Lade Inhalt...

Chancen und Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

Studienarbeit 2017 32 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Behinderung
2.2 Der Arbeitsmarkt
2.2.1 Der allgemeine Arbeitsmarkt
2.2.2 Werkstätten für Menschen mit Behinderung

3. Arbeit als Existenzsicherung
3.1 Arbeit und Behinderung
3.2 Arbeit unter Berücksichtigung von Inklusion

4. Die Aufgabe der Sozialen Arbeit im Bereich Arbeit und Behinderung

5. Teilhabe am Arbeitsleben

6. Der Übergang ins Erwerbsleben
6.1 Die Position der Frau mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
6.2 Praxisbeispiele für die Vermittlung von Frauen

7. Unterstützungsmöglichkeiten für den Einstieg auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
7.1 Ausgelagerte Arbeitsplätze der Werkstätten
7.2 Integrationsämter und Integrationsfachdienste
7.3 Integrationsunternehmen

8. Perspektiven auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

9. Das Budget für Arbeit

10. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Arbeit ist in unserer modernen Gesellschaft ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Um sich persönlich zu entfalten ist die Ausübung eines Berufes wichtig und von zentraler Bedeutung.“[1] Anhand dieses Zitates wird deutlich, dass die Arbeit ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens darstellt. Aufgrund der Praxisphase im Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst der […] gGmbH wurde ersichtlich, wie schwierig die Vermittlung, trotz gesetzlicher Vorgaben und bereits vorhandenen Konzepten, von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist.

Dementsprechend behandelt die vorliegende Seminararbeit das Thema der Arbeitsmarktintegration und die Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung. Die Fragestellung bezieht sich dabei auf die Zugangsmöglichkeiten und Chancen, welche sich für Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ergeben.

Im zweiten Kapitel erfolgt zunächst die Begriffsdefinition von Behinderung. Anschließend wird erklärt, was unter dem allgemeinen Arbeitsmarkt und den Werkstätten für Menschen mit Behinderung verstanden wird.

Im dritten Kapitel wird auf die Bedeutung von Arbeit für den Menschen, besonders für Menschen mit Behinderung, eingegangen. In diesem Abschnitt wird ebenfalls der Begriff der Inklusion am Arbeitsleben verdeutlicht.

Im weiteren Verlauf wird die Haltung und Aufgabe der Sozialen Arbeit in Bezug auf die Zusammenarbeit und Vermittlung beschrieben.

Kapitel fünf beschreibt die Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung, auf Grundlage der Gesetzgebung.

Der Übergang ins Erwerbsleben und die vorhandenen Problematiken werden im folgenden Kapitel dargestellt. Folglich soll die Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung besonders mit Fokus auf Männer und Frauen verdeutlicht und durch zwei Praxisbeispiele ergänzt werden.

Kapitel Sieben wird in drei Bereiche unterteilt. Zunächst werden die Möglichkeiten durch die ausgelagerten Arbeitsplätze der Werkstätten präsentiert. Folgend werden die Integrationsämter und Integrationsfachdienste vorgestellt, die ebenfalls Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützen. Im letzten Abschnitt werden Integrationsunternehmen beschrieben.

Im achten Kapitel wird die aktuelle Lage und die Chancen von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt dargestellt.

Das neunte Kapitel beschäftigt sich mit dem Budget für Arbeit, welches eine neue Unterstützungsmöglichkeit für Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bietet.

Im letzten Kapitel erfolgt die Beantwortung der Frage, welche Zugangsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorhanden sind.

2. Definitionen

Für die Beantwortung der Frage, welche Zugänge auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung vorhanden sind, wird zunächst der Begriff der Behinderung definiert. Im Folgenden erfolgt eine Erläuterung des Arbeitsmarktes zudem auch die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (folgend WfbM) zählen.

