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Bildungsungleichheit von Kindern mit Migrationshintergrund im Grundschulalter

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von „ Kinder mit Migrationshintergrund“

3. Bildungslage von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland
3.1. Bildungsbeteiligung
3.2. Schulleistung
3.2.1. Übertritt in die Sekundarstufe I
3.2.2. PISA
3.2.3. IGLU
3.3. Bildungserfolg

4. Ursachen der Chancenungleichheit von Kindern mit Migrationshintergrund
4.1. Humankapitaltheoretische Erklärung bzw. Individuelle oder Familiäre Merkmale
4.2. Effekte von Kontextmerkmalen
4.3. Institutionelle Diskriminierung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Bilderverzeichnis

1. Einleitung

Die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, lässt sich anhand der Statistik des Statistisches Bundesamt in Bezug auf die ausländische Bevölkerung und auf die Anteile an Einwohnern mit Migrationshintergrund, nicht mehr lange verleugnen, obwohl die Einwanderungspolitik in der Vergangenheit nicht viel Wert darauf gelegt hat.

Tatsächlich hat das Statistisches Bundesamt eine Erhöhung der ausländischen Bevölkerung von 6,75 auf 8,2 Millionen von 2010 bis 2014 registriert. Das sei seit 1967 der Höchstwert seit jeher in Deutschland (vgl. Statistisches Bundesamt 2015b, vgl. Wollin 2013, S. 11).

Deutschland hatte Ende 2014 rund 16,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, was ca. 20,3 % der aktuellen gesamten Bevölkerung Deutschlands entspricht, wobei mehr als die Hälfte davon einen deutschen Pass besitzen (vgl. Statistisches Bundesamtes 2015c).

Da schulische und allgemeine Bildung unabdinglich für die wirtschaftliche, gemeinschaftliche, politische und kulturelle Beteiligung am Leben ist, muss man Menschen mit Migrationshintergrund eine Chancengleichheit ermöglichen, indem ihnen die gleichen Bildungschancen angeboten werden, wie Menschen ohne Migrationshintergrund (vgl. Wendel 2013, S. 1).

Dieses Thema ist der Öffentlichkeit nur seit der Veröffentlichung der Befunde vom Programme for International Student Assessment (PISA) und Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) aufgefallen, insbesondere, weil Schüler mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Schülern ohne Migrationshintergrund schlechter abschnitten (vgl. Karim 2011, S. 16).

Dennoch, laut einer Untersuchung des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IfS), wurde nachgewiesen, dass die Gleichstellung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem auch zwölf Jahre nach dem PISA-Schock immer noch nicht selbstverständlich ist (vgl. a.a.O., S. 1)

Trotz so hohem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, kommt es immer noch häufig vor, dass Kinder mit Migrationshintergrund im Grundschulalter benachteiligt werden, obwohl sie keine Minderheit mehr an der deutschen Gesellschaft darstellen. Welche sind die Ursachen dieser Chancenungleichheiten und wie können sie aufgehoben werden?

2. Definition von „ Kinder mit Migrationshintergrund“

Der Begriff „ Migration “ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „ Wanderung “. Sobald die Wanderung über nationalen Grenzen geschieht, ist die Rede von einem „ Übertritt von einer soziokulturellen Umgebung in einer andere “ (vgl. Wollin 2013, S. 15). Da Migranten eine sehr heterogene Gruppe darstellen, ist es wichtig den Begriff „ Migrationshintergrund “ zu definieren.

Laut Statistischem Bundesamt haben einen Migrationshintergrund „alle, die nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt 2015a, S. 5).

Daher wird der Begriff „ Migrationshintergrund “ sowohl für Zuwanderer der 1. Generation (im Ausland geboren und selbst nach Deutschland eingewandert), als auch für Angehörige der 2. Generation (im Deutschland geborene Kindern von Zuwanderern) benutzt. Die Kinder von Zuwanderern wachsen aber häufig durch die Eltern „i n einem anderen kulturellen und sprachlichen Kontext “ auf (vgl. Gresch 2012, S. 27).

Bei dieser Arbeit wird der Begriff „ Migrationshintergrund “ so verstanden: „ Zuwanderer der 1. oder der 2. Generation, die in Deutschland aufgewachsen und eingeschult wurden, unabhängig ob nur ein Elternteil oder beide Elternteile im Ausland geboren wurden und auch abgesehen von ihrer aktuellen Staatsangehörigkeit “ (eigene Definition).

3. Bildungslage von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland

Wie in der Einleitung schon erläutert, haben ca. 20,3% der Einwohner Deutschlands einen Migrationshintergrund (vgl. Statistisches Bundesamt 2015c). Vorwiegend in Schulen in Ballungsgebieten fällt dieser Prozentsatz sogar noch höher aus, da mehr als 50% der Schüler Migrationshintergrund haben (vgl. Wollin 2013, S. 17).

