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Le francais au Maghreb. Der Status und Korpus des Französischen in Marokko im Vergleich und die Problematik der Sprachstandardisierung in dessen heterogenen Sprachengefüge

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Didaktik - Französisch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Gegenstand der Arbeit

1. Die Rolle des Französischen in der Justiz
1.1 Das Französische auf lokaler Verwaltungsebene
1.2 Das Französische im marokkanischen Bildungssektor

2. Das Französische in der geschriebenen Presse
2.1 Die Rolle des Französischen in Rundfunk und Fernsehen
2.2 Die Bedeutung des Französischen in der Literatur
2.3 Das Französische im Verlagswesen
2.4 Die Bedeutung des Französischen für den sekundären und tertiären Sektor

3. Der Spracherwerb des Französischen im familiären und außerfamiliären Milieu
3.1 Der Grad der Vernakularisation des Französischen
3.2 Die Sprachkompetenz des Französischen
3.3 Das Ausmaß des passiven Gebrauchs des Französischen
3.4 Der Status und Korpus des Französischen im Vergleich

4.1 Was bedeutet Standardsprache per Definition und welche Vorstellungen sind mit ihr 16 verbunden?
4.2 Welche Prozesse werden bei der Standardisierung durchlaufen?
4.3 Welche Probleme ergeben sich aus der Festlegung einer (neuen) Standardsprache für Marokko?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung und Gegenstand der Arbeit

Marokko liegt am äußersten Nord-Osten des afrikanischen Kontinents.Im Norden grenzt es an das Mittelmeer, im Westen an den Atlantik, im Osten an Algerien und im Süden an Mauretanien.

Die Landesoberfläche beträgt 710 850 km2, davon wird über die Hälfte von der Wüste Sahara bedeckt.Im Jahr 1991 wurde die Zahl der Einwohner auf ca. 26 Millionen geschätzt, derzeit liegt sie bei etwa 32 Millionen.Davon sind ca. 50.000 Ausländer.

Das jährliche Bevölkerungswachstum beträgt ca. 2%.Die Bevölkerungsdichte liegt schätzungsweise bei 38 Einwohnern pro Quadratkilometer.Dabei ist die Bevölkerung sehr ungleichmäßig verteilt.Über die Hälfte lebt in städtischen Gebieten im Nord-Westen und im Zentrum des Landes. Die Lebenserwartung ist relativ gering und liegt bei 60 Jahren.Die Analphabetenquote liegt bei 52%.[1]

Marokko zählt neben Tunesien und Algerien zu den Ländern des Maghreb und ist Mitglied in der Arabischen Liga.Die Regierungsform des Landes ist eine konstitutionelle Monarchie.Der derzeitige König ist Mohammed VI.Die offizielle Sprache des Landes ist seit 1956 das Hocharabische und seit der Verfassungsreform von 2011 geniesst auch Tamazight (Oberbegriff für Berbersprachen) den Status als Amtssprache.Die Staatsreligion ist der Islam.[2]

Von 1912 bis 1956 war Marokko französische Kolonie und die offizielle Sprache war Französisch. Sie wurde den Marokkanern auferlegt und war in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, mit Ausnahme der Religion, präsent.Marokko ist seit 1981 Mitglied der Frankophonie.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich mit dem aktuellen Status und Korpus der französischen Sprache in verschiedenen Dömanen und Institutionen der marokkanischen Gesellschaft befasssen.Dabei orientiere ich mich an Queffélec (2000) und an der von Valdman etablierten und dann von Chaudenson weiterentwickelten Klassifikation, innerhalb derer ich einen Schwerpunkt auf die Rolle des Französischen im Bildungssektor sowie in Rundfunk und Fernsehen gelegt habe, weil diese Bereiche für die Ausbreitung des Französischen in Marokko von zentraler Bedeutung sind.[3]

Nach einem Vergleich zwischen Status und Korpus, wobei sich ein recht ausgewogenes Verhältnis zwischen beiden ergibt, möchte ich dann zur Frage überleiten, inwiefern die Aufwertung eines Dialektes bzw. einer Varietät zur Standardsprache im komplexen Sprachengefüge Marokkos Sinn macht und welche Probleme sich hierraus ergeben können und auch zu Bedenken geben, dass eine Sprachstandardisierung in Marokko eine gesamtgesellschaftliche Mammutaufgabe darstellt.

