identität wird, nach einer begrifflichen Einordnung, im fünften Kapitel behandelt. Dabei kommt der Popmusik als unerschöpfliche Fundgrube für verschiedenste Lebensstile und Identitätsmuster besondere Aufmerksamkeit zu. Die Ausführungen zur Kulturindustrie sollen zur Einordnung des Pop-Feldes in und zum übergreifenden Verständnis von kulturelle und technologischen Prozessen dienen – dies auch im Hinblick auf das sechste und letzte Kapitel.

Im letzten Kapitel sollen die vorgestellten Theorien und Überlegungen, empirisch untermauert, am Beispiel einer höchst erfolgreichen Sparte der Popmusik zusammengeführt werden. Die deutsche HipHop-Kultur scheint in diesem Rahmen nicht nur ein geeignetes Veranschaulichungsbeispiel für global beobachtbare Prozesse zu sein, sondern zeigt sich in ihrer kulturellen Praxis auch als ein Werkzeug zur kreativen Mitgestaltung von grundlegend veränderten Lebenswelten. Abschließend folgt das Resümee mit einer persönlichen Anregung und Einschätzung der vorangegangenen Ausführungen

2 Was ist Globalisierung?

Welche Veränderungen und Phänomene in der Gegenwartsgesellschaft werden als Aspekte der Globalisierung bezeichnet? Je nach Interesse und Ansicht formulieren Wirtschaftsexperten und Politiker, Soziologen und Politologen oder auch Umweltschützer und Menschenrechtler eine umfangreiche Vielfalt an Definitionen. Die meisten Erklärungsansätze beziehen sich dabei auf ökonomische Verhältnisse, die ein besonderes Reizthema zu sein scheinen.[1] Aber auch veränderte Bedingungen in Politik, Gesellschaft, Kultur und Umwelt werden häufig thematisiert, immer vor dem Hintergrund verstärkter transnationaler Beziehungen. Anthony Giddens (1997, zit. nach Beck 1998: 45), definiert diese als das „Handeln und (Zusammen)Leben über Entfernungen (scheinbar getrennte Welten von Nationalstaaten, Religionen, Regionen, Kontinente) hinweg.“[2] Ein verstärktes Handeln und Leben über Zeit und Raum hinweg setzt gleichzeitig auch die Entgrenzung von Zeit und Raum voraus. Für Ulrich Beck (1998) bedeutet dies vor allem eine Verabschiedung von der bisher gekannten, in Nationalstaaten aufgeteilte Struktur und damit auch von den nationalstaatlichen Ideologien in Politik, Ökonomie, Umwelt etc. Aufgrund der großen Fülle an Literatur zu den möglichen Auswirkungen von Globalisierung soll hier anlehnend an Becks Arbeit zur Frage „Was ist Globalisierung?“ (1998) ein Überblick auf wichtige Dimensionen von Globalisierung folgen.[3]

2.1 Ökonomische Globalisierung

Die Dimension der ökonomischen Globalisierung nimmt sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch in ihren Auswirkungen auf nationale Wirtschaften, Politik, Kultur und Ökologie die wohl wichtigste Rolle ein. Die globale Öffnung von Märkten, die engere verkehrs- und kommunikationstechnische Vernetzung und die globale Arbeitsteilung bringen sowohl Vor- und Nachteile. Ein Konsens herrscht in dieser Frage nicht. Die Ansichten sind oft parteipolitisch geprägt: Die einen (eher dem sozialdemokratischen Lager zuzuordnen) warnen vor der Macht großer Konzerne, deren Praktiken den Spielraum von Nationalstaaten eingrenzen und zu einer Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich beitragen würden. Die eher neoliberal geprägte Seite kontert mit der Aussicht auf wachsenden Wohlstand für alle, stärkeren Wettbewerb und der Schaffung neuer Arbeitsplätze (Heuwagen 2002). Demnach komme es durch die Liberalisierungs- und Privatisierungspolitik zu einem immer intensiveren Welthandel. Transnationale Unternehmen, sogenannte Global Players würden verstärkt direkt im Ausland investieren und so die Wirtschaft auch in bisher unterprivilegierten Gebieten fördern. Untermauert werden diese Argumente nicht zuletzt mit konkreten Zahlen, nach denen 1997 der Absatz der Tochtergesellschaften transnationaler Konzerne 20 Prozent über dem weltweiten Export von Waren und Dienstleistungen lag (Giddens 1999: 45).

Aus anderen Perspektiven lassen sich die genannten (neoliberalen) Argumente aber auch in Frage stellen: Erstens aus der jener Arbeitnehmer in Westeuropa und den USA[4], deren Arbeitsplätze aufgrund des weltweit verschärften Wettbewerbs und folglich zugunsten billigerer Lohn- und Produktionskosten weggefallen sind (Klein 2002: 210ff.). Zweitens aus der Sicht der ´Billigkräfte`, die unter, vor allem aus westlicher Sicht, menschenunwürdigen Bedingungen für einen minimalen Lohn arbeiten (ebd: 212ff.), während die für den westlichen Markt produzierten Güter zu den gleichen Preisen verkauft werden wie vor der Auslagerung von Produktionsstätten (siehe auch 2.1.1). Aus der Sicht der Globalisierungskritiker trägt solches Geschäftsgebaren großer transnationaler Konzerne nur zu einer einseitigen Vermehrung des Wohlstands bei. Neben der Auslagerung von Arbeitsstätten in Niedriglohnländer gelten als weitere ökonomische Gefahr der Globalisierung auch die unüberschaubaren, weltweit agierenden Finanzmärkte. Beck sieht in ihnen

„eine neue virtuelle Ökonomie transnationaler Geldströme (…), die immer weniger an ein materielles Substrat gebunden sind, sondern sich in einem Spiel von Daten und Informationen auflösen. Die hieraus sich ergebenden neuen spekulativen Gefahren entziehen sich den nationalstaatlichen Kontrollen, ja, berauben den Nationalökonomien die Grundlagen, ohne dass ein Ordnungsrahmen für Transnational- oder Globalökonomien in Sicht wäre“ (1998: 40).

Als Antwort auf diese scheinbar unkontrolliert wirkenden Kräfte verlangen vor allem Gegner, aber auch vorsichtige Globalisierungsbefürworter wieder verstärkt nach nationalstaatlicher oder, vor dem Hintergrund der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft betrachtet, einer regierungsgeleiteten Kontrolle.

