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Diskurslinguistische Untersuchung. Darstellung der gesellschaftlichen Debatte zum NPD-Verbotsantrag in überregionalen Tageszeitungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 21 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Theoretische Grundlagen
2.1.1 Klärung des Diskurs-Begriffes
2.1.2 Zum Verhältnis von Semantik und Aussage
2.2 Korpusgenerierung und Korpusvorstellung
2.3 Methodenvorstellung
2.4 Exemplarische Analyse
2.4.1 Intratextuelle Ebene
2.4.2 Akteursebene
2.4.3 Intertextuelle Ebene

3. Fazit

4. Quellen-und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit wird sich primär mit einer diskurslinguistischen Unter­suchung zum außersprachlichen Ereignis des NPD-Verbotsantrags, den der Bundesrat am 14. Dezember 2012 beschloss, im Rahmen eines bestimmten Zeitraums auseinander­setzen. Als Einführung wird hierbei eine knappe Vorstellung des in der germanistischen Sprachwissenschaft gebrauchten Diskursbegriffs und dem Verhältnis von Semantik und Aussage erfolgen. Nach der einleitenden Einführung in die theoretischen Grundlagen erfolgt die Korpusvorstellung mit Begründung der von mir selektierten Artikel überregionaler Tageszeitungen. Nach Klärung des zur Analyse erstellten Korpora erfolgt die Methodenvorstellung, die die diskurslinguistische Mehrebenenanalyse, kurz D1MEAN, vorstellt und die exemplarische Analyse einleitet. Diese wird in drei Ebenen unterteilt, wobei vorab zu erwähnen sei, dass es sich dabei um "keine diskurs­linguistische Globalmethode [handelt], sondern [um] eine Methodologie, die grundlegende Bedingungen der empirischen Forschung für die Diskurslinguistik systematisch nutzbar machen soll" (Spitzmüller/Wamke 2011, s. 198). Die exemplarische Analyse wird folglich in drei Unterabschnitte kategorisiert, wobei alle aufeinander aufbauen und nacheinander abgearbeitet werden. Die intratextuelle Ebene, die sich vor allem mit den Artikeln als singuläre Texte innerhalb des Diskurses beschäftigt, ist dabei am umfangreichsten, da innerhalb der Einzeltexte je nach politischer Werteinstellung und Intention unterschiedlichste sprachlich-stilistische Mittel und Argumentationsmuster gebraucht werden.[1] Innerhalb der Untersuchung zum Diskurs wird der intratextuellen Ebene, aufgrund der enormen Bandbreite der in den singulären Texten enthaltenen sprachlich-stilistischer Einwort- und Mehrwort-Einheiten, verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt. Natürlich sind auch die Akteursebene und die intertextuelle Ebene von entscheidender Relevanz für die Analyse, bauen daher auch auf entdeckte Muster und Schemata auf.

Ziel der diskurslinguistischen Untersuchung soll die Behandlung der Darstellung der gesellschaftlichen Debatte um den aktuellen NPD-Verbotsantrag, der im zweiten Quartal diesen Jahres entschieden werden soll, in überregionalen Tageszeitungen sein.

2.1. Theoretische Grundlagen

2.1.1 Klärung des Diskursbegriffes

Der Diskurs, lat. discurrere 'durchlaufen, hin- und herlaufen', ist ein Ausdruck für eine kontext- und themenbezogene Erörterung oder eine Unterhaltung, insbesondere auf das wahrheitssuchende philosophische Gespräch eingeschränkt (vgl. Glück 2010, s. 154).[2]

