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Wirkungen und mögliche Einschränkungen von modernen Kartellen nach Robert Liefmann und Gustav Schmoller

Essay 2015 6 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Georg-August-Universität-Göttingen Göttingen, den 22.06.2015

Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät

Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Seminar: “Geschichte des ökonomischen Denkens über Wettbewerb”

Semester: SoSe 15

Student: Hendrik Niehoff

Essay: Wirkungen und mögliche Einschränkungen von modernen Kartellen nach Robert Liefmann und Gustav Schmoller

Kartelle haben eine lange Geschichte. Die ersten Formen von Zusammenschlüssen durch einzelne Unternehmer traten bereits im Mittelalter auf, als sogenannte Corners versuchten alle auf ihrem Markt erhältlichen Waren aufzukaufen, um somit den Preis zu bestimmen. Zwar erfüllten diese Verbände nicht die Anforderungen eines modern definierten Kartells, jedoch lässt sich an ihnen bereits das Verlangen von Unternehmungen Einfluss auf die Preisbildung innerhalb einer Industrie zu nehmen, erkennen. Die Soziologen Robert Liefmann und Gustav Schmoller versuchten jeweils zu ihrer Zeit, das Phänomen der modernen Kartelle zu begreifen und zu definieren. Auch machten sie sich bereits Gedanken über die positiven wie auch negativen Auswirkungen auf Gruppen, welche in einer Wechselwirkung mit den Kartellen stehen und wie diesen Auswirkungen beispielsweise durch den Staat entgegengewirkt werden könnte.

Zuerst sollen die von Robert Liefmann beschriebenen Auswirkungen auf die in einem Kartell beteiligten Unternehmer aufgezeigt werden. Liefmann ist der Ansicht, dass das grundlegende Ziel des Zusammenschlusses in Form eines Kartells, neben der Erhöhung der Gewinne aller beteiligten Unternehmungen, auch die Anpassung der Preise sowie der Löhne der Arbeiter sei. Der Fehler der ersten Kartelle eines Industriezweigs sei es nach Liefmann stets gewesen, die Preiserhöhungen nicht zu mäßigen. Dies führe nach Liefmann immer zu einem Auftreten von neuer Konkurrenz innerhalb dieser Industrie, was auf Dauer den Zusammenbruch des Kartells bewirke. Liefmann führt in Hinblick auf dieses Problem eine andere, aus seiner Sicht vorteilhaftere, Strategie an. Statt nur auf eine schnell vorübergehende Hochkonjunktur abzuzielen, behauptet er, eine Strategie der Preisstabilität führe auf Dauer zu einem weitaus größeren Vorteil. Dies wäre bereits zu seiner Zeit in einigen Industrien erkennbar. Der größte Wert eines Kartells für den einzelnen beteiligten Unternehmer sei nach Liefmann jedoch die anfallenden Produktionskosten durch schnell durchführbare Preisänderungen ausgleichen zu können. Allerdings habe ein Zusammenschluss in Form eines Kartells auch negative Folgen für die Beteiligten. So würde etwa ihre Selbstständigkeit durch die feste Bindung an bereits getroffene Vereinbarungen innerhalb des Kartells stark beschränkt. Weiterhin bestehe zwischen den Beteiligten nur eine Interessenssolidarität, die bereits vorhandene Gegensätze zwischen Gruppen innerhalb des Kartells nicht auflöse, sondern schlimmstenfalls nur verstärke.1

Im weiteren Verlauf seiner Schrift bringt Liefmann auch die Auswirkungen von Kartellen auf außenstehende Unternehmer an. So ist er grundsätzlich der Ansicht, dass durch die Kartelle eine stete Ausdehnung der Produktion stattfindet. Die Kartelle hätten durch diese Ausdehnung die Möglichkeit ihre Konkurrenz innerhalb der Industrie zu unterdrücken und somit auf lange Zeit zu verdrängen. Diese Unterdrückung durch beispielsweise sehr niedrig festgelegte Preise seitens des Kartells sei nach Liefmann jedoch nur eine temporäre Möglichkeit, da sonst der Zweck des Kartells verfehlt würde. Neben der Preisstrategie gäbe es jedoch auch jederzeit die Möglichkeit die Konkurrenz aufzukaufen. Die nach Liefmann effektivste Lösung zur Konkurrenzunterdrückung sei es, Verträge mit Lieferanten sowie Arbeitern zu schließen. In diesen würden sie sich verpflichten ihre Arbeitskraft nur für das Kartell zur Verfügung zu stellen und die Konkurrenz außen vor zu lassen. Weiterhin beschreibt Liefmann, dass die Konkurrenz der Kartelle keinen Anspruch auf einen durch Gesetze geregelten staatlichen Schutz habe, da diese sich nicht den Herausforderungen und Risiken einer Kartellmitgliedschaft stellen und vielmehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien.2

