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Die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944 und ihre Resonanz in der Öffentlichkeit und Fachwelt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 31 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Ausstellung ”Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944”
1.1 Entstehung und Stationen
1.2 Thesen und Kernaussagen der Ausstellung
1.3 Reaktionen der Öffentlichkeit und der Medien
1.4 Die wissenschaftlichen Kritiker
1.4.1 Bogdan Musial
1.4.2 Krisztián Ungváry
1.4.3 Dieter Schmidt-Neuhaus
1.5 Die Kommission zur Überprüfung der Ausstellung

2. Sinn und Berechtigung der “Wehrmachtsausstellung”

3. Schlussbetrachtung

Literaturangaben

Einleitung

Die Wanderausstellung ”Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944” des Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) war 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges angetreten, um ein Kapitel der deutschen und österreichischen Geschichte endgültig aufzuarbeiten: den Vernichtungskrieg der Wehrmacht auf dem Balkan und in der Sowjetunion von 1941 bis 1944.[1]

Schon kurze Zeit nach ihrer Eröffnung wurde deutlich, dass die Ausstellung selbst zu einem Kapitel deutscher und österreichischer Geschichte geworden ist. Kaum einmal zuvor hatte die deutsche Öffentlichkeit derart engagiert und andauernd über ihre Vergangenheit gestritten. In den Auseinandersetzungen im Frühjahr 1997 wurde sie zum Spielball politischer Interessen und polarisierte Befürworter und Gegner. Über inhaltliche Aspekte, die methodische Konzeption der Schau und um wissenschaftliche Genauigkeit bei Recherche entbrannte eine hitzige Kontroverse, die bis heute andauert.

In der vorliegenden Arbeit werde ich einen Überblick über die Entwicklung der sogenannten ”Wehrmachtsausstellung” geben. Weiterhin werde ich Fragen und Probleme erörtern, welche durch die Ausstellung in ganz grundsätzlicher Natur aufgeworfen wurden. Damit soll das Seminarthema ”Kontroversen der Geschichtswissenschaft” vertieft werden.

Vor allem der kontroverse Umgang mit der Wehrmachtsausstellung in der Öffentlichkeit ist meines Erachtens interessant, zeigt er doch sehr deutlich, wie brisant das Thema immer noch ist, und von welcher Bedeutung die Methoden und die Genauigkeit der Aufarbeitung sind. Dabei offenbaren sich meines Erachtens vielfältige Probleme: die Grundregeln des wissenschaftlichen Arbeitens und Diskurses scheinen selbst in der Fachwelt nicht hinreichend Beachtung zu finden. Weiterhin scheint die Überheblichkeit der Fachwelt gegenüber der Öffentlichkeit fatale Folgen zu hinterlassen, denn was Historikern ”schon lange bekannt” und für diese ”hinreichend belegt” ist, darf deswegen nicht einfach zu den Akten gelegt werden, sondern sollte vielmehr den Weg in die Öffentlichkeit finden. So wurde gerade in Verbindung mit der Wehrmachtsausstellung deutlich, wie verschieden die Kenntnisse der Bevölkerung über die eigene Geschichte sind und wie groß der Bedarf ist, sich damit auseinander zu setzen. Deshalb werde ich auch auf die grundsätzliche Bedeutung der Kontroverse um die Ausstellung eingehen.

Ich werde nicht im einzelnen auf den umfassenden Inhalt des Ausstellungsprojekts sowie die detaillierten Kritiken der Historiker eingehen. Eine detaillierte Wiedergabe der einzelnen Ausstellungskapitel und der Aufsätze der Kritiker mit quellenkritischer Analyse ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Die Kommission zur Überprüfung der Ausstellung hat dazu im November 2000 einen 103-seitigen Bericht vorgelegt, und damit eine wesentlich tiefgründigere Analyse erstellt als es mir überhaupt möglich wäre.

1. Die Ausstellung ”Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944”

1.1 Entstehung und Stationen

Der Veranstalter der Wanderausstellung ”Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944” war das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS). Dieses ist ein privates Institut und keiner staatlichen Forschungs- oder Bildungseinrichtung angegliedert. Finanziert wird das Institut durch den Hamburger Millionär und Erben des Reemtsma-Tabakkonzerns Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma, welcher gleichzeitig Direktor des HIS ist. 1984 wurde das Institut gegründet und verfolgt seitdem folgende Arbeitsziele: Vergabe und Durchführung von wissenschaftlichen Forschungsprojekten auf dem Gebiet der Sozialforschung, Organisation und Durchführung von Tagungen und Workshops sowie Publikation und Archivierung von Forschungsergebnissen.