In der germanistischen Sprachwissenschaft dient der Diskursbegriff der diskurslinguistischen Gegenstandsforschung als ein "aufgrund semantischer Kriterien zusammengestelltes Korpus an Texten" (Bubenhofer 2009, s. 33), der "in einem hermeneutischen Prozess die Spuren von Diskursen" (Bubenhofer 2008, Seite 407) untersucht. Wie die Kategorie Text hatte auch der Diskurs Schwierigkeiten bei der Etablierung als Gegenstand der Sprachwissenschaft. Der Terminus war in den Anfängen in Deutschland bereits durch verschiedene Disziplinen der Wissenschaften, unter anderem einer philosophische Prägung von Jürgen Habermas, vorbeeinflusst (vgl. Busse/Teubert 1994, s. 11). Grundlegend für die Prägung des Forschungsfeldes um das zentrale Konzept 'Diskurs' waren die Arbeiten Michel Foucaults, insbesondere sein zentraler Text "L'ordre du discours" (1971), bei welchem er sich die bereits in der französischen Sprache vorhandene Mehrdeutigkeit des Substantives zu Nutzen machte und ganz dem französischen Poststrukturalismus entsprechend für eine Art Ver- unklarung sorgte (vgl. Busse/Teubert 1994, s. 10f.).[3] Mittlerweile sind weder "Bemerkungen über die Vagheit des diskurslinguistischen Gegenstandes noch über den so genannten inflationären Gebrauch des Terminus 'Diskurs' in den Geisteswissenschaften" gegenwärtig, da sich die Diskurslinguistik inzwischen als Erweiterung text- und soziolinguistischer Perspektiven etabliert hat (Spitzmüller/Wamke 2008, s. 3). Nach Warnke (vgl. 2008, s. 36) muss auch der Kontext verschiedener Texte, ob nun in Form eines Artikels oder einer wissenschaftlichen Abhandlung, betrachtet werden, da sich diese meist auf andere Worte, Sätze, Texte, Ansichten und Ereignisse berufen oder auch nur als Anreiz zur Textproduktion dienen. Die Existenz singulärer Texte, in denen von Intertextualität ausgegangen werden kann, ist durch die "beabsichtigte[n] oder unbeabsichtigte[n] Bezugnahme auf andere Texte" begründbar (Wamke 2008, s. 36). Ein singulärer Text ist also eine Konstituente einer viel weitreichenderen Wissensordnung, die ein konkretes Textverständnis voraussetzt, um eine empirische Analyse konkreter textüb ergreifender Strukturen zu ermöglichen (vgl. Warnke 2008, s. 37). "Linter Diskurs wollen wir im Weiteren präzisiert einen textübergreifenden Verweiszusammenhang von thematisch gebundenen Aussagen verstehen", wobei Diskurse eine festlegende Entwicklung aufweisen, da sie ein Aussagesystem strukturieren (Warnke 2008, s. 37).

Die textualistische Diskurslinguistik "befasst sich mit [...] der textübergreifenden Zeichenorganisation und [...] mit dem Blick auf das im Diskurs manifestierte gesellschaftliche Wissen", infolgedessen von einer textualistisehen Ausprägung gesprochen werden kann (Wamke 2008, s. 37). Die Analyse textüb ergreifender Aussagenzusammenhänge, wie sprachlich manifestiertes Wissen und zeittypische Formationen des Sprechens und Denkens über die Welt, wird von der epistermologischen Diskurslinguistik verwandt (vgl. Warnke 2008, s. 38). Diese beiden Ausprägungen, die bereits teilweise bei Foucault enthalten waren, sind im Forschungsfeld der germanistischen Diskurslinguistik kaum zu trennen, "[d]enn auch eine wissensbezogene Analyse von Diskursen wird [...] die strukturellen Konstituenten [...] in den Blick nehmen und mit Texten arbeiten" (Warnke 2008, s. 38). Der Diskurs ist also ein aufgrund semantischer Kriterien zusammengestelltes Korpus von textuell und diskursiv gebundenen Aussagen, den es aufgmnd des textübergreifenden Kontextes zu untersuchen gilt, wobei der Diskurs "vom Untersuchungsziel, Interesse oder Blickwinkel der Wissenschaftler bestimmt" wird (Busse/Teubert 1994, s. 16).[4]

2.1.2 Zum Verhältnis von Semantik und Aussage

Die Diskurslinguistik unterscheidet sich von der Semantik vor allem dadurch, dass die einzelnen Aussagen weniger unter dem Aspekt ihrer Bedeutung als unter dem Aspekt ihrer Funktion für und in der Wissensordnung betrachtet werden. Sie ist also, so Busse/Teubert (1994, s. 13), "eine Erweiterung hinsichtlich der Zielsetzung und Ausgangsfragen, eine Erweiterung der Gegenstände und Zugriffsobjekte der Forschung, und schließlich, [...] eine Erweiterung der Methoden der diachronen Sermantik". Die Aussage als solche ist gleichermaßen Produkt wie auch notwendiger Bestandteil des Diskurses.[5] "Macht, Verhalten, Visualität, Stimme sind im Diskurs ebenso einbegriffen wie alles, was man Aussagen nennen kann, 'insoweit sie zur selben diskursiven Formation gehören'" (Spitzmüller/Wamke 2008, s. 5).