2.1 Behinderung

In der deutschen Gesetzgebung werden Behinderungen nicht nach Arten bzw. Gruppen unterteilt. Es wird versucht eine allgemeingültige Definition des Behinderungsbegriffs zu bestimmen, in der die verschiedenen Arten von Behinderung, die in unterschiedlichen Zeiten, in diversen Lebenssituationen und durch Wechselwirkung mit umweltbedingten Faktoren, auftreten können.[2] Somit wird seit 2001 der Begriff der Behinderung im § 2 Absatz 1 SGB IX folgend definiert: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist3

Durch die stufenweise Einführung des Bundesteilhabegesetzes (folgend BTHG) wurden Änderungen vorgenommen, die auch das SGB IX und somit auch die Definition von Behinderung betrafen.[4] Das SGB IX-neu knüpft mit dem neuen und einheitlichen Behinderungsbegriff an der internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (folgend ICF) und verweist somit auf die Wechselwirkung zwischen Person und deren Umwelt.[5]

Somit dient die ICF als Fundament des neuen Behinderungsbegriffes und verdeutlicht somit die drei sich beeinflussenden Faktoren: Körper, Individuum und Umwelt und setzt diese in Relation zueinander. Bedeutsam ist, dass eine Behinderung nicht als starres, unveränderliches Merkmal verstanden wird, sondern als Funktionseinschränkung oder Behinderung auf körperlicher Ebene, die von diversen Kontextfaktoren, wie umwelt- oder personenbezogene Faktoren abhängig ist.[6]

Da sich Behinderungen demnach unterscheiden, muss auch der Arbeitsmarkt Verschiedenheiten aufweisen, welche sich der Art der Behinderung anpassen. Folgend wird der Arbeitsmarkt im Allgemeinen, später die verschiedenen Formen des Arbeitsmarktes definiert. Insbesondere wird auf die Werkstätten für Menschen mit Behinderung eingegangen, da diese speziell für Menschen im Personenkreis des § 2 SBG IX ausgerichtet sind.

2.2 Der Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt im Allgemeinen definiert sich über das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage.[7] Dabei ist die Menge an Arbeitskräften von der Nachfrage und Auslastung der Unternehmen abhängig. Das Angebot wird dementsprechend durch die Bevölkerung gebildet, die ihre Arbeitskraft für den Markt zu Verfügung stellt, um wiederum Produkte herzustellen, welche konsumiert werden. Der ausschlaggebende Faktor ist dabei der Lohn. Je höher der Lohn, desto eher ist die Gesellschaft bereit, länger und härter zu arbeiten. Im Gegensatz dazu sinkt bei Unternehmen die Nachfrage an Arbeitskräften, wenn der Lohnt steigt.[8]

Dies liegt daran, dass Menschen bereit sind, für einen höheren Lohn mehr zu arbeiten beziehungsweise Arbeitsstellen anzunehmen.

Bei der Definition des Arbeitsmarktes ist darauf zu achten, dass dieser in drei Formen geteilt ist. Dem allgemeinen, ersten Arbeitsmarkt, den Zweiten sowie den Dritten, wobei der dritte Arbeitsmarkt für die vorliegende Seminararbeit nicht von Bedeutung ist und folglich nicht definiert wird.

2.2.1 Der allgemeine Arbeitsmarkt

Unter dem allgemeinen Arbeitsmarkt werden alle regulären Beschäftigungsverhältnisse bezeichnet, die ohne finanzielle Zuschüsse oder anderen helfenden Möglichkeiten aus der Arbeitsmarktpolitik gefördert werden.[9] Vom allgemeinen Arbeitsmarkt ist der zweite Arbeitsmarkt abzugrenzen. Zum zweiten Arbeitsmarkt gehört beispielsweise auch die Beschäftigung in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Solche oder ähnliche Beschäftigungsangebote werden auch oftmals als „geschützter Arbeitsmarkt“ bezeichnet.[10]

Im Folgenden Kapitel werden daher die strukturellen Vorgaben und die Position des Menschen mit Behinderung in einer Werkstatt genauer beschrieben.

2.2.2 Werkstätten für Menschen mit Behinderung

Werkstätten für Menschen mit Behinderung (folgend WfbM) sind Einrichtungen, die Menschen mit einer Behinderung, die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Die Aufgaben der Werkstatt sind dabei, „Menschen die aufgrund der Art oder Schwere der Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können

1) eine angemessene berufliche Bildung und eine Beschäftigung zu einem ihrer Leistung angemessenen Arbeitsentgelt aus dem Arbeitsergebnis anzubieten und

2) zu ermöglichen, ihre Leistungs- und Erwerbsfähigkeit zu erhalten, zu entwickeln, zu erhöhen oder wiederzugewinnen und dabei ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln.“[11]

Somit sollen WfbM mit einem breiten Umfang an beruflicher Bildung, Förderung, Beschäftigung sowie qualifiziertem Personal und einen begleitenden sozialpädagogischen Dienst den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglichen.[12]

