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Der Demokratiebegriff in der diachronen Analyse. Von der Antike bis in die Sattelzeit

Ausarbeitung 2018 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Demokratiebegriff in der griechischen Antike

3. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Aristoteles-Rezeption

4. Der Demokratiebegriff in der Sattelzeit

5. Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff Demokratie dient uns heute in erster Linie dazu, diejenigen politischen Systeme zu bezeichnen und zu beschreiben, die wir in Abgrenzung zu Diktaturen als politisch legitime Staatsformen einer zivilisierten Welt begreifen.1 Die komplexe und vieldeutige Semantik des Demokratiebegriffs umfasst dabei Konzepte und Prinzipien, die in der Aufklärung entwickelt wurden, wie etwa die Autonomie und Selbstbestimmung des Individuums sowie Menschenrechte und Gewaltenteilung. Sie beinhaltet aber auch Rückbezüge auf die frühesten Begriffsprägungen, wie sie etwa in der antiken politischen Theorie von Denkern wie PLATON, ARISTOTELES, ISOKRATES oder CICERO entstanden sind.2

Demokratie konnte und kann in seiner historischen Vielschichtigkeit vieles bedeuten. Der Begriff hat im Laufe seiner Geschichte zahlreiche Bedeutungsverschiebungen erfahren. Die Grundbedeutung, nach der Demokratie eine Herrschaftsform beschreibt, in der größere Teile der Bevölkerung in irgendeiner Form an der Machtausübung und Verwaltung eines Gemeinwesens partizipieren, dürfte in der historischen Semantik kohärent sein. Bezüglich der konkreten Herrschafts- und Staatsform, bei der Frage, welche Teile der Bevölkerung an Wahl- und Entscheidungsprozessen beteiligt sind, ob die Regierung an gewählte Vertreter übertragen oder direkt vom Volk ausgeübt wird, gibt es ein breites Spektrum an Ausdifferenzierung. Vergleicht man etwa die attische Demokratie im 5. Jahrhundert V. Chr. mit heutigen demokratischen Systemen, wird man wohl auf mehr Unterschiede und Widersprüche Stoßen als auf Gemeinsamkeiten.3

Nach der begriffsgeschichtlichen Konzeption Kosellecks gehört Demokratie zu jenen politischen Grundbegriffen, die in der von ihm eingeführten Sattelzeit zwischen 1750 und 1850 mit ihrem Höhepunkt in der Französischen Revolution weitestgehend den heutigen Bedeutungsgehalt erhalten haben.4

Somit soll beim nun folgenden Versuch, die historische Semantik des Demokratiebegriffs kurz zu skizzieren, nach einer knappen Darstellung der antiken Begriffstradition, der Fokus auf dem Demokratiediskurs der Sattelzeit liegen, um zu eruieren, wie der Begriff seine zentrale Bedeutung für das moderne und zeitgeschichtliche Selbstverständnis der sogenannten westlichen Welt gewinnen konnte und ihn gegenüber der antiken Semantik abzugrenzen. Somit spielen Fragen der konkreten verfassungsrechtlichen Umsetzung für diese Darstellung eine untergeordnete Rolle. Begriffe verstehe ich in Anlehnung an Koselleck als komplexe mentale Konzepte, die sowohl als Faktoren wie auch als Indikatoren der sozialen Realitäten von historischen Akteuren fungieren.5

2. Der Demokratiebegriff in der griechischen Antike

Wenn man mit einem so vertrauten Begriff wie Demokratie arbeitet, ist die Gefahr groß, ihn in der historischen Perspektive mit anachronistischen Bedeutungen aufzuladen und ihn im Spiegel des gegenwärtigen Zeitgeistes zu interpretieren. Gerade in der traditionellen Forschung des 19. Jahrhunderts scheint die quellenkritische Unbedarftheit mancher Historiker diesen Fehler begünstigt zu haben.6 Um die Alterität des antiken Demokratieverständnisses im Vergleich zum modernen zu verstehen, lohnt es sich, zunächst zu beleuchten, wie gänzlich anders das Verhältnis des bürgerlichen Individuums zum Gemeinwesen, etwa in der attischen Demokratie, aufzufassen ist. Ein wesentliches Charakteristikum der attischen Demokratie bezeichnet Paul Veyne mit dem Begriff Militanz.7 Darunter versteht er ein politisches Engagement des Bürgers, das er als allumfassende Verpflichtung gegenüber der Polis zur Anteilnahme und Mitwirkung bei der politischen Gestaltung beschreibt. Dieses Engagement hebe die Grenzen zwischen privatem und öffentlichen Lebensbereich völlig auf und mache das politische Engagement oder eben ihr Fehlen zu einer moralischen Kategorie.8 Dies belegt Veyne mit einem Thukydides-Zitat:

״Einzig bei uns, heißt einer, der (an den politischen Dingen) keinen Anteil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter “9