Anlässlich des 50. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges wollte sich das Hamburger Institut für Sozialforschung mit eigenen Beiträgen an der für 1995 zu erwartenden öffentlichen Diskussion beteiligen.[2] Außerdem schien es den Wissenschaftlern des HIS wichtig, 5 Jahre vor Ende des 20.Jahrhunderts auf dieses zurückzublicken und zu thematisieren, was dieses Jahrhundert in ganz besonderem Maße charakterisiert: dass es ein Jahrhundert zuvor unbekannter Destruktivität gewesen ist.[3]

So war die Ausstellung lediglich ein Teil des umfangreichen Forschungsprojekts ”Angesichts unseres Jahrhunderts. Gewalt und Destruktivität im Zivilisationsprozess” des HIS, zu dem unter anderem die Ausstellung ”200 Tage und ein Jahrhundert. Gewalt und Destruktivität im Spiegel des Jahres 1945” gehörte. Die Organisatoren versprachen sich von der Beschäftigung mit der Deutschen Wehrmacht, der größten Organisation des Dritten Reichs, wichtige Aufschlüsse über den Gewaltcharakter der NS-Gesellschaft und über die Entgrenzung des nationalsozialistischen Krieges.[4]

Die Planungen für die Ausstellung ”Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944” begannen bereits 1992 und wurden unter dem Arbeitstitel ”Wehrmacht und NS-Verbrechen. Wirklichkeiten und Wirkungen einer kollektiven Gewalterfahrung” bis Ende 1994 geführt. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter waren die Historiker Dr. Bernd Boll, Dr. Walter Manoschek, Dr. Hans Safrian und Hannes Heer, welcher zugleich die Leitung des Ausstellungsprojekts übernahm. Mit der Gestaltung wurde Christian Reuther beauftragt.[5]

Am 5.März 1995 wurde die Wanderausstellung in Hamburg eröffnet. Sie wurde in der Regel etwa 6 Wochen in jeder Stadt gezeigt, wobei es aber wegen des großen Besucherandrangs immer wieder zu Verlängerungen kam. Von März 1995 bis Oktober 1999 wurde die Ausstellung in insgesamt 33 Städten gezeigt. Darunter waren 24 Städte der alten Bundesrepublik (Hamburg, Berlin, Stuttgart, Freiburg, Mönchengladbach, Essen, Regensburg, Nürnberg, Karlsruhe, München, Frankfurt, Bremen, Marburg, Konstanz, Aachen, Kassel, Koblenz, Münster, Bonn, Hannover, Kiel, Saarbrücken, Köln, Osnabrück), 3 Städte der neuen Bundesländer (Potsdam, Erfurt, Dresden) und 6 Städte in Österreich (Wien, Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Graz, Salzburg).

Der mehrmals überarbeitete und neu aufgelegte Ausstellungskatalog war ursprünglich nicht geplant und wurde erst aufgrund des anhaltenden Erfolges - erstmals 1996 - vom Hamburger Institut für Sozialforschung veröffentlicht. Eine Vielzahl von Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Lesungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen begleitete die Wanderausstellung auf ihren einzelnen Stationen. Parallel dazu erschienen wissenschaftliche Publikationen, die sich noch eingehender mit den Themen der Ausstellung befassten.

Als Träger der durch Hannes Heer geleiteten Ausstellung fungierte bis Juli 1999 das HIS. Ab 1.August 1999 übte sich der ”Verein zur Förderung der Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944” in dieser Funktion. Infolge der Querelen um die Schau und Unstimmigkeiten zwischen dem Träger und dem HIS beendeten diese ihre Zusammenarbeit zum 31.Dezember 2000.

Die Ausstellung und der Katalog wurden im Laufe der Zeit, vor allem durch die zunehmenden Vorwürfe gegen ihre Seriosität und Validität, mehrmals verändert bzw. korrigiert. Eine eigens für die USA erstellte Ausstellung, die am 2.Dezember 1999 in New York eröffnet werden sollte, sowie weitere Ausstellungstermine wie zum Beispiel in Luxemburg wurden abgesagt, da sich der Vorstand des HIS entschloss, die Schau vorrübergehend zurückzuziehen und von einer unabhängigen Kommission von Wissenschaftlern überprüfen zu lassen. Die Rede war zunächst von einem Zeitraum von ”wenigstens drei Monaten”, in der die Ausstellung nicht mehr gezeigt werden sollte.[6]