Ich werde dies nun an einem vorausgreifenden Beispiel präsentieren. Bei dieser diskurslinguistischen Untersuchung - der Titel dieser Facharbeit dient als erstes Indiz zur Themenidentifikation (ausführlicher im Abschnitt 2.2) - geht es nicht um die semantische Analyse der Lexeme Antrag, Verbot und NPD, sondern um die Wissensordnung zu dem Thema "NPD-Verbotsverfahren". Angenommen in zwei von drei Texten tauchen die Begriffe NPD, Verfassungsfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Muslimbrüderschaft auf, wäre die Wortsemantik dieser drei Begriffe mit einer starken inhaltlichen Unterscheidung verbunden. Auch im Text werden die genannten Begriffe mit ihren jeweiligen Bedeutungen zur Bezeichnung von festgelegten Gruppen in bestimmten Situationen angemessen eingesetzt. Eine diskurslinguistische Analyse wäre (in Anlehnung an Michel Foucault) daran interessiert, herauszufinden, "wie die Gegenstände innerhalb des Diskurses erscheinen und gestaltet sind", und "anhand welcher Beziehungen [...] diese innerhalb des Diskurses geordnet oder einander gegenübergestellt sind", sowie warum diese Begriffe und keine anderen an ihrer Stelle genutzt wurden (Spieß 2008, s. 241). Ein möglicher Ansatz zur Beantwortung wäre, dass die Begriffe die Funktion haben, zu warnen, Gefahr heraufzubeschwören oder Vergleiche zu ziehen. Diese zugrundeliegende Funktion ist nur durch intertextuelles Arbeiten erschließbar.[6]

Die Semantik und Funktion einzelner Begriffe ist somit nur zu erfassen, wenn sie in Korrelation zu anderen Begriffen gesetzt wird. Die diskursive Semantik ist damit zwar eine textübergreifende, aber vor allem eine Semantik, die mehr als die Summe ihrer Texte ist - diese wiederum "sind keine unabhängigen Einheiten, sondern umfassen eine Reihe [...] komplexer linguisticher Formen und Funktionen" (Warnke 2008, s. 35).

2.2 Korpusgenerierung und Korpusvorstellung

Bei dem Korpus handelt es sich um eine konkrete Datensammlung, die nach semantischen Kriterien zusammengestellt wird. Dabei stellt das "untersuchte Korpus [...] jedoch nur eine relevante Teilmenge des Diskurses dar", die es zu analysieren gilt (Bubenhofer 2009, s. 33). Zur Anwendung einer linguistischen Diskursanalyse mithilfe der im Methoden-Ab schnitt vorgestellten Methoden wird also zunächst eine Korpuserstellung benötigt, es wird also ein "Korpus von Texten definiert, das die Grundlage für die Analyse bildet" (Bubenhofer 2008, s. 407). Es muss also die Frage gestellt werden auf welches Thema der inhaltlich-semantische Fokus gelegt wird, auf welche Massenmedien eine Fixierung erfolgt und ob ein bestimmter Zeitraum als Rahmen dienen soll (vgl. Bubenhofer 2009, s. 36f.).

Nach Busse/Teubert (1994, s. 14f.) sollen die selektierten Texte repräsentativ "hinsichtlich eines jeweils als Untersuchungsleitfaden gewählten Inhaltsaspekts sein" und den Kern des Untersuchungsgegenstandes in seiner Gänze erfassen.[7] "So gesehen setzt also schon die Korpusbildung das Verstehen der Texte voraus" (Busse/Teubert 1994, s. 16). Das erste für die diskurslinguistische Untersuchung relevante Kriterium zur Korpuserstellung gilt der Wahl des Themas, bei der es galt, sich zuallererst mit den möglichen Korpusgegenständen und den in Korrelation stehenden Texten auseinander­zusetzen, um so mögliche Primärquellen zu sondieren. Nach eingehender Recherche zu den Ereignissen des letzten Jahres blieb ich, schon aufgrund des Potenzials des Themas, dem NPD-Verbotsantrag, den der Bundesrat am 14. Dezember beim Bundes­Verfassungsgericht in Karlsruhe einreichte, hängen.[8] Der Auswahl eines geeigneten Themas folgte anschließend eine manuelle Auswahl von relevanten Texten mit dem Ziel der bewussten Untersuchung diskursiver Beziehungen in den schriftlichen Massenmedien. Aufgrund gewisser Erwartungshaltungen orientierte sich die Auswahl auf überregionale Zeitungen und Zeitschriften, wobei von allen die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Tageszeitung (TAZ) und die Welt die informativsten und am besten zur Analyse verwendbaren Artikel boten.[9] Die Korpuszusammenstellung wurde daraufhin konkret auf überregionale Tageszeitungen festgelegt.[10] Folgekriterium war die Festlegung des Zeitraums der für die Diskursanalyse untersuchungsrelevanten Artikel, der jedoch bedingt durch das historische Ereignis der Einreichung des NPD- Verbotsantrages durch den Bundesrat deutlich erleichtert wurde und einen Zeitrahmen von einem Monat (14.12.2012 bis 04.01.2012) begünstigte.

