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Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag der Reichen

Hausarbeit 2013 10 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ausgangssituation für den Vertrag der Reichen

3. Der Gesellschaftsvertrag, den die Reichen Vorschlägen
3.1 Inhalt des Vertrags
3.2 Gründe der Vertragsaufsetzung
3.3 Die Folgen des Vertrags tur die Armen
3.4 Gründe der Anerkennung des Vertrags durch die Armen
3.5 Rousseaus Lösungsvorschlag

4. Schlussbetrachtung

Anhang

1. Einleitung

1755 veröffentlichte der Philosoph Jean-Jacques Rousseau seinen ״Diskurs über die Ungleichheit“. Dies ist eine Theorie über die Entstehung und Entwicklung der Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem sogenannten Gesellschaftsvertrag, den die Reichen Rousseaus Überzeugung nach eintührten, um eine in ihrem Sinne funktionierende Gesellschaftsordnung herzustehen. Laut Rousseau trug der 'Contrat social des riches'[1] maßgeblich zur sozialen und ökonomischen Ungleichheit der Menschen bei.

Zunächst soll auf die Ausgangssituation hingewiesen werden, die vor der Einführung des oben genannten Vertrages herrschte. Im Anschluss daran wird der Inhalt des Vertrags untersucht, wobei die Gründe zur Formulierung solch eines Vertrags analysiert und die daraus für die ״Armen“[2] resultierenden Folgen erklärt werden. Des Weiteren wird die Frage thematisiert, weshalb sich die Armen, nach Rousseau, auf diesen Vertrag einließen. Abschließend wird Rousseaus Lösungsansatz angerissen und ein Fazit gezogen.

2, Ausgangssituation des Vertrags

Rousseau behauptet, dass der Mensch vor Einführung des Gesellschaftsvertrages ein autarkes Leben im Naturzustand geführt hätte.[3]

Mit der Einführung des Eigentums begann, entsprechend Rousseaus Theorie, die Vergesellschaftung der Menschen. ״Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfähig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft“.[4] Besitz gibt es also seit dem Zeitpunkt, an dem sich jemand selbst das Recht nahm, ein Stück Land, welches zuvor allen gehörte hatte, einzugrenzen um es selbst zu besitzen. Mit dieser Aneignung kam die Vorstellung von mein und dein auf. Das Resultat davon waren ״Verbrechen, Kriege, Mord [...] Not [,] Elend [und] Schrecken“[5]: Da nicht genügend Land für alle zur Verfügung stand, sahen die Menschen den Kampf als einzige Möglichkeit, sich Besitz zu verschaffen. Damit hing es von der Stärke des Einzelnen ab, wie viel Land er in Besitz nehmen konnte. Die Knappheit an Grund und Boden führte zu erbitterten Konkurrenzkämpfen. Somit fand die von Rousseau behauptete im Naturzustand herrschende Gleichheit ein Ende. Neid, Geiz und Bosheit hielten Einzug.[6]

Mit der Zeit lernten die Menschen den Vorteil der Anhäufung von Vorräten kennen. Effiziente Zeiteinteilung bei Ackerbau und Viehzucht führten zur schnellen Vorratsvermehrung.[7] Dies war nur durch Arbeitsteilung möglich, welche Rousseau zufolge zu ״Sklaverei und Elend“[8] führte. Stolz und Freude am Eigentum ließen die Menschen an diesem neu errungenen Privileg festhalten. Zum Erhalt und zur Ausdehnung ihrer Ländereien machten sich die Reichen die Amien untertan und benutzen sie als Arbeitskräfte.[9] Den Amien blieb nichts anderes übrig als auf die Brosamen der Reichen zu hoffen oder ihre Existenz durch Raubzüge zu sichern.[10] Ebenso wie vor den Amien mussten die Reichen ihre Besitztümer vor ihresgleichen sicherstellen. Durch die alles bestimmende Gier herrschte somit auch eine große Rivalität unter den Reichen.[11] Missgunst, Habgier und Konkurrenzdenken führten unter den Menschen zu einen! fortwährenden Kriegszustand.