Bis zu dem über sie verhängten Moratorium ab 4.November 1999 hatten nach Angaben der Veranstalter ca. 850.000 Menschen die Ausstellung gesehen.[7]

1.2 Thesen und Kernaussage der Ausstellung

Die Kernaussage der Ausstellung ”Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944” ist unmissverständlich im Prolog (bzw. in der Einleitung des Kataloges) angeführt: ”Die Wehrmacht führte 1941 bis 1944 auf dem Balkan und in der Sowjetunion keinen ”normalen Krieg”, sondern einen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung, dem Millionen zum Opfer fielen.”[8]

Hauptanliegen ist es, die ”Legende der sauberen Wehrmacht” zu widerlegen. Diese Legende meint, dass die Wehrmacht Distanz zu Hitler und dem NS-Regime gehalten und mit Anstand und Würde ihre soldatische Pflicht erfüllt habe und über die Gräueltaten von Himmlers Einsatztruppen allenfalls nachträglich informiert worden sei.[9]

Bezüglich der zu beweisenden Wehrmachtsverbrechen sind in der Ausstellung zwei unterschiedlich gelagerte Ebenen enthalten: zum einen soll die These bewiesen werden, dass es Verbrechen von Wehrmachtsangehörigen tatsächlich gab, zum anderen dass es sich dabei nicht um vereinzelte ”Übergriffe” oder ”Exzesse” handelte, sondern dass diese Handlungen auf Entscheidungen der obersten militärischen Führung und der Truppenführer an der Front und hinter der Front beruhten.[10] Das heißt also, dass die deutsche Wehrmacht als Gesamtorganisation an Verbrechen beteiligt war. Gleichwohl beabsichtigt das Autorenteam ”kein verspätetes und pauschales Urteil über eine ganze Generation ehemaliger Soldaten zu fällen.”[11]

Außerdem soll die Ausstellung eine Debatte über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht eröffnen und damit der Legende der ”sauberen Wehrmacht” entgegentreten, welche nach Ansicht der Ausstellungsmacher noch immer die öffentliche Meinung präge.

Der deutschen Militärgeschichtsschreibung bescheinigen die Ausstellungsmacher zwar, dass sie bereits viel zur Aufklärung von Wehrmachtsverbrechen beigetragen habe. Sie kritisieren aber, dass sie sich weigert einzugestehen, dass die Wehrmacht am Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung aktiv und als Gesamtorganisation beteiligt war.[12]

Genau diese These wollen die Autoren mittels der gezeigten Bild- und Textdokumente der Ausstellung beweisen. So sollen vor allem die insgesamt 1433 ausgestellten historischen Fotos die Aufgabe der Beweisführung übernehmen.

Anhand von drei unterschiedlich gelagerten Beispielen versucht sich die Ausstellung dem Gesamtthema zu nähern: dem Partisanenkampf in Serbien 1941, der 6. Armee auf dem Vormarsch nach Stalingrad 1941 bis 1942 und der deutschen Besatzung in Weißrussland 1941 bis 1944.

Die gewählten Fallbeispiele sollen dabei das Geschehen an der Front als auch im Hinterland repräsentieren und charakteristische Momente des Massenmordes und des Terrors dokumentieren. Dabei sei die Wehrmacht in ihrem Vernichtungskrieg arbeitsteilig mit Einsatzgruppen, Polizei und Waffen-SS vorgegangen .[13]

Die drei zentralen Kapitel der Wehrmachtsausstellung werden umrahmt von Kapiteln, die weniger narrative als illustrierende Funktion haben.[14] Es sind die Kapitel ”Die Bilderwelt der Nachkriegsjahre”, “Verwischen der Spuren” und die dreidimensionale Fotoinstallation ”Das Eiserne Kreuz”, welche die Wehrmachtsverbrechen durch zahlreiche Amateur- und PK-Aufnahmen dokumentieren und illustrieren soll.

Die These, dass sich die Wehrmacht ihrer Verbrechen bewusst war leiten die Ausstellungsmacher unter anderem davon ab, dass die Spuren der Verbrechen bereits zur Tatzeit verwischt wurden.[15] Dafür werden im Kapitel ”Verwischen der Spuren” eine Reihe von Dokumenten präsentiert.

