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Maupassants Naturalismus am Beispiel von "Aux champs"

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Definition des Naturalismus aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
1.1 Der Naturalismus aus Sicht von Guy de Maupassant und seine Romankritik

2. Interpretation des contes ,,Aux champs“ unter naturalistischen Gesichtspunkten
2.1 Zusammenfassung der naturalistischen Prinzipien und abschließende Reflektionen

3. Literaturverzeichnis

1. Die Definition des Naturalismus aus literaturwissenschaftlicher Perspektive

Guy de Maupassant folgt bei seiner literarturästhetischen Konzeption dem Prinzip des Naturalismus.Dieser strebte ursprünglich das Ziel an, dass “[...] das Kunstwerk die zeitgenössische Wirklichkeit widerzuspiegeln [habe]“.[1]

Es ging um eine möglichst präzise,objektive und photographische Abbildung von Wirklichkeit.Das Einzigartige an Maupassant besteht nun darin, dass er sich von dieser Literaturkonzeption emanzipiert und ganz neue Elemente in den Naturalismus integriert.

Er folgt nämlich im Gegensatz zu vielen anderen Naturalisten nicht dem Prinzip der ,,Abbildung von Wirklichkeit“,sondern orientiert sich an dem aristotelischen Dichtungsprinzip der ,,Wahrscheinlichkeit“,der sogenannten ,,vraisemblance“.[2]

Da es aber schier unmöglich ist die Wahrheit in all ihren Facetten wiederzugeben,werden Handlungen präsentiert,die wahrscheinlich sind und mit denen sich der Leser identifizieren kann.Aufgrund dieser starken Identifikation des Lesers mit der Handlung ist auch die Reinigung von negativen Affekten,die sogenannte ,,Katharsis“ tiefgreifender als bei der historischen Geschichtsschreibung.

Dabei ist entscheidend,dass der Autor Maupassant selbst nicht in Erscheinung tritt,sondern dass er sich hinter den sprechenden und handelnden Protagonisten verbirgt.Er kommentiert die Handlung nicht, es werden von seiner Seite aus keine expliziten moralischen Urteile gefällt oder psychologische Erklärungen geliefert,wie es beispielsweise für Balzacs Literaturkonzeption typisch wäre.[3]

Bei Maupassant sind Weltanschauung und Wertekanon der Figuren aus ihrem Verhalten und ihrer Gedankenwelt ableitbar.Diese Literaturkonzeption selbstentlarvender Protagonisten lässt sich auch auf den hier zu behandelnden conte ,,Aux champs“ übertrtagen.

Das naive,empathielose und atypische Verhalten Frau Hubières bei der Ankunft auf dem Land gegenüber einer ihr völlig fremden,bäuerlichen Welt mit spezifischen Charakteristika fernab von jedweder romantischer Verklärung entlarvt die Figur vortrefflich und macht einen Kommentar von Seiten Maupassants völlig unnötig.[4]

Die Beschreibung der Figuren ist bei Maupassant nicht zufällig so stilistisch pointiert, leidenschaftslos,sprachlich präzise und objektiv.Er folgt bei der Konzeption seiner contes auch den Prinzipien der Flaubertschen Ästhetik, nämlich der ,,impersonnalité“, der ,,impassibilité“ und der ,,impartialité“.Dabei verändert er jedoch niemals den Inhalt zugunsten des sprachlich-formalen Stils,die künstlerische Form tritt hinter den sprachlichen Inhalt zurück, ein literaturästhetisches Konzept im starken Kontrast zu Gustave Flaubert für den gilt:

“D´abord le style , et ensuite le vrai“[5]

Im Rahmen der Flaubertschen Ästhetik entwickelt Maupassant sein ganz eigenes Verständis von menschlichem Zusammenleben,das für ihn geprägt ist von Gleichgültigkeit, Gefühllosigkeit,Neid,Gehässigkeit,Habgier und Rachsucht.