3. Der Gesellschaftsvertrag, den die Reichen Vorschlägen

3.1 Inhalt des Vertrages

Die Reichen hatten sich ״[...] aus ihrer Stärke oder aus ihren Bedürfnissen eine Art Recht auf das Gut anderer [...]“[12] gemacht. Aufgmnd der Überlegenheit der privilegierten Klasse erklärte sie alles, was ihnen gerade von Nutzen war, zu ihrem Eigentum. Das war die Geburtsstunde des Eigentumsrechts. Dieses Eigentumsrecht zog eine weitere Welle der Gewalt nach sich.

Um das nun herrschende Chaos zu beheben ersann einer der Reichen ״[...] den durchdachtesten Plan, der dem menschlichen Geist jemals eingefallen ist. “ Er schlug einen Gesellschaftsvertrag vor, der beinhaltete, dass die verloren gegangene Ordnung unter den Menschen durch Gesetze wiederhergestellt werden sollte.[13] Zur Einhaltung der Gesetze soll ein Herrscher ernannt werden, der für Frieden und Sicherheit unter den Menschen zu sorgen hat und den herrschenden Kriegszustand in ein friedliches Miteinander umwandeln sollte.[14]

Rousseau jedoch verurteilt diesen Gesellschaftsvertrag als Betmg. Die in dem Vertrag angemahnte Notwendigkeit von Frieden und Sicherheit sind für ihn lediglich von den Reichen benutzte ״Scheingründe“ um ihre Interessen durchzusetzen.[15] Anstatt zur Verbesserung der Lage beizutragen sei der Gesellschaftsvertrag, laut Rousseau, vielmehr ״[...] Ursprung der Gesellschaft und der Gesetze [...], die dem Schwachen neue Fesseln und dem Reichen neue Kräfte gaben“.[16] Somit ist die Herrschaft der Reichen weiterhin gesichert und die Unterjochung der Armen zu allem Übel auch noch legitimiert. So wurde die soziale Ungleichheit durch den Gesellschaftsvertrag keinesfalls behoben, sondem zusätzlich noch rechtlich besiegelt.[17] Dass ״[...] ebenso wenig Stichhaltigkeit wie Wahrheit [...]“[18] im Vertrag vorhanden seien, ist für Rousseau ein weiterer Grund, den Gesellschaftsvertrag als Betrug zu entlarven.

3.2 Gründe der Vertragsaufsetzung

Der durch das Eigentum entstandene Kriegszustand, in dem jeder mit allen Mitteln versuchte, seine persönliche Lebenssituation zu verbessern, ließ die Reichen um ihren Besitz bangen. Da sie sich ihr Hab und Gut durch Gewalt angeeignet hatten, war ihnen durchaus bewusst, dass sie ihre Besitztümer genauso schnell wieder verlieren konnten. Die leidvolle Situation der Amien und ihre daraus resultierenden Raubzüge schmiedeten sie aneinander, nach dem Motto ״gemeinsam sind wir stark“. Die Reichen hingegen waren durch gegenseitigen Neid und Missgunst untereinander damit beschäftigt, sich ihre Besitztümer gegenseitig streitig zu machen. Somit waren sie unfähig, sich gegen die Amien zu verbünden.[19] Um diesen ״Zustand der Unsicherheit“[20] zu beenden, das heißt, um ihr Eigentum zu schützen, formulierten die Reichen den Gesellschaftsvertrag.[21]

Rousseau vertritt die These, dass die Amien in gleichem Maße über Anspmch auf ein ״Naturrecht“ von Besitz verfügen wie die Reichen, die sich dieses Recht bereits ungefragt genommen hatten. Rousseaus Überzeugung nach galt alles vor Entstehung des Vertrages angehäufte Eigentum als ״Usurpation“ und somit als nicht rechtlich legitimiert.[22] Das bedeutet, dass die Reichen ihren Besitz ohne geltenden Gesellschaftsvertrag rechtlich gesehen nicht für sich alleine in Anspmch nehmen konnten. Ohne rechtliche Gmndlage war die Sichemng des sogenannten Eigentums schwerer, da im Prinzip jeder das von Natur aus gegebene Recht besaß, die Güter eines anderen zu den seinigen zu machen. Mit dem Gesellschaftsvertrag wurden die Besitzverhältnisse klar geregelt. Jetzt war es niemandem mehr möglich, dem anderen rechtlich anerkannten Besitz streitig zu machen. Sinn und Zweck des Gesellschaftsvertrages war die Absicherung des Eigentums. Sie diente einzig und allein der Interessensicherung der Oberschicht.[23]