2.1.1 Transnationale Unternehmen

Transnationale Unternehmen nehmen in der Diskussion um ökonomische Globalisierung einen großen Stellenwert ein. Durch Aufweichung der Grenzen in der Weltwirtschaft und durch die Schaffung von Freihandelszonen können die Konzerne ihre Produktion relativ leicht in sogenannte Exportproduktionszonen (EPZ) in aller Welt verlagern. Diese Zonen sind souveräne Territorien, in dem ausschließlich Güter für den Export hergestellt werden. Es gibt dort weder die in dem jeweiligen Staat üblichen Ein- und Ausfuhrzölle noch Einkommens- oder Vermögenssteuer. Außerdem gibt es für Investoren aus dem Ausland als zusätzlichen Anreiz eine oft fünf- oder zehnjährige allgemeine Steuerbefreiung (Klein 2002: 213). Die Exportproduktionszonen waren ursprünglich, neben dem Ertragssteigerungs- und Expansionswillen der Konzerne, als hilfreiche Förderung für Entwicklungsländer und deren Handel gedacht. Globalisierungsgegner halten dieses Vorhaben für gescheitert, denn sie befürchten als Konsequenz dieser Praktiken gravierende Folgen sowohl für westliche Industrieländer als auch für die Entwicklungsländer.

Um Lohnkosten und Produktionskosten zu sparen, wurden in den neunziger Jahren vor allem in den USA zahlreiche Fabriken geschlossen und Zehntausende von Arbeiternehmern entlassen. Zum größten Teil waren diese Arbeitsplätze unwiederbringlich verloren, z.T. wurden ehemals sichere Vollzeitarbeitsplätze in unsichere Teilzeit- oder Leiharbeiterjobs umgewandelt. Die Schäden für das soziale und ökonomische Leben der betroffenen Gebiete entstanden und entstehen durch fehlende Gewerbe- und Einkommenssteuern. Infolgedessen fehlen auch die Mittel für städtische Investitionen in Bildung und Kultur.[5]

Ganz andere Auswirkungen scheinen transnationale Konzerne auf dem kulturellen Sektor zu haben. Die großen Konzerne der Kulturindustrie – Fernsehanstalten, Musiksender, Plattenfirmen, Musik- und Filmproduktionsfirmen – produzieren westliche oder amerikanisch geprägte Waren, Ideen und Symbole in Form von Filmen, Fernsehserien, Musikvideos, Sport- und Popstars, Merchandising-Produkten etc. und vertreiben diese über Massenmedien und Massenkommunikationsmittel (Internet) auf der ganzen Welt.[6] Nationale und lokale Kulturen scheinen dieser augenscheinlich standardisierten Warenflut „schutzlos“ ausgesetzt zu sein. Häufig geäußerte Befürchtung in diesem Zusammenhang ist die Homogenisierung kultureller Traditionen und lokaler kultureller Eigenheiten nach einem von der westlichen Kulturindustrie geformten Schema.

2.2 Politische Globalisierung

Das Phänomen der politischen Globalisierung ist von den Auswirkungen oder Eigenschaften kaum von der ökonomischen Globalisierung zu trennen. Die sowohl an Politiker gerichtete als auch von manchen Politikern selbst ausgesprochene Forderung nach vermehrter staatlicher Kontrolle und Regulierung der Märkte steht der vermuteten Denationalisierung der Märkte und Schwächung der Nationalstaaten gegenüber. Im Zentrum der Ängste und Kritik an einer politischen Globalisierung steht die vermeintliche Machtlosigkeit der Politik. In diesem Sinne sprechen einige Autoren von der Schwächung des Staates durch seine „territorial beschränkte Handlungsfähigkeit, während sich die Akteure der Globalisierung grenzüberschreitend bewegen und sich so dem Zugriff des Staates heute leichter entziehen könnten“ (Schirm 2003: 7). Während manche Autoren den Regierungen immerhin noch ebensoviel Autorität wie den transnationalen Unternehmen einräumen[7], sieht der Wirtschafts-Experte Kenichi Ohmae die Lage pessimistischer und die ökonomische und politische Globalisierung weiter fortgeschritten. Seiner Meinung nach würden die Menschen heute in einer Welt ohne Grenzen leben, in welcher der Nationalstaat zur Fiktion geworden sei und Politiker jede wirkliche Macht verloren haben (Ohmae 1996, zit. nach Giddens 1999: 41).

Dem setzen andere Autoren entgegen, dass eine Entgrenzung von nationalen Wirtschaftsräumen durchaus eine höhere Mobilität von Produktion und Kapital ermögliche und dadurch den Wettbewerb von Staaten und Unternehmen um Standort- und Wettbewerbsvorteile verschärfe. Der daraus resultierende schwächere Einfluss auf transnationale Unternehmen habe aber nicht automatisch eine „Schwächung des Staates im Hinblick auf grundlegenden Staatsfunktionen wie der Sicherung des ökonomischen Gemeinwohls“ (Schirm 2003: 8) zur Folge. Umstritten ist nach wie vor, wie die Rolle einer nationalstaatlichen Regierung vor dem Hintergrund der ökonomischen Globalisierung auszusehen hat. Unumstritten ist jedoch, dass die nationalen Ökonomien schon längst in globale Märkte integriert sind und so die nationalen Regierungen unter Druck setzen, ihre Politik den Gewinnerwartungen der globalen Märkte anzupassen (Schirm 2003: 8). Fraglich ist, ob und wie Nationalstaaten eine gewisse Souveränität (zurück)erhalten können. Manche Autoren sehen in der Globalisierung von Ökonomie und Politik jedoch nicht unbedingt eine Schwächung der nationalen (westlichen) Politik, sondern sehen eher eine förderliche, wechselseitige Beziehung, nach der die wirtschaftliche Entwicklung sowohl der Wunsch nach als auch das Angebot an Demokratie in Entwicklungsländern erhöhe.

2.3 Informationstechnische Globalisierung

„Nationalstaaten können sich nicht länger gegeneinander abschotten, ihre mit Waffen geschützten Grenzen sind durchlöchert – jedenfalls was ihre Einbindung in den Raum globaler Kommunikation betrifft: informatorische Globalisierung“ (Beck 1998: 39).