Das Kapitel ”Die Bilderwelt der Nachkriegsjahre” soll das Bild vom Krieg in der Nachkriegsgesellschaft vermitteln, indem es Titelblätter von illustrierten Massenblättern, Unterhaltungsromanen und Filmplakaten dieser Zeit abbildet. Dabei wird darauf verwiesen, dass in diesen Bildern keinerlei Hinweise auf die Existenz des Naziregimes und einer Verbindung zwischen diesem und der Wehrmacht vorhanden sind. Anstelle dessen soll durch das Bild des kameradschaftlichen und tapferen Soldaten eine ”Verwandlung von Tätern in Opfer” erfolgen.[16]

”Zusammengefasst heißt das, dass die Ausstellung durch einen doppelten Anspruch bestimmt ist, nämlich 1. zu beweisen, dass die deutsche Wehrmacht einen verbrecherischen Vernichtungskrieg geführt habe und 2. darüber eine öffentliche Debatte zu initiieren.”[17]

1.3 Reaktionen der Öffentlichkeit und der Medien

Seit ihrer Eröffnung am 5.März 1995 stieß die Wanderausstellung auf großes Interesse und zog viele Besucher an.

Einen Teil ihres Hauptanliegens, eine breite Debatte über Wehrmachtsverbrechen im zweiten Weltkrieg zu eröffnen, konnte vorerst aber nicht erreicht werden. Die öffentliche Diskussion fand zunächst nur regional und eher punktuell statt und blieb weitgehend unbeachtet.

Kritik an der Ausstellung wurde von Beginn an formuliert. Jedoch fehlte es dabei an sachlichen Argumentationen und einer breiten Öffentlichkeit als Forum. Stellungnahmen und Auseinandersetzungen waren zunächst teils emotional und teils politisch.[18] Befürwortern und Gegnern der Ausstellung gelang es nicht über das Niveau der - zudem meist durch Vorurteile gefassten - generellen Zustimmung bzw. generellen Ablehnung hinaus zu kommen.

Besonders oft warfen Kritiker der Ausstellung bzw. ihren Initiatoren ”Pauschalverurteilung” der Wehrmachtsangehörigen vor. Genau dieses Unrecht wollten die Ausstellungsmacher offiziell nicht begehen: ”Die Ausstellung will kein verspätetes und pauschales Urteil über eine ganze Generation ehemaliger Soldaten fällen.”[19] Diesem Anspruch wird die Schau in den Augen vieler Menschen nicht gerecht. So warnte unter anderem der SPD-Politiker Erhard Eppler am 10.September 1995 bei der Eröffnung der Ausstellung in Stuttgart davor, die deutschen Soldaten an der Ostfront pauschal als Verbrecher zu verurteilen.

Es kam auch zu sachbeschädigenden Angriffen auf die Exponate. In Erfurt nahm die Polizei am 9.Juni 1996 zwei Männer fest, die das Wort ”Lüge” auf die Ausstellungstafeln gesprüht hatten.

Zu Beginn des Jahres 1997 kam es zu ersten Auseinandersetzungen mit dem Thema im Lichte einer breiten Öffentlichkeit und Aufsehen erregenden Aktionen gegen die “Wehrmachtsausstellung”. So übten im Frühjahr 1997 angesehene Historiker und die überregionale Presse Kritik. Ab März 1997 ist die Ausstellung in Nachrichtenmagazinen wie Spiegel und Focus Dauerthema. Vor allem mit einem Beitrag des Focus vom 14.April 1997, in dem Zweifel an einem einzelnen Foto geäußert wurden[20], bekam die Kritik konkretere Züge. Dabei handelte es sich um das Bild 1 (und nachfolgend zwei ähnliche Bilder) auf Seite 115 des Ausstellungskataloges, das mit ”Juden werden exekutiert” unterschrieben ist. Auf dem stark retuschierten Foto sind nackte, halbnackte und sich gerade entkleidende Männer zu sehen. Hannes Heer hatte dieses Foto und zwei ähnliche in der Zentralstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg gefunden. Deren Leiter allerdings, Staatsanwalt Willi Dreßen, verwies auf eine Bildunterschrift aus NS-Zeiten, wonach es sich um Juden vor dem Bad in einem Fluss handele, der auf dem nicht retuschierten Foto deutlich zu sehen sein soll. Nachdem die Verfälschung enthüllt worden war, wurde das Bild aus der Ausstellung entfernt.

In der folgenden Zeit wurde die Hamburger Ausstellung mehr und mehr zum politischen Spielball. Von einer vorurteilsfreien thematischen Auseinandersetzung konnte keine Rede sein. Die Präsentation der Ausstellung bewirkte eine starke Emotionalisierung und Polarisierung des Publikums.[21] Besonders zwei Entwicklungen führten schließlich dazu, dass sich eine intensive und polarisierende Debatte entwickelte, die sich bald auf die gesamte Bundesrepublik ausdehnte.

