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Barkers ökologische Psychologie, ein aktuelles Konzept?

Hausarbeit 1995 20 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Barkers Ecological Psychology
2.1. Midwest and Its Children
2.2. Das Behavior Setting-Konzept
2.3. Kritische Anmerkungen

3. Weiterentwicklung des Behavior Setting Konzepts

4. Aktuelle Konzepte
4.1. Dilemmatisch-pluralistische Auffassung
4.2. Psychologisch-kognitivistische Auffassungen
4.3. Soziologisch-strukturalistische Auffassung

5. Beziehung des Behavior Setting Konzepts zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die ökologische Psychologie Barkers wurde selbstredend von der Persönlichkeit Barker geprägt, daher vorab ein paar Daten zu seiner Person, bevor auf sein Konzept näher eingegangen wird: Roger Garlock Barker wurde am 31. März 1903 in Iowa geboren, wo er auch aufwuchs. Er studierte Psychologie und promovierte im Jahr 1934. Mit seiner Frau Louise, einer Biologin, bekam er drei Kinder. Sie wurde seine engste Mitarbeiterin und ihre Einflüsse aus der Biologie sind in seinen Arbeiten immer wieder zu erkennen. Zunächst war er an verschiedenen amerikanischen Universitäten tätig. Im Herbst 1947 begann er mit der Einrichtung der "Midwest Psychological Field Station" der Universität Kansas in Oskaloosa, die bis 1972 betrieben wurde. Hier entwickelte er die Grundlagen der Ecological Psychology, die er später Eco-Behavioral Science nannte, und an deren Weiterentwicklung er bis zu seinem Lebensende weiterarbeitete. 1954 folgten Vergleichsuntersuchungen in Leyburn, einer Stadt gleicher Größe in England, später kamen noch Felduntersuchungen in amerikanischen Schulen und Kirchengemeinden hinzu. Er starb am 10. September 1987 in Oskaloosa (Schoggen, 1992). Seine wichtigsten Veröffentlichungen waren:

"One Boy's Day" (Barker & Wright, 1951)

"Midwest and Its Children" (Barker & Wright, 1955)

"The Stream of Behavior" (Barker, 1963)

"Big School, Small School" (Barker & Gump, 1964)

"Ecological Psychology" (Barker, 1968)

"Qualities of Community Life" (Barker & Schoggen, 1972)

"Habitats, Environments and Human Behavior" (Barker & Ass., 1978)

Barkers Interesse galt dem Beobachten und Beschreiben von menschlichem Verhalten in seiner natürlichen, objektiven Umgebung, kurzum dem alltäglichen Verhalten. Seine bedeutendste Errungenschaft war sicherlich die Entwicklung des Behavior Setting-Konzepts als das Grundkonzept der Ecological Psychology, welches mit dem damit verbundenen Begriff der Synomorphie in Kapitel 2 ausführlich vorgestellt wird. Kapitel 3 geht auf die unmittelbar folgende Weiterentwicklung des Behavior Setting-Konzepts innerhalb der Psychologie ein und Kapitel 4 behandelt aktuelle Ansätze, wobei der Schwerpunkt auf den theoretischen und methodischen Fragestellungen liegt und nicht so sehr auf direkte Anwendungsbeispiele eingeht. In Kapitel 5 wird auf die Bedeutung des Behavior Setting-Konzepts für andere wissenschaftliche Disziplinen eingegangen.

Zunächst jedoch noch eine notwendige Begriffsabgrenzung: Barker hat den Begriff Ecological Psychology zwar eingeführt, dennoch bedarf es zum besseren Verständnis zunächst einer Differenzierung und Abgrenzung dieses Begriffes. Im deutschen Sprachraum werden heute unter Ökologische Psychologie alle psychologischen oder allgemeinen verhaltenswissenschaftlichen Ansätze verstanden, die das Erleben und Verhalten von Individuen und Gruppen in ihren jeweiligen technischen, ökonomischen, kulturellen, geographischen und damit auch sozial bedeutsamen Lebensbedingungen erfassen. Im angloamerikanischen Sprachraum werden genau diese Ansätze mit Environmental Psychology oder Environment and Behavior Research bezeichnet. Barkers Ecological Psychology wird darin wohl ein bedeutender Platz eingeräumt, ist aber als spezielle Forschungsrichtung der Barker-Schule zu verstehen (Kaminski, 1986) und daher nicht gleichzusetzen mit der Entwicklung der Ökologischen Psychologie in Deutschland.