Zieleiner Werkstatt ist es demnach, Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am Arbeitsleben und in der Gesellschaft zu ermöglichen13

Personen, die in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung beschäftigt werden, haben den Status eines arbeitnehmendähnlichen Rechtsverhältnisses und erhalten finanzielle Mittel für die erbrachte Leistung. Die Finanzierung der Menschen mit Behinderung erfolgt durch diverse Kostenträger. Je nachdem in welcher der drei Phasen sich die Menschen in einer Werkstatt befinden, variieren die Kostenträger. Die Phasen sind dabei das Eingangsverfahren, der Berufsbildungsbereich und der Arbeitsbereich. Im Eingangsverfahren und im Berufsbildungsbereich übernehmen in der Regel die Agenturen für Arbeit die Vergütung. Menschen mit einer Behinderung, die in der Vergangenheit bereits in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung tätig waren, erhalten Leistungen von der deutschen Rentenversicherung. Im Arbeitsbereich erhalten die Beschäftigten das sogenannte Entgelt.[14] Dieses setzt sich aus dem Grundbetrag von 80 €[15], dem Arbeitsförderungsgeld von 52 €[16] und einem Steigerungsbeitrag zusammen. Der Steigerungsbeitrag ist dabei von qualitativen und quantitativen Arbeitsleistungen der Mitarbeitenden abhängig und wird durch die werkstattinterne Lohnbewertung bestimmt.[17]

Ein bedeutsamer Aspekt ist, dass nach einer 20-jährigen Werkstattzugehörigkeit eine Erwerbsminderungsrente gezahlt wird. Dabei ist zu beachten, dass diese nicht am Werkstattlohn, sondern am Durchschnittslohn eines Arbeitnehmenden auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bemessen wird. In der Werkstättenverordnung § 5 Arbeitsbereich wird deutlich, dass der Übergang von Menschen mit Behinderung durch geeignete Maßnahmen zu unterstützen ist. Hierbei stehen Übergangsgruppen mit besonderen Förderangeboten, die Entwicklung individueller Förderpläne sowie die Realisierung von Betriebspraktika oder ausgelagerten Arbeitsplätzen im Fokus. Die Werkstatt hat die Bundesagentur für Arbeit bei der Durchführung der vorbereitenden Maßnahmen in die Bemühungen zur Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt einzubeziehen.[18] Durch die Werkstättenverordnung sind die WfbM dazu verpflichtet, angehende Arbeitsverhältnisse zu begleiten, dennoch wird der Fokus auf die langfristige Beschäftigung in der Werkstatt gelegt. Dementsprechend liegt die Vermittlungsquote auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bei unter 1%.[19] Mit dieser Vermittlungsquote wird auch die kritische Sichtweise der UN Behindertenrechtskonvention (folgend UN-BRK) sichtbar. In Artikel 27 der UN-BRK erkennen die Vertragsstaaten das Recht für Menschen mit Behinderung auf Arbeit an. Ihnen wird die Alternative geboten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, der auf einem offenen und integrativen Arbeitsmarkt ermöglicht wird. Vor diesem Hintergrund werden WfbM nach Artikel 27 der UN-BRK als Sondereinrichtungen bezeichnet und kritisiert. Dennoch dienen Sie nach Artikel 26 als geeignete Richtlinie um Teilhabe am Arbeitsleben -außerhalb- des allgemeinen Arbeitsmarktes zu realisieren. Da die Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für nur wenige Werkstattbeschäftigte eine reale Alternative bietet, erhalten sie diese in den Werkstätten. Dadurch gewinnen sie ein gewisses Maß an Autarkie, körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten sowie die volle Einbeziehung in alle Aspekte des Lebens. Menschen mit einer Behinderung können durch die Beschäftigung in einer WfbM für sich selbst, die volle Teilhabe erreichen und bewahren.[20]

Im Folgenden Abschnitt wird auf die Bedeutung der Arbeit eingegangen. Auch hier wird ein Blick auf die Koppelung von Behinderung und Arbeit, auch den Inklusionsgedanken bei der Durchführung einer Tätigkeit im WfbM- Bereich gelegt.