Allerdings durchlaufen Menschen mit Migrationshintergrund zweifellos schwieriger eine erfolgreiche Schullaufbahn und haben öfter einen niedrigeren Bildungsstand als Personen ohne Migrationshintergrund. Nur 1,5% der Menschen ohne Migrationshintergrund haben keinen Abschluss, während 13% der Menschen mit Migrationshintergrund keinen haben (vgl. ebda).

Darüber nennt die Bildungsforschung zwei Aussagen: die Präsenz von Menschen mit Migrationshintergrund stellt eine „ gewaltige Herausforderung für das deutsche Bildungssystem “ dar und das Bildungssystem ist nicht gelungen, Schüler mit Migrationshintergrund gerecht an der Bildung zu beteiligen (vgl. Wollin 2013, S. 19).

Um etwa eine möglichst gründliche Bildungslage von Kindern mit Migrationshintergund zu erforschen, werden durch die Bildungswissenschaft sowohl die Statistik für die Bildungsbeteiligung, die Schulleistung als auch der Bildungserfolg herangezogen, die wiederum auch soziale Benachteiligungen darlegen können (vgl. Wendel 2013, S. 4).

3.1. Bildungsbeteiligung

Da es keine spezifische amtliche Statistik zur Bildungsbeteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund gibt, wie sie hier in Kapitel 2 definiert sind, wird an dieser Stelle allgemein auf die Statistik zur Bildungsbeteiligung von Kindern ausländischer Herkunft zurückgegriffen.

Die Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in diesem Bezug (vgl. Siegert 2008, S. 5) zeigt aber eindeutig, dass ausländische Kinder an Gymnasien und Realschulen wenig vertreten sind, im Gegensatz zu ihrer übermäßigen Vertretung an Haupt- und Sonderschulen.

Tatsächlich besuchen 39,7% der männlichen bzw. 33,9% der weiblichen ausländischen Schüler eine Hauptschule, wobei nur 16,7% der männlichen bzw. 12,6% der weiblichen deutschen Schüler eine Hauptschule besuchen (vgl. Siegert 2008, S. 21).

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schüler an ausgewählten Schulen der Sekundarstufe im Schuljahr 2006/2007 nach Nationalität und Geschlecht

Deutsche Schüler dagegen besuchen etwa doppelt so oft ein Gymnasium. Geradezu 41,7 % der männlichen bzw. 47,4 % der weiblichen deutschen Schüler besuchen ein Gymnasium, wobei nur 23,1 % der weiblichen bzw. 19,1 % der männlichen ausländischen Schüler ein Gymnasium besuchen (vgl. ebda).

3.2. Schulleistung

Die Statistiken in Bezug auf den Übertritt von der Grundschule in die Sekundarstufe I, sowie die beiden Schulleistungsstudien PISA (Programme for International Student Assessment) der OECD und IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung), geben genauere Hinweise auf die Schulleistungen von Kindern mit Migrationshintergrund.

3.2.1. Übertritt in die Sekundarstufe I

Als Grundlage der Empfehlung für den Übertritt von Kindern mit Migrationshintergrund von der Grundschule in die Sekundarstufe I dienen in der Regel Schulleistung und Lernverhalten der Kinder, sowie die von Lehrern geschätzte kulturelle Anpassungsfähigkeit der Kindern an die Lernkultur im Gymnasium, aufgewiesene Sprachdefizite und negative Erfahrungen von Lehrern mit dem Scheitern ehemaliger Grundschulkinder (vgl. Wilmes, Schneider und Crul 2011, S. 35).

Auffällig in der Abbildung 2 ist ein bedeutender Unterschied zwischen den Empfehlungen für die weiterführende Schule für Schüler mit und ohne Migrationshintergrund, wo bestätigt wird, dass „ausländische Schüler seltener auf Realschulen oder Gymnasien als deutsche gehen, dafür aber deutlich häufiger auf Hauptschulen und auf Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen“ (vgl. Siegert 2008, S.5).

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Übergang von Kindern aus Migrantenfamilien und Kindern aus deutschen Familien von der Grundschule in die Sekundarstufe I im Zeitraum von 1985 bis 2006 nach Schultyp (prozentuale Anteile)

Auch eine ähnliche Diskrepanz zeigt die Abbildung 3 in Bezug auf die Empfehlung für die weiterführende Schule am Ende der Grundschule für türkische Befragte und deutsche Schüler (als Vergleichsgruppe) laut TIES-Studie (vgl. Wilmes, Schneider und Crul 2011, S. 35).

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Empfehlung für die weiterführende Schule am Ende der Grundschule (per Befragtengruppe in %)

3.2.2. PISA

Die PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) wurde von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2000 in die Wege geleitet, wobei in jedem Mitgliedsstaat der OECD alle 3 Jahre ca. 4.500 bis 10.000 15-jährige Schüler in den Bereichen „ Lesekompetenz, mathematische Grundbildung, naturwissenschaftliche Grundbildung und fächerübergreifende Bildung" getestet wurden (vgl. Karim 2012, S. 63).