2. Barkers Ecological Psychology

Zu Beginn der Ecological Psychology stand die Einrichtung der "Midwest Psychological Field Station", die Barker aufgrund von Forschungsgeldern des National Institute of Mental Health ab 1947 in Oskaloosa, einer Kleinstadt des Mittleren Westen der USA, durchführen konnte. Aber erst im Laufe dieser ersten groß angelegten psychologischen Felduntersuchung nannte Barker sein Konzept Ecological Psychology. Gemeinsam mit seinem Kollegen Wright betrat er Neuland, denn zu dieser Zeit wurde psychologische Forschung experimentell im Labor oder in Kliniken durchgeführt, wobei das Interesse ganz eindeutig auf das Individuum gerichtet war. Es gab viele Theorien und Modellentwicklungen über menschliches Verhalten unter künstlichen Bedingungen, aber es gab keine Untersuchungen darüber, wie sich diese Theorien und Modelle im alltäglichen natürlichen Leben auswirkten. Genau diesem alltäglichen Verhalten galt Barkers Interesse, wobei er von verschiedenen natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, z. B. Physik, Biologie, Geologie, die neben der experimentellen Laborforschung deskriptive, natürliche und ökologische Forschung betrieben, inspiriert wurde. Hervorzuheben ist hier insbesonders die Biologie, die mit ihrem ökologischen Ansatz Barker als Modell diente. In der Biologie werden Pflanzen und Tiere neben der experimentellen Erforschung in ihrer natürlichen Umgebung untersucht und beobachtet. Barkers Ziel war, mit seinen Felduntersuchungen Methoden zu entwickeln, die es möglich machten, auch in der Psychologie experimentelle Laborforschung mit deskriptiver Forschung in natürlicher Umgebung zu verbinden. "In short, we know how people behave under the conditions of experiments and clinical procedures, but we know little about the distribution of these conditions outside of laboratories and clinics" (Barker & Wright, 1955).

Die psychologische Grundlage bildete die ökologische Konzeption des Gestaltpsychologen Kurt Lewin, dessen Mitarbeiter und Schüler Barker von 1935 bis 1937 war. Lewin hatte in Ergänzung zu seinem Lebensraumkonzept eine Theorie der psychologischen Ökologie entwickelt, wobei er selbst der ökologischen Perspektive kaum Beachtung schenkte. Wichtige Anregungen hierzu hatte Egon Brunswik gegeben, indem er den subjektiv-phänomenalen Schwerpunkt der Feldtheorie Lewins kritisierte und eine stärkere Betonung der Umwelteinflüsse forderte.

2.1. Midwest and Its Children

Barker & Wright begannen ihre Arbeit in Midwest (Codename für Oskaloosa) mit dem Ziel, die psychologischen Habitate der 119 Kinder und deren Verhaltensstruktur zu untersuchen. Zeitgleich wurde eine kleine Gruppe von Kindern einer Behindertenschule in einer naheliegenden größeren Stadt (Lawrence) beobachtet. Sie übernahmen das Habitatkonzept der biologischen Ökologie, welche die Beziehungen von Tieren und Pflanzen zu deren natürlichem Habitat beschreibt und in sog. "Habitatlandkarten" dokumentiert. Dabei definierten sie das psychologische Habitat als Verbindung zwischen der sich verhaltenden Person und dem nicht-psychologischem Milieu (objektive Umgebung). Dieses dynamische System umschließt die Verknüpfung zwischen Person und Umgebung und wird durch Daten bezüglich der Person, der Umgebung und des Verhaltens bestimmt. Sie wählten als Untersuchungsgegenstand aus dem komplexen Bereich des psychologischen Habitat mit seinen kognitiven Prozessen den Teil aus, in dem von verschiedenen Beobachtern objektiv sichtbare Verhaltensströme schnell und leicht mit hoher Übereinstimmung beschrieben werden konnten.

Zu Beginn fanden sie weder Methoden noch Konzepte oder Theorien vor, um Verhaltensströme zu identifizieren und zu analysieren. Diese galt es während der Untersuchungen zu entwickeln. Zunächst teilten sie die Verhaltensströme in zwei verschiedene Elemente, Behavior Units (Verhaltenseinheiten) und Behavior Tesserae (Verhaltenssplitter) (Barker & Ass., 1978). Verhaltenssplitter werden vom Untersucher zum Zwecke der Forschung geschaffen oder ausgewählt. Er fungiert als operator (Operateur), der die Bedingungen herstellt und steuert, wobei er so auch Anfang und Ende des Verhaltenssplitters bestimmt. Analogien aus anderen Wissenschaften sind physikalische Experimente, chemische Analysen etc.

Entsprechend der Vorgabe, natürliches Verhalten zu beobachten, wählten sie als kleinste Untersuchungseinheit Behavior Units (Verhaltenseinheiten) aus, die ohne das Einwirken des Forschers beginnen oder aufhören. Der Forscher handelt hierbei "nur" als transducer (Übermittler), er beobachtet und protokolliert den Verhaltensstrom, ohne einzugreifen, die so ermittelten Daten werden T-Daten genannt. Röntgenaufnahmen, Echolot usw. sind Beispiele aus anderen Wissenschaften.

Zur Entdeckung dieser Verhaltenseinheiten mußten sanfte und sensible Methoden (T-Methoden) angewandt werden, diese fand Barker in der beschreibenden sprachlichen Darstellung durch geschulte Beobachter. In detaillierten Schilderungen wurde das natürliche Verhalten von Kindern während des Tagesablaufs in sog. Specimen Records protokolliert. Zwischen sieben und neun Beobachter wurden täglich für die Beobachtung eines Kindes benötigt, die Protokolle ergaben im Durchschnitt 300 getippte Seiten (Barker & Wright, 1955). Die Länge einer Beobachtungsperiode betrug ungefähr 30 Minuten, der Beobachter hatte einen Schreibblock und eine Uhr dabei und machte sich Notizen im Ein-Minuten-Takt. Nach dem Ende der Beobachtung sprach er seine Beschreibung auf einen Kassettenrecorder, wobei es wichtig war, die Beschreibung spontan und möglichst vollständig abzugeben und auf Stil oder Aussprache keinen Wert zu legen. Während des Diktats war ein Zuhörer anwesend, der die Beschreibung auf Ungereimtheiten hin überprüfte und diese im Anschluß mit dem Beobachter diskutierte. Die Fragen des Zuhörers und die Antworten des Beobachters wurden ebenfalls aufgenommen und ergaben mit dem ersten Diktat das endgültige Specimen Record (Barker & Associates, 1978).

Als nächstes wurden nun innerhalb eines Verhaltensstroms strukturell-dynamische Einheiten identifiziert, die Behavior Episodes (Verhaltensepisoden). Die Analyse der detaillierten Beobachtung der achtjährigen Mary Ennis am 12. Mai 1949 zwischen 7.58 und 8.12 Uhr erbrachte zum Beispiel elf Verhaltensepisoden in dieser Zeit (Barker & Associates, 1978, S. 14):

- schaut nach Pullover
- spricht mit Mutter über Perlen
- kämmt sich das Haar
- spielt mit jüngerem Bruder
- zieht Pullover hoch
- spricht mit Mutter über Geld
- sucht einen halben Dollar
- macht mit Mutter Witze über einen Schlüssel
- hilft der Mutter Windeln zusammenzulegen
- spricht mit Mutter in der Babysprache
- spricht mit Mutter über das Baden des kleinen Bruders

Barker (Barker et al., 1955) definierte drei Eigenschaften, die zur Identifizierung von Verhaltensepisoden beitragen. Das Verhalten innerhalb einer Episode

- verläuft in konstanter Richtung,
- geschieht innerhalb der normalen Verhaltensperspektive und
- hat die gleiche Stärke während des Episodenverlaufs.

Da bei den 119 Kinder von Midwest während eines Tages etwa 100.000 Verhaltensepisoden beobachtet werden konnten, entstand die Frage wie diese Episoden sinnvoll zusammengefaßt werden können. Aufgrund der Tatsache, daß sich das Verhalten von verschiedenen Kindern am gleichen Ort stärker ähnelte als das unterschiedliche Verhalten eines einzelnen Kindes während eines Tages, konnten diese Verhaltensepisoden zusammengefaßt werden und wurden als Standing Patterns of Behavior (konstante Verhaltensmuster) bezeichnet. Standing Patterns of Behavior sind Verhaltensepisoden, bei denen das Individuum austauschbar erscheint, z.B. verhält sich ein Kind im Bäckerladen "bäckerladengerecht" (Kaminski, 1986). Sie sind außerordentlich stabil und an bestimmte Orte, Gegenstände und Zeiten gebunden (in der Kirche wird nicht Fußball gespielt, in der Drogerie wird nicht getanzt etc.). Diese Ort-Zeit-Gegenstand Konstellation, in die ein konstantes Verhaltensmuster eingebettet ist, wird mit nonpsychological Milieu bezeichnet. Zwischen dem Milieu und dem interindividuellen Verhaltensmuster besteht ein fitting (eine Art "Passung"), die Barker mit Synomorphism bezeichnet, so wird z.B. mit einem Füller geschrieben und nicht mit einem Besen. Die Gesamtkonstellation von Verhaltensmustern und synomorphen Milieu bezeichnet Barker als Behavior-Milieu Synormorph oder einfach Synomorph. Die Einführung des Synomorphie-Konzepts gehört sicherlich mit zu den größten Verdiensten Barkers. Den Grundgedanken dazu entlehnte er dem Isomorphie-Konzept von Köhler (Gestaltpsychologe) und Lewins Vorstellungen einer Isomorphie von Strukturen des erlebten Selbst und der erlebten Umwelt. Barker (1968, S. 29f) nennt acht mögliche Faktoren, durch die Strukturgleichheit bedingt wird: physische Kräfte, soziale Kräfte, physiologische Kräfte, physiognomische Wahrnehmung, Lernprozesse, Auswahl durch Personen, Auswahl durch das Setting und Einfluß des Milieus auf das Verhalten. Die Entwicklung des Synomorphie-Konzept bildete die Grundlage für die Entwicklung des zentralen Konzepts der Ecological Psychology, das Behavior Setting.

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Details

Seiten
20
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783638414418
ISBN (Buch)
9783638772761
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43701
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Sozialpsychologie
Note
bestanden
Schlagworte
Barkers Psychologie Konzept

Autor

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