Beck beschreibt die informations- und kommunikationstechnischen Auswirkungen der Globalisierung am Beispiel einer von CNN übertragenen Rede Boris Jelzins in der „Zusammenbruchsphase des sowjetischen Imperiums“ (Beck 1998: 39). Giddens (1999: 43) merkt in diesem Zusammenhang an, dass sich die Ereignisse in Osteuropa von 1989 ohne das Massenmedium Fernsehen nicht in dieser Weise entwickelt hätten. Eine vollkommene, Abschottung von Nationalstaaten aus ideologischen Gründen ist so gut wie nirgends mehr möglich.[8] Die Kommunikationsrevolution und die Informationstechnologie seien eng mit den Globalisierungsprozessen verknüpft. Und diese bedeuten im Kontext der Kommunikation und Information vor allem die Entgrenzung und Überschreitung von Raum und Zeit.

Ganz allgemein ist die Globalisierung von Kommunikation und Information abseits der politischen Bühnen bis hin in ganz private Bereiche spürbar. Neben der Telekommunikation hat besonders die Einführung des Internets und seine rasante Verbreitung die Vernetzung der Welt und damit die Zeit- und Raumgrenzen überschreitende Kommunikation revolutioniert und vorangetrieben. Über das weltweite Datennetz werden Entfernungen und Zeitzonen überwunden und damit die Möglichkeit geschaffen, um mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten und direkt zu kommunizieren. Persönliche, politische und wirtschaftliche Informationen können ungehindert ausgetauscht, verbreitet und abgerufen werden.

Das Internet als virtueller Raum trägt besonders zur Verdichtung von globalen wirtschaftlichen Beziehungen bei. Es ermöglicht ein von lokalen Zeitgrenzen unabhängiges und losgelöstes Zusammenarbeiten globaler Finanzmärkte und ist damit nicht mehr nur bloßes „Kommunikationsmittel (…), sondern vielmehr zum neuen Hauptschauplatz für die Kapitalakkumulierung und die Operationen des globalen Kapitalmarktes geworden“ (Sassen 2000: 330). Diese „Gleichzeitigkeit von ungleichzeitigen Ereignissen“ (Beck 1998: 45) wirkt sich natürlich nicht nur auf die Ökonomie, sondern auch auf Politik, Gesellschaft und Kultur aus. Die Prozesse der Globalisierung in diesen Bereichen werden durch die neuen Möglichkeiten der Massenkommunikation, Telekommunikation und Internet, rapide beschleunigt und stellen zugleich eine wichtige, definitorische Eigenschaft des aktuellen Globalisierungsbegriffes dar.

Die häufig geäußerte Feststellung, dass es grenzüberschreitendes Leben und Handeln auch vor der jüngeren Feststellung einer ökonomischen Globalisierung gab und man daher gar nicht von einer globalen Ökonomie sprechen könne, lässt sich zumindest vor dem Hintergrund des revolutionären Kommunikations- und Informationsmediums Internet in Frage stellen. Heute, wie auch im späten 19. Jahrhundert, habe es laut Hirst und Thompson (1996: 1, zit. nach Giddens 1999: 41) eine liberalisierte Handelsgesellschaft gegeben. Giddens (ebd.) entgegnet dem, dass heutzutage ein viel größeres Spektrum an Waren und Dienstleistungen gehandelt werde, und dies zu einem beträchtlichen Teil über weltweite Finanzmärkte, die zunehmend online arbeiten würden. Das Internet erleichtert Unternehmen das Agieren auf den globalen Märkten und stellt die staatlichen Kontrollinstanzen damit sicherlich vor eine größere Herausforderung. Zudem ermögliche es aber vor allem eine größere Unabhängigkeit, bessere Abstimmungsmöglichkeiten (und) Effizienzsteigerung durch Verdichtung der Interaktion (Woesler 2000: 311). Das Internet sei danach aus folgenden Gründen nicht nur in der Ökonomie ein Exponent der Globalisierung:

„Es verdichtet die Verbindungen von Wirtschaft, Jurisdiktion, Wissenschaft, Politik etc., wobei es als Medium dieser Verbindungen selbst eine Globalisierung durchmacht, die wiederum notwendiges Element seines Wesens ist“ (Woesler 2000: 311).

Abgesehen von der Bedeutung des Internets für Ökonomie und Politik ist das Internet auch ein Exponent der kulturellen Globalisierung, wie im folgenden sichtbar wird.

2.4 Kulturelle Globalisierung

Kulturelle Vielfalt gegen McDonaldisierung – die Ansichten über die Auswirkungen von kultureller Globalisierung könnten nicht gegensätzlicher sein und haben doch eines gemein: Globalisierung wirkt sich auf lokale oder nationale Kulturen aus. Das Schlagwort McDonaldisierung ist unter Globalisierungsgegnern sowohl zur Negativdefinition als auch zu einem populären Synonym für kulturelle Globalisierung geworden. In einer pessimistischen Sichtweise zeigt sich kulturelle Globalisierung vor allem in einer globalen Kulturindustrie, die zur Verbreitung von westlich oder amerikanisch[9] geprägtem Konsum, seiner Symbole und Waren führt.[10] Da die in dieser Industrie führenden Global Player überwiegend ihren Sitz in den USA hätten, werde schnell von Amerikanisierung, also der Homogenisierung von unterschiedlichen, nationalen Kulturlandschaften nach US-amerikanischem Vorbild gesprochen (Breitenbach/Zukrigl: 19). Die Auswirkungen zeigen sich jedoch nicht nur im Warenkonsum, sondern auch anhand von kulturellen Produktionen wie TV-Formaten (z.B. täglich ausgestrahlte soap-operas) und Musikproduktionen. Die Verbreitung dieser kulturellen Waren findet vor allem über die Massenmedien und das Internet statt.[11] Gleichwohl bietet die weltweite Verbreitung des Internets, Fernsehens und die problemlose Telekommunikation auch die Möglichkeit eines kulturellen Austausches jenseits amerikanischer Kulturwarenwelten.