So wurde zum Einen die Schau in München von heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen und auch Ausschreitungen begleitet. Prominente Politiker aus dem bürgerlichen Lager wie der CSU-Politiker Peter Gauweiler warfen ihr Pauschalverurteilung vor. Er empfahl die Ausstellung in München nicht zu zeigen.[22] Nachdem er versuchte die Thematik der Verbrechen der Wehrmacht in die Öffentlichkeit und in die Medien zu bringen und in einem offenen Brief an die Münchner Bevölkerung zum Protest gegen die “Wehrmachtsausstellung” aufrief, beschimpfte ihn der Ausstellungsmacher Hannes Heer als ”durchgeknallten Provinzpolitiker”. Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) eröffnete trotzdem am 24.Februar 1997 die Schau im Rathaus. Die CSU-Fraktion boykottierte fast geschlossen den Festakt, vor dem Rathaus demonstrierten Ausstellungsgegner. Es kam mehrmals zu Neonazi-Aufmärschen in Münchens Straßen. Am 1.März prallten etwa 15 000 rechte und linke Demonstranten aufeinander und lieferten sich untereinander und mit der Polizei heftige Straßenschlachten. Durch diese Entwicklungen erst gewann die “Wehrmachtsausstellung” an Brisanz und wurde endgültig zum Politikum.

Zwar gab es bereits vor dem Eklat in München lange Wartelisten mit Städten, die sich um sie bemühten. Doch trug unter anderem die Polemik Peter Gauweilers gegen die Ausstellung zu deren wachsendem Erfolg bei. In einem Interview mit der Wochenzeitschrift DIE ZEIT (Mai 1999) bestätigte Jan Philipp Reemtsma die steigenden Besucherzahlen infolge der Äußerungen Gauweilers: ”Waren es vorher zwischen 15 000 und 25 000, so wurden es in München 90 000, in Frankfurt 100 000 Besucher!”[23] Dies war nach Ansicht von Reemtsma jedoch nur eine Folge der Gauweilerschen Polemik. So seien die Neonazi-Aufmärsche quasi als deren direkte Folge zu verstehen: ”Es war jedenfalls Gauweilers Rhetorik, die dann die extreme Rechte mobilisierte. Ein vertrauter Effekt: Es muss immer einen aus dem etablierten Lager geben, der die Tür aufmacht, indem er bestimmte rhetorische Normen überschreitet.”[24] Die schweren Ausschreitungen der Demonstranten sind in jedem Fall in erheblichem Maß mitverantwortlich am folgenden Besucheranstieg.

[...]


[1] Vgl. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944.Ausstellungskatalog. 3. Aufl., Hamburg 1997, S. 7, fortan zitiert als “Ausstellungskatalog”

[2] Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung ”Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944”, S. 4, fortan zitiert als ”Bericht der Kommission”

[3] Vgl. Veranstaltungschronologie, www.his-online.de/veranst/ausstell/vernicht.htm

[4] Ebenda

[5] Bericht der Kommission, S. 4

[6] Vgl. Pressemitteilung des HIS vom 04.11.1999

[7] Bericht der Kommission, S. 5

[8] Ausstellungskatalog, S. 7

[9] Vgl. ebenda, S. 7

[10] vgl. Bericht der Kommission, S. 91f.

[11] Ausstellungskatalog, S. 7

[12] Vgl. ebenda, S. 7

[13] Vgl. Bericht der Kommission, S. 14

[14] Vgl. ebenda, S. 11

[15] Vgl. ebenda, S. 12

[16] Vgl. Ausstellungskatalog, S. 9

[17] Bericht der Kommission, S. 12f.

[18] Vgl. Bericht der Kommission, S. 6

[19] Ausstellungskatalog, S. 7

[20] Vgl. ”Warnung vor Bild 26”, in: Focus Nr.16/97, 14.April 1997

[21] Vgl. Bericht der Kommission, S. 88f.

[22] Vgl. DIE WELT, 36/2000 (Beilage S. 3)

[23] Jan Philipp Reemtsma, in: DIE ZEIT (22/1999)

[24] ebenda

Details

Seiten
31
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638415767
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43880
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,5
Schlagworte
Ausstellung Vernichtungskrieg Verbrechen Wehrmacht Resonanz Fachwelt Große Kontroversen Geschichtswissenschaft

Autor

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Titel: Die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944 und ihre Resonanz in der Öffentlichkeit und Fachwelt