Bei der PISA-Studie wird der Migrationshintergrund des Schülers durch den Geburtsort der Eltern abgeleitet. Es wird jedoch zwischen Familien, in denen „ (1) beide Eltern in Deutschland geboren sind, (2) ein Elternteil im Ausland geboren ist und (3) beide Eltern im Ausland geboren sind “ unterschieden, was präziser als die Ermittlung des Migrationshintergrundes des Schülers durch ihren Geburtsort oder ihre Staatsangehörigkeit ist (vgl. a.a.O., S. 65).

Die PISA-Studie vom Jahr 2000 hatte als Schwerpunkt die Ermittlung der Lesekompetenz der 15-jährigen Schüler, wobei belegt wurde, dass Schüler mit Migrationshintergrund eine geringere Lesekompetenz als deutsche Schüler aufwiesen, mit einem halben Schuljahr bis hin zu eineinhalb Schuljahren Rückstand. Daher haben Kinder mit Migrationshintergrund seltener Erfolg in der Schulbildung, auch wenn sie in Deutschland geboren wurden und immer schon hier zur Schule gegangen sind (vgl. Wollin 2013, S. 20).

Diese Studie aus dem Jahr 2000 hat eine Bildungsungleichheit belegt (vgl. Karim 2011, S. 66), indem sie auch aufgedeckt hat, dass nur ein Zehntel der Kindern mit Migrationshintergrund das Abitur geschafft haben. Wichtige Ergebnisse waren auch, dass die Schüler mit Migrationshintergrund (mit fast zu 50%) zu der Gruppe der „ extrem schwacher Leser „ gehörten, wobei nur 2% der Schüler mit Migrationshintergrund zu der Gruppe der „ exzellenten Lesern “ gehörten (vgl. a.a.O., S. 67).

Zentralpunkt der PISA-Studie aus dem Jahr 2003 war die mathematische Auffassungsgabe der 15-Jährigen. Laut dieser Studie umfasste der Unterschied in der Auffassungsgabe im Fach Mathematik zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund der gleichen Jahrgangsstufe bis zu zwei Schuljahren. Bei dieser Studie wurde die Korrelation zwischen der sprachlichen Kompetenz der Schüler und ihren Leistungsergebnissen im Fach Mathematik belegt (vgl. a.a.O., S. 78).

Die PISA-Studie aus dem Jahr 2006 hatte als Schwerpunkt die naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der 15-Jährigen. Die Ergebnisse dieser Studie belegten einen Leistungsunterschied von bis zu eineinhalb Jahren zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund der gleichen Jahrgangsstufe (vgl. a.a.O., S. 86). Außerdem wurde wieder die Korrelation zwischen der Beherrschung der Sprache und dem Bildungserfolg folgendermaßen festgestellt:

„‚In Deutschland sind die Leistungen auf der PISA-Gesamtskala Naturwissenschaften bei Schülern, die zu Hause nicht die Unterrichtssprache (...) sprechen (...) niedriger und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Schüler im untersten Quartil der Leistungsverteilung liegen, h ö her‘ als für Schüler, die zu Hause die Unterrichtssprache sprechen. Demnach ist die Sprachkompetenz für Kinder aus Zuwandererfamilien ‚die entscheidende Hürde in ihrer Bildungskarriere‘“ (vgl. a.a.O. 2011, S. 81f).

Die Lesekompetenz der 15-Jährigen war erst im Jahr 2009 das zweites Mal der Schwerpunktbereich der PISA-Studie. Bei dieser Studie wurde beleget, dass Schüler mit Migrationshintergrund ihre Lesekompetenz um 26 Punkte deutlich verbessern konnten, ohne aber die Diskrepanz von 57 Punkte zu deutschen Schülern eliminieren zu können, was „ einem Lernfortschritt von mehr als einem Schuljahr entspricht “ (vgl. Kultusminister Konferenz 2010).

Im Jahr 2012 hatte die PISA-Studie nochmals den Schwerpunkt Mathematik, wobei sich die Leistung der Schüler mit Migrationshintergrund im Vergleich zu deutschen Schülern auf 54 Punkte Rückstand reduziert hatte. Nichtsdestotrotz haben ca. 31% der Schüler mit Migrationshintergrund nicht die Kompetenzstufe 2 in Mathematik erreicht, wobei nur 14% der Schüler ohne Migrationshintergrund diese Stufe nicht erreicht haben (vgl. OECD 2012, S. 6)

Die PISA-Studien haben belegt, dass Schüler mit Migrationshintergrund „ gravierende Unterschiede “ in ihrer Lesekompetenz aufweisen und daher eine Bildungsungleichheit für Kinder mit Migrationshintergrund besteht.

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Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668774544
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436932
Institution / Hochschule
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
Note
2,0
Schlagworte
bildungsungleichheit kindern migrationshintergrund grundschulalter

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