3. Arbeit als Existenzsicherung

Arbeit und Beruf stellen im Sozialisationsprozess der Gesellschaft einen bedeutsamen Einfluss dar.[21] Für Menschen dienen Arbeit und Beschäftigung als lebensnotwendige Elemente unseres kulturell und gesellschaftlich gewachsenen Daseins, mit dem Menschen diverse Ziele verfolgen. Der Lebensunterhalt wird gesichert und dementsprechend auch materielle Voraussetzungen zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse geschaffen. Der Mensch erhält eine inhaltliche und zeitliche Struktur im Tagesablauf und gewinnt zusätzlich an Selbstvertrauen, welche durch Anerkennung anderer gefördert wird.[22] Menschen definieren sich dabei sehr stark über ihre ausführende Tätigkeit. Der Arbeit kommen mannigfaltige Funktionen von Existenzsicherung, zeitlicher Strukturierung und die Gewährleistung von Sozialkontakten bis hin zur Identitätsbildung zu.[23]

Der Sozialstaat ist darauf aufgebaut und unterstützt mit seinem sozialen Sicherungssystem die Sicherheit für seine Bürger und somit auch den Zugang zum Arbeitsleben.[24]

Dennoch wird nicht allen Menschen der gleiche Zugang zur Bildung und zum allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglicht. Im Folgenden soll der Eintritt am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung verdeutlicht werden.

3.1 Arbeit und Behinderung

Die Teilhabe am Arbeitsleben ist für Menschen mit einer Behinderung ein im Gesetz verankertes Recht, sodass Beschäftigungsmöglichkeiten für jeden Menschen mit Behinderung bereitgestellt werden müssen. Oftmals ist es so, dass Menschen mit Behinderung, die eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt hätten, für die Produktion in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung unerlässlich sind. Des Weiteren wird angegeben, dass es keinen fließenden Übergang und keine feste Struktur zwischen der Werkstatt und dem allgemeinen Arbeitsmarkt gibt. Es fehlt an konsequenten Kostenvereinbarungen, Qualifizierungsmöglichkeiten seitens der Betriebe und einer transparenten Kommunikation zwischen den Betrieben, dem Menschen mit Behinderung und gegebenenfalls der WfbM.[25] Dabei ist Arbeit für Menschen eine persönlichkeitsfördernde Grundlage und sollte, wie auch im Gesetz vorgeschrieben, greifbar sein. Für Menschen mit einer Behinderung hat Arbeit möglicherweise eine größere Bedeutung. „Sie hat die Funktion, eine veränderte gesellschaftliche und soziale Einordnung zu erfahren, die eine selbstbestimmte Lebensführung ermöglicht.“[26]

Signifikant ist, Zusammen mit der ICF wird die soziale Teilhabe an der Beeinträchtigung der Teilnahme an gesellschaftlichen Aufgaben gemessen. Im SGB IX wird betont, dass die Teilhabe an Arbeit unabhängig von der Behinderung „entsprechend der Neigung und Fähigkeiten“[27]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Chancen haben sollten, die Teilhabe am Arbeitsleben zu genießen. Daraus resultiert die gesellschaftliche Aufgabe der Inklusion, welche im folgenden Kapitel verdeutlicht wird.

3.2 Arbeit unter Berücksichtigung von Inklusion

Mit dem Begriff der Inklusion wird ein Paradigmenwechsel, vor allem in der Behindertenhilfe, verdeutlicht. Im Gegensatz zur Integration wird mit der Durchsetzung der Inklusion die vollständige Teilhabe und soziale Gerechtigkeit erzielt. Auffallend ist, dass Inklusion und Integration oftmals bedeutungsähnlich verwendet werden. Integration ist allerdings ein Prozess, der in der Vergangenheit zur Normalisierungsdebatte durch Eltern behinderter Kinder entstand. Zuerst wurden integrative Kindergärten eingeführt, später erfolgten integrative Schulprojekte. Im Bereich der Arbeit gelang die Integration eher gering. Integration beschreibt den Vorgang einer Gruppe mit einer bereits bestehenden Gruppe zu vernetzen. Mit der Forderung nach einer inklusiven Gesellschaft, soll erreicht werden, dass niemand mehr integriert werden muss, da niemand ausgeschlossen wurde. Denn mit dem Begriff der Inklusion wird die Sicht auf die Gesellschaft, welche eine untrennbare verschiedenartige Gruppe bildet, verschärft. Mit diesem Hintergrundwissen wird der Fokus auf den Menschen mit Behinderung abgelöst und sie werden als Teil der Gesellschaft angesehen. Elementare Denkweise der Inklusion ist dabei die Selbstbestimmung, ein Menschenrecht und Voraussetzung, dass eine Gesellschaft als inklusiv bezeichnet werden kann. Integration und Inklusion können somit dahingehend verknüpft werden, sodass das Ziel der Inklusion durch den Weg der Integration erreicht werden kann.[29]