Trotzdem steht die Tatsache, dass es eine starke Verbreitung amerikanisch oder westlich geprägter Kulturwaren gibt, in den entsprechenden Diskussionen kaum außer Frage. Vielmehr ist umstritten, wie diese Erzeugnisse wahrgenommen und welche Auswirkungen sie auf die beeinflusste Kultur haben. Entgegen der Annahme, dass kulturelle Globalisierung zu Homogenisierung führe, gibt es unter Beachtung der spezifischen Rezeptions- und Verhaltensmuster nationaler Kulturen, die Vorstellung von einer Hybridisierung bzw. Vermischung verschiedener Kulturen. Demnach sei es nicht zutreffend, dass lokale Kulturen durch eine westlich geprägte Weltkultur einfach ersetzt werden. Diese Annahme würde einerseits die „Homogenität der amerikanischen oder westlichen Kulturen überschätzen und vom Konsum auf das Bewusstsein schließen“ (Wagner 2002: 16). Zudem werde auch die oft eigenwillige Rezeption US-amerikanischer (bzw. westlicher) Kulturprodukte in anderen Kulturen unterschätzt, wie allgemein die Ambivalenz kultureller Prozesse überschätzt wird (ebd.). Die lokale Aneignung globaler Kulturprodukte und –praktiken zeigt sich an vermeintlich banalen Beispielen. So sind im Iran amerikanische Barbiepuppen zwar verboten, stattdessen werden aber nach deren Vorbild gefertigte, den iranischen Moralvorstellungen und Schönheitsidealen angepasste Puppen angeboten. Ebenso übernehmen z.B. deutsche-türkische HipHop-Gruppen afroamerikanische HipHop-Techniken wie den rhythmischen Sprechgesang, um damit z.B. Lebenswirklichkeiten Ausdruck zu verleihen. Diese eigenwillige Rezeption geht mit einer „verstärkten Rückbesinnung auf eigene kulturelle Traditionen bzw. ihre Wiederentdeckung einher“ (IfK: 6). Der kreative Umgang mit einer scheinbar dominanten Kultur kann also auch eine Belebung der vermeintlich „schwächeren“ Kultur und im folgenden eine große kulturelle Vielfalt hervorbringen.

Ein dritter Aspekt kultureller Globalisierung ist wiederum eine pessimistische Vision von kultureller Fragmentierung und interkulturellen Konflikten, wie sie z.B. Benjamin R. Barber mit seiner These von „Dschihad vs. McWorld“[12] formuliert. Diese Sichtweise steht in ähnlicher Weise auch im Mittelpunkt von Huntingtons „Kampf der Kulturen“, nach dessen These Kultur der neue Konfliktherd ist.[13] Interkulturelle Konflikte, Abschottung gegen Fremdeinflüsse und die Zuflucht zu einem übersteigerten ethnischen Bewusstsein seien als Antwort auf die als bedrohlich empfundene Homogenisierung zu verstehen (Breidenbach/Zukrigl 2002: 19). Ethnisch oder religiös geprägte Kriege und Terroranschläge von beispielsweise Islamisten, wie sie seit dem 11. September 2001 als akute Bedrohung in der gesamten westlichen Welt gesehen werden, scheinen diese recht einseitige Sichtweise zu bestätigen. Abseits von Pauschalisierungen kann man sicher festhalten, dass kulturelle Globalisierung nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen birgt. Scheinbar besonders dann, wenn sehr unterschiedliche Kulturen und Weltanschauungen und damit auch eventuelle Ängste aufeinandertreffen, wie dies vor allem bei westlich und islamisch geprägten Kulturen der Fall ist.

3 Identität im Wandel

Abwehrhaltungen gegen fremde kulturelle Einflüsse einerseits oder deren Rezeption und kreative Umgestaltung andererseits setzen jeweils eines voraus: Eine bestehende kulturelle Identität, die auch als solche wahrgenommen wird. Doch was verbirgt sich hinter den Begriffen Kultur und Identität? Was bedeuten sie für das Individuum und die es umgebende Gesellschaft? Im folgenden soll eine begriffliche Bestimmung gegeben werden, um das mögliche Wirkungsfeld kultureller Globalisierung deutlicher abzugrenzen. Dabei wird dem Begriff der Identität als elementarem Gebilde besondere Bedeutung beigemessen.

3.1 Kultur

War Kultur ursprünglich nur ein Begriff der Landwirtschaft, der den Anbau und die Aufzucht von Pflanzen bezeichnete, ist es heute, nach der Übersetzung des lateinischen Wortes cultura, auch der menschliche Körper und Geist, der gehegt und gepflegt werden soll. Demnach ist Kultur die Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Errungenschaften einer Gesellschaft, worunter auch solche Dinge fallen wie Werkzeuge, Schrift und Kunst.[14] Damit ist sie auch ein der Natur entgegengesetztes, vom Menschen geschaffenes Gebilde, das die elementaren Bedürfnisse der Menschen befriedigen soll.

Um den Begriff für den Kontext dieser Arbeit noch genauer einzugrenzen, ist auch die Frage nach der Bedeutung oder Funktion von Kultur wichtig. In einer psychologisch geprägten Definition stellt Kultur die „Gesamtheit der sozial entworfenen und zugelassenen Formen der Triebbefriedigung“ (Fuchs-Heinritz 1994: 379) dar. Darunter fallen in einem weit gefassten (und im folgenden benutzten) Kontext auch die Populärkulturen (Musik, Theater etc.) und Alltagskulturen wie die Esskultur. Somit lassen sich unter dem Begriff Kultur sämtliche Verhaltensmuster und Werte einer Gesellschaft zusammenfassen. Diese werden im Sozialisationsprozess über Generationen hinweg vermittelt (hierbei durchaus veränderbar), sind z.B. in Werkzeugen und Produkten sichtbar und in Werten und Ideen dem Individuum als solche bewusst (Reinhold 2000: 604). Auf ähnliche Weise definiert Stuart Hall (1986) Kultur als die Bedeutungen und Werte, die in einer bestimmten sozialen Gemeinschaft oder Klasse gelten, historisch gewachsen und doch stetig im Wandel begriffen sind. Durch diese Orientierungshilfen können die Individuen die Bedingungen ihrer Existenz bewältigen. Kultur entspricht der gelebten Tradition der Praktiken, durch welche Verständigung erzeugt bzw. ausgedrückt wird und die sich im Verhalten der Menschen auch verkörpert. Durch diese Werte und Verhaltensmuster erst kann der Mensch seine Identität ausbilden. Sie sind die Errungenschaften, die eine Nation oder Gesellschaft charakterisieren.