Dabei prägen verschiedene soziale Milieus,beispilesweise das ländliche Milieu der Bauern im vorliegenden conte ,,Aux champs“ oder das Milieu der bürgerlichen Pariser Mittelschicht im conte ,,Les bijoux“ ganz entscheidend die Charakterkonstitution und Weltvorstellung der handelnden Figuren,ja sogar ihre gesamte Existenz.

Eben diese Figuren sind Menschen aus dem Volk mit all ihren Nöten, Ängsten,Hoffnungen und Unzulänglichkeiten und keineswegs ,,Heldenfiguren“,bei denen der Grad der Identifikation mit dem Leser nicht so stark ausgeprägt wäre.Der klassische ,,Held“ passt demnach nicht in das naturalistische Literaturkonzept Maupassants und entspricht auch nicht dem aristotelischen Dichtungsprinzip des Wahrscheinlichen.

1.1 Der Naturalismus aus Sicht von Guy de Maupassant und seine Romankritik

Im Kontext der naturalistischen Literaturkonzeption beschäftigte sich Maupassant auch mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit und Legitimität einer Definition der Gattung ,,Roman”,um seinen Kritikern,die ihn oft als ,,leichten” Autor bzw. als ,,Schulautor”gebrandmarkt hatten, entschieden entgegentreten zu können.

Nach Ansicht Maupassants existiert keine aufrichtige und neutrale Definition jener Gattung.

Oftmals beinhalten die klassischen Romane mehr oder weniger wahrscheinliche Abenteuer, die wie ein Theaterstück in drei Akten mit ,,Einführung”, ,,Handlung” und ,,Auflösung” inszeniert werden.

Diese Inszenierung ist für Maupassant zwar durchaus legitim, jedoch verwehrt er sich gegen den Universalanspruch dieser Art von Literaturkonzeption als Gradmesser dafür,was die ,,klassischen” Romane von seinen eigenen unterscheidet. Desweiteren plädiert er dafür,dass ein ,,echter” Literaturkritiker jedem Schriftsteller seine kompositorischen Freiheiten zugestehen und sich nicht von eigenen Vorlieben und Vorurteilen leiten lassen sollte.

Vor diesem Hintergrund legitimiert Maupassant seine naturalistischen Prinzipien.

Der Naturalist zwingt zum Denken und gibt seine persönliche Weltsicht implizit durch die handelnden Personen zum Ausdruck.Dabei bleibt die Absicht des Autors erstmal verschleiert.

Aus einem riesigen Fundus an Themen muß der gute Naturalist ein spezifisches auswählen und das Leben in all seinen wahrscheinlichen Facetten darlegen.

Maupassant ist hierbei jedoch kein romantisch verkläter Schwarz-Weiß-Maler,er behandelt vielmehr konträre, komplexe und moralisch schwierig fassbare, ja oftmals amoralische, animalische und brutale Themen, z.B.in der Kriegsnovelle ,,La mère sauvage”, oder auch im hier behandelten conte ,,Aux champs” und gibt, gemäß der aristotelischen Dichtungsprinzipien, eine vollständige Illusion der Wahrheit.

Maupassant verweist darauf, dass es gerade in der Literaturkritik keine Objektivität und Universalität gibt und ein Naturalist bzw.Realist deshalb diegleiche Daseinsberechtigung hat wie andere klassische Autoren auch.Die folgende Interpretation des contes ,,Aux champs” soll hierbei zugleich ein Plädoyer für die literaturästhetische Aufwertung Maupassants sein.

2. Interpretation des contes ,,Aux champs“ unter naturalistischen Gesichtspunkten

Die Handlung des contes ,,Aux champs” findet in einem armen ländlichen Milieu statt.

Zwei benachbarte Bauernfamilien (wahrscheinlich normannische Bauern als zentrales Thema bei Maupassant) arbeiten hart auf den Feldern,um ihre Kinder großzuziehen.