Basis der Inklusion bietet dabei die UN-BRK. Sie betont noch einmal die Achtung und Anerkennung der Unterschiedlichkeit behinderter Menschen und die Akzeptanz von Behinderung als Basis menschlicher Vielfalt. Nach Schwalb erhalten Menschen nicht nur aufgrund ihrer Behinderung selbst, kaum einen Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt, sondern werden durch die vorherrschenden Strukturen der Betriebe und des Arbeitsmarktes behindert. Aufgrund dieser Feststellung lassen sich zwei Zielformulierungen ableiten, die für die Hinblick auf die Arbeit von Bedeutung sind. Zunächst müssten Barrieren abgeschafft werden um den Aufbau von inklusiven Strukturen zu fördern. Folglich resultiert die Aufgabe an die Betriebe, Bereitschaft für Veränderungen zu zeigen. Der nächste Schritt wäre dann die Ermutigung und Befähigung, also die Nutzung des Empowerments, zur Verwendung inklusiver Strukturen.[30]

Die UN-BRK betont das Recht auf die eigenen Entscheidungsmöglichkeiten in den Bereichen Politik, der schulischen Bildung, der freien Wahl zur Wohnform und der Arbeit. Eine inklusive Gesellschaft setzt Werte, wie Wertschätzung, die Möglichkeit zur sozialen Vernetzung, Emanzipation und Teilhabe voraus. Aus dieser Perspektive betont Schwalb, dass Werkstätten für Menschen mit Behinderung, wie in Kapitel 2.2.2 bereits angerissen, keine Umsetzung von Inklusion gemäß der UN-BRK fördern und somit auch keine Teilhabe in der Gesellschaft umsetzbar ist. Es ist aber nicht anzunehmen, dass Rehabilitations- und Unterstützungssysteme abgeschafft werden sollen, nur weil sie nach der UN-BRK nicht inklusiv sind. Sie fungieren viel mehr als Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Des Weiteren ist sicherzustellen, dass es nicht die Intention ist alle Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln. Ziel ist weiterhin die ganzheitliche Betrachtung und freie Wunsch- und Willensäußerung. In der Konsequenz kann auch eine Beschäftigung in der Werkstatt vorgezogen werden.[31]

Theunissen fügt in seinem Werk „Unbehindert arbeiten, unbehindert leben – Inklusion von Menschen mit Lernschwierigkeiten im Arbeitsleben“ hinzu, dass seit circa 30 Jahren einige Programme die Inklusion und Partizipation von Menschen mit Behinderung unterstützt haben, diese jedoch bis dato ohne konkrete Methoden umgesetzt werden. Weiterhin wird gesagt, dass Menschen mit Beeinträchtigungen gar nicht oder kaum vermittelbar sind, sodass nach dem schulischen Werdegang die Beschäftigung in einer

Mit der in Kapitel 2 befindlichen Definition von Behinderung wird jedoch deutlich, dass es nicht nur an der Behinderung des Menschen selbst verse Barrieren und Strukturen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt selbst die Teilhabe behindern. Um dieser gesellschaftlichen Behinderung entgegenzuwirken, sollten Arbeitgebende strukturelle Gegebenheiten ändern und Unterstützungsmöglichkeiten geben, sodass auch Menschen mit Behinderung die Möglichkeit haben, dort eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu erhalten.

Im folgenden Kapitel wird auf die Aufgabe der Sozialen Arbeit in Bezug auf Arbeit und Behinderung eingegangen.

