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Entschuldigung(sbitt)en und ihre Erwiderungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 20 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Entschuldigungsbitten
1.1 Wann entschuldigen wir uns?
1.2 Warum entschuldigen wir uns?
1.3 Wie entschuldigen wir uns?

2. Erwiderungen auf Entschuldigung(sbitt)en

3. Entschuldigung(sbitt)en und Höflichkeit

Literatur

Einleitung

Wenn wir in der alltäglichen Kommunikation genauer darauf achten, können wir feststellen, dass wir uns relativ häufig bei anderen entschuldigen oder Adressat von Entschuldigungen sind. Oft ist uns der Vorgang des Sich-Entschuldigens gar nicht bewusst, weil er in vielen Fällen stark automatisiert und konventionalisiert ist. So leiten wir etwa, wenn wir eine fremde Person nach der Uhrzeit fragen, diese Frage mit einem Entschuldigung oder Entschuldigen Sie bitte ein; ebenso wie wir uns kurz dafür entschuldigen, wenn wir jemanden versehentlich anstoßen oder einen Gesprächspartner beim Erzählen unterbrechen.

Natürlich gibt es auch Entschuldigungen, die wir weniger ‚automatisch‘ äußern – zum Beispiel wenn wir einen Freund ernsthaft gekränkt haben, uns dieser Kränkung bewusst sind und wissen, dass es nun angemessen und wichtig ist, sich zu entschuldigen.

In dieser Arbeit soll nun der relativ hoch frequentierte Sprechhandlungstyp der Entschuldigungen – und ihrer Erwiderungen – genauer betrachtet werden. Zuerst soll im Zusammenhang der Entschuldigungen der Frage nachgegangen werden, wann wir uns entschuldigen, das heißt: Welche Konstellationen in der Interaktion müssen gegeben sein, was muss vorgefallen sein, damit wir es für nötig halten, eine Entschuldigung zu äußern? Des Weiteren muss geklärt werden, was uns zu einer Entschuldigung motiviert und welche Funktion der Entschuldigung im Gespräch zukommt – warum entschuldigen wir uns und was tun wir, wenn wir uns entschuldigen? Zudem sollen verschiedene Entschuldigungs-Strategien betrachtet werden – wie entschuldigen wir uns?

Im zweiten Abschnitt der Arbeit soll dann auf die verschiedenen Möglichkeiten der Erwiderung auf eine Entschuldigung eingegangen werden. Da sich in der Forschungsliteratur zu diesem Aspekt nur wenige Hinweise finden und der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Sprechhandlungstyp der Entschuldigung, bzw. der Entschuldigungsbitte liegt, wird dieser Teil der Arbeit allerdings etwas knapper ausfallen.

Abschließend möchte ich im dritten Abschnitt der Arbeit kurz anreißen, in welchem Verhältnis Entschuldigungen zum Phänomen der Höflichkeit stehen und hier insbesondere der von Claus Ehrhardt aufgeworfenen Frage nachgehen, ob „Entschuldigungen tatsächlich immer im Dienste der Höflichkeit stehen [...].“ (Ehrhardt (2002), S. 158).

Bevor nun mit der Betrachtung der Entschuldigungen begonnen wird, müssen noch einige terminologische Vorbemerkungen gemacht werden: Zunächst muss festgehalten werden, dass das Substantiv ‚Entschuldigung‘ und das Verb ‚entschuldigen‘ in der deutschen Umgangssprache in unterschiedlicher Weise gebraucht werden. Erstens kann mit ‚Entschuldigung‘ die Bitte um Entschuldigung gemeint sein, zweitens die Annahme einer Entschuldigungsbitte und drittens ein Entschuldigungsgrund (vgl. Lange (1984)). In der folgenden Betrachtung wird nun mit ‚Entschuldigung‘ immer die Bitte um Entschuldigung bezeichnet werden.

In meiner Arbeit werde ich die von Willi Lange vorgeschlagenen Begriffe „Tat“, „Täter“ und „Opfer“ verwenden (vgl. Lange (1984), S. 60). Hierbei wird mit der Tat dasjenige bezeichnet, was Gegenstand, Anlass der Entschuldigung ist; dementsprechend ist der Täter derjenige, der die Tat begangen hat oder für sie verantwortlich ist – oder vielleicht nur annimmt, für sie verantwortlich zu sein. Das Opfer ist nun folglich der durch die Tat in irgendeiner Form geschädigte Adressat der Entschuldigung.

Des Weiteren werde ich – ebenfalls im Anschluss an Lange – von „Entgegenkommen“ (vgl. ebd.) sprechen, wenn eine positive Erwiderung auf eine Entschuldigung bezeichnet werden soll.

1. Entschuldigung(sbitt)en

1.1 Wann entschuldigen wir uns?

In seinem Aufsatz Poison to Your Soul beschreibt Florian Coulmas Entschuldigungen als „reactive speech acts“ (Coulmas, S. 71), als Sprechhandlungen also, denen eine wie auch immer geartete Intervention im Lauf der Geschehnisse vorangegangen sein muss, die als Grund für eine Entschuldigung angesehen wird. Diese Intervention – die Tat – wird als unangenehm und ungewollt für den Rezipienten der Entschuldigung, das Opfer, gewertet. Wir entschuldigen uns also, wenn wir uns bewusst sind, dass wir in irgendeiner Form in den Distanzbereich unseres Gesprächspartners eingedrungen sind; wenn wir glauben, ihm etwas Unangenehmes zugefügt zu haben. Dabei lässt sich beobachten, dass die Tat oft in einem Verstoß gegen bestimmte soziale Regeln beziehungsweise Konventionen besteht – und zwar vor allem in einem Verstoß gegen „Regeln der Höflichkeit“ (vgl. Ehrhardt (2002), S. 161). So ist es, um ein Beispiel von Ehrhardt aufzugreifen, nur „schwer vorstellbar, dass man sich für einen Verstoß gegen Gesetze entschuldigt“ (ebd.).