“Les deux chaumières étaient côte à côte [...].Les deux paysans besognaient dur sur la terre féconde pour élever tous leurs petits.”[6]

Guy de Maupassant steigt relativ abrubt in die Handlung ein und präsentiert gleich zu Beginn das Milieu,in dem sich die Protagonisten bewegen.Dieses ist untrennbar mit den handelnden Personen verbunden und prägt bzw.katalysiert sowohl deren Charaktereigenschaften,als auch deren spezifische Weltanschauung.Gemäß Maupassants naturalistischer Doktrin ist ein dauerhafter Eskapismus aus diesem Milieu unmöglich,es sei denn der Protagonist stirbt.

Von der literarischen Konzeption her entwirft Guy de Maupassant für beide Familien nahezu gleiche soziale Startbedingungen.

“[...] les mariages,et,ensuite,les naissances s´étaient produites à peu près simultanément dans l´une et l´autre maison.”[7]

Er konstruiert also eine Art Startfundament im gleichen Milieu,auf dessen Grundlage sich dann die naturalistische Handlung abspielen kann.Ein zentraler Gedanke des Naturalisten Maupassant zeigt sich auch in der Präsentation der Figuren.Es gibt keine wirkliche Individualität mit spezifischen Charakteristika der handelnden Personen, es herrscht eher eine gewisse Austauschbarkeit der Akteure.

“Les deux mères distinguaient à peine leurs produits dans le tas;et les deux pères confondaient tout à fait.Les huit noms dansaient dans leur tête, se mêlaient sans cesse [...].”[8]

Dieser Beliebigkeit und Austauschbarkeit begegnet man u.a auch im conte ,,Les Soeurs Rondoli”,in dem der Protagonist Pierre genauso bereitwillig mit Carlotta vorlieb nimmt, wie mit Francesca.[9]

Bei der Vorstellung der Familien bleibt Maupassant seinem pointierten Stil treu und erwähnt lediglich,dass die Familie Tuvache drei Töchter und einen Sohn und die Familie Vallin drei Söhne und eine Tochter hat.Auf diese nüchterne Beschreibung erfolgt sogleich ein erster naturalistischer Geniestreich.

Maupassant verbindet die fehlende Individualität der handelnden Personen mit dem Milieu und bringt sogar eine animalische,entmenschlichende Komponente mit ins Spiel.Hierbei vergleicht er die Hausfrau mit einer Gänsehüterin,die ihre Kinder wie identitätslose Masttiere füttert.

“Tout cela vivait péniblement de soupe,de pommes de terre et de grand air.À sept heures,le matin,puis à midi,puis à six heures,le soir,les ménagères réunissaient leurs mioches pour donner la pâtée,comme des gardeurs d´oies assemblent leurs bêtes.”[10]

Diese entindividualisierte,animalische Konzeption bei der Beschreibung der Figuren ist ein naturalistisches Prinzip Maupassants,dass uns auch im conte ,,Les Soeurs Rondoli”begegnet, wenn Pierre aus der Perspektive des Ich-Erzählers seine Liebe Francesca gegenüber beschreibt.

“Un lien secret,ce lien mystérieux de l´amour bestial,cette attache secrète de la possession qui ne rassasie pas,me retenait près d´elle.”[11]

Die sozialen Verhältnisse beschreibt Maupassant unheimlich pointiert und gemäß seinem Prinzip der ,,impassibilité” recht leidenschaftslos,er konfrontiert den Leser nicht mit einem romantisch verklärten Heldenepos,sondern mit hart arbeitenden Bauern auf dem Land,für die etwas Fleisch im sonntäglichen Eintopf ein wahres Freudenfest bedeutet.