Der Bürger wird also moralisch am Grad seines politischen Engagements gemessen. Das Gemeinwesen der Polis weist in dieser Hinsicht ein gänzlich von unseren Vorstellungen verschiedenes ethisches Bewusstsein für Politik auf: ״Denn der antike Bürger besitzt weder Menschen- noch Bürgerrechte, keine Freiheiten und nicht einmal Freiheit schlechthin; er hat lediglich Pflichten. Könnten wir uns in das alte Athen begeben, so würden wir dort keineswegs das demokratische Beinahe-Ideal der westlichen Welt, sondern vielmehr das geistige Klima aktivistischer politischer Parteien antreffen. “10

Auch das für das moderne Demokratieverständnis zentrale Element der Gewaltenteilung würde man in der Antike vergeblich suchen. Ob es sich bei dieser Darstellung um eine idealisierte Verklärung handelt, könnte diskutiert werden, wichtig erscheint mir jedenfalls die Feststellung, dass es in der antiken Welt die Vorstellung einer ethischen Verpflichtung zum politischen Engagement gab. Diese Vorstellung verweist auf die zentrale Stellung, die der Demokratiebegriff für die politische Theorie der Antike hat.

Der Begriff Demokratie (δημο.ψατ/'α) ist zuerst in der Mitte des 5. Jahrhunderts V. Chr. für die Idee der Volksherrschaft in Abgrenzung zu älteren Begriffen wie μοναρχία (Herrschaft eines Einzelnen) oder ολιγαρχία (Herrschaft weniger) verwendet worden. Je nach Auffassung der Autoren konnte er positiv oder negativ konnotiert sein.11 Elm das Jahr 500 V. Chr. ist ein Wandel von der älteren politischen Rechtsauffassung der ευνομία, die bis dahin die rechtliche Grundlage für die Verfassung eines wohlgeordneten Gemeinwesens bezeichnet hatte, hin zur ισονομία zu verzeichnen.12 Die Isonomie als gleichberechtigte Ordnung kann als Reaktion der Forderungen nichtadliger Bevölkerungsschichten nach gleichen politischen Rechten, vor allem nach Zugang zu den Volksversammlungen verstanden werden.13

Dass diese Begriffe gehäuft in dem betrachteten Zeitraum vorzuflnden sind, kann als Indikator für die allmähliche Abkehr von aristokratischen, tyrannischen oder monarchischen Herrschaftsformen gesehen werden und weist auf den sozialen Druck hin, den die unteren und mittleren Schichten auf die Eliten jener Zeit ausgeübt haben dürften.14 Das Egalitätsprinzip, das sich hier ausformt, scheint aber in Konkurrenz mit dem Eliteprinzip gestanden zu haben, das die aristokratischen und oligarchischen Herrschaftssysteme geprägt hatte und von den demokratischen Neuerungen nicht abgelöst wurde.15 Der Adel, der seine Macht als legitim erachtete, lehnte eine ״reine Demokratie“ als ״Pöbelregime“ ab.16

[...]


1 Vgl. Wiegand, Marc Andre. Demokratie und Republik. Historizität und Normativität zweier Grundbegriffe des Verfassungsstaates. Tübingen 2017. s. 1.

2 Vgl. Nippel, Wilfried, Antike oder modeme Freiheit? Die Begründung der Demokratie in Athen und in der Neuzeit. Frankfurt am Mán 2008. s. 88ff.

3 Vgl. Meier, Christian; Veyne, Paul. Kannten die Griechen die Demokratie? Stuttgart 2015. s. 19ff.

4 Vgl. Koselleck, Reinhart. Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte. In: Historische Semantik und Begriffsgeschichte. Hrsg. Reinhart Koselleck. Stuttgart 1978. s. 19-36.

5 Zur Konzeption der Grundbebgiffe als Faktoren und Indikatoren vgl. Koselleck, Reinhart. Einleitung. In: Reinhart Koselleck, Werner Conze, Otto Brunner (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 1. Stuttgart 1972.

6 Vgl. Haarmann, Harald. Mythos Demokratie. Antike Herrschaftsmodelle im Spannungsfeld von Egalitätsprinzip und Eliteprinzip. Frankfurt am Main 2013. s. 151F.

7 Vgl. Veyne. Paul. Ebd. s. 19. Veyne bezieht sich hier auf Überlegungen Claude Nicolets vgl. Le metier de citoyen dans la Rome republicane. Paris 1976.

8 Vgl. Ebd. s.23ff

9 Ebd. S.23.

10 Ebd. S.20.

11 Vgl. Lexikon der geschichtlichen Grundbegriffe. Ebd. Bd. 1. s. 821.

12 Vgl. Ebd. s. 823.

13 Wgl. Ebd. s. 823.

14 Vgl. Meier, Christian. Bürger-Identität und Demokratie. In: Kannten die Griechen die Demokratie? Ebd. s. 7 Iff.

15 Vgl. Haarmann, Harald. Ebd. s. 63ff.

16 Vgl. Lexikon der geschichtlichen Grundbegriffe. Ebd. Bd. 1. s. 824.

Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668785502
ISBN (Buch)
9783668785519
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438065
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Historisches Institut
Schlagworte
Demokratie Begriffsgeschichte Koselleck

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