In den meisten Fällen treten Entschuldigungen nach der Tat auf – schließlich reagieren sie ja auf diese. In Ausnahmefällen ist es aber möglich, eine vorwegnehmende Entschuldigung zu äußern; so zum Beispiel, wenn ich mich genötigt sehe, mich durch eine Menschenmenge zu drängeln und dies vorher ankündige: Entschuldigung, aber ich muss jetzt mal hier durch. Hier übernimmt die Entschuldigung die Funktion, einen unausweichlichen Regelverstoß anzukündigen – in diesem Fall das Drängeln und das dadurch verursachte Berühren fremder Menschen. Ehrhardt spricht in diesem Zusammenhang von einer „prophylaktische[n] Entschuldigung“ (ebd.).

Es wäre auch möglich, sich in der gleichen Situation nicht bevor, sondern während ich mich durch die Menschenmenge drängle, zu entschuldigen – dann würden Entschuldigung und Tat gleichzeitig erfolgen. Doch beides, Entschuldigungen vor der Tat und Entschuldigungen während der Tat, sind nur in Ausnahmefällen möglich. In der Regel ist eine Entschuldigung tatsächlich ein „reavtive speech act“, eine Sprechhandlung, die in ein dreiteiliges Muster eingebettet ist, in dem an erster Stelle die Tat, an zweiter Stelle die Entschuldigung des Täters und an dritter Stelle das Entgegenkommen von Seiten des Opfers steht.

1.2 Warum entschuldigen wir uns?

Bruce Fraser hält in seinem Aufsatz On Apologizing fest, dass Sich-Entschuldigen im Wesentlichen zwei Dinge bedeutet: Zum einen übernimmt der Täter mit dem Vollzug der Entschuldigung die Verantwortung für die verletzende Tat; zum anderen drückt er sein Bedauern bezüglich der Verletzung aus (vgl. Fraser (19..), S. 262). Diese beiden von Fraser aufgeführten Aspekte treffen sicherlich häufig auf Entschuldigungen zu, aber es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir uns oft entschuldigen, ohne dabei eine wirkliche Verantwortung für die Tat zu erkennen; zum Beispiel immer dann, wenn die Tat überhaupt nicht von uns verschuldet wurde. Angenommen, eine alte Dame stößt mich versehentlich an, dann werde ich mich höchstwahrscheinlich auch ganz automatisch entschuldigen, um auf diese Weise die Schuld für den Zusammenstoß gewissermaßen auf mich zu nehmen, obwohl ich weiß, dass ich ihn nicht verschuldet habe – ich entschuldige mich also nicht, weil ich mich verantwortlich fühle, sondern ich entschuldige mich aus Höflichkeit und weil ich den Vorfall bedaure. Das Auftreten solcher Entschuldigungen, bei denen der Täter sich nicht wirklich für die Tat verantwortlich fühlt, zeigt, dass es das Bedauern – nicht notwendigerweise die Verantwortung – bezüglich eines ungewollten Geschehnisses ist, das den entscheidenden Punkt ausmacht, warum wir uns entschuldigen (vgl. Coulmas (19..), S. 76).

Halten wir also als einen wesentlichen Aspekt von Entschuldigungen fest, dass ihnen die Funktion zukommt, Bedauern auszudrücken – entweder für die Tat oder nur für die Verletzung, die durch die Tat verursacht wurde. Warum aber ist es so wichtig, dieses Bedauern auszudrücken? Welchen Zweck hat es, durch eine Entschuldigung Bedauern zu äußern? Eine Antwort auf diese Frage kann sicherlich jeder kompetente Sprecher liefern, ohne vorher linguistische Forschungsliteratur gelesen zu haben: Wir entschuldigen uns, drücken unser Bedauern aus, in der Hoffnung darauf, dass unser Gegenüber uns in irgendeiner Art und Weise signalisiert, dass unsere Entschuldigung akzeptiert wird und der Gegenstand der Entschudligung, die Tat, das Verhaltnis von Täter und Opfer nicht weiter beeinträchtigt. Entschuldigungen stellen also, wie Karl Valtl es in Anlehnung an Goffmann formuliert, „eine Form korrektiver Tätigkeit dar“ (Valtl (1986), S. 154); und diese „korrektive Tätigkeit“ ist immer dann erforderlich, wenn wir gegen soziale oder persönliche Normen verstoßen haben. Wir sind – meistens jedenfalls – an sozialer Harmonie in der täglichen Interaktion interessiert und benutzen deshalb Entschuldigungen gewissermaßen als „strategische Tricks“, mit denen wir die durch die Tat gestörte Beziehung zu unserem Gesprächspartner herstellen oder wieder herstellen können (vgl. Coulmas (19..), S. 81). Dabei ist die durch die Tat gestörte soziale Harmonie erst dann vollständig wieder hergestellt, wenn der Empfänger sein Entgegenkommen signalisiert hat (vgl. Edmondson (19..), S).

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638415415
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43820
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Entschuldigung(sbitt)en Erwiderungen Hauptseminar Sprache Höflichkeit

Autor

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