Liefmann beschreibt ebenfalls die Wirkungen, welche die Kartelle auf die ihnen unterstellten Arbeiter hat. So sei es nach Liefmann ein großer Vorteil, dass die Arbeiter der einzelnen Unternehmungen leichter zufriedenzustellen seien. Etwa wäre es möglich, die seitens der Arbeiter geforderten Lohnerhöhungen durch eine schnelle Preisanpassung zu realisieren. Diese Preisanpassung könne auch in Bezug auf Lohngleichheit innerhalb des Kartells eine Rolle spielen. Allgemein verbindet die Arbeiter und Unternehmer nach Liefmanns Ansicht somit die Ausbeutung der Konsumenten.3 Diese Konsumenten und Abnehmer der durch die Kartelle gefertigten Produkte und Rohstoffe unterscheidet Liefmann in Zwischenhändlern und den letzten Konsumenten, den Endkunden.

Nach Liefmann sind die höheren Preise der größte Nachteil den die Abnehmer durch das Kartell erleben. Vielmehr hätten die Abnehmer ein Interesse an einem stetigen Preis, welcher durch seine Stabilität auch in Krisenzeiten einen Vorteil mit sich bringe. Allerdings beschreibt Liefmann auch eine Handlungsalternative, mit der die Abnehmer Einfluss auf die Kartelle nehmen könnten. Er bezeichnet dieses als Einkaufsvereinigung der Abnehmer. Die Abnehmer könnten sich in Gruppen zusammenfinden und sich auf den Einkauf bei einer bestimmten Unternehmergruppe beschränken. Mit diesem Mittel hätten die Abnehmer die Möglichkeit den Kartellen entgegenzuwirken, um etwa stetige Preiserhöhungen, welche sich stets bei den Abnehmern auswirkt, einzuschränken. Liefmann behauptet, diese Vereinigung befinde sich zwar noch im Wachstum und insbesondere die letzten Konsumenten seien schwer in diesen zu organisieren. Jedoch zeigt er auch den Vorteil auf, dass bereits eine kleine Einkaufsvereinigung in der Lage sei den Kartellen einen beträchtlichen Schaden zuzufügen.4

Bereits 20 Jahre bevor Liefmann seine Ansichten veröffentlichte, hielt Gustav Schmoller 1905 ein Referat vor der Generalversammlung des Vereins der Socialpolitik, in dem er sich mit dem Verhältnis der Kartelle zum Staat beschäftigte. Schmoller nennt die negativen Aspekte der Kartellentstehung. So käme es etwa durch die Monopolstellung und die damit verbundene Ausschaltung der Konkurrenz, zu einer starken Vermögenskonzentration bei den Unternehmern innerhalb der Kartelle.

Weiterhin ist Schmoller, genau wie Liefmann der Ansicht, dass stetig ansteigende Preise eine Folge der Kartellbildung seien, welche sich vor allem auf die Verbraucher negativ auswirke, und auch kleinere, vorher unabhängige Geschäfte innerhalb der Industrie von den Kartellen abhängig mache. Besonders eine Monopolisierung des Verkehrs, seien es Eisenbahnen oder Banken, würde negative Folgen hervorrufen. Denn nach Schmoller wirken sich rücksichtslose Preisänderungen in diesem Bereich sehr schnell und stark auf die Wirtschaft, Politik und auch die allgemeine Moral aus. Eine staatliche oder gemeinnützige Leitung dieser Monopole würde nach Schmoller all dies verhindern.5

