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Biopolitik als Strategie gesellschaftlicher Disziplinierung?

Verbote oder Verantwortung. Zur Verrechtlichung des Alltags in der Null-Risiko-Gesellschaft

Seminararbeit 2018 15 Seiten

Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das politische Tier

2. Was ist Macht?
2.1. Die Souver ä nit ä tsmacht - Sterben machen und Leben lassen 5
2.2. Die Disziplinarmacht und die Individualisierung 5
2.3. Die Gouvernementalit ä t - Disziplinarmacht trifft auf Biomacht 7

3. Die Biopolitik - hin zur Normalisierung
3.1. Der Tod ist nicht mehr das, was er fr ü her einmal war 9
3.2. und das Leben schon gar nicht - Leben machen und Sterben lassen 10
3.3. Biopolitik ist nicht unbedingt Biomacht 11

4. Biopolitik heute und in Zukunft

5. Michel Foucault - Eine Kurzbiografie

6. Literaturverzeichnis

Biopolitik als Strategie gesellschaftlicher Diszipli- nierung?

1. Das politische Tier

«Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: Ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.»1

Die Griechen verstanden zu Aristoteles Zeiten «Leben» zum einen als Tatsache des Lebens von Mensch, Tier und Göttern und nannten das «zoe». Zum anderen beschrieben sie mit «bios» die Lebensweise, die einem Menschen oder einer Gruppe eigen ist. Diese Daseinsform findet auf mehreren Ebenen statt, zum Beispiel als soziales und politisches Leben («bios politikos»). Be- zeichnenderweise kennt das Altgriechische kein Plural für «zoe»; Das biologische, reproduk- tive Leben existiert nun mal nicht auf verschiedenen Ebenen (Agamben, 2002).

Das von Aristoteles beschriebene «lebende Tier, das auch zu einer politischen Existenz fähig ist» - das «politikon zoon» - kehrte Michel Foucault in sein Gegenteil. Der moderne (liberale) Staat vereinnahmt das Lebewesen («zoe») als Teil seiner Staatsmacht. «Bios» frisst «zoe» und verleibt sich seine Gene ein. Der heutige Mensch «ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.» (Foucault, 1977). Es geht um Macht, Politik, Bevölkerung und Individuum. Das ist das Spielfeld von Michel Foucaults Biopolitik. Foucault entwickelte den Begriff der «Biopolitik» durch sorgfältige Analyse der Veränderung der Lebensweise der Menschen und der Launenhaftigkeit der Machtverhältnisse (Foucault, 1999). Um «Biopolitik» zu begreifen, muss man wissen, was Foucault unter Macht verstanden hat.

2. Was ist Macht?

Michel Foucault zeigte in den 1970er-Jahren, dass sich aus der bis zur frühen Neuzeit typischen Souveränitätsmacht eine Disziplinarmacht entwickelte, in die er die Begriffe «Biomacht» und «Biopolitik» integrierte.

Macht war für Foucault kein «Ding», das man besitzen, anhäufen oder veräussern kann. Er verstand Macht als allgegenwärtiges, vieldimensionales Kräfteverhältnis innerhalb der Gesell- schaft. Mit dem Terminus «Mikrophysik der Macht» distanzierte sich Foucault von einer Sicht- weise, die Macht auf den Staat und dessen Kontrollorgane beschränkt («Makrophysik der Macht»). Er dehnte den Machtbegriff soweit aus, dass er keine machtfreien Räume mehr aus- machen konnte. Alles findet innerhalb von Machtgefügen statt - auch der Widerstand gegen Macht. Es gibt keinen Zustand ausserhalb von Machtbeziehungen (Kneer, 2012).

Macht verschränkt sich in Foucaults Philosophie auch mit Wissen: Das Ausüben von Macht benutzt nicht nur Wissen, es generiert Wissen. Foucault meinte das nicht im sprichwörtlichen Sinn von «Wissen ist Macht». In seiner Theorie stehen die beiden Begriffe miteinander in einer sich stetig verändernden Beziehung. Foucault schlussfolgerte: Je umfang- und detailreicher das Wissen der Politik über die Bevölkerung, desto präziser vermögen Institutionen wie Polizei, Justiz und Firmen soziale Kontrolle durch Überwachung, Ahndung und Disziplinierung auszu- üben (Foucault, 1993).

Heute sammeln Weltkonzerne wie Google Daten von denjenigen Internetnutzern, die Google die Macht verleihen, das zu tun. Die gesammelten Daten (das «Wissen») benutzt die Firma, um Macht auszuüben: Der Internetnutzer erhält zum Beispiel personifizierte Werbung, was Google Geld verschafft, um zu wachsen und mehr Daten zu sammeln. Staatliche Institutionen wie die NSA (National Security Agency) arbeiten ähnlich wie Google: Es geht darum, durch Macht an Wissen zu gelangen, um damit die Machtposition auszubauen.