„Kultur und die Unterschiede, die sie hervorbringt und markiert, sind damit für die Sozialwissenschaften zu wichtigen Beschreibungskategorien von Gesellschaft geworden. Und das neue Ungleichheitsparadigma privilegiert nicht nur Kultur als Beschreibungskategorie, sondern forciert auch eine Sichtweise, die Kultur nur im Plural denken kann: Kulturen statt Kultur, auch und gerade innerhalb einer Gesellschaft. Die These von einer Kultur, die fortschreitende gesellschaftliche Differenzierung als Klammer überspannt und zusammenhält, wird abgelöst vom Bild einer Gesellschaft, die andauernd neue kulturelle Differenzen produziert (Welz 1996: 119).

Mit dieser Definition wird einerseits der, eine Gesellschaft beschreibende, Charakter von Kultur festgestellt. Andererseits betont sie einen wichtigen Wesenszug von Kultur in einer globalisierten, postmodernen Welt: Die Pluralität von Kulturen innerhalb einer Gesellschaft und deren Differenz untereinander.

3.2 Identität

Ebenso wie Globalisierung ist der Begriff der Identität seit einigen Jahren oft zitiertes und viel diskutiertes Schlagwort sowohl in politischen als auch wissenschaftlichen Diskursen. Viele Sozialwissenschaftler sehen den Grund für das starke Aufkommen der Frage und dem Kämpfen von „Individuen und Kollektiven um ihre Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung“ in den gravierenden gesellschaftlichen Umbrüchen der letzten Jahrzehnte (Eickelpasch, Rademacher: 5). Die Aufweichung von traditionellen gesellschaftlichen und kulturellen Grundlagen, die für eine stabile Verortung und Einbindung der Menschen elementar wichtig ist, trägt maßgeblich zum Bangen um die eigene Identität bei (ebd.). Wenn „Identität nur in ihrer Krise zum Problem [wird]“, wie die Kulturkritikerin Kobena Mercer (zit. nach Hall 1994b: 181) anführt, dann könnten diese Umbrüche tatsächlich eine existentielle Krise hervorgerufen haben. Erst in der empfundenen oder tatsächlichen Bedrohung der eigenen Identität wird sich das Individuum oder Kollektiv seiner überhaupt bewusst. Doch welche Faktoren sind es, die eine derartige Bedrohungsatmosphäre bewirken können? Der zunehmende Wegfall von zuverlässig identitätsstiftenden Konstanten wie „Klasse, Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Rasse und Nationalität (Hall 1999: 393) wird vor allem durch zwei sich wechselseitig verstärkende gesellschaftliche Veränderungen hervorgerufen – die Postmoderne und die Globalisierung. Die Auswirkungen der Globalisierung auf politische, wirtschaftliche, informationstechnische und kulturelle Beziehungen von Nationen und Individuen insbesondere im letzten Jahrzehnt sind unter Kapitel zwei bereits angesprochen worden.

Die Postmoderne, auch als Spätmoderne oder Risikogesellschaft[15] benannte Umbruchzeit, beginnend mit dem sogenannten Wirtschaftswunder der 60er Jahre[16], bezeichnet gesellschaftliche Veränderungsprozesse, die durch funktionale Differenzierung der Gesellschaft, Pluralisierung der Lebenswelten und Individualisierung gekennzeichnet sind (Eickelpasch7Rademacher: 17f.). Die Folgen dieser Prozesse sind eine Aufweichung bzw. teilweise Auflösung traditionaler sozialer Gemeinschaften und Bindungen und der dadurch vorgegebenen Identitätsmuster. Nicht mehr fertige Identitätskonzepte oder -raster bestimmen individuelle Identitäten, sondern sie müssen selbst angeeignet werden. Ob vorbestimmt oder erarbeitet – Identitäten erwachsen aus dem Zusammenspiel zwischen der Innen- oder Selbstsicht und der Außensicht. Was ist also die Identität eines Menschen oder einer Gruppe? Nach welchem Prinzip funktioniert Identitätsbildung?

Vereinfacht betrachtet kann man einen Menschen anhand seiner Identität von anderen unterscheiden – diese rein von außen betrachtete Identität setzt sich zusammen aus seinen individuellen Merkmalen, Eigenschaften und Fähigkeiten. Im klassischen Sinn kommt die Perspektive der Identität als das Selbst hinzu: Hier versteht man unter Identität „das Bewusstsein, sich von anderen Menschen zu unterscheiden (Individualität) sowie über die Zeit (Kontinuität) und verschiedene Situationen (Konsistenz) hinweg - auch für die Umwelt erkennbar - dieselbe Person zu bleiben“ (Döring 1999). Diese Definition der Identität als unverwechselbare Persönlichkeitsstruktur vereint die Sichtweise von außen (soziale Identität) und die Sicht auf das eigene Selbst (personale Identität), die im Zusammenspiel für die Bildung einer eigenen Identität elementar wichtig sind. So vereint z.B. die Stellung in Beruf, Nachbarschaft und Familie wichtige identitätsstiftende Komponenten eines Individuums, so wie für Gruppen und Nationen z.B. die gemeinsame Sprache, nationale Gebräuche und traditionale Eigenheiten als Identitätsanker elementar sind.

So unverwechselbar einzelne Identitäten sind, so veränderbar sind sie auch. Identität ist kein mit der Geburt erworbenes statisches Gebilde, sondern „etwas, das in andauernd wirksamen unbewussten Prozessen über die Zeit hinweg gebildet wird“ (Hall 1994a: 195). Sie bleibe demnach immer unvollständig und befinde sich im ständigen Prozess des „Gebildet-Werdens“.