Durch den Gesellschaftsvertrag zugesicherten Machtgewinn bekamen alle Besitzenden die Möglichkeit ihren Profit zu steigern.[24]

3.3 Die Folgen des Vertrags für die Amien

Anstatt für mehr Gleichheit unter den Menschen zu sorgen und die Situation der Amien zu verbessern, führte der Gesellschaftsvertrag zu noch größerem Leid und Elend unter den Besitzlosen, die Ungleichheit verschärfte sich. ״[...] [D]ie natürliche Freiheit [wurde] zerstör[t], das Gesetz des Eigentums und der Ungleichheit für immer fixier[t] [...]“[25]: der Gesellschaftsvertrag verhinderte, in Freiheit zu handeln. Anstatt tun und lassen zu können, was und wie es ihnen beliebte, waren die Menschen nun an Regeln und Gesetze gebunden. ״Die natürliche Freiheit war für immer dahin [...]“[26], stattdessen gab es nun das Eigentum, das die Gesellschaft in arm und reich spaltete.

Mit dem Vertrag wurde die Versklavung und Ausbeutung der Amien endgültig rechtlich besiegelt. So wurde es für die Amien fast unmöglich, sich der Unterdrückung durch die Reichen zu entziehen. Auf diese Weise wurden sie per Gesetz entmündigt.[27] Hatten sie vor der Vertragseinführung wenigstens noch die Möglichkeit, ihr überleben durch Raubzüge zu sichern, so nahm ihnen der Vertrag jedwede Möglichkeit, auf dieses natürliche Recht zurückzugreifen.[28]

Mit der Anerkennung des Gesellschaftsvertrags tmgen die Amien zu ihrer eigenen Entrechtung bei. Rousseau war der Überzeugung, dass dieses Dilemma noch mehr Gewalt, Mord und Totschlag mit sich brachte.[29]

Insgesamt wurde die Situation der Amien durch den Gesellschaftsvertrag erheblich verschlechtert, die von ihnen erhoffte Gerechtigkeit blieb aus und ließ sie so zum Spielball der Reichen werden.

[...]


[1] bring Fetscher: ״Rousseaus politische Philosophie“, 3. Auflage, Suhrkamp, 1975, S.49

[2] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 225

[3] Unter ״Naturzustand“ versteht Rousseau einen vorgesellschaftlichen Zustand, in dem die Menschen ein isoliertes Leben führten. Jeder war Selbstversorger. Die Interaktion der Menschen beschränkte sich auf die Paarung und die Aufzucht der Kinder. Vgl: Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 77 ff.

[4] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 173

[5] Ebd.

[6] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit‘‘, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 211

[7] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 195

[8] Ebd.

[9] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 213

[10] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 207

[11] E.d.

[12] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 211

[13] Jean-Jaques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 215

[14] Vgl.: Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 217

[15] Vgl.: Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit‘‘, 6.Auflage, UTB 2008, s. 215

[16] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 219

[17] Ebd.

[18] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 235

[19] Vgl.: Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 215

[20] Vgl.: Iring Fetscher: ״Rousseaus politische Philosophie“, 3. Auflage, Suhrkamp, 1975, s. 49

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit‘‘, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 225

[24] Iring Fetscher: ״Rousseaus politische Philosophie“, 3. Auflage, Suhrkamp, 1975, s. 52

[25] Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 219

[26] Iring Fetscher: ״Rousseaus politische Philosophie“, 3. Auflage, Suhrkamp 1975, s. 52

[27] Vgl.: Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 221

[28] Iring Fetscher: ״Rousseaus politische Philosophie“, 3. Auflage, Suhrkamp, 1975, s. 52

[29] Vgl.: Jean-Jacques Rousseau: ״Diskurs über die Ungleichheit“, 6.Auflage, UTB, 2008, s. 221

Details

Seiten
10
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668779716
ISBN (Buch)
9783668779723
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437698
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,7
Schlagworte
jean-jacques rousseaus gesellschaftsvertrag reichen

Autor

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