Foucault wehrte sich in seinen Schriften gegen die Ansicht, Macht nur als negatives, unterdrü- ckendes und zensierendes Instrument zu sehen. Für ihn war auch Macht produktiv und innova- tiv. Macht kann im ökonomischen Sinn produktiv sein, indem Disziplinierung der Arbeiter die Produktion steigert. Foucault schrieb: «In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produ- ziert Wirkliches.»2

Foucault beschäftigte sich nicht mit dem «Was?», sondern mit dem «Wie?» der Macht. Seine geschichtliche Rekonstruktion des Begriffs «Macht» war keine lineare. Er zeigte, dass sich Mechanismen und Techniken der Macht in der Historie nicht ablösen, sich vielmehr überlagern und ergänzen (Foucault, 1993) (Foucault, 1999).

2 Foucault, Michel. Überwachen Und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses 16 ed. Suhrkamp Verlag, 1993. S. 250

2.1. Die Souveränitätsmacht - Sterben machen und Leben lassen

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts galt der menschliche Körper als Ziel der strafenden Repression. Das biblische «Du sollst nicht…» bestrafte der Souverän physisch: Es ging um die Zerstörung des Individuums.

Als letzte Episode der Bestrafungspraxis einer (juridischen) Souveränitätsmacht beschrieb Foucault die Hinrichtung von Robert-Francois Damiens in Paris im Jahr 1757 (Foucault, 1993). Damiens hatte versucht, König Ludwig XV. zu ermorden. Obwohl es beim Versuch blieb, be- strafte man Damiens wie einen Königsmörder, denn das französische Gesetz kannte da keinen Unterschied. Das Urteil sah zahlreiche Bestrafungen vor, welche die komplette physische Ver- nichtung von Damiens zum Ziel hatte. Bevor ihn der Scharfrichter Nicolas-Charles-Gabriel Sanson sterben liess, verkohlte er ihm gemäss Urteil die Tathand mit brennendem Schwefel und folterte ihn mit glühenden Zangen. Danach goss Sanson flüssiges Pech, Blei, Schwefel sowie kochendes Öl in seine Wunden. Sechs Pferde waren nötig, Damiens zu vierteilen, was erst nach dem Durchtrennen der Arm- und Beinsehnen gelang. Damiens’ Körperteile wurden zu Asche verbrannt und in alle Winde zerstreut. Das Urteil reichte sogar bis zu seinem Besitz und in seine Verwandtschaft hinein: Damiens Haus wurde abgerissen und auf dem Grundstück ein Bauverbot erlassen. Die Geschwister mussten unter Androhung des Todes ihre Namen än- dern und seine Eltern, seine Frau und die Kinder wurden des Landes verwiesen. Der Souverän stellte auf diese Weise seine verletzte Integrität wieder her.

Es war eine Zeit, in der der Souverän «Sterben machen und Leben lassen» konnte. Wobei lediglich das Sterben ein aktiver Vorgang darstellte. Das Leben konnte man nicht anordnen. Der Souverän erlangte nur durch das Töten die Macht über das Leben. Es war eine Machtform des Wegnehmens und Abschöpfens, die auf physischer Gewalt basierte: offensichtlich eine MachtAsymmetrie (Kammler, Parr, & Schneider, 2017).

2.2. Die Disziplinarmacht und die Individualisierung

Die Souveränitätsmacht verschwand nicht einfach. Vielmehr gesellte sich ab dem 18. Jahrhun- dert die Disziplinarmacht zur Souveränitätsmacht, existiert neben ihr, um sie sich schliesslich unterzuordnen. Als Beispiel für die Infiltration der Disziplinarmacht, beschrieb Foucault die Hausordnung eines Gefängnisses aus dem Jahr 1838. Hier wurden Delinquenten nicht mehr zerstört, sondern durch Reglementierung diszipliniert (Foucault, 1993). Es ging darum, die Ab- weichler in die gesellschaftliche Norm zu bringen.

Die Disziplinierung hin zur Norm beschränkte sich nicht auf das Gefängnis. Sie fand ebenso in Kasernen, Schulen und Fabriken statt. Durch die Organisation der Menschen im Raum lassen sich diese steuern.3 Hier spielt die «Mikrophysik der Macht», die den Organismus nicht verstümmelt und zerstört, sondern ihn diszipliniert und formt. Der Körper des Menschen wird zu bestimmten Zwecken individualisiert (Kammler et al., 2017). Foucault greift diesen Prozess anhand zweier Beispiele auf: einer Epidemie und der architektonischen Idee eines Panopticons nach Jeremy Bentham (Foucault, 1993).

1. Im Mittelalter verstiess man Leprakranke aus der gesunden Gesellschaft. Das entsprach dem Prinzip der Souveränitätsmacht, die tötet. Ende des 17. Jahrhunderts - als Reaktion auf eine Pestepidemie - war bereits eine gewisse Disziplinierung auszumachen. Die Menschen wurden angehalten, zu Hause zu bleiben. Wer sich nicht daran hielt, riskierte Ansteckung oder Bestrafung. Das war die Eindämmung der Epidemie durch Organisa- tion der Bewohner im Raum (Stadt).