4. Die Aufgabe der Sozialen Arbeit im Bereich Arbeit und Behinderung

Sozialarbeitende, die mit Menschen mit Behinderung arbeiten, müssen ein breit gefächertes Spektrum an diversen Methoden, Theorien und Handlungsansätze aufweisen, um der Klientel eine ganzheitliche Beratung und Lösungsansätze anzubieten. Des Weiteren soll verinnerlicht sein, welche Funktion und Position die Soziale Arbeit besitzt. Die Aufgabe der Sozialen Arbeit ist es, soziale Probleme zu minimieren, die intrinsische Motivation der Klientel zu fördern und Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Ein Hauptaugenmerk bei der Zusammenarbeit ist, dass diese nicht weiterhin zum Kostenfaktor werden.[33]

Anhand der rechtlichen Grundlage und dem daraus resultierenden Ziel, den Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren, erschließt sich das Problem des hohen ökonomischen Drucks, welcher die Soziale Arbeit belastet. Durch den permanenten Druck Außenarbeitsplätze oder gar eine versicherungspflichte Beschäftigung zu organisieren, wird der Mensch nicht mehr ganzheitlich betrachtet. Die Problemlage des Menschen steht somit nicht mehr im Fokus und führt dazu, dass sich über Wünsche und Rechte des Menschen hinweggesetzt wird. Diese sind jedoch fundamentale Elemente der gesellschaftlichen Funktionsbestimmung der Sozialen Arbeit. Durch den zeitlichen Wandel ist es natürlich unumgänglich den ökonomischen Wandel zu vermeiden, dennoch muss die ethische Haltung eines jeden Sozialarbeitenden in der Zusammenarbeit mit der Klientel gegeben sein. Eine rein ökonomisch basierte Soziale Arbeit, die ohne ethische Grundhaltung arbeitet führt am Auftrag der Inklusion vorbei.[34]

Im Weiterführenden, wird das Recht zur Teilhabe am Arbeitsleben, für Menschen mit Behinderung sowie solcher die von Behinderung bedroht sind, erläutert.

5. Teilhabe am Arbeitsleben

Menschen mit einer Behinderung und von Behinderung bedrohte Menschen haben das gleiche Recht am Arbeitsleben teilzuhaben. Dieser Grundsatz wird bereits durch Artikel 3 Abs. 3 Satz 2 des Grundgesetzes verdeutlicht und ist seit 1994 ein Grundrecht für jeden Menschen. Somit dürfen Menschen mit Behinderung auch nicht benachteiligt werden.[35]

Dadurch ist die rechtliche Rahmensicherung geschaffen, in der die gesellschaftliche Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung festgelegt ist. Deutlich wird, dass der Paradigmenwechsel von dem Fürsorge- zum Bürgerrechtsanspruch in der praktischen Ausführung nicht vollzogen wird. Für einen solchen Wechsel bedarf es zunächst eines neuen Menschenbildes und der Umsetzung der Leitbegriffe Normalisierung, Integration und Selbstbestimmung. Nach den ICF Bestimmungen (internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) wird die Partizipation von Menschen mit Behinderung in diverse Lebensbereiche wie beispielsweise die eigenständige Versorgung, dem Aufbau und Erhalt sozialer Beziehungen, Bildung und Ausbildung, am sozialen und staatsbürgerlichen Leben unterteilt. Mit der Teilhabe am Arbeitsleben werden alle Partizipationsdimensionen aufgegriffen und schützen folglich vor Ausgrenzungsgefahren. Durch die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit werden ökonomische Ressourcen gesichert und das psychische Wohlergehen gestärkt. Besonders für Menschen mit Beeinträchtigungen schafft Arbeit die Basis für eine persönliche und finanzielle Unabhängigkeit, fördert die Entwicklung sozialer Kontakte, einen angemessenen Umgang mit Menschen und einen gesellschaftlichen Status.[36]

Demnach ist es für jede Person förderlich einer Beschäftigung nachzugehen. Um diesen Zustand erreichen zu können, müssen einige Hindernisse erfolgreich bewältigt werden. Eine sehr wichtige ist, den Übergang ins Erwerbsleben zu schaffen.