„Statt von Identität zu sprechen als einem abgeschlossenen Ding zu sprechen, sollten wir von Identifikation sprechen und dies als einen andauernden Prozeß sehen. Identität besteht nicht bereits in der tiefen Fülle unseres Inneren, sondern entsteht aus dem Mangel an Ganzheit, der in den Formen, in denen wir uns vorstellen, wie wir von anderen gesehen werden, von Außen erfüllt wird. Psychoanalytisch gesehen, suchen wir andauernd nach Identität und konstruieren Biographien, die die verschiedenen Teile unseres gespaltenen Ichs zu einer Einheit verknüpfen (…).“ (Hall 1994a: 196f)

Diese, natürlich nicht vollständig behandelten, Zugänge zur Identität erzeugen ein Spannungsfeld, in welchem Identität kein abgeschlossenes Gebilde darstellt, sondern sich in einem permanenten Entwicklungs- und Anpassungsprozess befindet. Dieses wichtige Wesenselement von Identitäten, also die stetige Veränderung und seien es nur minimale Anpassungen, ist zugleich auch ein entscheidender Aspekt in der Frage um Auswirkungen kultureller Globalisierung auf die Identität. Die Veränderung von Identitäten in bestimmten gesellschaftlichen Umgebungen scheint dabei nicht nur ein Prozess der letzten Jahre im Rahmen der Globalisierungsdebatte zu sein. Über die letzten Jahrhunderte hat sich Identität in gesellschaftlichen Umbruchphasen verändert. Stuart Hall gibt in seiner Arbeit „Kulturelle Identität und Globalisierung“ einen umfassenden Überblick über die veränderten Identitätskonzeptionen (Hall 1999) in einer globalisierten Welt und zeigt den Weg von scheinbar unveränderlichen, durch Geburt erlangten Identitätskorsetts vor und während der Moderne zur ebenso scheinbar unausweichlichen, individuellen Identitätsarbeit in der Post- oder Spätmoderne.

3.2.1 Stuart Hall: Das Subjekt der Aufklärung, das soziologische und das postmoderne Subjekt

Hall gehört zu den Vertretern der These, dass Identitäten in einer globalen Welt – postmoderne Identitäten – „dezentriert, zerstreut und fragmentiert seien – Folge einer sich wandelnden sozialen und kulturellen Welt, die den Individuen ihre „kulturelle Landschaft von Klasse, Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, ´Rasse` und Nationalität“ und damit auch ihre persönliche Identität fragmentiere (Hall 1999: 393). Er veranschaulicht anhand von drei Konzepten der Identität, welche gesellschaftlichen Grundlagen und Veränderungsprozesse die Sichtweise von Identität über die Jahrhunderte beeinflusst und schlussendlich zur Dezentrierung des Subjekts in der Postmoderne geführt haben.

Das Subjekt der Aufklärung sah den Menschen als zentriertes und vereinheitlichtes Individuum, das mit Vernunft, Handlungsfähigkeit und Bewusstsein versehen war. Das Subjekt, der Mensch habe von Geburt an ein „Zentrum“, den sogenannten inneren Kern, der sich im Laufe des Lebens verändern könne, aber im wesentlichen immer der gleiche bliebe und damit die Identität des Individuums auszeichne (ebd.: 395). Vor dieser Entwicklung wurde Identität als gottgegeben betrachtet, die Sichtweise eines „souveränen Individuums“ existierte in dieser Form nicht. Erst durch Reformation und Protestantismus konnte sich das Individuum von religiösen Institutionen lösen und selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung gelangen.

Nach René Descartes (1596-1650) stehe das Individuum im „Zentrum des Geistes“, gegründet auf seiner Fähigkeit zur Vernunft und zum Denken. Ganz nach der Devise Descartes´ „Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich“ (ebd.: 403) steht seitdem das „rationale, reflektierende und bewusste Subjekt“, auch als „cartesianisches“ Subjekt bezeichnet, im Zentrum dieser Identitätskonstruktion.

Das soziologische Subjekt gründete in der Annahme, dass der innere Kern des Subjekts nicht mehr autonom war, sondern durch „signifikante Andere“[17] und durch diese Anderen vermittelte Symbole, Werte und Bedeutungen geformt würde (Hall 1999: 395). Das Subjekt behielt zwar seinen „inneren Kern“, war aber durch die zahlreichen Einwirkungen von außen sehr veränderbar. Ausgangspunkt dieser Annahme war die zunehmende Komplexität der modernen Welt, in der das Subjekt in der Interaktion mit und abhängig von der Gesellschaft seine Identität bilde.

Nach George Herbert Mead ist demnach auch die „Fähigkeit, sich auf die Perspektive eines generalisierten Anderen einzustellen, (…) die Voraussetzung für die Entwicklung von Identität (…).“ (zit. nach Abels 2001: 202). Dieses stabile Identitätskonstrukt von einem „Außen und Innen“ war vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts populär. In der Folge der tiefgreifenden Veränderungen und Entwicklungen kamen jedoch Ansätze hinzu, die auf fast prophetische Art das Bild von isolierten, vertriebenen und entfremdeten Individuen (vor dem Hintergrund einer dramatischen Verstädterung) zeichneten (Hall 1999: 406).

Das postmoderne Subjekt ist ein Subjekt ohne festgelegte oder anhaltende Identitäten. Parallel zu den verschiedenen existierenden kulturellen Systemen entstehe eine fließende Vielfalt verwirrender Identitäten, die man sich alle zumindest zeitweise aneignen könne. Diese Identitäten können widersprüchlich sein und das Subjekt selbst zwischen verschiedenen Identitäten hin- und herschwanken lassen. Die Vorstellung einer einheitlichen Identität bezeichnet Hall nur noch als eine tröstliche Illusion (ebd: 396). Er merkt an, dass das Subjekt in der Spätmoderne seiner Selbst nicht einfach nur entfremdet, sondern zerstreut sei. Er unterscheidet zur Erklärung fünf Beiträge bekannter Autoren zum postmodernen Subjekt, die als gemeinsame Erkenntnis die sogenannte Dezentrierung des (cartesianischen) Subjekts haben (Hall 1999: 407):

Der erste Beitrag bezieht sich auf Karl Marx ´ (1818-1883) Werk, in dem er postuliert, dass der Mensch seine Geschichte nicht selber gestalten könne, sondern auf vorgegebene und überlieferte Umstände angewiesen sei. Individuelles Handeln aus freien Stücken würde demnach nicht existieren (ebd.: 408).