1. Die Rolle des Französischen in der Justiz

Der Prozess der Arabisierung hat innerhalb des Justizsektors de facto zu einer Vormachtstellung des Arabischen (Standardarabisch, modernes Arabisch bzw. Dialektarabisch) vor allen anderen existierenden sprachlichen Varietäten und autochthonen Sprachen Marokkos (Berbersprachen wie z.B Taschelit, Mazirisch, Gomara, etc) in der schriftlichen und mündlichen Kommunikation geführt.

Laut Verfassungstext ist das Arabische die einzige Sprache, die für die Erstellung von (juristischen) Dokumenten verwendet werden darf.

Darüberhinaus werden Dokumente in französischer Sprache vor Gericht nicht mehr akzeptiert und müssen ins Arabische übersetzt werden.[4]

Aber auch in der mündlichen Kommunikation nimmt das Arabische eine nahezu exklusive Position ein.Gerichtsurteile werden nur auf Arabsich verkündet.Die verbale Kommunikation vor Gericht erfolgt entweder auf modernem Arabisch oder Dialektarabisch und sowohl die Kläger, als auch die Angeklagten und Zeugen kommunizieren meist in dieser Sprache.Das Plädoyer wird ausschließlich auf Arabisch gehalten und ein Anwalt der das Arabische nicht beherrscht kann sich von einem arabophonen Kollegen vertreten lassen.[5]

Wenn die Gesprächsteilnehmer ausschließlich berberophon sind, kann die Kommunikation auch in der besagten autochthonen Sprache erfolgen, falls der Richter diese Sprache beherrscht und vor Gericht erlaubt.Gegebenenfalls benennt der Richter einen Übersetzer.

Die Verwendung des Französischen in der mündlichen und schriftlichen Kommunikation ist vor Gericht nicht mehr gestattet.Obgleich sich das marokkanische Rechtswesen stark an Frankreich orientiert und viele Richter frankophon sind, verliert das Französiche vor Gericht dennoch jedwede (kommunikative) Funktion.[6]

Das Arabische generell und die autochthonen Sprachen (im Bereich der Oralität) werden also im Vergleich zum Französischen vor Gericht stark aufgewertet.Man erkennt also bereits im Justizwesen, dass die Dominanz einer Sprache innerhalb einer bestimmten Institution oder Dömane teilweise auch politisch bzw. ideologisch motiviert ist und innerhalb der Sprachengemeinschaft bzw. letztenendes der Gesellschaft zu enormen Umbrüchen führt.Dieser Aspekt soll später noch in Bezug auf die Problematik der Sprachstandardisierung näher erläutert werden.

1.1 Das Französische auf lokaler Verwaltungsebene

Auf lokaler Verwaltungsebene dient das Dialektarabische in der mündlichen Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltungsbeamten als zentrales Kommunikationsmedium.

Etwa 70–80 % der Gesamtbevölkerung Marokkos (gegenwärtig etwa 32.Mio.Einwohner[7] ) benutzen diese am häufigsten gebrauchte und am stärksten verbreitete Varietät des Arabischen.

In einer Schätzung nach Boukous (1995) werden auch die bilingualen berberophonen Sprecher miteinbezogen,die das Dialektarabische als Zweitsprache verwenden.[8]

Das Französische wird häufig in formellen Gesprächssituationen verwendet, oder aber, wenn die beiden Gesprächsteilnehmer sich gegenseitig eine gehobene soziale Position zuerkennen.

Manchmal kommt es auch vor, dass gebildete Sprecher eine Art Mischsprache aus Arabisch und Französisch benutzen (discours métissé) und zwar dann, wenn in einer informellen Gesprächssituation (z.B. Alltagsgespräch) die Französischkenntnisse für die Verständigung nicht mehr ausreichen, weil sich diese normalerweise auf eine formelle, eher wissenschaftlich-intelektuelle Sphäre bezieht und dann das Arabische sozusagen als gemeinsame funktionale Ausgleichssprache fungiert.[9]

Generell wird der Gebrauch des Französischen auf allen Verwaltungsebenen, mit Ausnahme der Bereiche, die die Justiz oder die Religion betreffen, toleriert, insbesondere in Institutionen, die von der Arabisierung weitestgehend unberührt geblieben sind.