6. Der Übergang ins Erwerbsleben

Menschen werden in jedem Lebensabschnitt mit diversen Aufgaben und Anforderungen konfrontiert. Vor allem in der Kindheit und Jugend werden signifikante Veränderungen sichtbar, aber auch der Übergang ins Erwachsenenleben und somit in das Erwerbsleben birgt Aufgaben, die es zu bewältigen gilt. Erikson, ein anerkannter Entwicklungspsychologe schreibt, dass Menschen in bestimmten Lebensphasen Situationen erfahren, die durch krisenhafte Konflikte geprägt sind, wobei deren erfolgreiche Bewältigung die Voraussetzung für das Erreichen der nächsten Entwicklungsstufe darstellt. Damit eine positive Entwicklung der Ich-Identität erfolgt, muss der Mensch Krisensituationen und Konflikte mit Erfolg bewerkstelligen. Hierbei ist der Grat zwischen dem Wachstumspotential und der Vulnerabilität sehr dünn. Gelingt es dem Menschen seine Krise durch verfügbare personale oder soziale Ressourcen zu bewältigen, so kann er daran wachsen. Gelingt ihm die Bewältigung des kritischen Lebensereignisses nicht, wird die Ich-Identität verletzt.[37]

[...]


[1] http://schwerbehindertenausweis.biz/behinderte-menschen-auf-dem-arbeitsmarkt/ [abgerufen am: 01.12.2017].

[2] Vgl.: Schreiner, 2017, S. 23.

[3] http://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbix/2.html [abgerufen am: 13.12.2017].

[4] Vgl.: Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, 2017, S. 4 [abgerufen am: 14.12.2017].

[5] Vgl.: https://www.bar-frankfurt.de/rehabilitation-und-teilhabe/bthg/bundesteilhabegesetz-kompakt/teil-1-allgemeiner-teil/neuer-behinderungsbegriff/ [abgerufen am: 13.12.2017].

[6] Vgl.: Schreiner, 2017, S. 23.

[7] Vgl.: http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/arbeitsmarkt/arbeitsmarkt.htm [abgerufen am: 13.12.2017].

[8] Vgl.: https://www.vimentis.ch/d/lexikon/50/Arbeitsmarkt.html [abgerufen am: 10.12.2017].

[9] Vgl.: Bundeszentrale für politische Bildung, 2016, o. S.

[10] Vgl.: Kubek, 2012, S. 26.

[11] Sozialgesetzbuch IX § 136 Begriff und Aufgaben der Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

[12] Vgl.: Bieker, 2005, S. 313.

[13] Vgl.: Hirsch, 2009 S. 37.

[14] Vgl.: Chirazi; Lau, 2014, Unveröffentlichtes Skript, S. 7.

[15] Vgl.: Sozialgesetzbuch III §125 Bedarf bei Maßnahmen in anerkannten Werkstätten für behinderte Menschen.

[16] Vgl.: Sozialgesetzbuch IX § 43 Arbeitsförderungsgeld.

[17] Vgl.: Chirazi; Lau, 2014, Unveröffentlichtes Skript, S. 4.

[18] Vgl.: Werkstättenverordnung § 5 Arbeitsbereich.

[19] Vgl.: Kühn; Rüter, 2008, S. 30f.

[20] Vgl.: https://www.soziales.sachsen.de/download/familienportal/konzeptionelle_Empfehlung_Uebergaenge.pdf [abgerufen am: 10.12.2017].

[21] Vgl.: Nagy; Rückemann, 2008, S. 389.

[22] Vgl.: Fischer; Heger; Laubenstein, 2011, S. 7.

[23] Vgl.: Stein, 2009, S. 16.

[24] Vgl.: Nagy; Rückemann, 2008, S. 389.

[25] Vgl.: Kühn; Rüter, 2008, S. 9.

[26] Ebd., S. 16.

[27] Friedrich, 2006, S. 18.

[28] Vgl.: Friedrich, 2006, S. 17f.

[29] Vgl.: Kühn; Rüter, 2008, S. 13ff.

[30] Vgl.: Schwalb, 2013, S. 24f.

[31] Vgl.: Schwalb, 2013, S. 10ff.

[32] Vgl.: Theunissen, 2013, S. 18f.

[33] Vgl.: Kühn; Rüter, 2008, S. 47ff.

[34] Vgl.: Kühn; Rüter, 2008, S. 53ff.

[35] Vgl.: Haines, 2005, S. 44.

[36] Vgl.: Friedrich, 2006, S. 35-38.

[37] Vgl.: Friedrich, 2006, S. 65f.

Details

Seiten
32
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668783331
ISBN (Buch)
9783668783348
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437576
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1,3
Schlagworte
Menschen Menschen mit Behinderung Arbeitsmarkt Werkstatt WfbM Selbstbestimmung Barrieren Vorurteile QVD Integrationsfachdienst Integrationsunternehmen Budget für Arbeit

Teilen

Zurück

Titel: Chancen und Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt