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Kritische Geographie und Produktion des Raumes

Inwiefern hat der Paradigmenwechsel der Kritischen Geographie zu einer Veränderung der Raumanalyse von "Problemvierteln" wie Gostenhof geführt?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 16 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritische Geographie
2.1 Historischer Kontext

3. Produktion des Raumes
3.1 Theorie nach Lefebvre (1991)
3.2 Raumadaption von Harvey (2005)
3.3 Kritisch-geographische Analyse eines Beispielraumes „Gostenhof“

4. Fazit

Literaturverzeichnis

„Eine Gesellschaft, die keine Ahnung vom Raum hat, in dem sie sich bewegt, tappt im globalen Dorf fast noch dümmer herum als eine, die nicht richtig schreiben und lesen kann.“

(Christian Deysson, Autor & Politologe. In: WirtschaftWoche Nr. 52 vom 20.12.2001)

1. Einleitung

"[…] In Nürnberg gibt es keine Gentrifizierung", sagt Oberbürgermeister Ulrich Maly . Auch nicht in Gostenhof. Zwar verzeichnet der Stadtteil seit 2010 einen Bevölkerungsanstieg um 5000 Menschen, vor allem solche aus dem Ausland und junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren. Ob das aber schon ein Indikator für Gentrifizierung sei, wisse man nicht, sagt Maly. "Wenn angestammte Wohnbevölkerung verdrängt wurde, dann jedenfalls nicht durch spekulativ tätige Investoren." (Süddeutsche Zeitung vom 29.07.2015). Publikationen wie diese zeigen sehr deutlich, dass Veränderungen in der Raumbewertung auch für die breite Masse der Bevölkerung vermehrt im Zentrum des Interesses stehen. Dabei sind besonders periphere Räume oder „Problemviertel“ in Großstädten im Vordergrund und bieten auch für Wissenschaft und Forschung viel Platz für neue Projekte. Ein Ausgangspunkt dieser gegenwärtigen Diskussion liegt u.a. in der (kultur-) geographischen Wende seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Hierbei entstanden neue Paradigmen der Kritischen Geographie, welche den Blick auf Raumproduktionsprozesse nachhaltig verändert haben.

In dieser Arbeit soll die Kritische Geographie nach ihren zentralen Inhalten und historischen Hintergründen untersucht werden. Dabei soll es zu einer kurzen Darstellung von theoretischen Grundlagen (Lefebvre / Harvey) kommen. Auf dieser Grundlage wird versucht anhand des Praxisbeispiels zu untersuchen, inwiefern Räume im Kontext kritisch-geographischer Ansätze neu wahrgenommen und bewertet werden können. Die zentrale Fragestellung zielt demnach darauf ab, inwiefern der Paradigmenwechsel der Kritischen Geographie zu einer Veränderung der Raumanalyse von „Problemvierteln“ (am Beispiel des Nürnberger Stadtteils Gostenhof) geführt hat.

2. Kritische Geographie

Im ersten Abschnitt dieser Arbeit soll zunächst die Kritische Geographie definiert, in ihrer Entstehung dargestellt und ihr Stellenwert in der Humangeographie aufgezeigt werden. Ebenfalls soll die Bedeutung dieser neueren Perspektive in der Geographie erläutert werden, um daraufhin in einem folgenden Kapitel einen Bezug zu verschiedenen Raumkonzeptionen herzustellen. Hierbei soll es aber weniger um räumliche Ungleichheiten gehen, die zwar als Grundlage zur raumtheoretischen Erklärung dienten, sondern vielmehr soll eine Einordnung der Praxis aus der Stadtplanung in dessen theoretischen Konzept vorgenommen werden.

Zunächst ist anzumerken, dass eine allgemeingültige Definition von Kritischer Geographie schwierig zu ermitteln ist, da sich diese je nach Anwendungsbereich weiter aus- bzw. eingrenzen lässt. Der Begriff „Kritische Geographie“ ist demnach eine neuere gebräuchliche Bezeichnung im deutschsprachigen Raum, der durch seine fehlende Bedeutungszuweisung sowohl die Themenbereiche aus der in den 1970er Jahren entstandenen radical geography meint, als auch die Forschung der Raumplanung und -ordnung, welche aus dem neomarxistischen Ansatz der Regulationstheorie entstand. Hierzu zählt z.B. die Frankfurter Schule der Kritischen Theorie, die sich von der traditionellen Geographie abgrenzt. Diese hatte die Auffassung vertreten, dass die natürliche Umgebung die Kultur einer Gesellschaft determiniert bzw. prägt. (vgl. ASCHAUER/BECK 2008: 5). Die Kritische Geographie allerdings, wie der Name schon angibt, befasst sich kritisch mit gesellschaftlichen Entwicklungen im Zusammenhang mit dem geographischen Raum. Somit betrachtet diese eher die Wechselwirkungen von Gesellschaft und Raum anstelle einer mit Determinanten begründeten Kausalität (traditionelle Geographie). Desweiteren kann auch vereinfacht von der politökonomischen Perspektive gesprochen werden, die eben den Hauptfokus auf räumliche Muster und Disparitäten der kapitalistischen Verhältnisse legt.

2.1 Historischer Kontext

Nachdem bereits zur Findung einer Definition kurz auf historische Entwicklungen der Kritischen Geographie eingegangen wurde, soll nun der historische Kontext etwas genauer skizziert werden. Dadurch wird ein grundlegenderes Verständnis von kritisch-geographischen Ansätzen und Paradigmen, auch im Kontext der Stadtgeographie, ermöglicht. Es reicht ferner nicht aus, einfach von der Kritischen Geographie als plötzlich auftretende Gegenbewegung zum Determinismus zu sprechen. Vielmehr gibt es verschiedene Übergangsphasen, welche auch territorial unterschiedlich ausgeprägt bzw. zeitlich versetzt aufgetreten sind.

Einer der Ausgangspunkte an der aufkommenden Kritik war das bis ins 20. Jahrhundert andauernde Verständnis einer Länderkunde, welche etwa eine kapitalistische Verwendung von natürlichen Ressourcen durch (groß-)industrielle Produktionssteigerung und die damit verbundenen veränderten Lebensbedingungen einer Mehrheit der Gesellschaft in Stadt und Peripherie ausblendete. Hierbei kam es lediglich zu einer Verwendung von sozialtheoretischen Einflüssen, insofern die Verwendung von Rohstoffen im Kontext von Expansionsansprüchen natürlich determiniert erklärt werden konnten. Eng damit verbunden waren auch die Verflechtung von geographischer Forschung und geopolitischen Interessens- und Anwendungsbereichen, bei welcher die Geographie besonders in den USA als eine Art „politischer Zulieferer“ fungierte (vgl. BELINA: 47f.). Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es wie in vielen anderen akademischen Disziplinen auch in der Geographie zu einigen Umbrüchen. So beschreibt man diese Zeit retrospektiv als quantitative Revolution, bei welcher ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde, der geographisches Arbeiten vor allem durch die vermehrte Verwendung mathematisch-statistischer Verfahren zum Raum verwissenschaftlichen wollte. Es kam ferner auch eine Abkehr von auf den Heimatraum bzw. das nahe Spezifische bezogene, hin zum auf ferne und verallgemeinerte Aspekte abzielende Verständnis des Faches Geographie (vgl. GIESE 1980: 260f.).