(z.B.Gesundheitsministerium, Innenministerium, Post- und Fernmeldewesen, etc.).[10]

1.2 Das Französische im marokkanischen Bildungssektor

Die Rolle des Französischen im marrokanischen Bildungssystem kann nur im Rahmen der marokkanischen Entkolonialisierungspolitik seit der Unabhängigkeit Marokkos 1956 verstanden werden.Während des französischen Protektorats (1912-1956) war das Französische offizielle Sprache in allen staatlichen Institutionen und somit fest in den adminstrativen, wirtschaftlichen und machtpolitischen Strukturen verankert.[11]

Mit der Unabhängigkeit Marokkos folgte ein sukzessiver Arabisierungsprozeß im Bildungssystem, insbesondere seit der Bildungsreform der königlichen Kommission von 1957 mit dem Ziel der Vereinheitlichung von Bildungsstrukturen, der Marokkanisierung des Lehrkörpers und der Arabisierung und Ausweitung des Schulwesens.Da das Französische in vielen Bereichen jedoch jahrzehntelang offizielle Sprache war, konnte es nicht von heute auf morgen durch das Arabische in all seinen (kommunikativen) Funktionen ersetzt werden.Die Stellung des Französischen im marokkanischen Bildungssektor muß also im Kontext eines bis in die heutige Zeit andauernden Arabisierungsprozesses seit 1956 verstanden werden.[12]

Dieser Arabisierungprozess betrifft besonders zwei Bereiche des marokkanischen Schulwesens und zwar das Primar- und Sekundarschulwesen,in denen das Arabische als exklusive Unterrichtssprache fungiert.

Das Primarschulwesen nimmt Kinder zwischen 7 und 13 Jahren auf und besteht aus 2 Zyklen von unterschiedlicher Dauer.Der erste Zyklus dauert 6 und der zweite 3 Jahre.Nach Durchlaufen dieses zweiten Zyklus können sich die Schüler dann innerhalb des Sekundarschulwesens gemäß ihrer Neigung und Eignung für eine der 3 unterschiedlichen Schulformen entscheiden.

Sie besuchen dann entweder allgemeinbildende Schulen, Fachschulen oder Berufsschulen.

In den ersten 2 Jahren der Primarschule ist das Arabische alleinige Unterichtssprache.

Das Französische wird erst ab dem 3.Schuljahr als zweite obligatorische Fremdsprache eingeführt und bis zum 3.Unterrichtsjahr des Sekundarschulwesens gelehrt.Das Stundenvolumen beträgt im ersten Zyklus etwa 8 Unterrichtsstunden und im zweiten etwa 6 Stunden pro Woche.[13]

Das Sekundarschulwesen wird innerhalb von 3 Jahren durchlaufen.Das allgemeinbildende Schulwesen umfasst die Bereiche moderne Literatur (Fachbereich Neuphilologie), sowie Experimental- und mathematische Wissenschaften.Das Fachschulwesen endet mit dem Erwerb des ,,technischen Abiturs“ (baccalauréat technique) und wird in verschiedene Bereiche unterteilt (z.B. Maschinen- und Gerätebau, Elektrotechnik, Bauwesen, chemische Verfahrenstechnik etc.).

Das Stundenvolumen des Französischen variiert zwischen 3– 6 Stunden pro Woche in Abhängigkeit von der Schulform und der gewählten wissenschaftlichen oder technischen Disziplin.

Im Fachbereich Neuphilologie (allgemeinbildendes Schulwesen) beträgt das Stundenvolumen im ersten Unterrichtsjahr 5 und im 2. und 3.Unterrichtsjahr 6 Stunden pro Woche.