2. Jeremy Bentham ersann Ende des 18. Jahrhunderts das ideale Gefängnis: das Panopti- con. In diesem Gefängnis sind die Zellen so angeordnet, dass ein Aufseher reicht, alle Gefangenen zu sehen und zu kontrollieren. Umgekehrt sehen die Gefangenen den Auf- seher nicht. Die Gefangenen wissen zwar vom Beobachter, können aber nicht sehen, ob er da ist oder nicht. Deshalb spielt es keine Rolle, ob jemand beobachtet. Foucault ver- allgemeinerte Benthams Idee auf Fabriken, Schulen und Kasernen. Es braucht keinen sichtbaren Souverän, um Macht auszuüben - die Beobachteten disziplinieren sich selbst. Das panoptische Machtmodell übt soziale Kontrolle ohne Kontrolleure aus. Foucault schrieb: «Folglich hat es wenig Bedeutung, wer die Macht ausübt.»4 Das markierte den Übergang von der «Makrophysik der Macht» hin zur «Mikrophysik der Macht».

2.3. Die Gouvernementalität - Disziplinarmacht trifft auf Bio- macht

Foucault schrieb in «Die Geburt der Biopolitik» (Foucault, 2006): «Mir scheint jedoch, dass die Analyse der Biopolitik nur dann durchgeführt werden kann, wenn man die allgemeine Funk- tionsweise dieser gouvernementalen Vernunft verstanden hat (…). Wenn man also verstanden hat, was dieses Regierungssystem ist, das Liberalismus genannt wird, dann, so scheint mir, wird man auch begreifen können, was die Biopolitik ist.»5 Disziplinarmacht trifft auf Biomacht. Foucault benutzte den Begriff «Gouvernementalität» äusserst weitläufig. Es ging ihm nicht nur um die «Regierung» als politische Institution. Es ging ihm erstens um «die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszu- üben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökono- mie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.»6 Das «Regieren» umfasste für Foucault das Führen von Menschen auf verschiedenen Ebenen: das Regieren des Selbst, das Leiten der Familie inklusive Kindererziehung sowie das Führen einer grösseren Gemeinschaft oder einer Firma. Seine Geschichte der Gouvernementalität ist ebenso eine Geschichte des Subjekts: Er begriff den modernen Staat als «komplexe Verbindung zwischen Techniken der Individualisierung und totalisierenden Verfahren.»7 Von Interesse ist nicht der Staat an sich, sondern die Regierungspraktiken, die den Staat formen und von diesem wiederum benutzt werden (Foucault, 2006).

Der moderne westliche Staat ist die Verbindung von politischer und pastoraler Macht (Foucault, 2001). Die politische Macht leitet sich aus der antiken Idee der «Polis» her. Die pastorale Macht ist ein Konstrukt der christlichen Religion, die sich um das (seelische) Heil des Subjekts kümmert. Die Säkularisierung und Ausweitung der pastoralen Macht markiert den Beginn des neuzeitlichen Staates und des Kapitalismus. Es ist das Prinzip des «Ora et Labora (et Lege)» im Sinn einer protestantischen Arbeitsethik. Gott sieht alles, denn er beaufsichtigt ein benthamsches Panopticon.

[...]


1 Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt am Main 1977. S. 171 3

2 Foucault, Michel. Überwachen Und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses 16 ed. Suhrkamp Verlag, 1993. S. 250

3 Vgl. Dreyfus, Hubert L, Rabinow P. Michel Foucault: Jenseits Von Strukturalismus Und Hermeneutik. 2. ed. Beltz Athenäum, 1994.

4 Foucault, Michel. Überwachen Und Strafen: Die Geburt Des Gefängnisses (Suhrkamp Taschenbuch). 16 ed. Suhrkamp Verlag, 1993. S. 259

5 Foucault, Michel. Die Geburt Der Biopolitik. Geschichte Der Gouvernementalität Ii: Geschichte Der Gouvernementalität Ii. Vorlesungen Am Collège De France 1978/1979 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft). Originalausgabe ed. Suhrkamp Verlag, 2006. S. 43

6 Foucault, Michel. Dits Et Ecrits. Schriften, 4 Bde, Ln, Bd.1, 1954-1969. 1 ed. Suhrkamp Verlag, 2001. S. 820f

7 Foucault, Michel. Dits Et Ecrits. Schriften, 4 Bde, Ln, Bd.1, 1954-1969. 1 ed. Suhrkamp Verlag, 2001. S. 277

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668787506
ISBN (Buch)
9783668787513
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438622
Institution / Hochschule
Universität Bern
Note
1.0
Schlagworte
biopolitik strategie disziplinierung verbote verantwortung verrechtlichung alltags null-risiko-gesellschaft

Autor

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