Ab den 1960er Jahren waren vor allem marxistische Ansätze in Gesellschaft und Forschung vermehrt im Zentrum des Interesses und besaßen demnach einen erheblichen Einfluss darauf bestehende Paradigmen neu zu evaluieren. So bildete sich aus der anfänglichen Kritik an der traditionellen Geographie ein neuer, auf sozial-ökonomische Einflüsse fokussierter Ansatz in der radical geography. Dieser Ansatz war parallel zum Grad der marxistischen Ausprägung (bspw. besonders stark in Mittel- und Lateinamerika oder europäischer Mittelmeerraum) in den verschiedenen Ländern unterschiedlich stark vertreten. Hierbei wurden besonders der Einfluss der Geographie in verschiedene geostrategische Operationen und allgemein kapitalistische Ansätze in der praktischen Bewertung von Raumprozessen kritisiert. So deckten Vertreter der radical geography (u.a. der Brasilianer Milos Santos) bspw. Verstrickungen führender Geographen bei militärischen Kriegseinsätzen auf (BELINA: 52). Es wurde im Sinne der marxistischen Leitideale zunehmend auf die Interessen der unteren Bevölkerungsschichten (besonders in urbanen Großzentren) abgezielt. Hierbei ist jedoch auch zu nennen, dass sich die „radikalen Geographen“ ebenfalls zu sehr auf politische Partizipation und Förderung einer links-marxistischen Agenda hinreißen ließen (vgl. BELINA: 52f.). Dennoch kann aufgrund der Forderung nach mehr sozialtheoretischen Methoden in der Geographie die radical geography als unmittelbarer und somit wichtiger Vorreiter der Kritischen Geographie betrachtet werden.

Bei der Kritischen Geographie angekommen, rückten tendenziös-politische Interessen wieder in den Hintergrund und es wurden vermehrt Themen publiziert, welche auch gegenwärtig noch als gesellschaftlich relevant betrachtet werden können. So entwickelte sich ab den 80er Jahren eine vermehrt breiter aufgestellte Geographie, welche besonders Themen wie Rassismus, Gleichberechtigung (Feministische Geographie) und allgemeinen sozialen Themen (u.a. Lebens- und Arbeitsverhältnisse) Bedeutung zukommen ließen (vgl. BELINA: 53). Auf dieser Grundlage erlangten einige Geographen auch disziplinübergreifend in den Sozialwissenschaften eine größere Relevanz. Diese versuchten theoretische Grundlagen dafür zu legen, die Produktion des Raumes unter der Berücksichtigung der Wechselwirkungen von Raum und Gesellschaft mit allen sozialen Aspekten im Kontext der „neuen“ Paradigmen der Geographie zu veranschaulichen. Auf zwei dieser Theorien sollen im folgenden Kapitel eingegangen werden.

3. Produktion des Raumes

3.1 Theorie nach Lefebvre (1991)

Henry Lefebvre hat mit seiner Theorie zur Produktion des Raumes wesentlich zu einem neuen Verständnis der Raumproduktion bzw. dessen Analyse beigetragen. Bereits zu Anfang seiner raumtheoretischen Ausführungen in „ la production de l´espace “ (1991) stellt er im Sinne der Paradigmen der Kritischen Geographie den sozialen Aspekt bei der Raumproduktion in den Vordergrund. So sei demnach der soziale Raum unmittelbar auch ein soziales Produkt, welches folglich durch seine Gesellschaft bzw. deren Kräfte hergestellt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Ebenen der Raumproduktion nach Lefebvre (eigene Darstellung nach: Schmid 2005, S.244)

Desweiteren definiert Lefebvre zur Raumanalyse drei Dimensionen, welche in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen (Abb.1). Im Kontext dieser Triade ist „[…] sozialer Raum […] kein Produkt unter anderen Produkten, er subsumiert vielmehr produzierte Dinge und umspannt ihre Wechselbeziehungen in ihrer (relativen) (Un-) Ordnung“ (LEFEBVRE 1991: 73). Weitere Erkenntnisse liegen darin, dass Menschen nicht lediglich Dinge, sondern auch kollektive oder individuelle Geschichte und Situationen produzieren (vgl. LEFEBVRE 1991: 48f.). Der Soziale Raum enthält somit mehr oder weniger adäquate Räume für die sozialen Reproduktions- und Produktionsverhältnisse, welche untrennbar miteinander verbunden sind. Als Beispiel könnten hier die Faktoren Arbeitsteilung und Organisation der Familie, welche sich wechselseitig beeinflussen, genannt werden (vgl. Schmid 2005: 193).

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Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668782341
ISBN (Buch)
9783668782358
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437299
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Lehrstuhl für Geographie
Note
1,3
Schlagworte
Kritische Geographie Produktion des Raumes Stadtgeographie Hausarbeit Raumanalyse Gostenhof Lefebvre Harvey Theorie radical geography

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Titel: Kritische Geographie und Produktion des Raumes