Im Fachschulwesen beträgt das Stundenvolumen des Französischen konstant 4 Stunden pro Woche für die gesamte Ausbildungszeit von 3 Jahren.[14]

Trotz des steigenden Stundenvolumens des Französischen darf man nicht außer Acht lassen,dass das Arabische in allen Fächern des Primar- und Sekundarschulwesens die dominante Unterrichtssprache darstellt.Die kontinuierliche Arabisierung der wissenschaftlichen und technischen Fächer hat dazu geführt, dass die praktischen Französischkenntnisse, die innerhalb des öffentlichen Schulwesens erworben werden als stark rudimentär zu betrachten sind.[15]

Die Sprachkompetenz der Schulabgänger schwankt erheblich und reicht in vielen Fällen nicht aus, um innerhalb des Hochschulwesens einen wissenschaftlichen oder technischen Studiengang in französischer Sprache zu belegen und sich dadurch den Weg für einen modernen Beruf zu ebnen.Die Frage, ob das Französische eine bedeutsame kommunikative Funktion (Status) innerhalb des Sprachengefüges in Marokko hat, ist also auch von der Sprachkompetenz (Korpus) abhängig und darf nicht isoliert betrachtet werden.[16]

Entscheidend ist zudem,dass die Schule als Bildungsinstitution lediglich ein extrafamiliäres Milieu der formellen Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit konstituiert, in dem das Standardarabische als offizielle Sprache bzw. das Französische als obligatorische zweite Fremdsprache gelehrt werden.

Zu den Bildungseinrichtungen und somit vor allem zum schriftlichen Code hat aber nur ein sehr geringer Anteil der Gesamtbevölkerung Marokkos Zugang.Von den etwa 32 Mio.Einwohnern Marokkos zählten 1994 nur etwa 4,8 Mio Einwohner zur eingeschulten Bevölkerung (population scolarisée), betraf also diejenigen, die eine Bildungs- oder Ausbildungseinrichtung besuchten.

Davon lebten etwa 70 % im städtischen und nur 30 % im ländlichen Raum und 60 % der eingeschulten Bevölkerung waren Männer.

Betrachtet man zudem die Schulquote der 8–13-jährigen aus dem Jahre 1994, so werden die sozialen bzw. geschlechtsspezifischen Unterschiede besonders deutlich.

Während im urbanen Milieu etwa 83,9 % aller 8-13-jährigen eine Schule besuchten,waren es im ländlichen Milieu nur 43,4 %.Im letztgenannten waren nur 26,6 % aller Mädchen eingeschult und 59,6 % aller Jungen,wodurch die Schulquote im ländlichen Milieu für die Gesamtheit der 8-13-jährigen auf lediglich 43,4 % sank.[17]

Der Zugang zum Bildungssektor hängt in Marokko also stark von der sozialen Herkunft und dem Geschlecht ab und Schüler, die das Französische lernen,sind eher Kinder aus dem städtischen Milieu und männlich.Der größte Teil der Bevölkerung, die nur zu etwa 48% alphabetisiert ist,[18] kommt mit dem prestigeträchtigen Standardarabischen und Französischen, wie es in der Schule gelehrt wird, kaum in Berührung, daher muß es andere Milieus bzw. Gesprächssituationen (informell oder formell) außerhalb der Schule geben, durch die sich das Französische bzw. Arabische in Marokko verbreitet und dadurch dessen Kompetenzniveau beeinflusst.

[...]


[1] Vgl. Schlicht, Alfred (2013) : 19 - 23

[2] Vgl. Ebd. : 32 – 35

[3] Vgl. Chaudenson : 24

[4] Vgl. Benzakour, F./Gaadi, D./Queffélec, A. (2000) : 85

[5] Vgl. Ebd. : 86

[6] Vgl. Ebd.

[7] Quelle : Auswärtiges Amt

[8] Vgl. Boukous, A. (1995) : 30

[9] Vgl. Benzakour, F./Gaadi, D./Queffélec, A. (2000) : 87

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl. Ebd. : 88

[12] Vgl. Ebd. : 89

[13] Vgl. Ebd. : 90

[14] Vgl. Ebd. : 91

[15] Vgl. Ebd. : 93

[16] Vgl. Ebd.

[17] Vgl. Ebd.

[18] Quelle : Auswärtigs Amt

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668771048
ISBN (Buch)
9783668771055
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436761
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Schlagworte
maghreb status korpus französischen marokko vergleich problematik sprachstandardisierung sprachengefüge

Autor

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