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Ist der Mensch ein Tier? Anthropologische Differenz

Essay 2017 7 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Anthropologische Differenz - Essay

Ist der Mensch ein Tier?

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass sie sich grundlegend von Tieren unterscheiden. Doch was macht diesen Unterschied aus? Liegt der Unterschied in einem oder mehreren bestimmten Merkmalen?

Dieses oder diese Merkmale müssten demnach in einer Fähigkeit liegen, also in etwas, das Menschen können aber Tiere nicht.

Verschiedenes ist vorgeschlagen worden: die Fähigkeit zur Sprache, zur Kooperation, zum Werkzeuggebrauch etc.

Diese Herangehensweise hat jedoch das grundlegende Problem, dass sie stets im Ansatz widerlegbar war.

So konnte z.B. ein amerikanisches Wissenschaftspaar einem Schimpansen die amerikanische Zeichensprache ASL beibringen. Der Schimpanse war in der Lage sich mehrere 100 ASL-Zeichen zu merken und diese auch sinnvoll einzusetzen: in Form von Ausdrücken von Bedürfnissen, Beantwortung von Fragen und Reaktionen auf Befehle. Er bewies sogar Kreativität, er schuf aus Zusammensetzung von Wörtern neue Bedeutungen, etwa "öffnen essen trinken", was "öffne den Kühlschrank" bedeuten sollte.

Oder es war eine Zeitlang die entscheidende Fähigkeit, die den Menschen vom Tier unterscheiden sollte, der Werkzeuggebrauch. "Man, the tool user". Doch man beobachtete mit der Zeit auf einmal Tiere, die sehr wohl zu Werkzeugen griffen um sich das Leben einfacher zu machen. Der Schimpanse z.B. knackt seine Walnuss mit Hilfe eines Steins, tropische Raubwanzen saugen Termiten aus und benutzen die tote Hülle ihres Opfers, um weitere Termiten anzulocken, Galapagos-Spechtfinken stochern mit zurechtgestutzten Zweigen und Kaktusnadeln nach Insekten usw.

Nun musste man entweder "Werkzeug" neu definieren oder "Mensch" neu definieren, oder man musste Tiere als "menschartige Wesen" akzeptieren.

Wie zu erwarten bewies der Mensch auch in dieser verzwickten Lage seine außerordentliche Flexibilität. Von da an galt als Mensch nur noch, wer Werkzeuge zum Zweck der Werkzeugherstellung gebrauchte. "Man, the tool maker". Diese Definition klingt zwar schon ein wenig bescheidener, doch der Zweck der Übung war erreicht: Wir sind eben doch einmalig!

Egal welche Fähigkeit vorgeschlagen wird, es finden sich immer wieder Tierarten, die Verhaltensweisen darbieten, die den betreffenden Fähigkeiten sehr nahekommen. Das heißt in der Regel ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine vorgeschlagene Fähigkeit oder deren Spezifizierung, die scheinbar nur von den Menschen beherrscht wird, durch den Verweis auf Verhaltensweisen bestimmter Tiere, in Frage gestellt wird.

Es scheint als wären wir auf der Suche nach der anthropologischen Differenz in einer Sackgasse gelandet, da sie höchstwahrscheinlich auf dem Boden der falschen Prämisse geführt wird: nämlich auf der, dass der Mensch mit einer bestimmten Fähigkeit ausgestattet sei, die ihn zu Dingen befähigt, die dem Tier nicht möglich ist und den Menschen somit vom Tier eindeutig unterscheidet.

Folglich müsste der Unterschied zwischen Mensch und Tier in einer anderen Qualität liegen:

"Es ist ein Unterschied, der nicht in einer bestimmten, hinzutretenden Fähigkeit besteht, sondern in einer anderen Art und Weise der Einheit aller Fähigkeiten." (Andrea Kern).

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier müsste sich demnach aus der Kombination von prinzipiellen und graduellen Differenzen ergeben.

In der Kommunikation bei Menschen und Tieren lassen sich sowohl graduelle, als auch prinzipielle Differenzen feststellen. Dies lässt sich ganz gut an den Buhlerischen Stufen deutlich machen.

Die erste Stufe beinhaltet die Fähigkeit des Ausdrückens. Ein Pferd, das wiehert drückt einen inneren Zustand aus. Der Ausdruck kann bis zu einem gewissen Grad als Sprache angesehen werden. Nach Brühler ist es das niedrigste Niveau der Sprache, was immer eine Rolle spielt, wenn gesprochen wird, aber nicht an das menschliche Niveau heranreicht.

Das zweite Niveau ist die Auslösefunktion oder Kommunikationsfunktion. Wenn man spricht oder ein Tier sich äußert, hofft man, dass es bei dem Zuhörer etwas auslöst, was ihn dazu geleitet darauf zu reagieren. Bei Tieren bspw. Warnungs- oder Lockrufe.

Doch die menschliche Sprache geht noch über diese Ausdrucksfunktion hinaus, nämlich zur dritten Stufe, der Darstellungsfunktion. Sie kann Dinge oder Vorgänge beschreiben, die vor bspw. ungefähr 2000 Jahren stattgefunden haben. Oder sie kann beschreiben was noch in Tausenden von Jahren geschehen wird, oder abstrakte Dinge beschreiben wie in der Mathematik.

Sie ist also in der Formulierung nicht mehr an den Moment des Sprechens gebunden. Vor allem kann sie Theorien aufstellen und diese dann analysieren und kritisieren.

Karl R. Popper hat den Buhlerischen Stufen noch eine vierte hinzugefügt: die argumentative Funktion der Sprache. Wir können uns darüber unterhalten ob der Satz wahr ist oder nicht. Und diese Möglichkeit, etwas Falsches sagen zu können, zieht das ganze Problem der Wahrheitssuche und das ganze Problem der Kritik mit sich, was eigentlich die Grundlage der menschlichen Kultur zu bilden scheint.

Denn bei uns Menschen ist die Suche nach der Wahrheit und das Streben nach Wissen sehr stark ausgeprägt, aufgrund der Fähigkeit seine eigene Begrenztheit zu erkennen. Das ist es, was uns meiner Meinung nach so sehr von den Tieren abhebt, da wir uns dadurch viel schneller entwickeln und über uns und unsere Fähigkeiten hinauswachsen. Der Mensch weiß, dass er sterben wird und weiß, was so viele Jahre vor seiner Lebenszeit passiert ist und was noch viele Jahren nach ihm passieren wird. Ein Beispiel für diese Qualität findet man in der Religion, im Christentum: In der Bibel steht, dass Adam den Apfel der Erkenntnis isst. Der Mensch kann also einschätzen wie wenig Zeit sein Leben, im Vergleich zur Weltgeschichte, andauert und setzt all seine Energie darein, sein Leben so sinnvoll und produktiv wie möglich zu gestalten.

Nach Darwin verändert sich Generation zu Generation aufgrund der neu angeeigneten Fähigkeiten. Der graduelle Unterschied in der Kommunikation liegt offensichtlich in der detaillierten Ausprägung unserer Sprache, wir können besser formulieren was wir beim Zuhörer erreichen oder auslösen wollen.

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Details

Seiten
7
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668784802
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438644
Note
1
Schlagworte
mensch tier anthropologische differenz

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