Sigmund Freud (1856-1939) verneinte Descartes´ Parole „ich denke, also bin ich“, indem er behauptete, die Identität des Menschen bilde sich auf der Grundlage psychischer und symbolischer Prozesse des Unbewussten (ebd: 408). Der Mensch erlange nie eine vollständige Identität, sondern phantasiere nur über seine ganzheitliche Persönlichkeit. Tatsächlich aber werde Identität in ständigen, unbewussten Prozessen neu gebildet.

Für Ferdinand de Saussure (1857-1913) ist Identität eng mit Sprache verbunden. Sprache als gesellschaftliches, nicht individuelles System ist Mittel zum Ausdruck von kulturellen Bedeutungen. Durch Sprache und die daraus folgenden individuellen und von anderen formulierten, differenzierenden Bedeutungen ermöglichen es, eine Identität herauszubilden. Die Differenz bildet hier das identitätsstiftende Element.

Michel Foucault (1926-1984) beschreibt einen neuen Typ der Macht, die die umfassende Regulierung und Kontrolle des menschlichen Lebens zur Aufgabe hat – von der Menschheit bis hin zum Individuum. Diese „Disziplinarmacht“ versucht, alle Dimensionen individuellen Daseins zu disziplinieren und einen fügsamen Menschen zu schaffen. Paradoxerweise verstärke die Kollektivität und Organisation auf der anderen Seite die Isolation, Überwachung und Individualisierung des Subjekts (ebd.: 413).

Als letzten Beitrag nennt Hall den Einfluss des Feminismus. Sowohl als theoretische Kritik wie auch als soziale Bewegung unterwandert der Feminismus das klassische Bild des soziologischen Subjekts, indem das Private politisiert und zur öffentlichen Diskussion erklärt wird. Die Grenzen zwischen Innen und Außen weichen auf (Hall 1999: 413f.). Identitätsbildungen erfolgen nach der politisierten Unterscheidung zwischen Mann und Frau. Die über Jahrhunderte und viele Generationen hinweg feststehende geschlechtsspezifische Aufteilung in „eine Männerwelt Beruf und eine Frauenwelt Familie“ (Beck-Gernsheim 1980, zit. nach Eickelpasch/Rademacher 2004: 6) wird vor allem aufgeweicht durch die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen.

3.3 Identitätskonzeptionen in der Postmoderne

Anhand der Beobachtungen zu veränderten Identitätskonzeptionen zieht Hall vor allem die Schlussfolgerung, dass heute keine einheitlichen, gesicherten Identitäten mehr bestehen. Die Zersplitterung von sinngebenden und identitätsstiftenden Sozial-, Arbeits- und Gesellschaftsbeziehungen hat die Zerstreuung von Identitäten zur Folge. Zerstreuung, Dezentrierung und Fragmentierung – die Begrifflichkeiten sind zahlreich, um die durch Globalisierung und Massenmedien veränderten zeit- und raumentgrenzten Lebensbedingungen in der Gegenwart zu beschreiben. Identität als einheitliches, lebenslang feststehendes Gebilde existiert in gekannter Form demnach nicht mehr.

„Der Prozeß der Identifikation[18] selbst, in dem wir uns in unseren kulturellen Identitäten entwerfen, ist offener, variabler und problematischer. Dadurch entsteht das postmoderne Subjekt, das ohne eine gesicherte, wesentliche oder anhaltende Identität konzipiert ist. Identität wird zu einem beweglichen Fest“ (Hall 1994a: 182).

Gefordert sind alternative Identitäts- oder Identifikationskonzeptionen, die trotz der Diskontinuität und zersplitterten Fragmenten individuelle und kollektive Identitäten entstehen lassen können. Im Folgenden werden einige Ansätze vorgestellt, die auch allesamt eine Zerstreuung oder Fragmentierung der sozialen und gesellschaftlichen Lebenswelt diagnostizieren, dabei aber unterschiedliche Möglichkeiten für veränderte Identitätskonzeptionen sehen. Während für die einen (Bauman 1997) die verlorenen Sicherheiten im Mittelpunkt stehen und die chancenreiche Identitätsarbeit als ungleich risikoreichere Herausforderung betrachtet wird, interpretieren andere (Hitzler 1994, Keupp 1999) den Wegfall feststehender Identitätsmuster durchaus auch als gewonnene Freiheiten und werten diese als Chance zur individuellen Identitätsbildung. Welsch (1992: 44) sieht z.B. „viele gute Gründe, so zu sein, aber es gäbe ebenso gute Gründe, auch anders zu werden“.

[...]


[1] Ein Indiz dafür sind die Demonstrationen und gewaltsamen Proteste von Globalisie­rungs­geg­nern am Rande der Treffen der WTO (Welthandelsorganisation) oder auch die mittlerweile glo­bal (!) verbreitete und vielbeachtete Organisation der Globalisierungs­gegner Attac. Auf das wei­te Thema vom organisierten Widerstand gegen Globalisierung soll hier aber nicht näher ein­ge­gangen werden.

[2] Die Frage nach dem Beginn der Globalisierung wird in der Literatur sehr unterschiedlich beantwortet, trotz der von vielen Autoren geteilten Annahme, dass Globalisierung gleich­be­deutend ist mit dem Ende der Vorstellung, in „geschlossenen und gegeneinander abgrenz­baren Räumen von Nationalstaaten und ihnen entsprechenden Nationalgesellschaften zu leben und zu handeln“ (Beck 1998: 44). Die Aussagen dazu reichen vom 15. Jahrhundert (Marx) bis zum Ende des Ost-West-Konflikts (Perlmutter).

[3] Aufgrund des begrenzten Rahmens soll hier eine Differenzierung Becks zum Begriff Globalisierung nur am Rande erwähnt werden. Er unterscheidet in seinem Werk „Was ist Globalisierung“ (1998: 24-32) die Begriffe Globalität, Globalismus und Globalisierung. Letzterer stehe für die Prozesse, „in deren Folge die Nationalstaaten und ihre Souveränität durch trans­nationale Akteure, ihre Marktchancen, Orientierungen, Identitäten und Netzwerke unter­­laufen und querverbunden werden.“ Globalismus meint die Verdrängung politischen Handelns und ihrer Ideologien durch die herrschenden Weltmärkte. Mit Globalität ist die bereits be­­stehen­de Weltgesellschaft gemeint, in der die Vorstellung geschlossener Räume fiktiv sei und bereits die verschiedenen ökonomischen, kulturellen und politischen Formen aufeinander prallen.