“On posait devant eux l´assiette pleine de pain molli dans l´eau où avaient cuit les pommes de terre,un demi-chou et trois oignons;[...]Un peu de viande au pot-au-feu,le dimanche,était une fête pour tous[...].”[12]

Mit der abrupten Ankunft eines jungen Paares aus der Oberschicht an einem Nachmittag im August beginnt der Kontrast zweier völlig verschiedener sozialer Milieus,die mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Wertevorstellungen und Gedankenwelten der Protagonisten einhergehen.

Das Paar fährt brüsk mit einem Auto vor und die Frau sitzt dabei selbst am Steuer.Hier passiert bereits ein klarer Bruch mit der klassischen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und ein Eindringen in eine Welt,die ihnen völlig unbekannt ist.Die erste Reaktion der Frau auf die Kinder zeigt ihre ganze Naivität im Umgang mit einem ihr völlig fremden Milieu.

Sie ist entzückt darüber,wie die Kinder im Staub spielen und betrachtet sie als ,,hübsch”.Hier werden Kinder wie spielende Tiere in einem Zoo dargestellt und es werden ihnen keine individuellen Charakteristika attribuiert.Die Frau denkt nicht eine Sekunde lang über diese traurige Szenerie nach und empfindet den Kindern gegenüber weder Mitleid noch aufrichtige Empathie.

Die hier gewählte literarästhetische Konzeption Maupassants erinnert hier stark an Gustave Flauberts ,,Madame Bovary” und stellt einen intertextuellen Bezug zu Frau Hubières her.

Letztgenannte ist unfähig die traurige Szenerie im Staub spielender Kinder emotional angemessen zu erfassen,vielmehr projiziert sie ihre Naivität und ihre Wertevorstellungen in ein ihr gänzlich unbekanntes Landleben.

“Par un après-midi du mois d´aôut,une légère voiture s´arrêta brusquement devant les deux chaumières,et une jeune femme,qui conduisait elle-même,dit au monsieur assis à côté d´elle:

´Oh!regarde,Henri,ce tas d´enfants!Sont-ils jolis,comme ça, à grouiller dans la poussière!`.”[13]

Auch Madame Bovary beschreibt in der berühmten ,,Bankettszene” die angeblichen Heldentaten und das tadellose Benehmen eines altgedienten Offiziers,der sich in Wahrheit auf widerliche Art und Weise mit Essen vollstopft und sich völlig deplatziert verhält.[14]

Hier zeigt sich Maupassant einmal mehr in Reinkultur.

Er kommentiert dieses naive und weltfremde Verhalten in Bezug auf die Lebenswelt normannischer Bauern gemäß der ,,impartialité” keineswegs, wie Balzac es sicherlich getan hätte,vielmehr entlarvt sich Frau Hubières durch ihr Sprechen und Handeln selbst, Maupassant hält also all jenen den Spiegel vor, die sich in dieser naiven Weltanschauung wiederfinden und verbündet sich -natürlich implizit-mit all denen,die eine differenziertere und tiefgreifendere Sicht auf die Welt haben in der wir leben.[15]

[...]


[1] Vgl. Französische Literatur des 19.Jahrhunderts. 1980 S. 240

[2] Vgl. Ebd S. 242

[3] Vgl. Ebd S. 242

[4] Vgl. Aux champs. S.76 Z.31-35

[5] Französische Literatur des 19.Jahrhunderts. 1980 S. 242

[6] Quelle : Aux champs, S.75 Z.1-2

[7] Ebd. S.75,Z.7–8

[8] Ebd. Z.10-11

[9] Vgl. Les Soeurs Rondoli.GF-Flammarion S.164 Z.17-32

[10] Aux champs. S.75 Z.18-23

[11] Les Soeurs Rondoli et autres contes sensuels. S.157 Z.19-22

[12] Aux champs. S.76 Z.24-30

[13] Ebd. S.76 Z.34-35

[14] Vgl. QUELLE!!!

[15] Vgl. Französische Literatur des 19.Jahrhunderts. S.241

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668770393
ISBN (Buch)
9783668770409
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436759
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
Naturalismus Realismus

Autor

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