Schmoller bringt auch an, dass es bereits einen Widerstand gegen die Kartelle gäbe, welcher eine schärfere gesetzliche Ordnung dieser verlange. Der Widerstand fundiere auf der Annahme, dass die Kartelle gegen alte Gesetze und Prinzipien wie etwa die Gewerbefreiheit und die freie Konkurrenz agieren würden. Nach Schmoller sei dieser Widerstand auch nachvollziehbar, dürfe jedoch nicht zu allgemeiner Verstaatlichung oder Unterdrückung der Kartelle führen. Dafür seien die Kartelle noch zu unterschiedlich und unausgereift. Allgemein ist Schmoller jedoch der Ansicht, dass den Kartellen Grenzen gesteckt werden sollten. So sollte etwa geregelt sein, bis zu welchem Punkt die Kartelle über eine Strafgewalt innerhalb ihrer Gruppe verfügen, um zum Beispiel Vertragsbrüche zu bestrafen. Weiterhin sollte die Tragweite von vertraglichen Absprachen, wie auch die individuelle Behandlung zwischen den Unternehmungen innerhalb des Kartells klar geregelt sein. Diese Regelungen seien nach Schmoller nur durch den Staat durchzusetzen. Dieser könne etwa durch das Einsetzten von ausgewählten Personen in die Aufsichtsräte, korrigierend in die Preisbildung eingreifen. Wichtig sei jedoch, dass diese Personen ungefähr die politischen und wirtschaftlichen Interessen, sowohl der Unternehmung als auch des Staates vertreten würden.6

Alles in allem lässt sich bei Schmoller eine positive Einstellung gegenüber den Kartellen erkennen. Er erkennt ihre Fähigkeit den sonst freien, aber auch ruinösen Konkurrenzkampf innerhalb eines Marktes zu regulieren und zu ordnen.7

Liefmann stellt in seinem Text die Geschichte der Kartelle detailliert dar und kommt zu dem Schluss, dass sich die modernen Kartelle sehr von früher auftretenden ähnlichen Formen wie Corner oder Ringe unterscheiden und mit ihnen nicht im historischen Zusammenhang stehen.8 Weiterhin analysiert Liefmann sehr detailliert die einzelnen Formen der Kartelle, sowie die Wirkungen die ein Kartell auf sein Umfeld hat.

Auch in der heutigen Zeit ist den Kartellen eine große Bedeutung zuzuschreiben. So ist es selbstverständlich, dass alle Mitglieder eines Kartells von diesen Zusammenschlüssen profitieren wollen. Dies ist jedoch grundsätzlich nur durch immer größere Rationalisierungen möglich, welche erst beendet wären, wenn eine „Gesamt-Organisation“, also ein stark ausgeprägtes Kartell, entstehen würde. Ein Beispiel für so eine Gesamt-Organisation ist etwa ein Weltstaat. In der Wirtschaft wird dies jedoch durch die Wettbewerbspolitik eines jeden Staates unterbunden.9

[...]


1 Beitrag zu Sammelband: Robert Liefmann, Kartelle, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, hrsg. Von Ludwig Elster, Adolf Weber, Friedrich Wieser. 4. Aufl., 5.Bd., Gustav Fischer, Jena 1923, S.81 ff.

2 Liefmann, Kartelle, S.84 ff.

3 Liefmann, Kartelle, S.87 ff.

4 Liefmann, Kartelle, S.89 ff.

5 Beitrag zu einem Sammelband: Gustav Schmoller, Referat zum Verhältnis der Kartelle zum Staate, in: Duncker & Humblot, Verhandlungen der Generalversammlung in Mannheim September 1905, Leipzig 1906, S. 236-270

6 Schmoller, Verhältnis Kartelle zum Staat, Leipzig 1906, S. 236-270

7 Köster, Roman, Die Wissenschaft der Aussenseiter: die Krise der Nationalökonomie in der Weimarer Republik, Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S.271 ff.

8 Mayer, Leopold, Kartelle, Kartellorganisation und Kartellpolitik, Springer-Verlag, 2013, S.14

9 Holm A. Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien, Hildesheim 2013, S. 192-197

Details

Seiten
6
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668770348
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436783
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,7
Schlagworte
wirkungen einschränkungen kartellen robert liefmann gustav schmoller

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Titel: Wirkungen und mögliche Einschränkungen von modernen Kartellen nach Robert Liefmann und Gustav Schmoller