[4] Im folgenden werden, falls nicht anders angegeben, die Begriffe USA und Amerika synonym verwendet.

[5] Die Folgen für die Menschen in den Entwicklungsländern sind z.T. noch viel existentieller. Globalisierungsgegner klagen an, dass Arbeiter in sogenannten sweatshops innerhalb der EPZ´s in 12-24 Stundenschichten ohne soziale Absicherung unter gesundheitsgefährdenden und repressiven Bedingungen arbeiten müssten.[5] Sobald sich dagegen Widerstand in der Arbeiter­schaft rege oder sich sogar Gewerkschaften gründen wollten, werde dieser unterdrückt, indem mit Kündigung oder Auflösung der ganzen Fabrik gedroht werde. Kritiker sehen ein wichtiges Argument der Global Player durch diese Praktiken ad absurdum geführt: Die versprochene Förder­ung der Entwicklungsländer bleibe aus, weil die EPZs isoliert, meistens sogar militärisch bewacht, von ihrer Umgebung existieren würden, sodass ein Techno­logie- oder Wissens­transfer nicht stattfinden könne und durch die Steuerfreiheit auch die Entwicklung der Infra­struktur aus­bleibe (Klein 2002: 213). Für Globalisierungsgegner steht fest, dass selbst riesige Gewinnzu­wächse weder neue Arbeitsplätze im Westen schaffen noch zur Ver­besserung der Situation in Entwicklungsländern beitragen werden. Diese Argumente münden in dem Vorwurf, dass sich die multinationalen Konzerne aus ihrer Verantwortung und Funktion als Arbeitgeber ent­ziehen würden. Demgegenüber steht jedoch die weitverbreitete Über­zeu­gung, dass es ge­rade die Multis seien, die durch ihre Investitionen den Ent­wick­lungsländern über­haupt erst den Zu­gang zu den Weltmärkten geöffnet hätten. Zudem würden sie (die Kon­zerne) „die Aus­stattung der En­twicklungs­länder mit Sach- und Humankapital erhöhen“ und da­durch zu mehr Pro­duktivität und Wohlstand beitragen (Pies 2000: 57). Dies sind durchaus nach­voll­ziehbare Argu­mente beider Richtungen, die jedoch differenziert betrachtet und nicht pauschal auf alle trans­­nationalen Unternehmen, deren Aktivitäten und Investitionen in Ent­wick­lungsländern an­ge­wandt werden sollten.

[6] Tatsächlich sind die großen Konzerne der Film- und Musikindustrie zu einem großen Teil in ameri­­­ka­nischem Besitz. So hat z.B. der amerikanische Medienkonzern Viacom erst kürzlich nach MTV Deutschland auch den zweiten deutschen Musiksender VIVA übernommen.

[7] Transnationale Unternehmen würden demnach eine „parallel authority alongside govern­ments in matters of economic management” ausüben (Strange 1996: 65. Zit. nach Schirm 2003: 7).

[8] Ausnahmen gibt es in Staaten wie z.B. dem hermetisch abgeriegelten Nordkorea oder jenen, in denen die grundsätzlichen Zugangsvoraussetzung aus ökonomischen Gründen nicht vor­han­den sind.

[9] Falls nicht anders angegeben, werden im Folgenden die Begriffe Amerika/amerikanisch synonym verwendet mit USA/US-amerikanisch.

[10] Die Angst vor (auch von Europa ausgehender) Verwestlichung wird oft synonym mit Ame­rika­­nisierung bezeichnet und ist vor allem in der arabischen Welt weit verbreitet. Ähnliche Äng­ste oder Befürchtungen gibt es auch in Europa; dort gelten sie aber explizit der Amerikanisie­rung.

[11] Die zunehmende Verbreitung des Internets wird z.B. als neue ökonomische und kulturelle Platt­­form sowohl von Unternehmen zur gesteuerten als auch von Privatpersonen zur (größten­teils) illegalen Verbreitung von Musikprodukten genutzt.

[12] Der Titel lautet in der deutschen Übersetzung (1996): „Coca-Cola und Heiliger Krieg“.

[13] Anders als Huntington, dessen These hier nicht näher vorgestellt werden soll, sieht Barber den Islam aber nicht als Kultur mit grundsätzlich zer­störeri­schen Tendenzen, sondern ge­­braucht den Begriff Dschihad oder heiliger Krieg symbo­lisch für alle fundamentalistischen und terroristischen Gruppierungen, die sich gegen Moderni­sie­rung und Globalisierung wenden (vgl. Barber 2003).

[14] Vgl. verschiedene Lexika, hier Hermann, Ursula (1985): Knaur– das deutsche Wörterbuch.

[15] Beruhend auf Ulrich Becks bekannter Arbeit „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ (1986).

[16] bzw. einer rasant fortschreitenden Industrialisierung.

[17] „Mead (sieht) die Übernahme der Rolle des anderen Interaktionspartners als ein wichtiges Element des Ablaufs von Interaktionen. Signifikante Andere sind konkrete Personen, genera­lisierte Andere sind abstrakte Positionen oder Handlungsmuster. Man lernt zuerst, indem man die Handlungen von signifikanten Anderen beobachtet und nachahmt. Eltern (…), die Kinder­gärtnerin oder die erste Lehrerin sind signifikante Andere. Generalisierte Andere folgen im all­gemeinen gesellschaftlich vorgegebenen Regeln bzw. Regelmäßigkeiten, sie nehmen eine Position im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ein.“ Vgl. http://www-user.uni-bremen.de/~empas/sitzung5.pdf.

[18] Hall wählt den Begriff der Identifikation (statt Identität), um der häufig wechseln­den, zeitlich begrenzten Identitätsdauer Ausdruck zu verleihen: „(…) wir (sind) mit einer verwirrenden, flie­ßen­den Vielfalt mög­li­cher Identitäten konfrontiert, von denen wir uns zumindest zeitweilig mit jeder identifizieren können.“ (Hall 1994b: 183).

Details

Seiten
103
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638414197
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43673
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Schlagworte
Globalisierung Auswirkungen Verständnis Auseinandersetzung Identität Welt Beispiel HipHop-Kultur

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Titel: Die Folgen der Globalisierung auf kulturelle Identität am Beispiel der HipHop-Kultur