Am 14. Dezember letzten Jahres beschloss der Bundesrat die Einreichung eines Verbotsantrages gegen die rechtsextreme NPD mit Begründung der Verfassungs­feindlichkeit. Auslöser für einen erneuten Antrag zum Verbot der NPD durch den Bundesrat waren die Morde durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der Verbindung zur NPD nachgewiesen werden konnte. Eine Entscheidung durch Bundesregierung und Bundestag soll höchstwahrscheinlich im zweiten Quartal 2013 erfolgen. Das Korpus wurde somit aus einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (pca. 2012, Seite 5), der Tageszeitung - kurz TAZ (Schmidt 2012, s. 3) - und der Welt (Lachmann 2013, s. 6) erstellt, wobei zu bemerken ist, dass diese die Kernaussagen und wichtigsten Informationen des Diskurses erfassen.[11]

2.3 Methodenvorstellung

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Methoden mit dem Ziel einer Analyse transtextueller Sprachstrukturen veranschaulicht, wobei die Frage zu klären ist, womit sich die Diskurslinguistik konkret beschäftigt.

Im Zentrum der diskurslinguistischen Analyse steht die Frage nach "den raumzeitlich benennbaren Bedingungen von Aussagen, die als Kontexte und Voraussetzungen des Redens und Schreibens erfassbar sind" (Spitzmüller/Wamke 2011, s. 124). Anbei ist festzuhalten, dass sich diskurslinguistische Arbeiten im methodischen "Spannungsfeld von Unterspezifiziertheit und übergeneriertheit" bewegen (Warnke 2008, s. 42).

[...]


[1] Die jeweilige Zuordnung der politischen Werteeinstellung ist hierbei subjektiver Natur, da jeder Leser diese Zuordnung anders empfinden kann. Jedoch gehe ich hierbei nach dem Selbstverständnis der Tageszeitungen.

[2] Vgl. auch Ehlich 2007, s. 3. Als alternativer Literaturverweis.

[3] Vgl. M. Heinemann/W. Heinemann 2002, s. 112f. Der Diskurs wurde in den Wissenschaften zwar schon genutzt, dies aber in verschiedensten Einzeldisziplinen (Bsp. pliil. Prägung durch J. Habennas).

[4] Die Analyse von untersuchungsrelevanten Korpora ist fester Bestandteil aller diskurslinguistischen Arbeiten, vgl. Wamke 2008, s. 38.

[5] Diskurse sind also auch "als Praktiken [...], die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen" zu verstehen, vgl. Foucault 1997, s. 74.

[6] Das macht die Relevanz des virtuellen Gesamtdiskurses aus.

[7] Diese Relevanzeinordnung möglicher Massenmedien zum Thema beinhaltet eine Einschränkung möglicher anderer textueller Einheiten, vgl. Bubenhofer 2009, s. 37.

[8] Die Diskursanalyse bietet die Möglichkeit außerhalb der Sprachwissenschaft zu agieren (auch auf Basis eigener Interessengebieten), vgl. Spitzmüller/Wamke 2011, s. 1.

[9] Weitere (aussondierte) Zeitungen/Zeitschriften: Der Stern, Der Spiegel, Die Zeit, Süddeutsche Zeit­ung, Frankfurter Rundschau, BZ-Berlin und die Bild.

[10] Eine Konzentration auf Meldungen von Online-Nachrichtenportalen wäre ebenso möglich gew esen, gedruckte Medien erreichen jedoch auch ältere Lesergmppen.

[11] Die Entscheidung über die konkrete Auswahl der Artikel wurde unter dem Kriterium der Relevanz gefällt vgl. Bubenhofer 2009, s. 36.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668779396
ISBN (Buch)
9783668779402
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437781
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Philosophisches Institut
Note
2,7
Schlagworte
Semantik Diskurslinguistik

Autor

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Titel: Diskurslinguistische Untersuchung. Darstellung der gesellschaftlichen Debatte zum NPD-Verbotsantrag in überregionalen Tageszeitungen